Üppige Renditehoffnungen, Marktkommentar von Kai Johannsen

Nachrichtenagentur: news aktuell
18.09.2020, 22:25  |  190   |   |   
Frankfurt (ots) - Die Covid-19-Krise hat die Volkswirtschaften praktisch rund um
den Globus arg in Mitleidenschaft gezogen. Heftige Konjunktureinbrüche für das
zweite Quartal waren fast überall zu verzeichnen. Sieht man sich dagegen die
Lage auf den Kapitalmärkten an, so ist nicht überall ein Abbild von heftigen
Wirtschaftsturbulenzen ablesbar - so etwa an den Aktienmärkten.

Sie haben die dramatischen Kursverluste aus dem März fast komplett wieder
ausgebügelt, mancher Index, wie etwa das Nasdaq-Barometer, markierte wieder
Rekord. Das ist nicht gerade ein Abbild von Krise. Derartige Signale sind aber
beim Goldpreis zu beobachten, der in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich
zugelegt hat. Und auch Bundesanleihen und die US-Treasuries profitierten von der
Flucht der Anleger in sichere Häfen. Dass diese Assets Krisenbarometer sind, hat
sich auch schon in früheren Unsicherheits- und Krisenszenarien wiederholt
gezeigt. Und so mancher scheint angesichts von recht üppigen Renditeerwartungen
die Krise und ihre gravierenden Folgen, und zwar für viele Unternehmen,
womöglich noch ein wenig zu unterschätzen.

Der Investmentmanager Schroders hat nun eine weltweite Anlegerbefragung
vorgestellt, und danach haben die Investoren noch recht optimistische
Ertragserwartungen. Die jährlichen Gesamtertragserwartungen - also laufender
Ertrag und Kapitalzuwachs - für die Portfolios liegen bei Anlegern in Nord- und
Südamerika bei stattlichen 13,2 Prozent. Asiatische Anleger veranschlagen 11,5
Prozent, und die europäischen Anleger gehen von 9,4 Prozent aus. Etwas bedeckter
geben sich die Deutschen mit einer Erwartung von 8,4 Prozent.

Da schwingt natürlich auch immer ein wenig Hoffnung mit. Und so mancher Anleger
hofft wohl, dass die Unternehmen einigermaßen durch die Krise kommen und die
staatliche Unterstützung ausreichend helfen wird, dass die Firmen nicht
umkippen. Viele Investmentexperten und auch die Ratingagenturen stellen sich
allerdings darauf ein, dass die Default-Rate in Europa und auch in den USA und
anderswo in den kommenden Monaten wohl eher einen Weg nach oben einschlagen wird
denn nach unten. Das bedeutet: Kreditereignisse wie Zahlungsverzüge, Ausfälle
und folglich auch Insolvenzen werden vermehrt auftreten. Aus den erhofften bzw.
zugesagten Zinszahlungen wird dann nichts mehr, und derartige Bonds werden
logischerweise im Wert verlieren und nicht noch Zuwächse aufweisen. Ob vor
diesem Hintergrund die solide Performance des Aktienmarktes gerechtfertigt ist,
muss sich jeder selbst beantworten.

Dass die deutschen Investoren eher zurückhaltend sind, bestätigte in diesen
Tagen auch gleich eine zweite Studie. Sie kam aus dem Hause Union Investment.
Demnach bringt die Corona-Pandemie die deutschen Sparerinnen und Sparer nicht
aus dem Tritt. "Sie schauen weiterhin optimistisch auf ihre eigenen finanziellen
Verhältnisse, jedoch eher skeptisch auf die wirtschaftliche Entwicklung in
Deutschland", hält Union Investment nach einer Befragung der Finanzentscheider
in deutschen Haushalten fest.

Die Anleger würden überwiegend bei ihren bereits vor der Pandemie favorisierten
Geldanlagen bleiben. Umschichtungen von Vermögen stünden kaum auf dem Plan.
Immer mehr Menschen würden sich jedoch offen für aktienbasierte Geldanlagen
zeigen, vor allem Männer. Auch wünschten sie sich, dass Unternehmen mehr soziale
und ökologische Verantwortung übernehmen. Zur skeptischen Beurteilung der
Wirtschaftsentwicklung passt dann auch das Ergebnis der Schroders-Studie, wonach
die Deutschen bei ihren Ertragserwartungen zurückhaltender sind als Investoren
in anderen Regionen.

In wenigen Wochen wird sich zeigen, wo die Reise hingeht. Denn dann kommen nicht
nur harte makroökonomische Daten für das Sommerquartal herein, sondern die
Unternehmen legen auch ihre Bilanzwerke für die abgelaufenen drei Monate vor.
Fallen die Makrodaten und die Zahlen der Firmen enttäuschend und bei manchem
womöglich noch schwächer als im zweiten Vierteljahr aus und sollte dann auch
noch der Ausblick trüb bzw. pessimistisch sein, sollten die Anleger ihre
Ertragserwartungen vielleicht noch einmal überdenken. Denn dann sollte man sich
wirklich auf eine im vierten Quartal stärker werdende Default-Welle einstellen.
Und die wird an den Märkten Spuren hinterlassen. Die Frage ist doch nur: Wie
tief werden diese sein?

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