DAX-0,41 % EUR/USD0,00 % Gold+1,24 % Öl (Brent)0,00 %
Short-Selling: Leerverkäufer - Retter oder Totengräber der Börse?
Foto: Ingo Hillen - Sino AG

Short-Selling Leerverkäufer - Retter oder Totengräber der Börse?

19.12.2014, 09:00  |  5815   |   |   

„Short-Flaute heizt die Panik an der Börse an“, titelte das Wall Street Journal am 16. Oktober 2014. Andererseits wurden vor knapp zwei Jahren gerade die Short-Seller für Finanzkrise und Absturz der Bankaktien verantwortlich gemacht. Ingo Hillen, Vorstand und Gründer der sino AG | High End Brokerage, spricht im Interview auf wallstreet:online über den vermeintlichen Widerspruch.

 

Herr Hillen, können Ihre Kunden immer noch short gehen, also Aktien verkaufen, die sie gar nicht in ihrem Depot führen?

Ingo Hillen: Selbstverständlich – und auch weiterhin mit nur einem Click. Die sino AG war 1998 der erste Broker in Deutschland, über den Privatanleger shorten konnten. Wir werden auch weiterhin alles tun, um unseren Heavy Tradern auch in diesem Bereich bestmögliche Handelsbedingungen zu bieten – natürlich im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften.

Die EU hat ja vor ziemlich genau zwei Jahren, am 1. November 2012, verschärfte Leerverkaufsbedingungen erlassen und damit das Shorten weiter eingeschränkt. Was halten Sie davon?

Hillen: Gewisse Beschränkungen im Hinblick auf die Größe von Leerverkaufspositionen und Meldepflichten ähnlich denen bei Unternehmensbeteiligungen halte ich für sinnvoll. Die derzeitigen Restriktionen, die jeden einzelnen Leerverkauf betreffen, sind aber deutlich übertrieben und entziehen dem Markt unnötig Liquidität. Das sehen wir regelmäßig, wenn die Kurse wenig gehandelter Aktien plötzlich stark ansteigen – dann fehlt das Korrektiv der Leerverkäufer. Durch diese strikte Regelung wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Außerdem ist nicht zu vergessen, dass jeder Leerverkäufer sich irgendwann auch wieder eindecken muss. Durch Leerverkäufe entsteht zusätzliche Liquidität – und je mehr Liquidität desto besser.

Sie sehen Short-Seller also als eine Art ‚Spekulationspolizei’ an der Börse, die aufpasst, dass schwache Werte nicht zu stark hochgetrieben werden?

Hillen (lacht): Wenn Sie so wollen. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass es falsch ist, jeden einzelnen Leerverkauf unabhängig von seiner Größenordnung und Haltedauer zu regulieren. Das führt schnell zu verstärkter Volatilität und Unruhe im Markt – eigentlich das Gegenteil von dem, was die Politik erreichen will.

Mir ist übrigens keine einzige wissenschaftliche Untersuchung bekannt, die die angeblich negativen Auswirkungen von Leerverkäufen belegen würde, wohl aber einige Untersuchungen, die Leerverkäufe eher positiv sehen, da sie zusätzliche Liquidität schaffen. Im Bericht einer amerikanischen Untersuchungskommission zu Leerverkäufen heißt es bereits 1909 (!) „We do not think that it is wrong to agree to sell something that one does not now possess but expects to obtain later (…) Short sellers endeavor to select times when prices seem high in order to sell, and times when prices seem low in order to buy, their action in both cases serving to lessen advances and diminish declines of price.” Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Die sino AG hat ein Softwaretool entwickelt, um die Leihe angesichts der gesetzlichen Auflagen zu vereinfachen. Wie kommen die Kunden damit zurecht?

Hillen: Sehr gut. Schon seit der ersten Reglementierungs-Runde vom Oktober 2010 bieten wir über unsere Handelsplattform sino MX-PRO eine automatisierte Wertpapierleihe für Overnight-Shorts an. 
Für Intraday-Leerverkäufe stellen wir über unsere Kooperationspartner sicher, dass zahlreiche Aktien auch ohne Wertpapierleihe per Click leerverkauft werden können - die notwendigen Prozesse laufen innerhalb von Millisekunden im Hintergrund.

Dabei agieren wir nicht nur getreu dem Buchstaben, sondern auch getreu dem Geist des Leerverkaufsverbots. Mehrere Ausgaben unseres Newsletters haben die Kunden über juristische Detailfragen informiert. Trader sollten bei Leerverkäufen auch vorsichtig sein, da nicht jedes Modell, welches im Markt angeboten wird, nach unserer Auffassung zulässig ist. Der Kunde könnte dann Probleme bekommen.

Wo liegt denn der Knackpunkt bei der Reglementierung?

Hillen: Bei weniger liquiden Werten ist die Wertpapierleihe für Overnight-Leerverkäufe oft so aufwendig und teuer, dass sich das für Privatanleger schlicht nicht mehr lohnt. Früher konnte ein Trader ein paar Tage warten, sich die Entwicklung der Position anschauen und sich dann gegebenenfalls eindecken. Heute müssen vor einem Leerverkauf entsprechende Deckungsmaßnahmen ergriffen werden, also zum Beispiel durch Wertpapierleihe. Das macht Overnight-Leerverkäufe deutlich weniger attraktiv.

Welche Konsequenzen hat das für den Markt?

Hillen: Bei stark fallenden Kursen zeigt sich oft, dass Leerverkäufer als potentielle Nachfrager (zur Schließung ihrer Short-Position) weggefallen sind und somit den Kursverfall nicht mehr dämpfen können. Bei einer größeren Anzahl von Leerverkäufern in steigenden Märkten gäbe es bei fallenden Kursen einfach mehr Käufer - so einfach ist das.

Können Sie Beispiele für fehlende Leerverkäufer geben?

Hillen: Schauen Sie sich zum Beispiel mal das Chart von Rocket Internet an. Seitdem das Papier auf dem Markt ist, macht dieser milliardenschwere Wert Hüpfer wie ein junges Fohlen: innerhalb von Tagen gibt es Sprünge von 20 oder fast 30 Prozent. Mehr Leerverkäufer würden diese Volatilität erheblich dämpfen. Ich plädiere dafür, Leerverkäufe zwar transparenter zu gestalten – Stichwort: Meldegrenzen – aber ansonsten wieder uneingeschränkt zuzulassen.

Stattdessen werden von der Politik weitere Maßnahmen diskutiert, die die Marktliquidität verringern.

Hillen: Sie meinen die Finanztransaktionssteuer? Dafür müssen sich erst einmal mindestens neun EU-Länder auf ein genaues Prozedere einigen: Wer wird wo, für was, wann und wie hoch besteuert?

Sie halten die Einigung für unwahrscheinlich?

Hillen: Jeder weiß, dass es bei der »Gruppe der Willigen« durchaus erheblich widerstreitende Interessen gibt. Die Steuer sollte ursprünglich die Banken an den Kosten der Krise beteiligen und den unregulierten, nicht börslichen Eigenhandel begrenzen, jetzt könnte es so ausgehen, dass es hauptsächlich Privatanleger trifft, die in Aktien investieren. Herzlichen Glückwunsch!

Bleibt die klassische Frage: Was tun?

Hillen: Die sino AG hat schon im August 2011 in der Sache an den damaligen Wirtschaftsminister Philipp Rösler geschrieben. Ich zitiere: „Eine Finanztransaktionssteuer ist wirtschaftlich unvernünftig. Sie träfe die Falschen, da man davon ausgehen kann, dass die Banken sie an die Anleger durchreichen werden.“ Die schriftliche Antwort hieß damals: Das Bundesministerium „teilt ... Ihre Bedenken“. Nun haben wir ja inzwischen einen anderen Wirtschaftsminister, und bei Finanzminister Schäuble sehe ich wenig Motivation, Argumente wichtiger als die Koalitionsdisziplin zu nehmen. Schön wäre es deshalb, wenn sich möglichst viele Marktteilnehmer in Zukunft noch klarer positionieren würden.

Zum Schluss noch eine Frage: Was sind Ihre persönlichen Erwartungen für das neue Jahr?

Hillen: Es bleibt spannend – wahrscheinlich in vielerlei Beziehung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Sino AG

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Kommentare

Nachricht vom 08.01.2015 | 08:00
sino AG | High End Brokerage: 57.599 Trades im Dezember / Unternehmenshomepage in neuem Design

sino AG / Schlagwort(e): Sonstiges

08.01.2015 / 08:00

Düsseldorf, 8. Januar 2015

Die sino AG | High End Brokerage hat im Dezember 57.599 Orders ausgeführt. Dies ist eine Steigerung von 4,9 % gegenüber dem Vormonat (+14,1 % ggü. Dezember 2013).
Dez 2014 Nov 2014 Dez 2013
Orders gesamt 57.599 54.911 50.476
Wertpapier-Orders 31.595 41.706 39.533
Future-Kontrakte 26.004 24.340 20.804


Im Dezember lag der Orderbuchumsatz an den Handelsplätzen Xetra, Börse Frankfurt und Tradegate bei 108,9 Mrd. Euro - ein Zuwachs von 4,8 % gegenüber dem Vormonat (+27,5% ggü. Dezember 2013). Per 31.12.2014 wurden bei der sino AG, unverändert zum Vormonat, 455 Depotkunden betreut.

Zum Beginn des Jahres 2015 hat die sino AG ihre grundlegend überarbeitete Homepage online gestellt (www.sino.de). Weiterhin im vertrauten Unternehmensdesign zeigt sich der Online-Auftritt nun dennoch deutlich moderner. Zudem sollen durch die neue Struktur die umfassenden Informationen für Kunden und Interessenten übersichtlicher dargeboten werden.

»Nach nun doch einigen Jahren war es an der Zeit unserem Unternehmensauftritt im Internet ein neues Gesicht zu geben. Dabei sind wir aber unserer Corporate Identity treu geblieben. Wir sehen dieses Redesign auch als ein Mittel der Neukundenakquise an, zusammen mit weiteren Aktivitäten im Online-Bereich«, so Matthias Hocke, Gründer und Vorstand der sino AG.

Die sino AG | High End Brokerage (WKN 576 550, XTP) verfolgt eine aktive und transparente Kommunikationspolitik. Zum 15.04.2013 erfolgte ein Wechsel in den Primärmarkt, ein Segment des Freiverkehrs der Düsseldorfer Börse. Die sino AG informiert weiterhin monatlich über aktuelle Orderzahlen - jeweils am 5. Bankarbeitstag des darauf folgenden Monats. Die 1998 gegründete sino AG hat sich auf die Abwicklung von Wertpapiergeschäften für die aktivsten und anspruchsvollsten Privatkunden in Deutschland spezialisiert und entwickelte sich in kurzer Zeit zum Synonym für High End Brokerage. Die aktuell 19 Mitarbeiter betreuen derzeit rund 460 Depots mit einem durchschnittlichen Volumen von ca. 375.000 Euro. Aktionäre der sino AG sind unter anderem die Gesellschaft für industrielle Beteiligungen und Finanzierungen mbH, eine 100%ige Tochter der HSBC Trinkaus & Burkhardt AG, sowie die beiden Vorstände.
Für weitere Fragen wenden Sie sich bitte an Ingo Hillen, Vorstand Finanzen und Handel - ihillen@sino.de | 0211 3611-2040



08.01.2015 Veröffentlichung einer Corporate News/Finanznachricht, übermittelt durch DGAP - ein Service der EQS Group AG.
Für den Inhalt der Mitteilung ist der Emittent / Herausgeber verantwortlich.

Die DGAP Distributionsservices umfassen gesetzliche Meldepflichten, Corporate News/Finanznachrichten und Pressemitteilungen.
Medienarchiv unter http://www.dgap-medientreff.de und http://www.dgap.de

Sprache: Deutsch
Unternehmen: sino AG
Ernst-Schneider-Platz 1
40212 Düsseldorf
Deutschland
Telefon: +49(0)211 3611-0
Fax: +49(0)211 3611-1136
E-Mail: info@sino.de
Internet: www.sino.de
ISIN: DE0005765507
WKN: 576550
Börsen: Freiverkehr in Berlin, Düsseldorf (Primärmarkt), München, Stuttgart

Ende der Mitteilung DGAP News-Service
310681 08.01.2015

http://www.dgap.de/dgap/News/corporate/sino-high-end-brokerage-trades-dezember-unternehmenshomepage-neuem-design/?companyID=488&newsID=834839
"Durch Leerverkäufe entsteht zusätzliche Liquidität"
Dachte immer sie verkaufen zuerst, kassieren natürlich das Geld, also Liquidität und decken sich wenn alles für sie läuft wieder billiger ein und den Gewinn, also wieder Geld bzw. Liquidität stecken sie sich ein und entziehen es doch eher so den Markt als das da irgendwie mehr reinkommt.
Genauso verkauft man Aktien die man selbst nicht hat und wer kontrolliert überhaupt wo jetzt zB. die Sino Ag die bereitgestellten Aktien her hat und so die Anzahl der möglichen handelbaren Aktien einfach erhöht wird ohne dass die Unternehmen an der Börse es mitbekommen.
Guten Tag,
Leerverkäufe gehören verboten, denn der Sinn ist nur die Aktie
nach unten zu ziehen ohne dass dies berechtigt ist.
Man verkauft Aktien die man nicht hat.
Verfälscht so Angebot und Nachfrage.
Ein Kleinanleger könnte das nicht machen,
vielleicht entspricht es auch gegen den Gleichheitsgrundsatz.
Es gibt auch keine Leerkäufe.

Disclaimer

Weitere Nachrichten des Autors

Titel
Titel
Titel

Diskussionen zu den Werten

ZeitTitel
17.11.17