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Höhere Leitzinsen rücken in weite Ferne

Gastautor: Dr. Ulrich Kater
15.07.2019, 16:03  |  648   |   |   

Die Verantwortlichen für die gute Kapitalmarktentwicklung der ersten Jahreshälfte 2019 sind leicht zu identifizieren: Es waren die Notenbanken. Die Geldpolitik ist derzeit der dominierende Faktor für die Märkte. Bereits zu Jahresbeginn wies vor allem die Europäische Zentralbank, aber auch die amerikanische Notenbank Fed deutlicher als zuvor auf die gedämpfte Inflationsentwicklung und die konjunkturellen Risiken hin. Mittlerweile ist es sogar zu einer kompletten Kehrtwende gekommen. Nicht mehr der Ausstieg aus der Niedrigzinsphase, sondern deren Verlängerung und Vertiefung stehen nun auf dem Programm. Wir haben in diesem Monat mit neuerlichen Zinssenkungen für die EZB und die Fed diese Kehrtwende in unsere Prognosen aufgenommen. Das bedeutet, dass der Gedanke an positive Geldmarktzinsen auf unbestimmte Zeiten in die Zukunft verschoben wird.

 

Zu Jahresbeginn war es um die großen politischen Risikothemen (Handelskonflikt zwischen den USA und China, Brexit, Italien) zunächst noch relativ ruhig geblieben. Doch ab Mai zogen überraschend wieder dunkle Risikowolken auf, insbesondere ging die weltweite konjunkturelle Abschwächung weiter. Dies erhöhte die Besorgnis der Notenbanken und ließ an den Finanzmärkten Zinssenkungserwartungen aufkeimen. Dabei waren die zuletzt veröffentlichten Konjunkturdaten zwar nicht wirklich stabil, sondern eher gemischt: Die Weltkonjunktur befindet sich beileibe nicht in einem freien Fall, der unvermeidlich und bald in die Rezession führen würde. Man kann vielmehr von einem "auskühlenden Aufschwung" sprechen.

Mit ihrer extremen Reaktion auf diese Entwicklungen wurde die Geldpolitik einmal mehr zur Triebfeder an den Finanzmärkten: Die US-Börsen erreichten neue Allzeithochs und die zehnjährige Bundesanleihe rentierte teilweise auf unter -0,30 Prozent, so tief wie nie zuvor.

 

Es ist aus unserer Sicht nach wie vor das wahrscheinlichste Szenario, dass die Weltwirtschaft zwar moderater, aber immer noch um etwa 3 % wächst. Dank der guten Arbeitsmarktentwicklung in vielen Industrieländern bleiben die privaten Konsumausgaben eine wichtige Wachstumsstütze. Doch die Risiken schwelen weiter und lassen die Notenbanken vorsichtig und marktstützend agieren. Dabei agiert die Geldpolitik offenkundig asymmetrisch, denn für Absicherungsmaßnahmen nach unten stehen die Notenbanken nach eigenem Bekunden bereit, während sie anziehenden Inflationsraten vergleichsweise gelassen gegenüber stehen. Im Ergebnis bedeutet dies mittelfristig ein umso attraktiveres Umfeld für risikobehaftete Anlageklassen, allen voran für Aktien. Dies gilt trotz absehbarer Volatilität und zwischenzeitlicher Korrekturen.

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Gastautor

Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt, DekaBank

Der promovierte Volkswirt war von 1995 bis 1999 im Stab der „fünf Wirtschaftsweisen“ für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich. Seit 1999 hat er maßgeblich zum Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank beigetragen, ist seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank und übernahm 2006 den Vorsitz der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken, den er bis heute innehat.

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