Von wegen Luxus Die griechische Renten-Lüge - So steht es wirklich um Griechenlands Rentner

18.06.2015, 14:45  |  12584   |   |   

Die griechischen Renten rücken in den Mittelpunkt des Schuldenstreits. Doch die Diskussion ist geprägt von statistischen Schlammschlachten und Unwahrheiten. Unterdessen nimmt die humanitäre Katastrophe in Griechenland weiter seinen Lauf.

Die Gespräche zwischen griechischer Regierung und den Gläubigern stecken in einer Sackgasse. Auch beim heutigen Treffen der Euro-Finanzminister rechnen selbst eingefleischte Optimisten kaum mit einem Durchbruch. Die Geldgeber beharren weiterhin eisern auf eine Kürzung der Renten, die griechische Regierung beharrt weiterhin eisern, genau das nicht zu tun.

Den schwarzen Peter haben dabei klar die Nein-Sager aus Athen. In der Tat scheint es schwer nachzuvollziehen, wie sich die griechische Regierung weigern kann, wo es ihren Rentner doch so gut geht. Immerhin müsse man in Griechenland gerade mal bis 56 schuften, in Deutschland dagegen fast zehn Jahre länger. So zumindest behaupten es die „Bild“-Zeitung und diverse andere deutsche Medien. Aber genau hier liegt das Problem: Diese Darstellung ist falsch. Tatsächlich beziehen sich die 56 Jahre ausschließlich auf die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Wie „Spiegel Online“ in einer Faktensammlung ausführlich darlegt, unterscheidet sich das Rentenalter zwischen Griechen und Deutschen weder in der Gesamtheit, noch im Detail. Bedeutet: Sowohl über alle Eintrittsgründe und Berufsgruppen hinweg, als auch im öffentlichen Dienst, liegen das deutsche und das griechische Renteneintrittsalter nahezu gleich auf. „Dieser Fakt macht aus einer falschen Erzählung eine perfide Mär“, kommentiert „SPON“.

Tsipras bezichtigt Kritiker der Renten-Lüge

Auch der griechische Regierungschef Alexis Tsipras kritisiert diese „Verzerrung der Realität durch die selektive Verwendung statistischer Parameter“ als ein „Rückgriff auf unlautere Methoden“. Im „Tagesspiegel“ meldet er sich mit einem Gastbeitrag zu Wort, um einen, wie er sagt, verbreiteten Mythos richtigzustellen: „Wer behauptet, deutsche Steuerzahler kämen für Löhne, Renten und Pensionen der Griechen auf, lügt.“

Sein Anliegen sei es nicht, Probleme zu leugnen, sondern aufzuzeigen, wo sie sich befinden und wie sie gelöst werden könnten. „Und um aufzuzeigen, warum die Kürzungsoffensive der letzten Jahre zu nichts geführt hat, außer in eine problemverschärfende Rezession.“ Auf den ersten Blick hätten sich die Staatsausgaben für Renten und Pensionen in Griechenland von 11,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2007 auf 16,2 Prozent im Jahr 2013 erhöht. Tatsächlich aber sei die statistische Erhöhung ausschließlich auf das Zusammenschrumpfen der Wirtschaftsleistung Griechenlands zurückzuführen. „Anders formuliert ergibt sich dieser Wert aus der Tatsache, dass das BIP Griechenlands viel schneller gesunken ist als die Renten“, schreibt Tsipras und stellt klar: Die Probleme dieses Systems rührten nicht aus dessen vermeintlicher Großzügigkeit, sondern seien das Ergebnis der harten Sparvorgaben. Nicht auf der Ausgaben-, auf der Einnahmeseite liege das Problem.

Ohne Renten erlischt das Leben in Griechenland

Eindringlich führt Tsipras die Bedeutung der Renten vor Augen. So stelle die Rente für viele Familien die einzige Einnahmequelle dar. „In einem Land, dessen Bevölkerung zu 25 Prozent arbeitslos ist, in einem Land, in dem die Hälfte aller jungen Menschen ohne Arbeit ist, kann das blinde Beharren auf Kürzungen nichts anderes bringen als die weitere Verschärfung der ohnehin dramatischen sozialen Lage."

Unterstützung bekommt Tsipras vom „Guardian“, der berichtet, nahezu 45 Prozent der 2,5 Millionen griechischen Rentner hätten monatlich weniger als 665 Euro zur Verfügung. Sie fielen damit unter die Armutsgrenze der EU. Verschärft wird dieser Zustand durch die Tatsache, dass die Rente darüber hinaus die Funktion einer Art Ersatz-Sozialhilfe erfülle, so „SPON“. In Griechenland gebe es weder Sozialhilfe, noch Hartz IV. Mehr als 90 Prozent der Arbeitslosen bekämen derzeit nicht einen Cent. „Jeder gekürzte Renteneuro fehlt dann nicht nur dem Rentner, sondern auch seinen Kindern und Enkeln. Nicht für Kino oder Café, sondern für Essen und Kleidung.“

Aufgrund dieser humanitären Katastrophe, die sich in Griechenland abspielt, sei seine Regierung entschlossen, das Überleben des Rentensystems zu sichern, so Tsipras. Dazu hätte man konkrete Vorschläge vorgelegt. Diese müssten eine langfristige Perspektive haben, und könnten unmöglich engen haushaltspolitischen Kriterien, etwa einer Kürzung der Ausgaben um 1 Prozent des BIP für 2016, unterliegen. Der griechische Regierungschef appelliert: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die obsessive Verwendung statistischer Parameter einen in den letzten Monaten herangereiften Kompromiss vernichtet. Es ist unsere Pflicht. Unser aller Pflicht.



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