Howard Marks Überraschung: Wozu der erfolgreichste, aber auch konservativste Anleiheinvestor Anlegern jetzt rät

08.11.2019, 16:45  |  11642   |   |   

Der Value-Vordenker Howard Marks hat sich in einem Memo mit dem Phänomen der Minuszinsen beschäftigt. Christoph Karl, stellvertretender Chefredakteur der wallstreet:online-Partnerredaktion Smart Investor, hat sich das genauer angesehen - welche Antworten der schwerreiche Starinvestor jetzt in der Minuszinsphase gibt.

Die Zeiten für Anleiheinvestoren sind weiß Gott nicht einfach. Zwar haben die fallenden Zinsen einer Vielzahl von ihnen auch 2019 unterm Strich schöne Renditen beschert, allerdings auch die zukünftigen Ertragspotenziale dezimiert. Nach Daten von Bloomberg notieren aktuell Anleihen im Volumen von 17 Mrd. USD mit negativen Effektivrenditen, 35 Mrd. USD zu negativen realen Renditen (nach Inflation). Sogar das eine oder andere Unternehmen kann sich aktuell zu Minuszinsen finanzieren. Für Howard Marks ist all dies ein großes Mysterium, verbunden mit vielen Fragen und mindestens genauso vielen Antworten. Dürfen wir uns darauf einstellen, dass uns negative Zinsen über längere Zeit begleiten werden? Alles andere würde an den Anleihemärkten zwangsläufig zu empfindlichen Verlusten führen. Kaum jemand dürfte prädestinierter dafür sein, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, als Howard Marks – immerhin gilt er als einer der konservativsten und gleichzeitig erfolgreichsten Anleiheinvestoren der Welt.

Drei Erklärungen und viele Gründe

Marks sieht drei mögliche Erklärungen für negative Zinssätze. Zum einen könnten Anleger eine deflationäre Entwicklung antizipieren. Wenn ich erwarte, dass mein Geld in einem Jahr 2% weniger wert ist, wäre es schließlich ein positives Geschäft, dieses für -1% zu verleihen. Die zweite Möglichkeit wäre eine veränderte Haltung zum Zeitwert des Geldes; die dritte Variante stellt schlicht und ergreifend die Manipulationen durch die Zentralbanken dar. Marks zitiert dazu den bekannten Autor Jim Grant von Grant’s Interest Rate Observer, der sich schon lange fragt, ob die Zinsen gefallen sind oder bewusst nach unten gedrückt wurden. Niemand sollte sich in dieser Frage zu sicher fühlen, ist Marks überzeugt. Es gebe schließlich jede Menge Gründe, die für alle drei Erklärungen sprächen. Dazu zählten unter anderem die ungünstige Demografie in vielen Industrienationen, eine zunehmend weniger kapitalintensive Wirtschaft, das seit Jahren ausbleibende Anziehen der Inflation, aber eben auch die massiven Quantitative-Easing-Programme diverser Notenbanken.

Eine neue Norm?

Wenn sich schon die Entstehung der Minuszinsen nicht zu 100% erklären lässt, sollten sich doch zumindest deren Folgen einordnen lassen. So habe Albert Einstein einst den Zinseszins als achtes Weltwunder bezeichnet. Ein Wunder, das sich durch Minuszinsen jedoch ins Gegenteil verkehrt. Überhaupt stellten negative Renditen so ziemlich alles auf den Kopf, was viele Anleger heute als gegeben hinnehmen würden. So sei es nicht mehr erstrebenswert, lieber später als heute zu bezahlen oder Außenstände möglichst bald zu vereinnahmen. Stattdessen sei jede Zahlung morgen deutlich mehr wert als heute. Die Zinsen übten einen massiven Druck auf die Risikoneigung aller Investoren aus und stellten Pensionäre, die von ihren Kapitalvermögen lebten, vor enorme Probleme. Es sei noch nicht einmal klar, ob Minuszinsen tatsächlich die Wirtschaft ankurbeln oder diese nicht vielmehr lähmen könnten. Praktisch die gesamte Finanzwissenschaft müsse ihre Modelle überarbeiten, sollten Minuszinsen zur neuen Norm werden. Niemand wisse heute mit Gewissheit, wie diese neue Welt aussehen würde, so Marks.

Weitermachen, aber mit Vorsicht

Doch wie sollen Anleger mit diesem Phänomen umgehen? Zunächst einmal erwartet Marks für die USA in diesem Zyklus keine Minuszinsen, wie sie heute in Europa oder Japan üblich sind – auch wenn dies sehr spekulativ sei. Aktuell seien die Wachstumsraten und die Inflationserwartung zu hoch. Es bestehe auch keine Notwendigkeit für mögliche Notfallmaßnahmen. Allerdings hätten die meisten früheren Zinssenkungszyklen mehrere Prozentpunkte umfasst. Daneben sei es schwer vorstellbar, dass sich auf Dauer ein Zinsspread wie der heutige zwischen dem Ausland und den USA etablieren könne. Statt den Kopf angesichts dieser Entwicklungen in den Sand zu stecken, sollten Anleger tun, was notwendig sei, um in unserer heutigen Welt zu „überleben“. Investoren sollten und müssten höhere Risiken eingehen, um Renditen zu erhalten, die über den negativ verzinsten risikolosen Renditen lägen. Dabei sollte aber mit Bedacht vorgegangen werden und nicht blind um der Rendite willen. Die größte Gefahr liege darin, die Stabilität und Nachhaltigkeit von Cashflows zu überschätzen und dadurch zu hohe Risiken einzugehen.

Fazit

Sind Minuszinsen eine Episode oder die neue Realität? Auch Howard Marks weiß die Antwort auf diese Frage nicht. Er schafft es jedoch in seinem Memo, über den Tellerrand hinauszuschauen. Was ist für dieses Phänomen verantwortlich? Vermutlich eine Kombination aus diversen Faktoren. Was wird diese neue Finanzwelt mit sich bringen? Mehr Veränderungen, als vielen von uns lieb ist. Und was sollen Anleger konkret tun? Weitermachen, aber unter veränderten Rahmenbedingungen. Risiken eingehen, sich dabei aber nicht überschätzen. Am Ende stellt Marks jedoch fest, dass es Grenzen geben dürfte: So gebe es in der Schweiz für ca. 1.000 CHF pro Jahr einen 1-m3-Banksafe zu mieten, in den sich nach Berechnungen der Financial Times 1 Mrd. CHF in 1.000-CHF-Scheinen lagern ließe. Weit günstiger als die bei -0,75% aktuell fälligen Strafzinsen von 7,5 Mio. CHF pro Jahr.

Autor: Christoph Karl / Smart Investor

Diese Analyse aus der aktuellen Smart Investor-Ausgabe 11/19 bezieht sich auf Daten, die bis zum 25.10.2019 erfasst wurden.

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