Crowdinvesting Junges Unternehmertum braucht keine Bank, sondern die Crowd

22.10.2018, 18:14  |  679   |   |   

Eine halbe Milliarde Euro: Diese Schallmauer hat das in Deutschland investierte Crowdinvesting-Volumen zur Jahresmitte durchbrochen. Es dürfte keine zwei Jahre mehr dauern, bis die Milliardenmarke geknackt ist. Die größte Dynamik kam in den letzten Monaten aus dem Immobilienbereich. Doch Monat für Monat gibt es auch Unternehmen, die sich über die Crowd frisches Kapital zum Investieren besorgen - insgesamt schon deutlich über 200 Millionen Euro.

Freilich: Verglichen mit den Krediten in Höhe von 1,4 Billionen Euro, die deutsche Banken an Unternehmen im Inland vergeben haben, mag das auf den ersten Blick wenig beeindrucken. Doch entscheidend ist die Dynamik - und die Qualität. Denn so manches erfolgreiche junge Unternehmen wären ohne die Crowd vielleicht nicht so erfolgreich gewesen. Und so mancher Jungunternehmer ist von der restriktiven Haltung und dem bürokratischen Gebaren seiner Hausbank bei der Kreditvergabe enttäuscht. Das betrifft längst nicht nur die Start-ups aus der Digitalwirtschaft. Auch Unternehmen mit einer "analogen" Idee, die damit bereits seit zwei oder drei Jahren erfolgreich am Markt sind und nun Kapital für die weitere Expansion benötigen, fühlen sich allzu oft von ihrer Bank im Stich gelassen.

Banken sind zu kompliziert, zu bürokratisch und zu restriktiv
Dahinter steckt weder böser Wille von Banken und Sparkassen noch eine übertrieben hohe Risikoaversion bei der Kreditvergabe. Die Kreditinstitute sind vor allem aus regulatorischen Gründen zu immer komplexeren Verfahren bei der Darlehensbewilligung gezwungen. Drei Jahre Bilanz, ein weit in die Zukunft blickender Businessplan, ein dickes Eigenkapitalpolster, persönliche Bürgschaften, im Idealfall sogar ein gutes Rating - welcher Jungunternehmer kann das alles liefern? Vor allem in den ersten drei Jahren fällt es jungen Unternehmen deshalb schwer, klassische Bankdarlehen aufzunehmen. Für diese Fälle gibt es zwar die Förderbanken. Doch auch deren Förderprogramme sind zumeist sehr komplex zu beantragen. Für junge Gründer voller Begeisterung für ihre Geschäftsidee ist dieser bürokratische Aufwand wenig attraktiv.

Die Crowd ist alles andere als ein Auffangbecken für Unternehmen, die bei den Banken keine Finanzierung erhalten. Über die Qualität und Zukunftsfähigkeit dieser Unternehmen sagt das noch nichts aus; stattdessen ist sogar das Gegenteil der Fall: Studien belegen, dass Unternehmen, die sich zumindest zum Teil über Crowdinvesting finanzieren, die ersten Jahre nach ihrer Gründung häufiger überleben. Dafür gibt es einige Gründe in Form handfester Vorteile der Crowd, die den Unternehmen keine Bank bieten kann.

Die Crowd bringt mehr als frisches Kapital
In der Regel mögen Crowdinvestoren - anders als der Firmenkundenbetreuer der Bank oder Sparkasse - keine drögen Businesspläne. Die Crowd möchte von spannenden Ideen und Produkten begeistert werden - und von Unternehmern, die diese Begeisterung vorleben und andere damit anstecken. Das ist ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor. Crowdanleger blicken von außen auf das Unternehmen und sein Produkt. Für den Unternehmer bringt diese Perspektive von außen oftmals neue Ideen und Anhaltspunkte für Verbesserungen - oder sie signalisiert im schlimmsten Fall frühzeitig den Zeitpunkt für einen Abbruch. Bei der Schwarmfinanzierung muss der Unternehmer eine relativ breite Masse - zum Teil sogar potenzielle Kunden - von seinem Produkt überzeugen, und nicht den Sachbearbeiter seiner Bank und dessen Vorgesetzten. Eine Crowdfinanzierung ist damit auch eine Rückbestätigung vom Markt.

Die Crowd hilft außerdem beim Netzwerken. Crowdinvestoren beobachten die Entwicklung "ihres" Unternehmens beziehungsweise des Produktes nicht aus kritischer Distanz, sondern mit Wohlwollen und Begeisterung, bis hin zu eigenem Engagement. Manche sind selbst gut vernetzt und kennen die Branche des Unternehmens, in das sie investieren. Mangelnde Vernetzung ist ein gar nicht so seltener Grund für das Scheitern junger Unternehmen. Und schließlich schafft eine Crowd-Kampagne Aufmerksamkeit - und damit Bekanntheit und Reichweite sowie ein modernes, positives Image. Ein beinahe kostenloser Werbeeffekt, der manchen Unternehmen mindestens genauso wichtig wie die eigentliche Kapitalbeschaffung ist.

Mehr als 1500 Unternehmen in Deutschland haben seit 2011 durch Crowdinvesting Kapital für Investitionen in Idee und Wachstum aufgenommen und damit viele Tausend Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten. Zumindest ein Teil davon wäre ohne die Crowd und allein durch Bankdarlehen wohl nicht realisiert worden. Das sollte auch der Gesetzgeber bei der Ende 2018 anstehenden Revision des Kleinanlegerschutzgesetzes nicht vergessen.



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