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Immobilienverband-Präsident Michael Schick über Enteignungen: "Gefahr ist der Versuch, die Gesellschaft zu spalten"

16.04.2019, 11:42  |  7291   |   |   

Der Zorn einiger Mieter entlädt sich in Demonstrationen, bei denen die Enteignung von Großeigentümern gefordert wird. Der Präsident des Immobilienverbandes IVD, Jürgen Michael Schick, kann "den Unmut vieler Mieter nachvollziehen", winkt aber bei Enteignungen ab. Im Interview mit der wallstreet:online-Redaktion nennt er Maßnahmen, wie das Angebot an Wohnungen erhöht werden kann und welche Chancen sich Anleger im Immobilien-Sektor genauer ansehen sollten.

wallstreet:online: Herr Schick, wir haben zur Diskussion um Enteignungen von Wohnimmobilien-Unternehmen unter der Überschrift "Wohnungsmangel ungelöst: Berliner, hört auf, Eure irrwitzigen Enteignungs-Phantasien hinauszuposaunen!" geschrieben: "Von der Debatte um eine Enteignung von Immobilienunternehmen geht ein äußerst gefährliches Signal aus. Zudem wird das Problem, dass endlich mehr Wohnungen angeboten werden müssen, in keinster Weise gelöst". Inwieweit können Sie das nachvollziehen?

Michael Schick: Diese Sätze sind völlig korrekt und treffen den Kern der eigentlichen Debatte: Enteignungen sorgen für nicht eine neue Wohnung. Aber davon fehlen in Berlin derzeit mehr als 90.000. Die Debatte um Enteignungen und der Zuspruch, den diese Idee von Seiten mancher Politiker und Parteien erhält, senden eine negative Botschaft an Investoren und private Bestandshalter und Wohnungsbauer: Für Euch gilt das Grundrecht auf Eigentum nicht mehr. Das ist gefährlich, denn diese Botschaft legt die Axt an, was den Ruf Deutschlands als rechtssicheren Investitionsstandort betrifft. Unser Wachstum und unser Wohlstand hängen auch von diesem Ruf ab. Dabei besteht die einzige Lösung der Wohnungsnot darin, mehr zu bauen und Investitionen in den Wohnungsbau zu fördern. Die Enteignungsdebatte ist schlichtweg kontraproduktiv. Vor allem, wenn man weiß, dass mehr als 80 Prozent aller neuen Wohnungen in Deutschland von Privatinvestoren gebaut werden.

wallstreet:online: Könnten Sie bitte kurz erklären, an welchen Stellen Sie in der Immobilienwirtschaft wirken?

Michael Schick: Der Immobilienverband IVD ist die Berufsorganisation und Interessensvertretung der Beratungs- und Dienstleistungsberufe in der Immobilienwirtschaft. Der IVD betreut 6.000 Mitgliedsunternehmen mit gut 100.000 Beschäftigten. Die 1.800 Wohnungsverwalter im IVD verwalten rund 3,5 Millionen Wohnungen. Die 4.500 Immobilienmakler des Immobilienverbandes beraten jährlich rund 40 Prozent aller Immobilientransaktionen.

wallstreet:online: Neben der Debatte um Enteignung muss man festhalten, dass ein Teil der deutschen Mieter wütend über zu hohe Mietpreise ist. Inwieweit können Sie diese Wut nachvollziehen? Wie kann man entgegenwirken?

Michael Schick: Ich kann den Unmut vieler Mieter natürlich nachvollziehen. Wohnen ist schließlich ein Grundbedürfnis. In einem so reichen Land wie Deutschland sollte niemand Angst haben müssen, sich die Wohnungsmiete nicht mehr leisten zu können. Dieses Missverhältnis macht auch mich nachdenklich, ich bin auch ein Mieter.

Gefährlich ist, dass Teile der Politik diese Situation ausnutzen und die Gesellschaft versuchen zu spalten. Das kann man in Berlin ganz deutlich verfolgen. Dort steigen die Mieten, weil zu wenig Wohnungen auf dem Markt angeboten werden. Das ist so, weil die Berliner Landesregierungen der vergangenen 20 Jahre den Wohnungsbau sträflich vernachlässigt haben und immer noch vernachlässigen. Doch statt Verantwortung zu übernehmen, wird der Wohnungswirtschaft der schwarze Peter zugeschoben und Stimmung gegen sie gemacht. Das ist falsch und unehrlich. Was einzig hilft, ist das Angebot an Wohnungen zu erhöhen.

Die wichtigsten Maßnahmen müssen hierbei sein: Beschleunigung von Baugenehmigungsverfahren, Reduzierung und Vereinfachung der geltenden Bauvorschriften, steuerliche Förderung von Wohnungsneubau, Nachverdichtungen und Dachaufstockungen ermöglichen, Konzeptvergabe von Bauland in Bundeshand, Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes bei Mietwohnungsbau von 19 % auf 7 %. Und vor allem: eine neue Neubaukultur schaffen. Investoren einladen statt sie auszuladen.

wallstreet:online: Themenwechsel: Wir Börsenjournalisten sind auf der Suche nach Anlagechancen, ohne zu vergessen die jeweiligen Risiken zu erwähnen. Geben Sie uns bitte einen kurzen Einblick in die deutsche und internationale Immobilienwirtschaft: An welchen Stellen und in welchen Immo-Branchen entstehen in der nächsten Zeit die größten wirtschaftlichen Chancen? Welche Bereiche sollten sich Anleger genauer ansehen?

Michael Schick: Deutschland wird in den nächsten Jahren im globalpolitischen Kontext ein sicherer Hafen bleiben (bedenkt man, wie verunsichert die Welt durch Eurokrise, Brexit oder der "Donald Trump-Politik" ist).

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