DAX+0,12 % EUR/USD-0,19 % Gold-0,59 % Öl (Brent)-0,76 %

Abgasskandal und Debatten um Fahrverbote Technisch wohl einfach zu gut

Nachrichtenquelle: The European
06.05.2017, 08:22  |  2830   |   |   

Abgasskandal und Debatten um Fahrverbote haben einen Imageverfall des Dieselmotors ausgelöst. Aber stecken wirklich hehre Motive des Umweltschutzes dahinter? Volkswagen möchte nun eine Kampagne starten, mit der der Ruf des vielgescholtenen Selbstzünders aufpoliert werden soll – und bekommt bereits prominente Schützenhilfe. Eine Betrachtung über Antriebe und Alternativen bei Personenwagen.

Mit 3,9 Litern pro 100 Kilometer bei einem Stundenschnitt von 105 km/h über hügelige Autobahnen: das kann doch nur ein Hybrid. Oder es geht gar nicht. Immerhin sollte man, um einen solchen Schnitt zu erreichen, immer mindestens 120 Stundenkilometer auf dem Tacho haben, wenn dies irgend möglich ist, denn Baustellen und Staus drücken den Schnitt. Tankstopps dagegen kommen so gut wie nie vor.

3,9 Liter Diesel bei zügiger Fahrt, immer wiegt das Fahrzeug mit den vier Ringen am Bug anderthalb Tonnen. Das soll nicht möglich sein? Weit gefehlt. Wer’s nicht glaubt, sei hiermit zu einer Autobahnfahrt mit dem Chefredakteur der BÖRSE am Sonntag eingeladen. Mit einem 1,9 TDi-Motor, Baujahr 2009, der immerhin schon 270.000 Kilometer gelaufen hat, gelingt das Kunststück regelmäßig.

Was hat das mit einer Imagekampagne zu tun, die der VW-Konzern jetzt starten möchte? Nun, zu den Abgaswerten gehört immer als Grundlage die Menge des verbrauchten Kraftstoffs, denn nur ein Gemisch, das sich entzündet, kann auch Abgase erzeugen. Zwar ist es klar, daß manche Verbrennung mehr unerwünschte Stickoxyde oder feine Stäube verursacht als andere, aber wer den Physikunterricht in der Schule nicht nur genutzt hat, um Papierkrampen an die Tafel zu schießen, weiß, dass die Grundlagen für nicht hinwegzudiskutieren sind, wenn es um eine Reaktion geht. Der Dieselmotor als solcher ist von den Gesetzen der Physik mitnichten ausgenommen.

BMW-Chef Krüger nennt Fakten

Ein heutiger Euro-6-Diesel verbraucht 25 Prozent weniger Kraftstoff als ein Benziner und stößt 15 Prozent weniger CO2 aus. Dieser Satz kommt aus berufenem Mund, und zwar von BMW-chef Harald Krüger. Ohne die geringeren Verbrauchswerte, die ein Dieselmotor im Durchschnitt hat, seien die weltweiten Klimaziele nicht zu erreichen, und die in Deutschland gleich zweimal nicht. Die Diskussion um die Feinstaubbelastung im Zusammenhang mit Dieselmotoren beträfe nur Fahrzeuge ohne Partikelfilter, die sämtlich über zehn Jahre alt seien.

Krüger stellt sich damit, was technische Fragen betrifft, an die Seite von VW. Die Wolfsburger stehen wegen „Dieselgate“, einem zu guten Teilen in den USA gemachten und gewollten Skandal, erheblich unter Druck; dazu im Folgenden die Ausführungen von Professor Hans-werner Sinn. VW geht es nun einerseits um die Verminderung von Emissionen, die ja zweifelsfrei da sind. Andererseits geht es darum, alternative Antriebe zu entwickeln. Dennoch werden nach Erwartung des weltweit größten Autobauers auch 2025 drei von vier Neuwagen mit Benzin- oder Dieselmotoren angetrieben. „Aus unserer Sicht ist der moderne Diesel aber Teil der Lösung, nicht des Problems“, sagte VW-Chef Matthias Müller folgerichtig der „Automobilwoche“. VW erwägt seinen Worten zufolge eine Werbe- und Aufklärungskampagne zugunsten des Diesels, an der sich andere Hersteller beteiligen sollen.

Müller sagte dem Blatt weiter, eine Kampagne für die Selbstzünder solle am besten übergreifend erfolgen, weil nicht nur Volkswagen betroffen sei. Auch andere Hersteller bräuchten Diesel, um die staatlichen CO2-Ziele zu erreichen. Mit Blick auf drohende Fahrverbote in Innenstädten sagte er, es sei problematisch, Euro-5-Diesel „generell zu verdammen“. Sogar Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der die in Stuttgart gegen Dieselfahrzeuge laufende Hexenjagd nicht unterbindet, sei „durchaus offen“ dafür, Dieselmotoren nachzurüsten, anstatt Verbote auszusprechen.

Was Pofessor Hans-Werner Sinn den USA vorwirft

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Entstehung des Skandals, der als „Dieselgate“ in die Wirtschaftsgeschichtsbücher eingehen wird. In den USA wurden, wie Professor Hans Werner Sinn in der BÖRSE am Sonntag erläuterte: „Mit ihrer Umweltgesetzgebung betreiben die Amerikaner Handelsprotektionismus. Bei den Standards für die Stickoxide ging es um den Versuch, die angeschlagene amerikanische Automobilindustrie gegen den Import kleiner, schnelllaufender Dieselmotoren zu schützen, die sehr energieeffizient sind und nur einen geringen CO2-Ausstoß haben. Die Komplexität dieser Motoren beherrschen die US-Hersteller bis heute nicht.“

Und Sinn legte nach: „Es ist doch bemerkenswert, dass die Amerikaner ihre neuen Standards für Stickoxide im Jahr 2007 gesetzt haben, als die europäische Dieseloffensive in den USA begann. Die neuen US-Standards gingen weit über die damals gültigen europäischen Standards hinaus, und waren strikter als selbst die heutigen Euro-6 Standards. Interessanterweise verschärfte man die Standards aber nur für die kleinen Motoren mit geringem Verbrauch und geringem Schadstoffausstoß. Für die großvolumigen Dieselmotoren der amerikanischen Trucks, die man auch in den USA baut, gelten viel laxere Standards.“ Freilich gilt auch für Deutschlands profiliertesten Ökonom: „Dass VW dabei geschummelt hat, um die Motoren trotzdem verkaufen zu können, will ich damit nicht entschuldigen. Aber man sollte schon das ganze Bild sehen.“

Verklausulierte spätkommunistische Enteignungsphantasien

Wegen der wachsenden Kritik am Dieselmotor fürchtet die Autoindustrie um schon getätigte Milliardeninvestitionen in die Fortentwicklung dieser Antriebsart. Zuletzt war etwa bekanntgeworden, dass heutige Diesel-Autos laut Umweltbundesamt den EU-Grenzwert auf der Straße um ein Vielfaches übersteigen. Einer Forsa-Umfrage zufolge planen zudem nur noch zwei von fünf Diesel-Fahrern beim nächsten Autokauf die erneute Anschaffung eines PKW mit Dieselmotors. Die PR-Kampagne von interessengeleiteten Institutionen zeigt Wirkung. Ein großer erfolg zum Beispiel für die Deutschen Umwelthilfe, bei der man darüber nachdenken sollte, ob ihr die Gesundheit von Menschen nicht nur als Verhikel für verklausulierte spätkommunistische Enteignungspahntasien dient.

Gleichzeitig will Europas größter Autobauer zusammen mit mehreren Partnern Erdgas als alternativen Kraftstoff voranbringen, wie das Unternehmen laut dpa mitteilte. Bis 2025 solle zudem die Gas-Flotte hierzulande auf rund eine Million Fahrzeuge verzehnfacht werden, teilte Volkswagen mit. Die Zahl der CNG-Tankstellen – CNG steht für „Compressed Natural Gas“, Erdgas oder regeneratives Gas aus Öko-Strom – solle im gleichen Zeitraum von rund 900 auf 2000 steigen. Eine entsprechende Absichtserklärung unterschrieben VW, Gasnetzanbieter und Betreiber von CNG-Tankstellen.

Und was ist mit den E-Autos?

Bei dem ehrgeizigen Erdgas-Vorhaben von VW geht es nicht nur um Personenwagen, sondern auch um Lastwagen sowie den öffentlichen Nahverkehr in Städten und Kommunen. Wegen seiner kurzfristigen Verfügbarkeit sei Erdgas ein „wichtiger Baustein“ für die umweltfreundliche Mobilität der Zukunft, erklärte Ulrich Eichhorn, Leiter Forschung und Entwicklung bei Volkswagen. Was er damit unausgesprochen auch ausdrückt, ist, dass der allseits als Allheilmittel gepriesene Elektroantrieb zumindest zwei Nachteile hat, die bemerkenswert sind. Erstens tanken die überaus umweltbeflissenen E-Auto-Nutzer (un)gern auch mal Atomstrom. Denn das lässt sich kaum verhindern, wenn auf Reisen das E-Auto spätestens alle drei Stunden geladen werden muss. Und wo die Grenzen der Batterietechnologie derzeit sind, hat uns Samsung mit den explodierenden Akkus beim Telefon Galaxy Note 7 gezeigt.

Womit wir beim abschließenden Punkt wären. Rund 400 Kilometer Reichweite oder auch ein paar mehr haben E-Autos derzeit. Da lacht das Automobil des hier schreibenden Chefredakteurs der BÖRSE am Sonntag, das im übrigen auf den Namen „Mohrchen“ hört, nur leise vor sich hin. Rudolf Diesel sei Dank: 1.250 Kilometer mit einer Tankfüllung von 55 Litern sind drin. Und weil die Menge des benötigten Kraftstoffes überschaubar bleibt, ist davon auszugehen, dass der Name des putzigen, aber nie frischgeputzten Dreitürers nicht von möglichen Abgasen, sondern nur von der Farbe des Lacks herrührt. Und die ist Schwarz. Schwarz-Metallic.

Autor: Sebastian Sigler

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Disclaimer