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Wissenschaftliche Neidforschung Gibt es auch gutartigen Neid?*

Gastautor: Rainer Zitelmann
18.03.2019, 17:25  |  913   |   |   

Manchmal wird argumentiert, Neid müsse nicht unbedingt etwas Negatives sein, denn es gebe auch eine gutartige Form des Neides. Was sagt die wissenschaftliche Neidforschung dazu?

Helmut Schoeck wendet sich ausdrücklich gegen diese Auffassung. Der Neid gehöre zur menschlichen Existenz, aber fast alle Kulturen – etwa durch ihr Stammesethos – und alle Religionen hätten den Neid und den Neider verurteilt. „Er wird immer als Gefahr erkannt. Sehr selten, etwa in manchen Gedichten, wird Neid als Ansporn, als etwas Hohes oder Konstruktives angesprochen; es handelt sich aber dabei um eine falsche Wortwahl des Dichters, der ein agonales Phänomen meinte.

Der eigentliche Neider schließt sich von vornherein vom Wettbewerb aus.“

Neid sei ein Aggressionsgefühl, das sich seiner Impotenz bereits bewusst sei und von vornherein einen Teil der Aggression, ein gutes Maß der Pein, der Qual, leicht masochistisch, auf das Subjekt selbst lenke. „Man missgönnt den anderen ihre personalen oder materiellen Werte und ist in der Regel fast noch stärker daran interessiert, sie zu vernichten als sie selbst zu erwerben.“

Der Neider sei weniger an einer Überführung irgendwelcher Werte aus dem Besitz anderer an sich selbst interessiert. „Er möchte den anderen beraubt, enteignet, entblößt, gedemütigt, geschädigt sehen, er malt sich aber fast nie im Einzelnen aus, wie eine Übertragung der fremden Güter an ihn selbst möglich wäre. Der reine Typ des Neiders ist kein Räuber oder Schwindler in eigener Sache. Und wenn es sich beim Neid um persönliche Eigenschaften, um Können oder Ansehen eines anderen Menschen handelt, ließe sich ein Raub ohnehin nicht ausführen. Aber der Wunsch, der andere möge seine Stimme, seine Virtuosität, sein gutes Aussehen oder seine Tugend verlieren, lässt sich ohne weiteres hegen.“

 

Die These vom „gutartigen Neid“

Diese Auffassung blieb indes nicht unwidersprochen. Lange und Crusius unterscheiden zwischen „benign“ und „malicious“ envy, also zwischen gutartigem und bösartigem Neid. In manchen Sprachen werde zwischen beiden Arten des Neides unterschieden – so gebe es im Russischen die Unterscheidung von weißem und schwarzem Neid, im Deutschen zwischen Neid und Missgunst (wobei im Deutschen Neid gleichwohl der Oberbegriff für beide Formen des Neides ist). Gutartiger Neid resultiere in einer Motivation, den eigenen Status zu verbessern und bösartiger Neid in dem Wunsch, dem anderen etwas wegzunehmen oder dessen Status zu verschlechtern. Dispositioneller Neid, so die Autoren, sei: „[...] eine auf Vergleichen basierende Charaktereigenschaft, die zu Frustration führt, wenn eine Person mit einem höheren Standard konfrontiert wird [...] Im Allgemeinen ist das funktionelle Ziel des Neids, den Unterschied zwischen der eigenen und der beneideten Person zu nivellieren. Im Falle von gutartigem Neid versucht der Neider zum Beneideten aufzuschließen, während der Neider bei boshaftem Neid versucht, den beneideten Menschen herunterzuziehen.“

Die Autoren benennen drei häufig verwendete Tests bzw. Skalen, die Neid messen – am bekanntesten ist die Dispositional Envy Scale (DES). Sie kritisieren, dass diese Tests nicht zwischen beiden Arten von Neid unterschieden, sondern meist nur den bösartigen Neid messen. Sie haben daher eine eigene Skala mit zehn Fragen entwickelt, die es erlaubt, zwischen gutartigem und bösartigem Neid zu unterscheiden.

Typisch für Antworten zum gutartigen Neid ist etwa diese Aussage: „Wenn ich andere beneide, fokussiere ich mich auf die Frage, wie ich künftig ebenso gut werden kann.“ Typisch für Antworten zum bösartigen Neid ist etwa diese Aussage: „Ich wünschte, die mir überlegenen Personen sollten ihre Vorteile verlieren.“

Parrott unterscheidet zwischen „nicht-bösartigem“ und „bösartigem Neid“ („nonmalicious“ und „malicious envy“). Nichtbösartiger Neid bedeute, dass jemand sagt: „Ich wünschte, ich hätte das, was du hast.“ Dagegen bedeute bösartiger Neid, dass jemand sage: „Ich wünschte, du hättest das nicht, was du hast.“ Bösartiger Neid sei rein destruktiv: „Jemand mit bösartigem Neid wünscht sich, dass dem Beneideten das wunderschöne Auto gestohlen oder beschädigt werde, dass die Lichtgestalt entlarvt oder getötet werde, dass das schöne Gesicht verdeckt oder entstellt werde. Beim bösartigen Neid wird nicht notwendigerweise das begehrt, was der andere hat – sondern lediglich gewünscht, dass es dem anderen weggenommen wird.“

Die These, dass „gutartiger“ (benign) Neid eher einen Ansporn darstelle als Bewunderung für andere Menschen, vertreten Ven u.a. in dem Beitrag „Why Envy Outperforms Admiration“. Bewunderung für jemand anderen sei – anders als der schmerzvolle Neid – zwar ein gutes Gefühl, aber seltener Ansporn, um sich selbst zu verbessern. Zwar könne Bewunderung manchmal motivieren, räumen die Autoren ein, doch führe sie häufig zu Passivität. Bewunderung, die sich in der Anerkennung erschöpfe, wie außerordentlich gut ein anderer sei, führe eher zu einem passiven Verhalten. Von den drei Möglichkeiten des sozialen Aufwärts-Vergleichs (gutartiger Neid, bösartiger Neid, Bewunderung) motiviere am ehesten der gutartige Neid dazu, sich selbst zu verbessern.

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