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Buchtipp Warum Reichtum die Menschenwürde verletzt*

Gastautor: Rainer Zitelmann
26.05.2018, 17:03  |  3372   |   |   

Reichtum ist ein moralisches Problem - und sollte eigentlich verboten werden. Lohnt es sich, mit einem Buch zu befassen, das solche abstrusen Thesen vertritt? Ja, denn der Autor formuliert hier nur philosophisch die Grundelemente im Denken vieler Intellektueller: Ressentiments gegen Reiche, Sozialutopien einer "gerechten" Wirtschaftsform und Antikapitalismus.

Das Buch hat viel Beachtung gefunden: Im FAZ-Feuilleton wurde es positiv besprochen und der Autor wurde in renommierten Medien wie der FAZ und Spiegel.de interviewt. Offenbar hat er ein Thema angesprochen, das viele Intellektuelle bewegt. In der Einleitung bedankt sich der Autor für die Geduld seiner Familie, denn: "Wenn jemand wie ich ein Buch über Reichtum schreibt, dann kann das unter Umständen für die nächsten Menschen sehr anstrengend werden. Sei es, weil dabei hin und wieder doch eine - mitunter wüste - moralistische Empörung über massive Ungerechtigkeiten, über Gier, über Neid und über die ungeheure Macht des schnöden Mammons hervorbricht." (S. 14f.) Dieser wüsten Empörung über die Reichen und ihren Reichtum hat der Dortmunder Philosoph auf 281 Seiten eine philosophische Begründung gegeben.

Wer ist reich?
Reichtum, so die zentrale These des Buches, sollte eigentlich verboten werden. Reich sei jemand dann, "wenn er über deutlich mehr Geld verfügt, als man üblicherweise benötigt, um auf angemessene Weise auf sich selbst achtgeben und sich selbst als gleichrangigen Menschen respektieren zu können" (S.83). Da das etwas abstrakt ist, macht der Autor klar, dass er keineswegs nur Millionäre oder Milliardäre meint, sondern "wirklich alle Menschen, die über mehr als 200 oder 300 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen". Denn seiner Meinung nach hat jeder, der so viel verdient, deutlich mehr Geld, als er für seine Selbstachtung benötigt. "Reichtum betrifft demzufolge sehr viel mehr Menschen, als üblicherweise angenommen", was bedeutet, "dass sehr viel mehr Menschen auf moralisch problematische Weise in Reichtum leben als gedacht" (S. 87).

Horrorfantasien über fiese Reiche
Moralisch problematisch ist Reichtum unter anderem deshalb, weil er dem Reichen potenziell Macht über andere Menschen verleiht. Der Autor macht dies am Beispiel von Bill Gates deutlich: "Wenn ich einen sehr reichen Akteur, vielleicht Bill Gates, in seinem Stolz verletzt habe, kann er mich mit seinem Geld auf die grausamste Weise traktieren, ohne dass ich dagegen etwas tun könnte. Er kann mich mit endlos vielen Rechtsanwälten belästigen. Er kann das Unternehmen, für das ich arbeite, einfach kaufen und meinen Arbeitsplatz wegrationalisieren. Er kann mein ganzes Wohnviertel kaufen und nach Belieben verschandeln. Dasselbe kann er bei allen Menschen tun, die mir lieb sind. Immer wenn ich irgendwohin in Urlaub fahre, kann er genau an diesem Ort eine nervtötende Veranstaltung organisieren. Er kann sich noch viel mehr Ärger für mich ausdenken." (S. 95) Nun will der Autor Bill Gates nicht unterstellen, dass er all das täte, aber er will zeigen, dass Reiche allein durch ihren Reichtum eine Bedrohung für andere Menschen darstellen, weil sie ihn ja theoretisch dafür nutzen könnten, solcherlei fiese Dinge zu unternehmen. Damit aber werde der Reichtum einiger Akteure zu einem Problem für die Selbstachtung anderer Akteure und könne deren Fähigkeit beeinträchtigen, ein Leben in Selbstachtung zu führen (S. 105). Je mehr Geld jemand übrig habe, je reicher er sei, desto mehr "instrumentelle Macht" besitze er. Das gelte nicht nur für Individuen, sondern auch für Unternehmen. Dass Unternehmen "reich" sind, ist seiner Meinung nach ebenfalls problematisch, denn ein sehr reiches Unternehmen habe "Macht", so etwa die "Macht, stets die am besten ausgebildeten Hochschulabsolventen anzuwerben" (S. 94) Und auch dies ist aus Sicht des Autors natürlich moralisch bedenklich.

Moralisch bedenklich ist Reichtum, wenn man der Logik des Autors folgt, eigentlich immer. Denn er sei nicht nur dann ein Problem, wenn er sich ausnutzen lasse, um die Selbstachtung anderer Menschen zu verletzen. "Reichtum wird zweitens auch dann zu einem moralischen Problem, wenn sich das überzählige Geld leicht nutzen ließe, um Menschen mit einer verletzten Selbstachtung zu einem Leben in Selbstachtung zu verhelfen, dies aber nicht geschieht." (S. 119) Folgt man der Nullsummentheorie, der der Autor anhängt, wonach man Reichtum nur umverteilen müsse, damit es allen besser geht, erscheint angesichts der nach wie vor bestehenden Armut in der Welt jedweder Reichtum als moralisch problematisch, denn die Reichen könnten ihr Geld ja den Armen abgeben, um ihnen damit zu einem "Leben in Selbstachtung zu verhelfen". Wenn sie das nicht tun, so bedeutet das aus seiner Sicht eine unterlassene Hilfeleistung - und damit zeige sich, dass Reichtum moralisch bedenklich sei und daher verboten gehöre.

Neid
Jetzt könnte man auf den Gedanken kommen, der Autor sei vielleicht einfach nur neidisch auf Reiche. Neid ist, wie wir aus der psychologischen Neidforschung wissen, die am meisten geleugnete Emotion, weil der Neider damit eingesteht, dass der Beneidete etwas besitzt, was er selbst gerne hätte. Und weil dieses Eingeständnis dann eben zwingend zu der Frage führt, warum er selbst es nicht besitzt. So wie alle neidischen Menschen weist der Autor den Verdacht, er könne neidisch sein, weit von sich. "Ich denke, dass viele Phänomene, die wie Neid erscheinen mögen, tatsächlich als verletzte Gerechtigkeitsgefühle verstanden werden können." (S. 107) Neid gelte zwar "gemeinhin als Untugend", aber es gebe auch Theorien, wonach "Neid durchaus eine Tugend sein kann, wenn er auf Ungerechtigkeit hindeutet" (S. 249). Was man für Neid halte, sei oft einfach ein verletztes Gerechtigkeitsempfinden (S.249).

Dass es sich nicht um Neid handelt, muss jedoch - wie bei allen Neidern, die diese Emotion leugnen - bezweifelt werden. Denn dem Autor geht es ausdrücklich nicht in erster Linie um das Schicksal der Armen und sein erstes Anliegen ist es gerade nicht, deren Situation zu verbessern, sondern den Reichen ihren Reichtum abzunehmen. Ausdrücklich wendet er sich gegen eine Einstellung, die nur darauf schaut, "in welcher Gesellschaft die ärmsten Menschen am meisten Güter haben". Denn, so sein Einwand: "Damit wäre eine Gesellschaft, in der die ärmsten Menschen vielleicht 15.000 Euro im Jahr haben, aber alle anderen Menschen Millionäre sind, gerechter als eine Gesellschaft, in der die ärmsten Menschen nur 12.000 Euro haben, aber alle anderen nur etwas mehr besitzen." (S. 32) Eine Gesellschaft, in der die Ärmsten weniger haben, aber der Abstand zu den Reichen nicht so groß ist, ist ihm also lieber als eine Gesellschaft, in der es den Ärmsten besser geht, aber die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht.

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Kommentare

Die Wissenschaft hat dazu ebenfalls eine Meinung:

Study: US is an oligarchy, not a democracy

Multivariate analysis indicates that economic elites and organised groups representing business interests have substantial independent impacts on US government policy, while average citizens and mass-based interest groups have little or no independent influence.

http://www.bbc.com/news/blogs-echochambers-27074746
Passend zum Thema:

Zu unermesslichem Reichtum gekommen, in der Zeit als Soros Jelzin beriet und sich selbst als 'King of the Soviet Empire' bezeichnete, verlaesst Abramovitch nun England und zieht nach Israel.

Angeblich konnte er sein Visum in England nicht verlaengern.

Ob das der Grund war? Oder eher, dass er nun in Israel 10 Jahre keine Steuern zahlen muss? Oder weil Grossbritannien die Kriegsvorbereitungen gegen den Iran (noch) nicht mitmacht?

George Szamuely @GeorgeSzamuely
Having taken as much money as he can out of Russia, having refused to invest any of it to help develop football in Russia, Abramovich becomes a citizen of Israel, where he won't have to pay taxes for the next 10 years.

https://www.timesofisrael.com/chelsea-owner-roman-abramovich…
Man das ist ja wieder jede menge geschriebenes zum Buch, ob Herr Zitelmann bewusst die Unwahrheit schreibt ? In China sind also nur noch 2 % arme Menschen meint er wirklich die Volksrepublik China wo es schon mehr als 100 Millionen Wanderarbeiter gibt ?
Herr Zitelmann was stimmt bei Ihnen nicht ?
Auch könnte man sich doch einmal die Frage stellen warum die Menschen sich solche Ungerechtigkeiten noch gefallen lassen , Miete hat doch nur noch mit Gier zutun wo wird denn hier mal das Gesetz Eigentum verpflichtet angewendet ?
Nein die Schere geht immer weiter auseinander und freiwillig wird das nicht gehen, haben wir die letzten 20 Jahre gesehen, hier müsste man weltweit die Steuern Regeln und die ganzen Schmarotzer endlich mal zur Kasse bitten, auch die ganzen Stiftungen die nur gegründet wurden um möglichst keine Steuern zu zahlen sollte man schnellstmöglich auflösen !
Ja neue Zeiten brauchen auch neue Ideen , die alten Machenschaften sollten nun endlich zerschlagen werden bevor es hier noch mehr nach rechts antrifftet.

Disclaimer

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