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Altersvorsorge Alles anders bei Betriebsrenten?

Gastautor: Dieter Fromm
21.06.2017, 12:28  |  2570   |   |   

Der Bundestag hat das Betriebsrentenstärkungsgesetz unlängst verabschiedet. Spätestens am 7. Juli soll es den Bundesrat passieren und 2018 in Kraft treten. Eine Reform ist dringend angesagt: So entfallen 63 Prozent der Alterseinkünfte bisher auf die gesetzliche Rente. Nur jeweils acht Prozent machen betriebliche und private Vorsorgeleistungen aus.

Renten-Reform kommt vor allem Beschäftigten in KMUs zugute. (© nd3000)

In Deutschland gibt es über 15 Millionen Verträge über eine betriebliche Altersversorgung (bAV). Aber bei den kleinen und mittleren Unternehmen sind nur 30 bis 40 Prozent der Arbeitnehmer, in Betrieben mit weniger als zehn Mitarbeitern sogar nur zehn Prozent mit einer Betriebsrente ausgestattet. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will das mit ihrem Betriebsrentenstärkungsgesetz ändern. Zielgruppen der neuen Nahles-Rente sind vor allem jene, die bisher wenig vorsorgen. Das sind vor allem Beschäftigte in kleinen und mittleren Betrieben und Geringverdiener, von denen viele weder eine Riester-Rente noch eine betriebliche Altersvorsorge haben.

So entscheiden bei der bisherigen Betriebsrente allein die Arbeitgeber, ob Sie als Ausführungsweg eine Direktversicherung, eine Pensionskasse, einen Pensionsfonds oder eine Direktzusage anbieten. Die neue Nahles-Rente sollen hingegen die Sozialpartner für die jeweiligen Branchen aushandeln. Daher wird sie nur für Beschäftigte in Unternehmen relevant, die der Tarifbindung unterliegen oder eine Anwendung der Vereinbarungen für ihren Betrieb beschließen. Einige Neuerungen des Betriebsrentenstärkungsgesetzes betreffen aber alle Beschäftigten mit Betriebsrenten.

Relevant für alle Beschäftigten


Schon bisher hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch auf eine Betriebsrente. Dafür werden die Beiträge direkt vom Bruttogehalt abgezogen (Entgeltumwandlung), so dass Arbeitnehmer in der Ansparphase auf Beiträge von bis zu vier Prozent der Bemessungsgrenze keine Steuern und Sozialabgaben zahlen. Weitere 1.800 Euro jährlich blieben in der Ansparphase steuerfrei. Ab 2018 bleiben weitere Beiträge von insgesamt vier Prozent der Bemessungsgrenze steuerfrei. In der Rentenphase ist dann mit Abgaben zu rechnen, die dann aber in der Regel geringer ausfallen. 

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Zudem konnten Arbeitnehmer beim Ausscheiden aus einem Unternehmen schon bisher einen zusätzlichen Betrag in die Betriebsrente einzahlen. Jetzt werden auch die Grenzen dafür klar geregelt. Ab 2018 dürfen für jedes Beschäftigungsjahr vier Prozent der Bemessungsgrenze steuerfrei zusätzlich eingezahlt werden. Dabei werden bisher eingezahlte Beiträge nicht mehr wie bisher angerechnet.

Arbeitgeber zahlen mit


Zudem war eine Betriebsrente schon bisher attraktiv, weil Arbeitgeber oft einen Teil der Beiträge übernommen haben. Künftig sollen sie in jedem Fall dazu verpflichtet werden, mindestens den gesparten Arbeitgeberanteil in die entsprechenden Verträge einzuzahlen. 
 
Und für Geringverdiener mit weniger als bis 2.200 Euro Monatsbruttoeinkommen erhalten Arbeitgeber Steuerzuschüsse, wenn sie für solche Beschäftigten mindestens 240 Euro jährlich in eine Betriebsrente einzahlen.

Auch für Arbeitnehmer mit geringem Einkommen wird die Betriebsrente in Zukunft attraktiver.(© Africa Studio)Auch für Arbeitnehmer mit geringem Einkommen wird die Betriebsrente in Zukunft attraktiver. (© Africa Studio)

Unterm Strich beurteilen Experten das neue Betriebsrentenstärkungsgesetz zwar nicht als den großen Wurf. Denn gab es bisher fünf Ausführungswege für die Betriebsrente, kommt mit der Nahles-Rente nun noch eine sechste Variante hinzu, so die Kritiker. Bei Neuverträgen soll diese ab 2019 wählbar sein. Eine Wechselmöglichkeit muss wohl erst ab 2022 angeboten werden. Doch vor allem zwei Aspekte werden als echte Reformansätze gesehen.

Reformansätze der Nahles-Rente


Erstens, können die Tarifpartner für die Nahles-Rente künftig ein Opting-Out vereinbaren. Das bedeutet: Mussten Arbeitnehmer, die eine Betriebsrente abschließen wollten, bisher auf den Arbeitgeber zugehen, müssten sie bei einem Opting-Out nicht aktiv werden. Nur wer keine Betriebsrente will, müsste dann explizit darauf verzichten.

Zweitens soll die Nahles-Rente auf reinen Betragszusagen basieren und ohne Garantien oder Haftungen seitens des Arbeitgebers funktionieren. Das sorgt für heftige Debatten. Denn bei der Altersvorsorge steht Sicherheit meist ganz weit oben auf der Prioritätenliste von Anlegern. 

Was Garantien kosten


Doch Kritiker bedenken meist nicht: Garantien in der Altersvorsorge sind teuer und bringen bei langen Anlagezeiträumen oft kaum einen Nutzen für den Anleger. Stattdessen erhöhen fest zugesagte Garantien über die gesamte Laufzeit die Kosten erheblich und verringern deren Renditechancen. Das zeigt beispielsweise eine Studie der Frankfurt School of Finance & Management vom Frühjahr 2017.

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Die Ökonomen haben im Rahmen einer Untersuchung für einen britischen Lebensversicherer private Vorsorgeprodukte mit Garantien näher unter die Lupe genommen. Im Fokus stand dabei die Frage, wie teuer es ist die Auszahlung von einem Guthaben in Höhe von 100.000 Euro über einen Anlagezeitraum von 15 Jahren zu jedem Zeitpunkt zu gewährleisten. Insgesamt nahmen die Frankfurter Forscher rund 100.000 mögliche Garantiekosten-Varianten in den Blick und untersuchten dabei den Zeitraum September 2000 bis August 2016 - und das Monat für Monat.

170.000 Euro Garantiekosten für 100.000 Euro Guthaben


Der Studie zufolge fallen für eine solche Kapitalgarantie etwa 170.000 Euro an Aufwendungen für die Absicherung an - also das 1,7-fache des abgesicherten Betrags. Bei 25 Jahren machen die Sicherheitskosten das Vierfache der Kapitalgarantie aus, bei 35 Jahren sogar das Achtfache. 

„Die Höhe der Kosten für eine Kapitalgarantie wird vor allem durch die Zinssituation, die Anlagesumme und Anlagedauer bestimmt,“ schreibt Studienautor Olaf Stotz, Professor für Asset Management an der Frankfurt School of Finance & Management. Denn die Garantiekomponente werde bei der Altersvorsorge meist durch festverzinsliche Wertpapiere abgedeckt. In der Regel würden Staatsanleihen von Industrienationen gekauft, die als sehr sicher gelten, aber derzeit auch ertragsarm sind. Da seit Beginn der 2000-er Jahre die Renditen solcher Papiere extrem gefallen sind, seien die Kosten für die Garantien entsprechend gewachsen. 

Das Abrücken von Garantien muss also angesichts der derzeitigen Marktlage kein Fehler sein, zumal bei langen Laufzeiten der Garantiefall oft nur mit äußerst geringer Wahrscheinlichkeit eintritt. Wenn Experten also dieser Tage bezweifeln, dass das Rentenproblem der jungen Generation sich durch die Nahles-Rente lösen lässt, sollten Arbeitnehmer nicht aus dem Blick verlieren, dass das Betriebsrentenstärkungsgesetz die Möglichkeiten für eine Betriebsrente erweitert.

Fazit: Das ändert sich in der betriebliche Altersvorsorge

 

  1. Steuerbegünstigte Einzahlungen: Beiträge sind derzeit bis zu einer Höhe von vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze der Rentenversicherung steuer- und sozialversicherungsfrei. Das sind für 2017 3.048 Euro (West) bzw. 2.736 Euro (Ost). Zuzüglich zu diesen vier Prozent können maximal 1.800 Euro steuerfrei eingezahlt werden. Ab 2018 sollen alle Beschäftigte vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze wie bisher steuer- und abgabenfrei plus weitere vier Prozent steuerfrei einzahlen können.
  2. Vervielfältigungsregelung: Schon bisher konnten Arbeitnehmer beim Ausscheiden aus einem Unternehmen Beiträge nachzahlen. Ab 2018 ist klar geregelt, dass für jedes Beschäftigungsjahr vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze zusätzlich eingezahlt werden dürfen. Bisherige Beiträge sollen nicht mehr angerechnet werden.
  3. Auszahlungsphase: Steuern fallen wie bisher auch ab 2018 erst bei der Auszahlungsphase an. Das macht die Firmenrente attraktiv. Denn die vollen Beiträge können sich verzinsen. Zudem ist in der Rente ist der Steuersatz meist niedriger. 
  4. Arbeitgeberleistungen: Zudem beteiligen sich schon jetzt Firmen oft an den Beiträgen ihrer Beschäftigten. In Zukunft müssen sie zumindest die Ersparnisse durch die Entgeltumwandlung in die Verträge ihrer Mitarbeiter einzahlen. Diese Regelung gilt auch für herkömmliche Betriebsrenten.
  5. Geringverdiener: Für sie war eine betriebliche Altersvorsorge bisher nicht unbedingt die beste Wahl. Denn durch die Entgeltumwandlung sinken Beiträge zur Renten- und Krankenversicherung. Das mindert den Rentenanspruch und das Krankengeld. Jetzt müssen sie neu denken: Künftig erhalten Arbeitgeber Steuervorteile, wenn sie Beiträge für Geringverdiener übernehmen. Zudem sollen Riester- und Nahles-Rente bis zu einem gewissen Umfang nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden.
  6. Möglichkeiten: Die Nahles-Rente erweitert das Spektrum der Ausführungswege. Damit wird das System der Betriebsrenten noch komplizierter.
  7. Unflexibel: Bei einem Jobwechsel bleibt die Mitnahme von Verträgen allerdings schwierig. Insbesondere wenn eine Nahles-Rente in eine herkömmliche Betriebsrente überführt wird oder umgekehrt, fehlt es an Regelungen, die Nachteile ausschließen.

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