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Medigene: Große Aufbruchsstimmung bei zellulären Immuntherapien

Gastautor: w:o Gastbeitrag
16.08.2018, 08:21  |  1875   |   

Immuntherapien sollen innovative und starke Therapieansätze gegen Krebserkrankungen werden. Mit Medigene mischt auch ein deutscher Vertreter in dem Zukunftsmarkt kräftig mit. Bei den Süddeutschen ist jüngst ein neuer Investor eingestiegen. Weitere interessante Nachrichten stehen an: Die Arbeiten im Rahmen der Kooperation mit bluebird bio, eigene klinische Studien mit MDG1011 und auch ein möglicher US-Börsengang sind Themen der nächsten Zeit. Im Interview mit unserer Redaktion stellt sich Medigene-Finanzvorstand Thomas Taapken den Fragen zur Zukunft von Medigene und der Immuntherapien.

Thomas Taapken, CFO Medigene

Medigene hat sich in den letzten vier Jahren seit der Trianta-Akquisition mehr und mehr auf die Entwicklung personalisierter, T-Zell-gerichteter Immuntherapien gegen Krebserkrankungen spezialisiert. Viele Menschen dürften mit Immuntherapien wenig anfangen können. Können Sie kurz erläutern: Wie funktioniert der Ansatz, was sind seine Besonderheiten, Chancen und Risiken?

Taapken: Bei Medigene nutzen wir die Kraft lebender T-Zellen, um die körpereigene Abwehr gegen Krebs zu aktivieren. T-Zellen sind weiße Blutkörperchen, die eine zentrale Rolle im Immunsystem spielen. Sie haben den Auftrag, vom Körper als „fremd“ erkannte Eindringlinge, z.B. Krankheitserreger, zu identifizieren und zu bekämpfen. Doch körpereigene Krebszellen werden von ihnen nicht als „fremd“ erkannt und daher normalerweise nicht angegriffen. Mit unserer TCR-Technologie aktivieren, präparieren und „trainieren“ wir T-Zellen, um solche Tumorzellen gezielt aufzuspüren und zu vernichten. Hierfür rüsten wir die körpereigenen T-Zellen des Patienten mit spezifischen T-Zell-Rezeptoren (TCRs) gegen Erkennungsmuster, sogenannten Antigenen, des Tumors aus. Die modifizierten T-Zellen sind dann in der Lage, Tumorzellen zu entdecken und effizient zu zerstören. Ein weiterer Vorteil dabei sollte sein, dass diese Immunzellen im Patienten in der Regel lange überleben, möglicherweise sogar für den Rest seines Lebens.

Bei dieser gezielten Aktivierung, Stimulation, Stärkung und Verbesserung der Spezifität von T-Zellen handelt es sich um einen hochinnovativen Therapieansatz, der das Ziel verfolgt, eine effektive, langanhaltende Bekämpfung selbst großer und fortgeschrittener Tumore zu ermöglichen.

Medigene ist nicht das einzige Unternehmen, das solche Immuntherapien zur Behandlung von Krebserkrankungen erforscht. Was machen Sie anders als die Konkurrenz?

Taapken: Medigene ist das einzige Unternehmen in Deutschland und gehört zu den wenigen in Europa, die TCR-Therapien entwickeln. Medigenes TCR-Technologie bietet im Vergleich zu anderen TCR-Ansätzen besondere Vorteile: So handelt es sich bei uns um natürlich vorkommende TCRs, die sehr gut charakterisiert und im Vorfeld ausgiebig getestet werden. Auch können wir TCRs gegen unterschiedliche Tumorantigene liefern, von allgemeinen Tumorantigenen bis zu patientenindividuellen, sogenannten Neoantigenen. Dies ist möglich durch unsere automatisierte Hochdurchsatzscreening-Methode, mit der wir T-Zell-Rezeptoren aus gesunden Spendern isolieren, und die aus unserer Sicht einzigartig ist. Durch unsere Plattform-Technologie können wir auch ganz systematisch für verschiedene Bevölkerungsgruppen, die zum Beispiel andere HLA-Typen als das am häufigsten vorkommende HLA-2A aufweisen, relativ schnell maß­geschneiderte TCRs entwickeln. Auch das ist ein großer Wachstumsmarkt.

In den letzten Monaten hat eine andere Zell-Therapie viel von sich reden gemacht. Erstmals wurden so genannte CAR-T-Therapien in den USA zur Vermarktung zugelassen. In Europa und Deutschland werden entsprechende Zulassungen in den nächsten Wochen erwartet. Worin besteht der Unterschied zwischen CAR-Ts und TCR-Ts?

Taapken: In beiden Therapieansätzen, bei CAR-Ts und TCR-Ts, werden T-Zellen mit bestimmten Rezeptoren versehen, um Krebszellen zu erkennen und zu bekämpfen. Bei aller Ähnlichkeit gehen wir aber davon aus, dass TCR-Ts entscheidende Vorteile gegenüber CAR-Ts aufweisen, sowohl was die Breite der Anwendung, als auch was die Sicherheit und möglicherweise die Wirksamkeit betrifft. CAR-Ts können nur Proteine auf der Zelloberfläche erkennen und damit nur ca. 30 Prozent des humanen Proteoms. Ca. 70 Prozent des humanen Proteoms liegen jedoch im Inneren einer Zelle. Diese intrazellulären Proteine können, „kleingebrochen“ als Peptide, von MHC-Molekülen auf der Zelloberfläche den Rezeptoren der T-Zellen präsentiert werden. Die Erkennung zwischen dem MHC-Peptid-Komplex und dem T-Zellrezeptor ist sehr sensibel. Dadurch ergibt sich eine viel breitere Anwendbarkeit von TCR-Ts bei verschiedensten Krebsarten.

Bei TCR-Ts wird ein neuer T-Zell-Rezeptor in eine Zelle eingebracht, die Zelle verwendet aber bereits solche Rezeptoren. Das bedeutet, dass die Signalwege, die an T-Zell-Rezeptoren gekoppelt sind, alle unabhängig und parallel funktionieren. Daher gibt es mehr Regulierung, potenziell mehr Wirkung und möglicherweise einen insgesamt sichereren Ansatz. CARs bestehen aus unterschiedlichen Teilen, die Zellen mit dem Antikörpermolekül physisch in Kontakt bringen und die mit einer künstlichen Signalisierungsdomäne verschiedene Signalpfade ansprechen. Es ist schwieriger, die Aktivität mit so einem Konstrukt zu regulieren. Die Zeit wird zeigen, ob es eine bessere Regulierung und weniger Nebenwirkungen mit TCR-basierten Ansätzen geben wird.

Für Medigene ist bluebird bio ein sehr wichtiger Partner bei der Entwicklung der Immuntherapien mit tumorspezifischen T-Zellrezeptoren (TCR). Vor einigen Tagen kam nun die Meldung, dass Regeneron Pharmaceuticals bei bluebird mit 100 Millionen Dollar einsteigt und beide Unternehmen an neuen TCR-basierten Krebstherapien forschen wollen. Was hält man bei Medigene von dieser Zusammenarbeit?

Taapken: Bluebird bio und Regeneron sind Firmen mit interessanten und erfolgversprechenden wissenschaftlichen Ansätzen und Technologien, die die beiden Firmen nun gemeinsam nutzen wollen. Es herrscht große Aufbruchsstimmung in dem Bereich der zellulären Immuntherapien, deswegen verwundert es uns nicht, wenn Firmen zusammenarbeiten wollen, denn der Aufwand bei der Entwicklung ist immens und macht Allianzen notwendig.

Sind die sechs Projekte von Medigene und bluebird von diesem Deal zwischen bluebird und Regeneron betroffen?

Taapken: Nein, dieser neue Deal verringert die Zusammenarbeit mit bluebird bio in keinster Weise. bluebird bio steht unvermindert dazu und ist mit der Zusammenarbeit mit Medigene sehr zufrieden, wie uns das Management nicht nur im Rahmen der Regeneron-Ankündigung bestätigt hat. Die erst kürzlich erfolgte signifikante Erweiterung unserer Partnerschaft durch bluebird bio spricht für sich selbst.

Besteht für die Kooperation zwischen Medigene und bluebird nach der Erweiterung von vier auf sechs Zielmolekülen noch weiteres Potenzial für einen Ausbau?

Taapken: Ich würde sagen, wir arbeiten erst einmal an den jetzt anstehenden Aufgaben mit den sechs Zielmolekülen sowie an unseren Medigene-eigenen TCR-Programmen. Für weitere Vorhersagen ist es jetzt noch ein bisschen früh.

Bei der jüngsten Kapitalerhöhung ist mit Tongyang Networks ein koreanisches IT-Unternehmen zum größten Medigene-Einzelaktionär geworden. Wie kam diese doch eher ungewöhnliche Konstellation zustande? Wie entstanden die Kontakte?

Taapken: Die erste Kontaktaufnahme mit Tongyang fand schon über ein Jahr vor dem Einstieg auf einer Konferenz statt. Tongyang ist ein Mischkonzern aus Südkorea, der die strategische Entscheidung getroffen hat, sich auch in Richtung Healthcare zu diversifizieren. Dazu haben sie einen Investmentfonds eingerichtet und Leute eingestellt, die sich in der Branche auskennen, um die Investmententscheidungen zu treffen. Es gab mehrere Treffen zwischen den Teams und dem Management. Offenbar so überzeugend, dass Tongyang ein großes, langfristiges Investment eingehen wollte.

Verfolgt Tongyang Networks strategische langfristige Ziele mit dem Investment in Medigene, oder sieht ihr Ankeraktionär die Beteiligung als reines Finanzinvestment?

Taapken: Für Tongyang spielt unter anderem das Potenzial unserer TCR-Technologie, maßgeschneiderte Krebsmedikamente für verschiedene HLA-Bluttypen und damit für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu entwickeln, eine wichtige Rolle. Dabei haben sie langfristig auch asiatische Patienten im Auge. Diese Motivation geht über ein reines Finanzinvestment weit hinaus, auch wenn dieser Aspekt ebenfalls einen wichtigen Baustein im Rahmen der Wachstumsstrategie ihres Unternehmens bildet.

Können Sie von diesem Engagement profitieren?

Taapken: Es ist immer gut, langfristig orientierte Ankeraktionäre zu haben, das verringert die Volatiliät der Aktie. Wenn Tongyang Medigene beim Eintritt in den asiatischen Markt helfen kann, sollten wir auch kommerziell davon profitieren.

Nach der Kapitalerhöhung ist Medigene für mindestens zwei Jahre finanziert, heißt es. Zugleich dürften klinische Studien in fortgeschrittenen Stadien zukünftig noch viel Geld kosten und müssen finanziert werden. Wäre der Gang an die US-Börse mit einem ADR-Programm für Medigene in den nächsten Jahren die nächste Option?

Taapken: Die USA sind der wichtigste Markt für Therapien wie die unseren, deswegen sollen über kurz oder lang auch klinische Studien dort stattfinden, denn diese sind Voraussetzung für eine Marktzulassung in den USA. Sie kosten auch viel Geld, das ist richtig, deswegen beobachten und evaluieren wir die Möglichkeiten eines US-Börsengangs genau. Es ist hierzu aber noch keine konkrete Entscheidung gefallen, aber so ein Vorhaben werden wir natürlich rechtzeitig ankündigen.

Eine erste Medigene-eigene klinische Phase I/II Studie hat begonnen. MDG1011 soll in der Behandlung von Blutkrebserkrankungen erprobt werden. Dennoch verhandeln Sie mit den Behörden weiter über das Studienprotokoll in Sachen Vereinfachung der Patientenrekrutierung. Welche Schwierigkeiten gibt es da zu überwinden?

Taapken: Keine Schwierigkeiten, sondern künftige Erleichterungen sind Gegenstand der Überlegungen. Es ist nichts Ungewöhnliches, auch während einer bereits angelaufenen Studie den Dialog mit den regulatorischen Behörden fortzusetzen und sich auf größere oder kleinere Anpassungen beim Studiendesign oder einzelnen Prozessen zu einigen. Dies gilt insbesondere für innovative Therapien. Unsere TCR-Studie ist immerhin die erste dieser Art in Deutschland und regulatorische Standards werden hier gerade erst geschaffen. Das ist natürlich auch eine große Chance für Medigene, da wir im engen Dialog mit den Behörden Möglichkeiten einer Mitgestaltung haben. Bei den Änderungen im Studienprotokoll, über deren Planung wir im Rahmen des Halbjahresberichts Anfang August berichtet haben, geht es um die Zusammensetzung der Dosiskohorten. Das ursprüngliche Studienprotokoll sieht vor, dass jeweils genau ein Patient der drei Blutkrebsarten in eine Kohorte von jeweils drei Patienten eingeschlossen werden muss. Wir haben vorgeschlagen, dies künftig flexibler zu handhaben, indem mindestens ein Patient mit multiplem Myelom und mindestens ein Patient mit akuter myeloischer Leukämie (AML) oder ein Patient mit myelodysplastischem Syndrom (MDS) in jeder Dosiskohorte vertreten sein soll. Damit soll eine größere Flexibilität und Geschwindigkeit für die Komplettierung einer Dosiskohorte erreicht werden.

Zwischen der Isolation von T-Zellen des Patienten und der Behandlung mit MDG1011 vergehen rund sechs Wochen. Was passiert in der Zwischenzeit?

Taapken: Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML), myelodysplastischem Syndrom (MDS) oder multiplem Myelom (MM) werden unter anderem zunächst auf den passenden HLA-Status untersucht – das ist eine bestimmte Zusammensetzung von Genen – und daraufhin, ob ihre Tumorzellen das Antigen PRAME aufweisen. Sind diese Grundvoraussetzungen sowie weitere Einschlusskriterien erfüllt, kann der Patient in die Studie aufgenommen werden. Als erster Schritt erfolgt dann eine Apherese, die Isolierung der patienteneigenen T-Zellen. Diese werden dann mit Medigenes spezifischem PRAME-TCR ausgestattet und anschließend vermehrt. Dies dauert zwei bis drei Wochen. Darauf folgen umfassende Qualitätsprüfungen des Zelltherapieprodukts, diese dauern auch ca. zwei Wochen. Dann wird der Patient zunächst mit einer vorbereitenden Chemotherapie und dann einmalig per Infusion mit MDG1011 behandelt.

Wurden bereits erste Patienten im Rahmen der Studie tatsächlich behandelt, oder ist die Behandlungsphase noch nicht erreicht?

Taapken: Die Patientenaufnahme in die erste Dosiskohorte und die Produktion des personalisierten Zellprodukts haben begonnen, über die erste erfolgte Behandlung mit unserem therapeutischen Kandidaten MDG1011 werden wir dann separat berichten.

Wann ist mit ersten belastbaren Ergebnissen aus der Studie mit MDG1011 und aus der Phase-II-Studie mit dendritischen Zellimpfstoffen, bei der ja die Patientenrekrutierung Ende 2017 abgeschlossen wurde, zu rechnen?

Taapken: Bei der ersten Phase von MDG1011 geht es zuallererst um Durchführbarkeit und Sicherheit, dabei sollte auch die passende Dosis für die 40 zu behandelnden Patienten in der zweiten Phase gefunden werden. Weitere 40 Patienten werden im Phase II-Teil als Kontrollgruppe in die Studie aufgenommen und mit einer anderen verfügbaren Therapie nach Wahl des behandelnden Arztes therapiert. Eine Kontrollgruppe in so frühem Stadium ist durchaus eine Besonderheit im Vergleich zu Zelltherapie-Studien anderer Unternehmen und Institutionen, von der wir uns eine weitere Aussagekraft erwarten.

Wir gehen davon aus, dass wir die Phase I im Jahr 2019 abschließen können und bis dahin immer wieder über den Fortlauf der Studie berichten werden. Mit belastbaren Ergebnissen zur Wirksamkeit rechnen wir, wenn der zweite Studienteil abgeschlossen ist. Wir planen jedoch, bereits im Lauf der Studie, z. B. auf wissenschaftlichen Konferenzen, über Aspekte oder vorläufige Daten zu berichten, soweit dies aus wissenschaftlicher Sicht vertretbar ist.

Zur Studie mit den dendritischen Zellimpfstoffen können wir feststellen, dass im November 2018 alle Patienten mindestens ein Jahr Behandlung erhalten haben werden. Medigene wird dann entscheiden, ob Zwischenergebnisse zu klinischen Daten auf einer wissenschaftlichen Konferenz 2019 präsentiert werden können. Endgültige Daten sollten Ende 2019 vorliegen.

Können Sie uns einen Ausblick geben, wohin sich die zellulären Immuntherapien hin entwickeln werden?

Taapken: Kommerziell sind die Preise für diese Therapien derzeit noch hoch, hauptsächlich aufgrund des individualisierten Herstellungsprozesses, aber wir können davon ausgehen, dass im Laufe der Zeit die Automatisierung und Dezentralisierung bei der Herstellung zellbasierter Therapien alltäglicher werden. Darüber hinaus könnte es möglich werden, Patienten mit weniger, aber stärkeren Zellen zu behandeln.

Wir forschen auch daran, wie die Eigenschaften zukünftiger zellulärer Produkte noch verbessert werden können. Potentielle Nebenwirkungen sind immer noch ein Problem bei zellulären Immuntherapien, daher arbeiten wir an Methoden, um die T-Zell-Aktivität besser kontrollieren zu können, zum Beispiel durch induzierbare T-Zell-Rezeptoren, die man im Patienten ein- und ausschalten kann, je nach Bedarf. Wir planen, auf wissenschaftlichen Konferenzen in naher Zukunft erste Ergebnisse zu diesen neuen Ansätzen zu präsentieren.

Das Interview ist eine Kooperation von wallstreet-online mit der Redaktion von www.4investors.de.

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