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Euro in Gefahr US-Ökonom Stiglitz - "Dies ist nicht die Zeit für Uneinigkeit in Europa"

15.06.2015, 09:05  |  4342   |   |   

Für viele deutsche Top-Ökonomen sind die Rollen im griechischen Schuldendrama klar verteilt: die hilfsbereiten Gläubiger streiten mit den sturen Griechen. Besonders Finanzminister Yanis Varoufakis gefällt in der Rolle des Buhmanns. In angelsächsischen Expertenkreisen hält man von dieser Rollenverteilung ziemlich wenig. Für sie ist es genau umgekehrt: Die reformwilligen Griechen streiten mit den unnachgiebigen Gläubigern.

Joseph E. Stiglitz ist erklärter Gegner der europäischen Sparpolitik. Ein ums andere Mal bekräftigte der Wirtschaftsnobelpreisträger, was er von der Austerität hält, nämlich ebenso wenig wie vom Umgang Europas mit der griechischen Schuldenkrise. In einem Beitrag für das „Project Syndicate“ warnte Stiglitz die europäischen Staats- und Regierungschefs davor, weiter mit dem Feuer zu spielen. Es sei eine „unverantwortliche Forderung“, von Griechenland zu verlangen, dass es sich „zu einem Programm verpflichtet, das sich bereits als Fehlschlag erwiesen hat und von dem nur wenige Ökonomen je glaubten, dass es umgesetzt werden könnte, würde oder sollte.“ Dabei sei Griechenland seinen Gläubigern „deutlich mehr als auf halbem Weg entgegengekommen“.

Die Troika, schreibt Stiglitz, habe die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen des von ihr verhängten Programms völlig falsch eingesetzt, ihre Prognosen hätten wiederholt daneben gelegen, „und zwar nicht nur um ein bisschen, sondern um enorme Summen.“ Insofern sei es eine „Torheit, dieses Programm weiter zu verfolgen“ und die griechische Regierung habe Recht, wenn sie sich weigere, sich zu einem „zutiefst fehlerhaften“ Programm zu verpflichten.

Der US-Ökonom appelliert an die Beteiligten, die Gefahr eines Grexits ernst zu nehmen. „Einigen in Europa, insbesondere in Deutschland, scheint ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone egal zu sein“, schreibt er und verweist auf Aussagen, wonach der Markt einen Grexit bereits „eingepreist“ hätte oder ein Austritt sogar gut für die Währungsunion wäre (siehe: Gefahr oder Chance? Das sagen Experten zu einem Grexit - Ein Überblick). Stiglitz warnt: „Ich bin der Meinung, dass derartige Ansichten sowohl die derzeitigen als auch die künftigen Risiken deutlich unterschätzen.“

„Dies ist nicht die Zeit für Uneinigkeit in Europa“

Er hält die Währungsunion aufgrund der Geburtsfehler des Euro ohnehin für anfällig. Bislang allerdings konnte EZB-Chef Mario Draghi die Folgen dessen im Zaum halten und die Märkte durch seine „Whatever it takes“-Aussagen immer wieder beruhigen. Nach einem Grexit werde das aber nicht mehr möglich sein, so Stiglitz. Das Wissen, dass der Euro keine verbindliche Verpflichtung zwischen seinen Mitgliedern darstelle, werde es sehr viel unwahrscheinlicher machen, dass der „Draghi-Schwindel“ beim nächsten Mal wieder funktioniere – „weil die Welt nun weiß, dass sie eben nicht tun werden, „was immer nötig ist“. Wie das Beispiel Griechenland gezeigt hat, werden sie nur das tun, was eine kurzsichtige Wahlkampfpolitik verlangt“, schreibt der Wirtschaftsnobelpreisträger.

Seiner Ansicht nach gehe die stärkste Gefahr von einer drohenden Abschwächung der europäischen Solidarität aus. Doch genau das könnten sich die europäischen Länder angesichts der geopolitischen Gegebenheiten, vor allem im Hinblick auf die Konflikte in unmittelbarer Nachbarschaft, nicht leisten. „Dies ist nicht die Zeit für Uneinigkeit in Europa“, warnt Stiglitz eindringlich (Lesen Sie hierzu auch: "Wollen Sie die sechste Flotte Moskaus im Hafen von Piräus liegen haben?")

Die Zukunft Europas und des Euros hänge nun davon ab, ob die politischen Führer der Eurozone ein Minimum an wirtschaftlichem Verständnis mit einem visionären Sinn und der Sorge für europäische Solidarität verbinden könnten. Der US-Ökonom ist sich sicher: „Wir dürften die Antwort auf die existenzielle Frage in den nächsten Wochen herausfinden.“

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