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Chile: Die kapitalistische Alternative zu Venezuela in Lateinamerika*

Gastautor: Rainer Zitelmann
03.02.2019, 19:06  |  2249   |   |   

Chile und Venezuela sind die beiden Gegenmodelle in Lateinamerika. Chile steht für den kapitalistischen Weg, Venezuela für den sozialistischen Weg. Doch auch Chile hatte leidvolle Erfahrungen: Erst mit dem Sozialismus von Allende und später mit der Diktatur von Pinochet.

Ein sozialistisches Experiment in einem südamerikanischen Land hatte die Linke weltweit Anfang der 70er-Jahre in ähnlicher Weise fasziniert wie 28 Jahre später die Wahl von Hugo Chávez. Im September 1970 wurde in Chile der Kandidat der Unidad Popular, Salvador Allende, mit knappen 36,5 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Faszinierend war dies für viele Linke deshalb, weil erstmals ein strammer Marxist durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen war. Marxisten kamen bis dahin üblicherweise durch gewaltsame Revolutionen an die Macht oder wurden von der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt - so wie in der DDR oder Nordkorea.

Der Nährboden für den Erfolg von Allendes Bündnis Unidad Popular war die große soziale Kluft in der oligarchischen chilenischen Gesellschaft. Während die ärmsten zehn Prozent der Chilenen nur einen Anteil von 1,5 Prozent am Volkseinkommen hatten, betrug dieser Anteil bei den reichsten zehn Prozent 40,2 Prozent. Zudem litten die Menschen unter einer hohen Inflation, die im Jahr 1970 bei 36,1 Prozent lag.

Ähnlich wie in Venezuela: Staatssektor massiv ausgedehnt
Die erste Maßnahme des neuen Präsidenten war die Verstaatlichung der Kupferminen, der wichtigsten Einnahmequelle Chiles. Da die Sozialisten der Meinung waren, die von amerikanischen Firmen betriebenen Kupferunternehmen in Chile hätten in der Vergangenheit zu hohe Profite erzielt, bekamen diese nicht nur keine Entschädigung, sondern stattdessen noch nach ihrer Enteignung eine Rechnung präsentiert. Zügig wurden Banken und weitere Unternehmen verstaatlicht. Als Allende 1973 gestürzt wurde, lag der staatliche Anteil an der Industrieproduktion bei 80 Prozent. Die Mieten und die Preise für Grundnahrungsmittel wurden durch den Staat festgesetzt, die Gesundheitsversorgung kostenfrei angeboten.

Die sozialistische Regierung setzte vor allem auf den staatlichen Sektor. Die Beschäftigung beim Staat und in staatlichen Firmen weitete sich zwischen 1970 und 1973 um 50 bzw. 35 Prozent aus. Die Sozialausgaben stiegen in nur zwei Jahren real um fast 60 Prozent, was zur großen Popularität der Regierung beitrug. Finanziert wurde das alles durch Staatsschulden und eine Ausweitung der Geldmenge, nicht durch gestiegene Steuereinnahmen. Das Haushaltsdefizit wuchs allein 1971 im Vergleich zum Vorjahr von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf 9,8 Prozent. Während die öffentlichen Investitionen um über zehn Prozent stiegen, fielen die Investitionen in der Privatwirtschaft 1971 um fast 17 Prozent. Das ist kein Wunder. Private Unternehmer, die befürchten müssen, dass ihr Unternehmen enteignet wird, investieren natürlich nicht mehr. In den Jahren 1970 bis 1973 wurden insgesamt 377 Unternehmen in Chile verstaatlicht.

Die Verstaatlichungen waren wirtschaftlich ein Misserfolg. Fachkräfte und Manager wanderten ab, stattdessen wurden zahlreiche Politaktivisten eingestellt. "In vielen verstaatlichten Betrieben waren darüber hinaus Disziplinlosigkeit und Arbeitsausfälle zu verzeichnen. In Unternehmen, die noch nicht sozialisiert wurden, ergriffen Arbeiter selbst die Initiative und besetzten die Produktionsanlagen."

Zudem wurden 6,4 Millionen Hektar Land enteignet. Teilweise wurden Kollektive gebildet, wie man sie aus anderen sozialistischen Ländern kennt. Bauern, die in den 60er-Jahren von der Agrarreform profitiert hatten und Eigentümer geworden waren, mussten jetzt als Angestellte des Staates in landwirtschaftlichen Kollektiven arbeiten. In der Zeit von Allendes Herrschaft wurden täglich 5,5 Grundstücke enteignet oder besetzt und jeden zweiten Tag wurde ein Betrieb verstaatlicht oder besetzt. Die Produktionsleistung ging drastisch zurück, bereits 1972 musste Chile den Großteil seiner Exporterlöse für den Import von Lebensmitteln aufwenden.

"Insgesamt war die Wirtschaftspolitik der Unidad Popular ein Misserfolg. Das galt nicht nur für den Agrar- und Industriesektor, sondern insbesondere auch für die Finanzpolitik. Wie ihre Vorgänger wurde die Regierung der Inflation niemals Herr, ja verschärfte sie durch die großzügigen Staatsausgaben zunehmend." Es kam zu einer ähnlichen Entwicklung, wie drei Jahrzehnte später in Venezuela. Schon beim Amtsantritt von Allende hatte die Inflation 36 Prozent betragen, und sie stieg bis 1972 auf 605 Prozent.

Wie später im sozialistischen Venezuela kam es in Chile zu zahlreichen Protestaktionen. Während des fast einmonatigen Besuches des kubanischen Revolutionsidols und Staatsführers Fidel Castro in Chile organisierten Chileninnen einen "Marsch der Kochtöpfe", um gegen die schlechte Versorgungslage zu protestieren. Linke Aktivisten griffen die Demonstranten an. Im Oktober 1972 beteiligte sich eine halbe Million Kleinunternehmer, Bauern und Freiberufler an Protestaktionen gegen die Regierung.

Die Zeit der Militärdiktatur
Im September 1973 putschte das Militär gegen die sozialistische Regierung. Kurz bevor die Putschisten den Präsidentenpalast stürmten, beging Salvador Allende Selbstmord. General Augusto Pinochet errichtete eine Militärdiktatur. Die Pressefreiheit und andere demokratische Rechte wurden beseitigt, Oppositionelle verhaftet und gefoltert. Während Pinochet in der Innenpolitik also einen extrem autoritären und antiliberalen Kurs verfolgte, war seine Politik im ökonomischen Bereich überwiegend wirtschaftsliberal.

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Kommentare

Ja eben, das habe ich beim letzten Mal schon angefuegt, dass Venezuela in entscheidenden Merkmalen nicht 'sozialistisch' ist, ebensowenig wie die USA mit Gelddrucken ohne Ende, Oligarchenoligopolen und einem Deep State, der zunehmend auch die Wirtschaft durchdringt, nicht kapitalistisch. Venezuela hat extrem einflussreiche Oppositionsmedien, in den USA gibt es keinen einzigen MSM Sender oder Printmedium in Opposition zur US-Kriegspartei.

Nachdem bei genauerer Betrachtung nun die Reputation einst angesehener Institutionen, von der BBC ueber die UN bis Amnesty Interntional gegen Null geht, bin ich immer weniger bereit, einfache 0815 Argumente und eindimensionales Denken ohne genauere Ueberpruefung und unabhaengige Geisteslesitung zu akzeptieren. Leider haben sich die Zeiten sehr geaendert, Schein und Wirklichkeit sind inzwischen im Regelfall(!) zu Gegensaetzen geworden.
Du glaubst an den Sozialismus. Das, was da noch stattfindet, ist kein Sozialismus. Denk wenigstens mal drüber nach. Es reicht nicht zu behaupten, ein Sozialist zu sein.
Und wieder ein monokausaler Artikel. Tatsaechlich fehlen wesentliche Faktoren:

1. Der primaere Grund fuer den aktuellen Niedergang in Venezuela sind die Sanktionen und die Sabotage von innen und aussen, der zeitwichtigste der Oelpreis. Man kann das unmittelbar aus dem Vergleich der Oelproduktion mit Nachbar Kolumbien ablesen:
https://venezuelanalysis.com/files/images/%5Bsite-date-yyyy%…

2. Chile und Venezuela unterscheiden sich fundamental in der Zusammensetzung der Bevoelkerung. Die Mentalitaeten sind sehr unterschiedlich, hier eher europaeisch, dort eher karibisch.

3. Viele Veraenderungen sind externen Faktoren geschuldet. So war die Inflation in den 70er weltweit hoch, die Kindersterblichkeit ist ueberall stark gesunken, selbst in den Drecklochstaaten, etc.

4. Ein grosser Teil des Erfolgs von Chile und des Misserfolgs von Sozialisten basiert auf der Migration von Vermoegenden und Vermoegen. Das ist allerdings global gesehen ein Nullsummenspiel. Chile ist per se aufgrund von Klima, Mentalitaet der Bevoelkerung ein praedestiniertes Einwanderungsland. Der Erfolg des Kapitalismus liegt eben auch zu grossem Teil darin begruendet, Kapital von anderswo anzulocken, das haeufig ausgerechnet in sozialistischen Staaten erwirtschaftet wurde. So saugten USA/GB/CH/FR und andere Billionen aus Russland, China, Venzuela und anderswo ab.
Einem Irrtum unterliegt der Dr., aber wohl die meisten. Die Staaten, die sich bisher als sozialistisch oder kommunistisch bezeichnet haben, waren rein faktisch alles Monarchien. Es fing mit Lenin und Stalin an, die eigentlich selbst ernannte Zaren waren. Und so ging es weiter bis Honecker, Chavez, Maduro.

Dass diese Monarchen Geld ans Volk verteilen, ist nicht neu. Die früheren Könige haben ihre Untergebenen auch nicht verhungern lassen. Hauptziel war immer die eigene Macht und entsprechende Vorteile für die eigene Clique.

Tatsächlich kann Sozialismus nicht von Monarchen ausgehen. Dazu müssten alle Menschen ihr tiefstes Innerstes verändern. Das geht nicht in ein paar Hundert Jahren. Ich denke aber, dass die Roboterrisierung zum Sozialismus führen könnte, wenn's nämlich keine menschliche Arbeit mehr gibt.

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