Anlagestrategie Auch Aktienanalysten können die Kursentwicklung nicht vorhersagen

Nachrichtenquelle: Dr. Matthias Kelm
22.05.2014, 07:12  |  8925   |   |   

Es gibt eine große Anzahl an Leuten, die Aktienempfehlungen geben. Doch wie eine empirische Erhebung gezeigt hat, sind leider nur sehr wenige dieser Tipps wirklich hilfreich. Und das hat gute Gründe.

Bei der Auswahl von Aktien für ihr Portfolio folgen Anleger oft Empfehlungen von Aktienanalysten, die üblicherweise für Banken oder Broker arbeiten. Diese Analysten verfolgen die Entwicklung bestimmter Aktiengesellschaften, indem sie deren Jahresabschlüsse untersuchen, ihr Management befragen und relevante Industrieentwicklungen beobachten. Auf Grundlage dieser Informationen veröffentlichen sie regelmäßig Berichte, in denen sie die gegenwärtige Situation, die Strategie und die Zukunftsaussichten der betrachteten Aktiengesellschaft darstellen. Sie schätzen die zukünftigen Gewinne des Unternehmens und fassen ihr Urteil über dessen Aktie in einer konkreten Empfehlung zusammen. Diese Empfehlung ist entweder positiv (z.B. “Buy” oder “Outperform”), neutral (z.B. “Hold” oder “Market Perform”) oder negativ (z.B. “Sell” oder “Underperform”). Sind diese Aktienempfehlungen für Anleger nützlich? Das ist offensichtlich nur der Fall, wenn Anleger sich darauf verlassen können, dass Aktien mit einer positiven Empfehlung in der Regel eine bessere Kursentwicklung erzielen als Aktien mit neutraler oder negativer Empfehlung.

Um zu überprüfen, ob Aktienanalysten tatsächlich auf diese Weise die Kursentwicklung vorhersagen können, verwendeten wir eine Stichprobe von 1.000 Empfehlungen, die auf der Webseite des Finanzportals OnVista.de während der letzten beiden Wochen des Jahres 2012 veröffentlicht wurden. Diese Empfehlungen stammten von Analysten bei 124 verschiedenen Finanzunternehmen und betrafen 555 Aktiengesellschaften in 35 Aktienmärkten (definiert durch einen bestimmten Marktindex) in 18 Ländern.

Die erste interessante Beobachtung an unserer Stichprobe war ihre Zusammensetzung. Von den 1.000 Empfehlungen waren über die Hälfte (557) positiv, ein Drittel (317) neutral und nur ein Achtel (126) negativ. Das weckt schon erste Zweifel am Wert solcher Empfehlungen für Anleger, die Hilfe bei der Aktienauswahl suchen. Aktienanalysten scheinen sich eher als Verkäufer und nicht als kritische Gutachter zu betätigen.

Wie können wir überhaupt feststellen, ob eine bestimmte Empfehlung die Kursentwicklung erfolgreich vorweggenommen hat oder nicht? Dass dies gar nicht so einfach ist, zeigt folgende Überlegung: Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass der Aktienkurs genau an dem Tag, an dem die Empfehlung veröffentlicht wurde, entweder ein Allzeithoch oder ein Allzeittief erreicht hat. Das bedeutet aber, dass der Kurs fast mit Sicherheit zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt höher und zu irgendeinem anderen zukünftigen Zeitpunkt tiefer sein wird als zum heutigen Zeitpunkt einer Empfehlung. Und das heißt wiederum, dass jede Empfehlung, egal ob positiv, neutral oder negativ, zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt scheinbar zutreffend sein wird. Wenn also eine Empfehlung nicht von vornherein für einen bestimmten Zeithorizont gemacht wird, dann ist es hinterher immer möglich, sie als erfolgreich darzustellen. Genau aus diesem Grund haben Aktienanalysten ein Interesse, den Zeithorizont ihrer Empfehlung nicht festzulegen. Um diese Unklarheit zu vermeiden, überprüften wir in unserem Experiment die Aktienkursentwicklung genau 3, 6, 9 und 12 Monate nach der Veröffentlichung der Empfehlung. So berechneten wir für eine Empfehlung, die am 18.12.2012 veröffentlicht wurde, die Veränderung des Aktienkurses am 18.3., 18.6., 18.9. und 18.12.2013 (oder am nächsten Börsentag).

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22.05.14 09:28:26
Sehr gute und schonungslose Analyse. Jeder Kleinanleger sollte sich darüber im Klaren sein.

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