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Als Blinder unter Sehenden – ein Motivationsbuch

Gastautor: Rainer Zitelmann
27.06.2020, 21:11  |  2514   |   |   

Saliya Kahawatte: Mein Blind Date mit dem Leben. Als Blinder unter Sehenden. Eine wahre Geschichte, Bastei Lübbe.

Dieses Buch ist eines der besten Motivationsbücher, das ich je gelesen habe. Saliya Kahawatte merkte mit 15 Jahren, dass er ein ernstes Augenproblem hatte. Akute Netzhautablösung. Innerhalb kurzer Zeit verlor er 80 Prozent seines Sehvermögens. Wörter in den Schulbüchern konnte er oft nur mit der Lupe entziffern und seine Mitschüler flüsterten ihm zu, was an der Tafel stand.

Aber trotz der Behinderung hatte er sich vorgenommen, das Abitur zu machen, so wie alle anderen. Auf einem normalen Gymnasium, nicht an einer Spezialschule für sehbehinderte Jugendliche. In der Behörde erklärte man ihm, dies sei unmöglich. Damals, so sagt er heute, „wurde der Grundstein gelegt für mein bis heute anhaltendes Misstrauen gegenüber Behinderternberatern und –pädagogen sowie Therapeuten im Allgemeinen“ (S. 43). Er war überzeugt, dass er es schaffen könnte, entgegen allen Prophezeiungen. Seine Strategie: „Punkt eins: Autosuggestion. Überleg dir, was du wirklich willst, und sag dir dann: Ich will, ich kann, ich werde! Das ist das Allerwichtigste. Punkt zwei: Wenn du etwas beim besten Willen nicht kannst – oder gar nicht können willst -, dann such dir Leute, die dir helfen.“ (S.45) Dieser Strategie folgte er sein Leben lang.

Er verschwieg seine Behinderung

Natürlich war es nicht einfach. „Das Entziffern der einzelnen Buchstaben und das blinde Schreiben zehrten an meinen Nerven.“ (S.50). Aber er schaffte es und setzte sich danach das nächste Ziel: Sein Traum war, in einem Hotel zu arbeiten. Er schrieb Bewerbungen, verschwieg jedoch seine Behinderung und bekam schließlich eine Ausbildungsstelle. Seine erstaunliche Entscheidung war, auch hier seine massive Sehbehinderung zu verschweigen.

Alles, was für andere leicht war, war für ihn mit einem enormen Zeit- und Willensaufwand verbunden. Beispiel: Zu jedem bestellten Getränk im Restaurant musste man eine Artikelnummer in die Kasse eintippen. Die Zahlen auf den Tasten der Kasse konnte er noch vage erkennen, aber das Kassendisplay war schon zu klein – genauso die Nummernlisten. Einen Kollegen weihte er ein, der die Artikelnummern aufschrieb. „Abends arbeitete ich zu Hause alles mit einer großen Lupe durch, schrieb jeden Artikelnamen in riesigen, windschiefen Buchstaben auf Zettel und malte die jeweilige Artikelnummer daneben. So konnte ich während meiner Bahnfahrten zu und von der Arbeit die Nummern auswendig lernen.“ (S.62 f.). Bald schon tippte er die Zahlen blind in die Kasse. Aber es gab immer neue Probleme: Im Rahmen seiner Ausbildung musste er die Zimmerspiegel blank putzen, aber er sah nicht, ob noch Streifen auf dem Spiegel waren. So entwickelte er eine Strategie, Hunderte Handtücher zu verbrauchen, um die Spiegel wirklich streifenfrei zu bekommen.

In der Hotelküche hatte er Probleme, Wurst und Käse zu schneiden, weil er die rotierende Klinge der Aufschnittmaschine nicht richtig erkennen konnte. Einmal schnitt er sich so tief in den linken Zeigefinger, dass er für zwei Wochen krankgeschrieben wurde – seine Fingerspitze ist bis heute taub. Aber auch dafür fand er eine Lösung.

Was man bewundern kann, sind nicht nur seine Willenskraft und Fantasie, sondern auch die Fähigkeit, immer wieder Freunde zu finden, die ihm halfen, mit den schwierigen Situationen auf der Arbeit und im Privatleben fertig zu werden. Er blieb jedoch viele Jahre bei dem Prinzip, seine Behinderung zu verschweigen und nur gegenüber wenigen engen Vertrauen preiszugeben.

Aber es war kein gerader Weg, den er ging. Er bekam massive Suchtprobleme, die zusammen mit seinen Augenproblemen sein Leben nur noch schwerer machten. Und schon in jungen Jahren bekam er Krebs. Die Chemotherapie hatte massive Nebenwirkungen, unter anderem bekam er Knochenprobleme und musste eine künstliche Hüfte eingesetzt bekommen. Manchmal wollte er aufgeben, machte sogar einen Selbstmordversuch. Eine Freundin rettete ihn.

„Interessanter als das Warum sind die verborgenen Chancen.“

Was ihn vor allem rettete, war seine Lebenseinstellung. „Interessanter als das Warum sind die – zunächst verborgenen Chancen.“ (S. 126). Und: „Mit Dingen, die man nicht ändern kann, muss man sich anfreunden. Ich bin froh, dass mir das immer wieder gelingt. Mache ich mir etwas vor? Egal. Nennt mich meinetwegen einen unverbesserlichen Optimisten. Ich bin es gern, ich muss es sein, denn andernfalls wäre ich schon lange tot.“ (S. 127)

Seine Sehbehinderung wurde immer schlimmer. Irgendwann sah er weniger als zehn Prozent und selbst mit der dicksten Lupe konnte er kaum noch Buchstaben erkennen. Trotzdem erhielt er die „Lügenfassade“, wie er es nennt, immer noch aufrecht. Seine Begründung: „Ein Schauspieler, der Tag und Nacht denselben Charakter darstellt, verwächst irgendwann mit seiner Rolle. So ähnlich erging es auch mir: Dreizehneinhalb Jahre lang spazierte ich als vorgeblich Nicht-Behinderter durchs Leben, diese Situation wurde für mich zur Normalität. Mein Alltag war hart, nervenaufreibend, unendlich mühevoll, aber selbst wenn es mir möglich gewesen wäre, hätte ich daran wohl nichts ändern wollen – der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Zudem half mir die Lügenfassade, die ich mir zugelegt hatte, nicht nur in Bezug auf meine Außenwirkung, sie stützte mich auch nach innen ab.“ (S. 159).

Die positiven Seiten der Behinderung sehen

Er bezeichnet es als großes Glück, dass er sich schon früh gegen die Ratschläge von Behindertenberatern gesträubt hatte. „Wäre ich den Experten gefolgt, hätte ich es wahrscheinlich nicht halb so weit gebracht.“ (S. 161) Schließlich gelang es ihm sogar – entgegen allen Widerständen – einen Studienplatz zu bekommen. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmensberater und Coach. Er hat gelernt, die positiven Seiten an seiner Behinderung zu sehen. Beispielsweise musste er lernen, sehr viel zu delegieren – etwas, das vielen Menschen schwer fällt, aber eine Voraussetzung für den Erfolg als Unternehmer ist. „Heute beschäftige ich einen ganzen Schwarm von Assistentinnen und Assistenten, die die Augenarbeit für mich übernehmen. Das kostet zwar eine Menge Geld, aber die Rechnung geht auf – wie in jedem gut organisierten Unternehmen: Der Chef delegiert, er muss sich auf die Aufgaben konzentrieren, für die er besonders qualifiziert ist. Die Einsicht, dass ich zu manchen Dingen nicht in der Lage bin, ist einer der wichtigsten Gründe für meinen Erfolg heute. Niemand kann alles können, na klar! Akzeptiere die Eigenschaften an dir, die du nicht ändern kannst – nur dann wirst du über dich hinauswachsen.“ (S. 162)

Viele Passagen in dem Buch erinnerten mich an Stephen Hawking. So wie Hawking hat Kahawatte die Fähigkeit, Schlechtes in Gutes zu verwandeln und aus großen Krisen Energie zu schöpfen. Statt sich selbst zu bemitleiden und über seine Behinderung zu klagen, sah Hawking sie sogar als großen Vorteil, wie er in seiner Autobiografie schreibt: „Ich brauchte keine Vorlesungen zu halten und keine Studienanfänger zu unterrichten, und ich musste nicht an langweiligen und zeitraubenden Institutssitzungen teilnehmen. Auf diese Weise konnte ich mich uneingeschränkt meiner Forschung hingeben.“ Auch nach Hawkings Meinung sollten sich behinderte Menschen „auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind“. Hawkings Biografen Michael White und John Gribbin meinen, es stehe fest, dass Hawking niemals so rasch so schwindelnde Höhen erklommen hätte, wenn er seine Zeit in Ausschüssen, Konferenzen oder mit der Durchsicht von Bewerbungsunterlagen hätte verbringen müssen.

„Es ist wie in der Evolutionsbiologie“

Auch Kahawatte erklärt, seine Sehbehinderung gehe mit einer „vielfachen Sinnes-Befähigung einher, sodass ich fast alles wahrnehme, was Sehende erkennen, und manchmal auch mehr. Es ist wie in der Evolutionsbiologie: Eine Spezies passt sich ihrer Umgebung an – das Individuum stellt sich auf Gegebenheiten ein. Beim Sehenden verkümmern andere Sinne, beim Blinden laufen sie zur Höchstform auf.“ (S. 58) So kann er viel besser hören, was in der Stimme eines Menschen mitschwingt. Er ist darauf angewiesen, weil er ja den Gesichtsausdruck nicht erkennen kann. „Angst, Freude, Lügen, Ehrlichkeit, Unsicherheit, Gefühlskälte, Warmherzigkeit, Ablehnung, Zuneigung und, und, und – höre ich alles sofort, auch wenn mein Gegenüber sich für noch so cool hält.“ (S. 12)

Vor allem hat er nie aufgehört zu träumen und sich große Ziele zu stecken. Er sei immer wieder ermahnt worden: „Seien Sie realistisch! Hören Sie auf zu träumen.“ Zum Glück ignorierte er diese gut gemeinten Ratschläge. Sein Anspruch war stets, nicht nur besser zu sein als andere Sehbehinderte, sondern „im Wettbewerb mit Sehenden bestehen zu können“. Und irgendwann stellte er fest: „Ich bin im Vergleich zu den meisten Sehenden nicht nur ebenso belastbar und leistungsfähig, oft schaffe ich sogar mehr als andere.“ (S. 26).

Das Buch ist auch verfilmt worden und es wird als „Das Buch zum Film“ beworben. Doch der Film ist sehr enttäuschend. Er zeigt nicht einmal zehn Prozent der Leistungen, die Kahawatte erbracht hat, der Film hat kaum etwas mit dem Buch zu tun. Sehen Sie nicht den Film, aber lesen Sie dieses Buch. Wenn ich Bücher wie dieses lese, denke ich immer: Was für eine großartige Einstellung! Wenn Nicht-Behinderte die gleichen Kräfte, die gleiche Kreativität im Umgang mit Problemen mobilisieren und die gleiche Zielstrebigkeit, Ausdauer und Experimentierfreudigkeit an den Tag legen würden, das gleiche Maß an Frustrationstoleranz – was wäre uns dann nicht alles möglich, von dem wir heute oft leichtfertig behaupten, es sei „unmöglich“?

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