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Vorurteile, Generalverdacht, Stereotype Wie reden wir eigentlich über die Minderheit der Reichen?

Gastautor: Rainer Zitelmann
10.06.2018, 11:35  |  3626   |   |   

Während mit Blick auf andere Minderheiten in den Medien eine hohe Sensibilität herrscht und stets eindringlich vor "Pauschalurteilen" und "Generalverdacht" gewarnt wird, gilt all dies für "die Reichen" nicht. Vorurteile und Stereotype über diese Gruppe werden verbreitet, ohne dass daran Anstoß genommen würde. Im Gegenteil. Es gehört in weiten Kreisen zum guten, politisch korrekten Ton, mit Herablassung über Reiche zu sprechen.

Im April 2016 wurden von einem internationalen Rechercheteam mit 400 Journalisten die sogenannten "Panama-Papers" veröffentlicht. Es ging dabei um Informationen über Briefkastenfirmen in Panama. Die "Süddeutsche Zeitung" sprach vom "größten Datenleck, das es je gab", wobei "Datenleck" eine euphemistische Formulierung für einen Hackerangriff auf die Daten der in Panama ansässigen Anwaltskanzlei Mosack Fonessca war. "Leak", so informierte die "Süddeutsche", heiße so viel wie "ein Datenleck, aus dem plötzlich die Wahrheit fließt".

Ob sich hinter den Briefkastenfirmen illegale oder überhaupt auch nur anrüchige Aktivitäten verbargen, blieb dabei offen. In der FAZ hieß es: "Greifbare strafrechtliche Vorwürfe - Briefkastenfirmen sind zunächst nicht illegal - sind bislang selten."

Die Frage der Legalität spiele jedoch keinerlei Rolle, so meinte ein Interviewpartner in der "Süddeutschen". Begründung: "Sklaverei war lange Zeit auch legal." Die Serie in der "Süddeutschen" hieß: "Die Geheimnisse des schmutzigen Geldes". Eine gehörige Brise Antikapitalismus dürfte natürlich nicht fehlen: "Briefkastenfirmen sind globalisierter Kapitalismus in Reinkultur."

Nun kann man durchaus davon ausgehen, dass Briefkastenfirmen häufig auch von Schwarzgeldwäschern, Drogenhändlern oder korrupten Politikern aus aller Welt benutzt werden. Auffällig war jedoch, dass in den Artikeln verallgemeinernd auf einmal "die Reichen" oder die "Superreichen" unter Generalverdacht gestellt und auf die Anklagebank gesetzt wurden: "Von den Reichen sparen lernen" lautete die große Überschrift der "Süddeutschen". Selbst in Regionalmedien war die Sache ein großes Thema. Die "Nürnberger Nachrichten" überschrieben ihren Artikel so: "In der Gier vereint. Was Despoten, Kriminelle und Reiche verbindet."

"Zur Hölle mit den Reichen"
Eine ähnliche Berichterstattung gab es, als das internationale Rechercheteam im November 2017 seine Enthüllungen mit der Veröffentlichung weiterer Informationen fortsetzte, die "Paradise-Papers" genannt wurden. Die Berichterstattung der Medien ähnelte jener zu den Panama-Papers. "Steuern zahlen nur Idioten und Arme" behauptete etwa Jakob Augstein in "Spiegel-Online". Der Artikel trug die Überschrift: "Zur Hölle mit den Reichen". Tatsächlich ist genau das Gegenteil richtig: Arme zahlen in Deutschland überhaupt keine Einkommensteuer. Und 50 Prozent der Steuerpflichtigen bezahlen nur 5,5 Prozent der Einkommensteuern. Dafür sind sie aber Bezieher zahlreicher Transferleistungen, die von den Besserverdienenden finanziert werden. Unter dem Strich erhalten sie aus der Steuerkasse also mehr als sie einzahlen.

Und wie ist es mit den Reichen, die laut Augstein angeblich keine Steuern zahlen? Das Gegenteil ist richtig: Das obere eine Prozent der Steuerpflichtigen zahlt in Deutschland mehr als ein Fünftel der gesamten Einkommensteuer (22,2 Prozent). Und die zehn Prozent der einkommensstärksten Haushalte zahlen mehr als die Hälfte (55,3 Prozent) der Einkommensteuern. Der Anteil an der Finanzierung des Staatshaushalts dieser Haushalte mit hohem Einkommen hat seit 2010 zugenommen. Augsteins Behauptung, nur "Idioten und Arme" zahlten Steuern, ist schlichtweg falsch.

Aber auch der durch die verallgemeinernden Formulierungen ("die Reichen") erweckte Eindruck, die meisten Reichen würden ihr Geld in Steuerparadiesen verstecken, wurde durch keine einzige Zahl belegt. In Hunderten Artikeln fand sich dazu nur eine einzige Information, nämlich in der "Süddeutschen". Dort hieß es: "Die Panama-Papers zeigen auch, welche Rolle Offshore-Firmen in der Welt der Superreichen spielen. Hunderte Millionäre und Milliardäre horten ihr Vermögen in Steueroasen-Konstrukten, die von Mosack Foneska stammen, darunter 29 Personen, die auf der Forbes-Liste der 500 reichsten Menschen der Welt genannt werden."

"Hunderte Millionäre und Milliardäre" - das klingt sehr viel. Aber wenn man bedenkt, dass es laut dem "World Ultra Wealth Report 2017" 226.450 Personen mit einem Nettovermögen von mindestens 30 Millionen Dollar gibt, dann sind "Hunderte" ein kleiner Prozentsatz, aber bestimmt nicht alle oder die meisten. Und wenn 29 der 500 reichsten Menschen dort Briefkastenfirmen haben, dann sind das knapp sechs Prozent. Da die "Süddeutsche" selbst einräumt, dass keineswegs hinter jeder Briefkastenfirma etwas Illegales oder auch nur Anrüchiges stecken müsse, kann man davon ausgehen, dass selbst von diesen sechs Prozent viele nichts getan haben, was irgendwie Anlass zur Kritik bieten könnte. Die ständigen Pauschalisierungen, mit der "die Superreichen" unter Generalverdacht gestellt wurden, haben offenbar keine Basis, sondern dienen dazu, bestehende Vorurteile gegen Reiche zu bestätigen.

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