Kissigs Kloogschieterei: Value is back!
Das 3. Quartal liegt hinter uns und es hat unerwartet gut abgeschnitten. Der S&P 500 legte in den letzten drei Monaten um rund 5 % zu. Dabei schloss der Energiesektor mit -4 % als einziger im
negativen Terrain ab, während Communication Services und Technologieaktien mit jeweils nur kleinen Zuwächsen den breiten Markt deutlich underperformten. Am besten entwickelten sich die Kurse der
Branchen Industrie (+ 11 %), Immobilien (+15,5 %) und Versorger (+18 %), also den 'klassischen Value-Sektoren'. Finanzwerte lagen mit einem klaren Plus lediglich im Mittelfeld der positiven
Entwicklung und auf Augenhöhe mit Rohstofftiteln.
Die Entwicklung passt zur kürzlich eingeleiteten Zinswende der Fed, denn niedrigere Zinsen entlasten die Finanzergebnisse der Unternehmen und zwar besonders der mit hohem Investitionsbedarf. Deren
Aktien waren die letzten Jahre die Loser an der Börse, nun bekommen sie Rückenwind. Doch auch Technologiewerte sollte man nicht einfach abschreiben, denn die ziehen die letzten Tage auch auf neue
Hochs an. Kein Wunder. Nach der Entlassung zehntausender Mitarbeiter sind sie nun (wieder) auf Effizienz getrimmt, das dürfte sich in der nun gerade beginnenden Earnings Season auszahlen. Und der
jüngste Arbeitsmarktbericht zeigte sich überraschend positiv und die US-Wirtschaft sich insgesamt weiterhin ziemlich robust. Das erfreut – auf den ersten Blick. Negative Begleiterscheinung könnte
sein, dass die Fed die Zinsen nun doch nicht so schnell senkt, wie zuvor erhofft. Anstelle von Zinsschritten von jeweils 50 Basispunkten liegen die Markterwartungen für 2024 inzwischen bei
reduzierten zweimaligen Senkungen um 25 Basispunkte. Aber auch das hat sein Gutes, denn so bekommt die Inflation weniger Auftrieb.
Nebenwerte haben auf lange Sicht an der Börse besser
abgeschnitten als Standardwerte. Das gilt aber nicht mehr seit der Globalen Finanzkrise 2008/09, denn seitdem führen die Technologieaktien unangefochten die Performance-Hitlisten an und hier
insbesondere auch die Schwergewichte. Allerdings hat jedes große Unternehmen mal als kleines angefangen und werde hier früh an Bord war, hat die größten Gewinne eingefahren. Zwar sind wir
Kleinanleger nicht der Position von Venture Capital und können Frühphaseninvestitionen vornehmen (wohl auch zum Glück, denn dafür fehlt uns ganz offensichtlich die Expertise), aber wir können uns
unter den börsennotierten Kleinunternehmen umsehen, wo sich viele unentdeckte Schätze finden. Oft auch zu ziemlich niedrigen Bewertungen, denn ohne große Aufmerksamkeit der Medien, ohne Artikel in
Börsenmedien und ohne Coverage durch Aktienanalysten fehlt oft das Interesse und damit die Nachfrage. Zudem gehen zumeist nur wenige Aktien um, so dass es durchaus eine Herausforderung sein kann,
eine ordentliche Positionsgröße zusammenkaufen zu können - oder sich aus einer solchen kursschonend wieder zu verabschieden. Und doch... mit zunehmendem Unternehmenserfolg, zunehmender Bekanntheit,
zunehmender Größe verschwinden all diese Problemchen von alleine, die Aktie wird bekannter, beliebter und öfter gehandelt. Und damit steigt üblicherweise auch ihre Bewertungsmultiple. Wer hier also
sehr früh eingestiegen ist und durchgehalten hat, fährt die höchsten Renditen ein. Allerdings ist das keine leichte Sache und für jedermann die richtige Strategie. Denn man muss ein Unternehmen
kaufen, über das es weniger Informationen und Meinungen gibt und das kaum jemand kennt. Dafür braucht man eine starke Überzeugung und Durchhaltevermögen, Geduld und Zeit. Und die Bereitschaft, für
längere Zeit als Trottel dazustehen mit einer Position, die lange keine ansehnliche Rendite abwirft. (Nur) wer das kann, sollte sich bei den kleinen Nebenwerten engagieren und darauf setzen, dass
deren 'glorreiche Zeiten' wieder aufleben.
Momentan geben die großen Unternehmen und vor allem die Technologieriesen den Ton an. Und trotz vieler Sorgen klettern die Börsen an der 'Wall of Worries' entlang zu neuen Rekorden. Dabei
ist die Gemengelage auf den zweiten Blick weiterhin überwiegend positiv – jedenfalls in den USA. In Europa und speziell in Deutschland sinken die Wirtschaftsdaten und die Konjunkturprognosen und
viele Aktien kriegen ihr Fett weg. Und über allem dürfte die nächsten Wochen der US-Wahlkampf lasten. Und doch waren und sind Aktien der beste Weg, um gut über die Runden zu kommen. Wie riet schon
Börsenaltmeister André Kostolany? (Die richtigen) Aktien kaufen und dann Schlaftabletten
nehmen. Mit Quality Investing lässt man den Zinseszinseffekt am wirksamsten
für sich arbeiten, nutzt das Compounding geschickt für den Vermögensaufbau.
Börsianer alter Schule nennen das Prinzip schlicht Buy & Hold. Und das zahlt sich
richtig aus...
Alles Gute für euer Geld!
Michael C. Kissig
Verfasst von Michael C. Kissig