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Interview Scharia-Kapitalismus: Im Interview mit dem Buchautor Sascha Adamek

13.10.2017, 10:05  |  4844   |   

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse haben wir uns auf die Suche nach der interessantesten Neuerscheinung 2017 gemacht. Der Journalist und Buchautor Sascha Adamek veröffentlichte das überaus spannende Werk: „Scharia-Kapitalismus: Den Kampf gegen unsere Freiheit finanzieren wir selbst“. Der Wallstreet:Online Redakteur Dr. Carsten Schmidt sprach mit Sascha Adamek über dieses globale Thema und die Hintergründe.

Herr Adamek, wie würden Sie den Begriff Scharia-Kapitalismus in wenigen Sätzen erklären?

Es geht um den westlichen Handel mit Staaten, in denen die Scharia herrscht. Allein das deutsche Handelsvolumen mit diesen Ländern betrug 2016 58 Milliarden Euro. Wir versetzen dabei Staaten, Organisationen und Einzelpersönlichkeiten aus dem Nahen Osten aber auch in Fernost in die Lage, Extremismus und Terrorismus zu exportieren. Das ist ein teures Ping-Pong-Spiel. Unsere exporttreibende Wirtschaft, unsere Banken gewinnen, zugleich erhöhen wir unser Sicherheitsrisiko. Zudem finanzieren Staaten wie Katar, Kuwait und Saudi Arabien eine islamistische Missionierungsstrategie, indem sie Moscheen und Koranschulen unterstützen, die sich gegen die Integration richten.

Sie schreiben, dass in der Wirtschafts- und Finanzwelt bereits eine weitgehend unbeachtete Islamisierung in Gang sei. Woran machen Sie das fest?

Das ist ein Zitat des Islamwissenschaftlers Ralph Ghadban. Er meint damit aber nicht eine wie auch immer geartete Islamisierung unserer guten alten Sparkasse. Es geht um die Milliardeninvestitionen aus Scharia-Staaten, die politisch eine strategische Macht entfalten.

Über den Börsengang des saudischen Staatskonzerns Aramco wird viel spekuliert. Die Börsen in London und New York konkurrieren um den Finanzriesen. Wie schätzen Sie die Staatsfonds der Scharia-Staaten ein? Geht von ihnen ein Risiko aus und was sollten Anleger wissen?

Die Selbsteinschätzungen des saudischen Königshauses über die Werthaltigkeit ihres Staatsfonds sind nach meinem Wissen unter Analysten sehr umstritten. Aber selbst wenn sie überhöht sind, bleibt das Unternehmen ein riesiger Player. Und wenn es gelingt, ihn vom Öl unabhängiger zu machen und an der geplanten Diversifizierung teilhaben zu lassen, bleibt er interessant. Ich finde nur: Anleger sollten bedenken, dass der Hauptaktionär von Aramco, der saudische Staat, eben auch für 554 vollstreckte Todesstrafen allein in den letzten Jahren verantwortlich ist und eine aggressive Außenpolitik betreibt. Leider ist das Thema ethisches Investieren im westlichen Finanzkapitalismus noch nicht angekommen.
 
Was sind schariakonforme Finanzprodukte? 

Es sind Produkte, die Scharia-Regeln für das Wirtschaftsleben respektieren: also vor allem das Zinsverbot. Die Scharia verbietet eigentlich viele Dinge, die wir am westlichen Finanzmarktkapitalismus kritisieren: unendliche Ketten von Verbriefungsgeschäften, Zinswetten, aber auch den konkreten Handel mit Waffen, Drogen, Menschen. Leider nehmen das die Akteure nicht wirklich ernst. Banken wie die Deutsche Bank sind nicht aus dem Geschäft mit Waffenproduzenten ausgestiegen, trotz einer Beteiligung Katars. Saudi Arabien baut sogar mit deutscher Hilfe eigene Waffenfabriken, um nur zwei Beispiele zu nennen. Waffenhandel ist der schmutzigste Teil des Scharia-Kapitalismus und seine Todesopfer sind vor allem Muslime. 

Wie kreativ ist der Scharia-Kapitalismus?

Man kann es kreativ nennen oder auch sagen, dass Scharia-Kapitalismus auch nicht frommer ist als etwa die Vatikanbank, die jahrelang Geschäfte mit Waffenhändlern machte. Selbst das Bundeswirtschaftsministerium spricht von einer Umgehungspraxis. So werden Nebenkosten nicht als Zinsen, sondern einfach als „Gebühren“ bezeichnet. 

Worin besteht die Funktion von Abteilungen mit der Bezeichnung „Islamic Banking“ – wie es sie bei der Deutschen Bank, UBS oder HSBC gibt?  

Sie sollen Handelspartnern aus dem islamischen Raum das Gefühl geben, dass man ihre religiösen Belange ernst nimmt und sich damit als Geschäftspartner empfehlen. 

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich mit dem Thema Geldwäsche. Sie bezeichnen Deutschland als „Ruheraum“ für Terrorfinanziers. Können Sie uns ein Beispiel schildern?

Diese Einschätzung teilt sogar das Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Terror-Organisation Hizbullah zum Beispiel greift Deutschland nicht an, sondern Israel. Dabei kooperiert die Hizbullah eng mit der Organisierten Kriminalität, mit bestimmten Clans in Deutschlands, um sich zu refinanzieren, fast ungehindert. Die Geldwäschegesetzgebung hinkt in Deutschland Jahrzehnte hinterher. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: kürzlich fanden Fahnder in Nordrhein-Westfalen in einer salafistischen Moschee 20 000 Euro. Jetzt müssen die Behörden nachweisen, dass dieses Geld illegal erworben wurde. In Italien müsste die Moschee nachweisen, dass das Bargeld legal - also kein Schwarzgeld ist. Diese Beweislastumkehr brauchen wir dringend.

Laut Ihren Recherchen gab bzw. gibt es große Versäumnisse bei den Berliner Behörden was den Immobilienbesitz von Personen angeht, die auf Terrorlisten stehen. An welchem Fall machen Sie das fest?

Zum Beispiel hatte in Berlin Neukölln ein saudischer Staatsbürger, der jahrelang auf der Liste der Terrorhelfer für den Anschlag vom 11. September 2001 stand, ein Grundstück erworben. Die Grundbuchämter in Deutschland aber überprüfen ihre Datenbanken nicht, sie suchen nicht nach Leuten, die auf Terrorlisten stehen, dabei sind Grundstückskäufe eine sehr probate Methode, um Geld zu parken. Das ließe sich schnell ändern, nur tut es in Deutschland niemand.

Ein Beispiel für die Unterstützung fraglicher Vereine durch die Bundesrepublik ist die Organisation Islamic Relief Deutschland (IRD), denn ihr Dachverband ist in Israel verboten und von den Vereinigten Arabischen Emiraten als Terrorfinanziers gelistet – wie es Ihre detaillierten Ausführungen zeigen. Warum finanziert das Auswärtige Amt diesen Verein?

Das Auswärtige Amt behauptet, die Organisation nicht als solche sondern nur projektbezogen zu finanzieren. Zu der Tatsache, dass Islamic Relief von Israel als Teil des Finanzierungssystems der Hamas angesehen wird und daher auf der Terrorliste steht, schweigt das Auswärtige Amt. Erstaunlich ist das auch, weil Islamic Relief  in Deutschland obendrein als Sponsor bei islamistischer Veranstaltungen genannt wird, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

In dem Kapitel „Saudi-Connection“ zeigen Sie die Folgen der engen politischen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den USA und Saudi-Arabien auf. Soll das eine Warnung für andere Länder sein?

Sicherlich. Wenn Saudi Arabien Washington droht, Hunderte Milliarden Dollar aus den USA abzuziehen, wenn die Regierung zustimmt, bislang geheim gehaltene Papiere – die berühmten 28 Seiten - zu veröffentlichen, die saudische Prominente wegen 9/11 belasten, dann zeigt das die Gefahr. Je abhängiger unsere Volkswirtschaften von Investorengeldern aus diesen Staaten werden, desto größer die Gefahr politischer Einflussnahme. Die Golfstaaten selbst sehen die Investments ja als strategische an.

Nicht nur die Politik, Staatsfonds und Geldgeber aus dem Nahen Osten sorgen für eine Islamisierung, sondern der Tourismus unterstützt indirekt den Islam. In Ihrem Buch bringen Sie das Beispiel der ITB, wo Sie eine interessierte Malediven-Träumerin fragten: „Wussten Sie, dass für die Einwohner der Malediven die Scharia-Strafen gelten, Todesstrafe inbegriffen?“. Welchen Stellenwert hat der Tourismus für Scharia-Staaten? Fehlt die Aufklärung bei den Touristen? 

Der Tourismus hat bereits einen hohen Stellenwert, nehmen Sie allein Dubai, das seit 2007 seine Einnahmen auf 16 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt hat. Krass sind die Malediven, auf denen Touristen auf 88 Inseln das tun, wofür Einheimische auf ihren 220 Inseln brutale Strafen erleiden würden. Katar will die Zahl der Touristen vermehrfachen, nicht nur wegen der WM. Durch den Tourismus spülen wir Geld in die Kassen dieser Länder, Geld, aus dem dann zuweilen wieder Spenden für extremistische oder gar terroristische Organisationen abgezweigt werden.

Gibt es schon ein neues Buchprojekt?

Nein, aber das Thema beschäftigt mich täglich weiter und wie die Dinge sich entwickeln, wird das leider auch noch lange so bleiben. 

Über Sascha Adamek: Der investigative Journalist und Bestsellerautor Sascha Adamek hat zahlreiche Fernsehdokumentationen in der ARD publiziert und arbeitet in der Redaktion Investigatives und Hintergrund des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

Sascha Adamek: Scharia-Kapitalismus: Den Kampf gegen unsere Freiheit finanzieren wir selbst, Berlin 2017.

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