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Crash in Sicht? Union Investment schickt Crash-Propheten in die Wüste: "Zu gute fundamentale Lage aus Konjunktur, Geld- und Geopolitik"

09.12.2019, 11:52  |  20842   |   |   

Was geht am Aktienmarkt im neuen Jahr? Die wallstreet:online-Redaktion sprach mit Michael Herzum, Leiter Macro & Strategy bei Union Investment, über Risiken und Chancen im bevorstehenden Börsenjahr.

wallstreet:online: Zeitlich betrachtet befinden sich die großen Aktienindizes in einem nunmehr fast als historisch zu bezeichnenden Bullenmarkt. Viele Analysten sprechen von der späten Phase des Zyklus. Die Bedenken nehmen zu und immer mehr Anleger befassen sich mit den Analysen von Crashpropheten. Für welche Anlageklasse könnte es im nächsten Jahr brenzlig werden?

Michael Herzum: Auf Assetklassenebene wird es vermutlich gar nicht so brenzlig, wie viele meinen. Wir sehen weder große volkswirtschaftliche Ungleichgewichte noch einen deutlichen Wachstumseinbruch. Sicher: Das Konjunkturtempo ist nicht besonders hoch. Das ist nicht schön, aber auch keine Katastrophe. Man wird als Reaktion vermutlich eine größere Spreizung innerhalb der einzelnen Assetklassen sehen. Bei High Yield-Anleihen (Ergänzung der Redaktion: Hochzinsanleihen eines Emittenten mit schlechterer Bonität) kann man diese Entwicklung bereits heute beobachten: Die guten Namen werden gesucht, die schlechten verkauft. Das sollte sich 2020 auch bei Aktien noch stärker zeigen. Einen breiten Abverkauf erwarten wir hingegen nicht. Dafür ist die fundamentale Lage aus Konjunktur, Geld- und Geopolitik zu gut.

wallstreet:online: Was sind die größten geopolitischen Risiken 2020?

Michael Herzum: Der Handelsstreit zwischen China und den USA sowie der Brexit bleiben die wichtigsten geopolitischen Risiken für die Kapitalmärkte. Gleichzeitig rechnen wir aber damit, dass sich beide Konfliktherde im Vergleich zu 2019 beruhigen. Beim Brexit hat die Wahrscheinlichkeit für einen britischen EU-Austritt ohne Scheidungsabkommen deutlich abgenommen. Und auch beim Handelsstreit dürften die Zeichen auf Eindämmung stehen – trotz der Unsicherheit rund um Hongkong. Langfristig bleibt der geostrategische Konflikt zwischen China und der USA zwar bestehen. Kurzfristig dürfte aber eine Beruhigung einsetzen. Weder die Chinesen noch die Amerikaner haben angesichts des bereits eingetretenen Konjunkturschadens Interesse an einer Eskalation.

wallstreet:online: Inwieweit könnte der US-Wahlkampf und das Ergebnis auf die Finanzmärkte wirken?

Michael Herzum: Gerade im Wahlkampf ist Donald Trump auf eine brummende Konjunktur angewiesen. Die wird er, so glauben wir, nicht durch eine Verschärfung im Handelsstreit gefährden wollen. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass der US-Präsident Öl ins Feuer des Handelsstreits gießen wird. Insofern ist der Wahlkampf ein stabilisierendes Element. Was die Finanzmärkte hingegen verunsichern könnte, ist die Position der Demokraten. Aktuell spricht viel dafür, dass Elisabeth Warren gegen Trump in den Ring steigen wird. Ihr wirtschaftspolitisches Programm ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich für die USA, von höheren Steuern bis hin zu Verstaatlichungen. Je besser die Umfragewerte für Warren, umso nervöser die Wall Street.

wallstreet:online: Was sind Ihre drei Anlagefavoriten 2020?

Michael Herzum: Wir erwarten nochmals ein gutes Jahr für Anleihen mit Renditeaufschlag, sog. Spread-Produkte. Geldpolitische Unterstützung, geopolitische Beruhigung und moderates Wachstum sind gute Voraussetzungen für europäische Investmentgrade Unternehmensanleihen. Auch Zinspapiere aus den Schwellenländern haben wieder an Attraktivität gewonnen. Und schließlich sprechen die immer noch hohen Risikoprämien im Vergleich zu anderen Anlageklassen weiter für Aktien, selbst wenn die Bewertung nicht mehr günstig ist.

wallstreet:online: Mit welchem Vorgehen rechnen Sie seitens der EZB im nächsten Jahr?

Michael Herzum: Die EZB hat nach ihrem jüngsten Maßnahmencocktail aus Zinssenkungen, Einführung von Staffelzinsen auf den Einlagesatz und Wiederaufnahme von Anleihekäufen kaum noch Spielräume für weitere Lockerungen. Wir rechnen daher nicht mit zusätzlichen Schritten.

wallstreet:online: Wird eine Brexit-Entscheidung noch Einfluss auf die Märkte haben und wenn ja, auf welche?

Michael Herzum: Die Zeichen stehen zunächst auf Vermeidung eines harten Brexits. Aus Kapitalmarktsicht fällt damit ein Belastungsfaktor weg. Man sollte sich allerdings nicht täuschen: Auch wenn die Briten nach Ende der „Flextension“-Periode Ende Januar die EU verlassen, bleibt uns das Thema erhalten, denn im Anschluss müssen die künftigen Handelsbeziehungen neu geregelt werden. Es muss also ein Freihandelsabkommen her. Diese Frage wird uns mit Sicherheit noch ein paar Jahre beschäftigen.

wallstreet:online: Jens Wilhelm, Vorstand von Union Investment für das Portfoliomanagement, schrieb in seinem Ausblick, dass es 2020 für die Börsen auf die Konjunktur ankäme. Die Konjunktursorgen begleiteten uns jedoch durch das Jahr 2019. Wie passt das mit der Aussage von Wilhelm zusammen: „Das Kapitalmarktumfeld bleibt aussichtsreich“?

Michael Herzum: Man muss sich vor Augen halten, wo die Märkte herkommen: Ende des Jahres 2018 und über weite Strecken des Jahres 2019 herrschte Rezessionsangst an den Börsen. Diese Sorge war übertrieben, und das wird zunehmend auch an den Kapitalmärkten so gesehen. Wir rechnen bei Union Investment beispielsweise zwar mit einer Abschwächung des Wachstums. Aber wir sehen in keiner der großen Volkswirtschaften die Gefahr einer Rezession. Hinzu kommt, dass die geopolitischen Gefahren etwas zurückgegangen sind. Und schließlich bleibt die amerikanische Geldpolitik eindeutig auf Wachstumsförderung gepolt. Nimmt man diese Faktoren zusammen, sind die Perspektiven gar nicht so schlecht.

wallstreet:online: Wie lautet Ihre Prognose für den Bereich der Staatsanleihen? Sollten sich Anleger mit dieser Anlageklasse beschäftigen und wenn ja, worauf gilt es zu achten?

Michael Herzum: Wir rechnen auf Jahressicht nicht mit großen Bewegungen bei den Renditen der „sicheren Häfen“. Unter Renditegesichtspunkten sind sichere Staatsanleihen deshalb unattraktiv. Für Anleger dient die Assetklasse nur noch als Schockabsorber im Portfolio gegen unerwartete Krisen.

Herr Herzum, vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Carsten Schmidt sprach mit Michael Herzum für wallstreet:online.



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Über 310.000 Unternehmen in Deutschland werden mit finanziellen Problemen in das Jahr 2020 starten. Dies zeigt eine aktuelle Studie des Informationsdienstleisters Crifbürgel zum Insolvenzrisiko von Firmen in Deutschland. In absoluten Zahlen stehen Nordrhein-Westfalen (67.144), Bayern (39.876), Baden-Württemberg (31.391) und Niedersachsen (26.898) an der Spitze. https://incamas.blogspot.com/2019/12/310258-deutsche-unterne…

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