wallstreet:online
42,05EUR | -1,00 EUR | -2,32 %
DAX-0,18 % EUR/USD+0,29 % Gold0,00 % Öl (Brent)-1,21 %

Frankiermaschinen-Hersteller Francotyp-Postalia (FP) im wallstreet:online-Interview

09.09.2019, 06:00  |  2881   |   

Herr Günther, 2016 haben Sie das Ruder bei Francotyp-Postalia (FP), dem führenden Hersteller von Frankiermaschinen, übernommen und mit der ACT-Strategie klare, aber auch ambitionierte Ziele ausgegeben. Zum Halbjahr haben Sie nun Ihre Umsatzprognose für 2019 angepasst, ist FP vom Wachstumskurs abgekommen?

Unsere Wachstumsstory auf Basis unserer ACT-Strategie ist in Takt. Unsere Strategie ist langfristig, auf mehrere Jahre angelegt. Mit dem A, also dem Angriff im Kerngeschäft, sind wir weiter gut unterwegs; wir konnten unseren weltweiten Marktanteil im ersten Halbjahr 2019 erneut ausbauen und das schon seit nunmehr 13 Quartalen. Auch das C, die Customer Journey, schreitet voran, denn wir entwickeln neue Lösungen für die digitale Welt unserer Kunden. Und mit dem „T“ transformieren wir FP in ein dynamisches Wachstumsunternehmen im Bereich des Internet-of-Things (IoT). Gleichzeitig arbeiten wir mit unserem Projekt JUMP daran, als FP noch schneller und effizienter zu werden. Das alles machen wir gleichzeitig; wir hatten uns für 2019 mehr erhofft, nicht zuletzt hat uns hier auch die allgemeine konjunkturelle Eintrübung belastet, aber wir werden auch 2019 wachsen und beim Ergebnis deutlich zulegen.

Trotz einer Anpassung der Umsatzerwartung haben Sie das EBITDA-Ziel für 2019 bei „stark steigend“ belassen, wird FP also profitabler?

Ja, auch das! Profitabilität steht in allen Bereichen im Fokus, daher haben wir im ersten Halbjahr 2019 auch ganz bewusst auf Umsatz in unserem sehr wettbewerbsintensiven und margenschwachen Mail Services Geschäft verzichtet. Dies hat ganz wesentlich zu dem Umsatzrückgang beigetragen, das Ergebnis gleichwohl kaum belastet. In der zweiten Jahreshälfte wird aber auch das Mail Services Geschäft wieder deutlich mehr zum Umsatz und Ergebnis beitragen. Die Profitabilität werden und wollen wir aber im ganzen FP-Konzern weiter erhöhen. JUMP ist hier unser wichtigstes Projekt. Ein Projekt, mit dem wir noch agiler werden. Denn die neue FP braucht neue, einfache Strukturen – und das weltweit. JUMP hat bereits in den vergangenen Monaten für nachhaltige Kosteneinsparungen gesorgt – wir werden damit Jahr für Jahr auch immer profitabler.

Auch das Kerngeschäft ist im ersten Halbjahr zurückgegangen, ist die Frankiermaschine im Zeichen der Digitalisierung nicht bereits Geschichte?

Der weltweite Papierverbrauch steigt trotz Digitalisierung weiter an. Immer noch werden jährlich mehr als 300 Milliarden Briefe verschickt. Auch wenn die Zahlen rückläufig sind, der klassische Brief stirbt nicht und das bietet uns im Kerngeschäft in den kommenden Jahren weiter viel Potential. Wir haben im ersten Halbjahr 2019 unseren weltweiten Marktanteil gegen den Wettbewerb erneut auf 11,8% erhöht. Hier greifen wir weiter an. Gerade erst haben wir in den USA mit dem Vertrieb unserer neuen PostBase Vision begonnen, mit der wir unsere Technologieführerschaft im Kerngeschäft weiter ausbauen. Man sollte nicht vergessen: Das Frankiergeschäft bietet attraktive Margen – insbesondere im After-Sales-Geschäft – und einen hohen Anteil an wiederkehrenden Erträgen. Die Digitalisierung kommt, aber sie kommt nicht über Nacht – wir werden auch weiterhin in unser Kerngeschäft investieren.

Sie haben im ersten Halbjahr zahlreiche neue Produkte und Dienstleitungen entwickelt und auf den Markt gebracht. Welche sind das?

Neben unserem neuen, innovativen Frankiersystem, der PostBase Vision, sind das vor allem Produkte und Services in unserem wachsenden Software- und Digital-Segment. Wir haben unsere elektronische Signaturlösung FP Sign weiterentwickelt und mit einer App verbunden; damit können vertrauliche Dokumente sicher, schnell und einfach digital signiert und verschickt werden; und das alles „Made in Germany“. Gerade erst konnten wir in Deutschland einen weiteren Kunden mit über 70.000 Mitarbeitern weltweit für FP Sign gewinnen. Aktuell sind wir in den Vorbereitungen für den Vertriebsstart von FP Sign in den USA. Gleiches gilt für unsere neue Parcel Shipping Lösung, mit der Kunden ihren Paketversand steuern und Lieferzeiten und Preise verschiedener Anbieter direkt vergleichen und buchen können. Im IoT-Bereich decken wir mittlerweile die gesamte Wertschöpfungskette ab und bieten unseren Kunden maßgeschneiderte End-to-end Lösungen.

Warum glauben Sie, mit den digitalen Produkten erfolgreich zu sein, warum ist FP das richtige Unternehmen dafür?

Wir haben mehr als 200.000 Bestandskunden. Das ist ein Asset. Viele Startups haben eine tolle Idee, aber keine Kunden. Wir haben im digitalen Bereich beides – innovative Lösungen und Bestandskunden, die wir mit unserer Lösung überzeugen wollen. Wir begleiten unsere Kunden als zuverlässiger und vertrauter Partner auf dem Weg in die Digitalisierung. Ob beispielsweise mit unserer Signatursoftware FP Sign oder unserer Parcel Shipping Lösung – wir machen unseren Kunden das Leben leichter und schenken ihnen Zeit und damit Freude in ihrem Alltag.

Im digitalen Geschäft nimmt die Bedeutung von Sicherheit weiter zu. Nach einer Studie von Microsoft geben 95% der Unternehmen an, für sie habe die Sicherheit im digitalen Geschäft und im IoT Bereich oberste Priorität. Wie können Sie mit Ihren Produkten den Kunden helfen?

Unsere IoT-Gateways bieten eine der höchsten Sicherheitsstufen – und unsere Technologie ist erprobt, denn vieles basiert auf dem Know-how der Frankiermaschine. Und in unserem Frankiergeschäft geht es immerhin um Geldtransfers in Höhe von 1,2 Mrd. Euro pro Jahr! Das ist unser Ansatz: Das Alte kann das Neue sein! Das in unseren Frankiermaschinen für den Datentransfer verantwortliche technische Hochsicherheitsmodul haben wir für den Einsatz in neuen Bereichen wie beispielsweise unserem IoT-Geschäft weiterentwickelt. German Mailgeneering eben. Ein weiteres großes Plus: Unsere Server stehen in Deutschland und alles von FP ist „Made in Germany“. Mehr Sicherheit geht kaum!

Das „Alte kann das Neue sein“ wie Sie sagen; 2023 wird FP 100 Jahre alt, wie wird das Unternehmen dann aussehen?

Der Name FP wird im Jahr 2023 für sichere digitale Kommunikation „Made in Germany“ stehen. Unsere dann hundertjährige Tradition im Kerngeschäft führen wir weiter fort, werden aber mit unseren digitalen Produkten neue Umsatz- und ertragsstarke Geschäftssegmente etabliert haben. FP wird 2023 größer, moderner und effizienter sein als heute. FP wird seinen Kunden Mehrwert, seinen Mitarbeitern langfristig sichere Arbeitsplätze und seinen Investoren eine attraktive Rendite bieten. Mit unserer Wachstumsstrategie ACT legen wir dafür heute den Grundstein – davon bin ich fest überzeugt.

Und wie sieht der Weg dorthin aus, wie wird sich FP in 2019 und 2020 entwickeln?

Wir machen die FP fit für die Zukunft. Ein solcher Weg läuft nicht immer geradlinig, aber mittelfristig haben wir klare Ziele. 2019 wird noch ein Übergangsjahr mit einem Umsatz leicht über Vorjahresniveau. Im Jahr 2020 streben wir deutliches Wachstum an. Wir werden insbesondere im Software/Digital-Bereich weiter stark wachsen und auch weitere Akquisitionen in diesem Segment prüfen, um unser Angebot auszubauen und unsere Position im Markt weiter zu stärken. Übernahmen werden wir aber nur dort angehen, wo sie für uns und unsere Aktionäre wertsteigernd sind.

Gleichzeitig werden wir unser ACT-Projekt JUMP weiter konsequent umsetzen und damit die Effizienz von FP in allen Bereichen steigern. Durch organisatorische und prozessuale Veränderungen werden wir FP in ein agiles und modernes Wachstumsunternehmen transformieren – eben der Experte für digitale Kommunikation.

Vielen Dank für das Gespräch!


Rüdiger Andreas Günther

Seit Anfang 2016 ist Rüdiger Andreas Günther Vorstandsvorsitzender von Francotyp-Postalia.

Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und North Carolina startete Günther seine Karriere 1985 als Investmentbanker bei der heutigen Bank of America in Chicago/USA. Schon mehrfach ist es ihm gelungen, traditionsreiche Unternehmen auf den Weg zu neuem Wachstum zu führen: So übernahm er den Finanzbereich bei der Metro AG und initiierte die Expansion des Unternehmens vom Groß- in den Einzelhandel. Während seiner 13 Jahre bei der Claas KGaA, zunächst als Finanzvorstand und dann insbesondere in den acht Jahren als CEO, entwickelte sich Claas von einem kleineren mittelständischen Maschinenbauer zu Europas größtem Landmaschinenhersteller mit mehreren Milliarden Umsatz und globaler Präsenz. Nach seiner Vorstandstätigkeit bei Infineon wechselte Günther 2012 zur Jenoptik AG und entwickelte sie mit seinem Vorstandskollegen zu einem heute führenden internationalen Hightech-Unternehmen mit beeindruckender Börsenkursentwicklung.


 

Diesen Artikel teilen
Mehr zum Thema
Klicken Sie auf eines der Themen und seien Sie stets dazu informiert. Mehr Informationen hier.
FPÖEuroDeutschlandUSAUniversitäten


Disclaimer

Meistgelesene Nachrichten des Autors

Titel
Titel
Titel
Titel

Diskussionen zu den Werten

ZeitTitel
30.08.19