Aktienrebell im w:o-Interview Was können Smart ETFs? Finanzexperte Jannes Lorenzen erklärt die "schlauen" Indexfonds

31.08.2020, 14:24  |  10635   |   |   

ETFs werden landauf und landab gerne als günstige Anlageform angepriesen – und das nicht nur für Einsteiger und Aktienmuffel. Der riesige Markt lässt Fondsanbieter kreativ werden. Sogenannte Smart Beta ETFs bilden nicht einfach nur einen Index ab, sondern sortieren den Index nach weiteren Kriterien, beispielsweise der Dividendenrendite. Finanzexperte und Aktienrebell Jannes Lorenzen erklärt das Konzept dieser ETF-Produkte im Gespräch mit wallstreet:online.

wallstreet:online: Herr Lorenzen, ETFs werden Privatanlegern seit Jahren als günstige, stabile und einfach verständliche Anlage empfohlen. Sie selbst haben vor Kurzem in Ihrem Blog erklärt, warum Sie in eine spezielle Art von ETF investiert haben. Was sind Smart Beta ETFs und wie unterscheiden sie sich von konventionellen Indexfonds?

Jannes Lorenzen: Ein konventioneller Indexfonds basiert in der Regel auf einem Index, der die größten Aktien aus einer bestimmten Region abbildet. Diese Aktien werden dann entsprechend ihres Börsenwerts gewichtet: Die größte Aktie im abgebildeten Aktienuniversum erhält den größten Anteil, die kleinste Aktie darin den kleinsten Anteil.

Sogenannte Smart Beta ETFs lösen sich von diesen Vorgaben und nutzen ein oder mehrere weitere Kriterien, um (a) die Auswahl der Aktien weiter einzugrenzen oder (b) die Gewichtung der Aktien nach anderen Kriterien als der Größe vorzunehmen, um dadurch potentiell bessere Renditen oder geringere Schwankungen zu erreichen.

wallstreet:online: Was sagen denn die harten Zahlen zum Vergleich Smart Beta vs. konventionelle ETF? Wer schneidet besser ab?

Jannes Lorenzen: Auf den ersten Blick schlagen nahezu alle Smart Beta ETFs das jeweils konventionelle Gegenstück. Dieses Bild ist aber stark verfälscht: Heute werden viele ETFs aufgelegt, die “smart” im Namen tragen. Dabei werden heute Strategien konstruiert und zurückgerechnet und diese theoretische Rendite als Nachweis geführt. Das sagt aber wenig darüber aus, ob die Strategie auch der Zukunft standhält.

Dazu kommt: Sobald ein Faktor aus der Mode kommt, werden Smart Beta ETFs (und auch viele aktiv gemanagte Investments) oft geschlossen und es wird der nächste Faktor gesucht, der zuletzt gut abgeschnitten hat. Durch diesen “Survivorship Bias” erweckt es den Anschein, als gäbe es nur Glücksgriffe bei Smart Beta ETFs. Der Eindruck täuscht aber: Die schlechten werden einfach nur aussortiert.

Es gibt aber einige Faktoren, auf denen Smart Beta ETFs beruhen, die tatsächlich langfristig und in unterschiedlichen Börsenphasen nachgewiesen wurden. Diese Smart Beta ETFs haben tatsächlich eine langfristig gut nachgewiesene Bilanz. Dies trifft aber keinesfalls auf alle Smart Beta ETFs zu.

wallstreet:online: Einer der Vorteile von ETFs liegt ja darin, dass Sie breit diversifiziert sind und man im Idealfall auch ohne detailliertes Börsenwissen etwas vom Rendite-Kuchen abbekommen kann. Stellt man dieses Prinzip nicht auf den Kopf, wenn man einen Index vorab filtert?

Jannes Lorenzen: Teilweise schon, teilweise aber auch nicht. In jedem Fall wird das Investieren in einen ETF dadurch komplexer und erfordert etwas mehr Hintergrundwissen. Auch die Diversifikation wird dadurch schwächer, aber nur marginal: Auch in guten Smart Beta ETFs sind oft hunderte Aktien aus unterschiedlichen Regionen und Branchen enthalten, was immer noch eine sehr gute Diversifikation darstellt.

Außerdem steckt auch hinter dem konventionellen ETF gewissermaßen eine Strategie: Dort werden Aktien, Branchen und auch Regionen nach ihrem Börsenwert gewichtet. Auch starke Kursanstiege führen dadurch zu höheren Anteilen im Depot. Das ist einfach, aber aus Rendite- und Risikosicht nicht zwangsweise auch die beste Variante, nur weil es heute der Standard ist.

wallstreet:online: Was müssen Privatanleger bei der Auswahl eines ETF beachten und welche Gewichtungs-Faktoren folgen tatsächlich einem nachvollziehbaren und erprobten Muster?

Jannes Lorenzen: Grundlegend gilt: Die Auswahl des Index steht vor der Auswahl des ETF, denn ein ETF kann nur so gut sein wie der Index, den dieser abbilden soll. Der Index sollte also zur eigenen Strategie, der Risikotoleranz und der geplanten Vermögensaufteilung passen. Kriterien, die dann bei der ETF-Wahl immer gelten, sind das Fondsvolumen (möglichst 50 - 100 Mio. und mehr) und eine möglichst geringe Tracking Differenz (anstelle fälschlicherweise nur auf die TER zu schauen). Bei der Replikationsmethode und der Ertragsverwendung gibt es kein richtig oder falsch, diese Kriterien sollten aber ebenfalls berücksichtigt werden.

Faktoren, die wissenschaftlich gut nachgewiesen sind, sind der Momentum-, Size- und der Value-Faktor. Smart Beta ETFs setzen diese dann in unterschiedlichen Ausprägungen um. Beim Size-Faktor werden die Aktien in einem Index bspw. gleich gewichtet, wodurch kleinere Aktien einen höheren Anteil als in der konventionellen Variante. Der Momentum-Faktor fokussiert sich auf Aktien, die zuletzt im Vergleich zum Markt stark abgeschnitten haben. Der Value-Faktor bildet Aktien ab, die in der Regel profitabel, aber aus der Mode gekommen sind. Gerade der Value-Faktor hatte über die letzten Jahre einen schweren Stand, was verdeutlicht, wie wichtig bei diesen Faktoren ein langfristiger Anlagehorizont ist.

wallstreet:online: Ob Nachhaltigkeit, Künstliche Intelligenz oder Automatisierung: Viele ETFs stürzen sich inzwischen auf solche Zukunftsthemen und versprechen zusätzliche Rendite. Wie vielversprechend schätzen Sie solche Trends ein?

Jannes Lorenzen: Solche Trends sehe ich grundlegend kritisch. Natürlich werden diese Bereiche wachsen und auch in Zukunft eine starke Rolle spielen. Das Problem: Das weiß die ganze Welt. Außerdem verkaufen sich diese Trends wahnsinnig gut, was die Preise nach oben treibt. Dementsprechend hoch sind in der Regel auch die Bewertungsniveaus in Zukunftsbranchen. Dazu kommt, dass die Zukunftstrends auch andere Unternehmen anziehen, was den Margendruck innerhalb der Branche erhöht und die Profitabilität senkt. Diese Effekte bei solchen Wachstumsaktien sind gut dokumentiert.

Beispielsweise der Aktienindex MSCI Global Climate, der Profiteure vom Klimawandel abbildet, hat seit 2005 eine um etwa 0,5 Prozentpunkte schlechtere Rendite als der konventionelle MSCI World geliefert. Während Anleger im MSCI World heute durchschnittlich das 22-fache der Jahresgewinne zahlen, zahlen sie im MSCI Global Climate das 30-fache. Die Bewertung ist also gut ein Drittel höher, was zeigt, dass heute hohe Erwartungen in den Kursen stecken. Sollten die Branchen wachsen, aber schwächer wachsen als erwartet, werden die Aktienrenditen enttäuschen.

Solche Investitionen in Branchen, Industrien und makroökonomische Entwicklungen sollten also gut überlegt sein und sind definitiv keine garantierten Gewinne, auch wenn Medien und Fondsgesellschaften diese gern so verkaufen. Wenn jemand speziell in Trends zum Klimawandel und Nachhaltigkeit investieren möchte, dann ist die Überzeugung zu diesen Themen entscheidender als die Hoffnung, dadurch bessere Renditen zu erzielen.

wallstreet:online: Herr Lorenzen, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion

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