Neue Technologie für neue Märkte Bei einer ist Warren Buffett bereits Hauptaktionär: Die spannendsten Emerging-Markets-Aktien

11.02.2020, 15:54  |  29172   |   |   

Die Emerging Markets holen auf. Während früher halbstaatliche Unternehmen aus dem Industrie- und Rohstoffsektor den Ton angaben, wurden sie mittlerweile von wachstumsstarken Techkonzernen abgelöst.

Emerging-Markets-Aktien sind derzeit günstig bewertet – keine Frage. Der Handelskrieg und die damit einhergehenden Konjunktursorgen belasteten insbesondere die Industrie- und Rohstofftitel aus den Schwellenländern. Wenig bremsen konnten die eingetrübte Stimmung jedoch die Wachstumsraten bei vielen Technologietiteln, die teilweise auf den Spuren ihrer westlichen Pendants wandeln. Im Folgenden wollen wir Ihnen einige der spannendsten Emerging-Markets-Aktien vorstellen, die signifikantes Wachstum zu einer vernünftigen Bewertung bieten und dabei keine große Abhängigkeit von den Exportmärkten aufweisen.

Buffetts Fintechwette
Ein Beispiel dafür ist die Aktie der brasilianischen StoneCo. Das erst seit 2018 börsennotierte Fintechunternehmen aus São Paulo entwickelt und betreibt eine Softwareplattform, über die Unternehmen Online- und mobilen Zahlungsverkehr sowie flankierende Dienstleistungen abwickeln können. Mit seinem Ansatz einer cloudbasierten Plattform hat sich das junge Unternehmen innerhalb von lediglich fünf Jahren zum größten bankenunabhängigen Acquirer (Unternehmen, die Zahlungen für Kreditkartenunternehmen annehmen) in Brasilien entwickelt.

Da der bargeldlose Zahlungsverkehr in Brasilien derzeit mit zweistelligen Wachstumsraten zulegt, ist StoneCo in einer idealen Position, einen guten Teil dieses gerade erst entstehenden Markts zu besetzen. Im dritten Quartal 2019 konnte die Kundenzahl im Jahresvergleich um beeindruckende 83% gesteigert werden, das abgewickelte Zahlungsvolumen um 60% auf 115 Mrd. BRL (brasilianische Real; entspricht ca. 25 Mrd. USD). Die sogenannte Take Rate – also der Prozentsatz, den man an den abgewickelten Zahlungen verdient – konnte dennoch um 0,11% auf 1,87% gesteigert werden. Zwar ist die Aktie mit einem geschätzten KGV von 42 für 2020 nach klassischen Kriterien nicht wirklich günstig – die Marktposition und die Möglichkeit, das margenstarke Geschäft (Nettomarge von rund 30%) weiterhin mit derartigen Wachstumsraten zu steigern, scheint jedoch auch auf Buffetts Kollegen Ted Weschler einen so guten Eindruck zu machen, dass Berkshire Hathaway nun mit rund 5% neben den Gründern zu den Hauptaktionären des Unternehmens zählt.

Lateinamerikas Amazon
In Argentinien beheimatet und ebenfalls im Zahlungsdienstleistungsgeschäft tätig ist die Onlineplattform MercadoLibre. Das Unternehmen ist quasi die südamerikanische Antwort auf Amazon und PayPal aus einer Hand. Aus den Anfängen als Onlinehändler erwuchs in den vergangenen Jahren ein Marktplatz für Drittanbieter (MercadoLibre) mit angegliedertem Zahlungssystem (Mercado Pago), Online-Kreditvergabe für Konsumentenkredite (Mercado Crédito) und Logistiksystem (Mercado Envíos). All diese Komponenten stellen einen enormen „Moat“ (Burgraben) für das wachstumsstarke Geschäft dar, gerade in den lateinamerikanischen Märkten, in denen die Logistik und die Zahlungsabwicklung deutlich komplizierter sind als in Europa oder den USA. Im dritten Quartal 2019 konnte das Gross Merchandise Volume, also die über die Plattform laufenden Umsätze, im Jahresvergleich um 36,8% (währungsbereinigt) auf 3,6 Mrd. USD gesteigert werden.

Deutlich schneller wächst die Zahlungsdienstleistung, deren Transaktionsvolumen sogar verdoppelt werden konnte. Das Unternehmen befindet sich zu rund 10% in den Händen des Gründers und CEOs Marcos Galperin. Zwar ist das Unternehmen aktuell noch defizitär – angesichts der hohen Investitionen, die durch die GuV-Rechnung laufen, sowie der Wachstumsraten ist dies jedoch verschmerzbar. Schließlich war auch das große Vorbild Amazon über viele Jahre (auf dem Papier) chronisch defizitär und konnte dennoch Werte für die Aktionäre schaffen.

Chinas Datenkrake
Die chinesische Antwort auf eine Reihe von westlichen Techkonzernen ist Alibaba. Seit dem erst kürzlich erfolgten Zweitlisting der Aktie in Hongkong – mit 19 Mrd. USD Volumen einer der größten Börsengänge aller Zeiten – kennt die Aktie nur eine Richtung: nach oben. Doch was steckt wirklich hinter dem bislang erfolgreichsten Internetunternehmen Asiens? Den Kern stellt der Marktplatz alibaba.com dar, der viele kleine und mittelständische Unternehmen im Reich der Mitte mit Käufern im In- und Ausland verbindet. Allein in China nutzen aktuell 700 Mio. Menschen die Plattform. Parallel dazu betreibt das Unternehmen mit Taobao, Tmall und einer Reihe anderer Plattformen weitere Onlineangebote, die auf spezielle Dienste und Zielgruppen zugeschnitten sind.

Es dürfte nicht vermessen sein, zu behaupten, dass Alibaba das „Betriebssystem“ des chinesischen Handels ist. Basierend auf dieser Dominanz konnte das Unternehmen flankierende Dienstleistungen wie Logistik oder die Zahlungsdienstleistungssparte Ant Financial lancieren. Die Wachstumsraten der Gruppe sind trotz der bereits erreichten Größe beeindruckend: Für 2019 rechnen Analysten mit einem Umsatzzuwachs von knapp 40%, für 2020 von weiteren 30%. Verglichen mit den westlichen Internetgiganten ist die Aktie günstig bewertet. Dies dürfte allerdings auch an den Negativpunkten liegen, die ein Investment in Alibaba mit sich bringt, denn obwohl das Unternehmen privat gegründet wurde, steht es unter großem politischen Einfluss. Dazu kommt die Tatsache, dass sich Anleger nur sehr indirekt über sogenannte Variable Interest Entities (VIE) beteiligen können, ohne direkten Zugriff auf die Assets zu haben.

Spielerisch erobert
Eine der größten Tech-Wachstumsstorys der letzten Jahre in Asien ist SEA, die von den beiden Megatrends Onlinegaming und Onlineshopping profitiert. Die Tochtergesellschaft der chinesischen Tencent mit Sitz in Singapur hat diverse Blockbuster-Computerspiele auf seiner Plattform Garena und diese exklusiv für die Region lizenziert, darunter etwa League of Legends, FIFA Online 3 oder Call of Duty. Garena ist zudem Veranstalter diverser E-Sports-Events, was die Marke und die Anziehungskraft der Plattform weiter stärkt. Als zweite Säule hat das Unternehmen seit 2015 mit Shopee einen ernst zu nehmenden Amazon-Konkurrenten für die südostasiatische Region aufgebaut und ist heute Marktführer in Taiwan, Singapur, Thailand, Indonesien, Malaysia, Vietnam und den Philippinen.

Wie bei derartigen Marktplatzbetreibern üblich, ist Größe in den ersten Jahren alles und Profitabilität zweitrangig. Analysten von J.P. Morgan erwarten allerdings gleichzeitig, dass sich die Umsätze zwischen 2018 und 2021 verneunfachen werden (!). Mit AirPay hat das Unternehmen gleichzeitig einen mobilen Zahlungsservice etabliert, mit dem Kunden in der Region über ihr Mobiltelefon Gegenstände des täglichen Lebens bezahlen können. Anders als in China stehen derartige Services im südlichen Asien noch ganz am Anfang. Einziger Knackpunkt an der Aktie ist die zugegebenermaßen recht sportliche Bewertung. Sollte Shopee die führende Stellung in der Region behalten, dürften die Take Rate (ein prozentualer Anteil der Transaktionen) allerdings deutlich nach oben gehen und klar werden, welches Potenzial in den Zielmärkten steckt.

Nachholbedarf noch lange nicht gedeckt
Nicht wenige Volkswirte trauen Indien zu, China in Sachen Wirtschaftsdynamik in der näheren Zukunft zu überholen. Gleichzeitig hat der Subkontinent enormen Nachholbedarf bei Bankdienstleistungen. Zu den am besten gemanagten Playern im Bankensektor mit 50 Mio. Kunden und mehr als 5.000 Filialen zählt HDFC. Seit der Öffnung des indischen Bankenmarkts für private Anbieter und der Unternehmensgründung im Jahr 1995 konnte die Bank erstaunliche Ergebnisse erzielen. Zwischen 1996 und 2019 wurde in jedem Jahr eine Buchwertsteigerung erreicht – mit beeindruckenden 27,1% p.a. Dies ist jedoch nicht das Ergebnis einer riskanten Geschäftspolitik gewesen, sondern eines extrem konservativen Ansatzes. Die Bank erzielt in etwa die Hälfte ihrer Einnahmen aus dem Geschäft mit Privatkunden, die andere Hälfte mit Geschäftskunden. Durch einen hohen Bestand an Bankeinlagen steht die Refinanzierung auf soliden Beinen.

HDFC liegt in Sachen Leverage und Non-Performing Loans (1,36% der Assets) weit unter der Konkurrenz, insbesondere verglichen mit den ineffizienten staatlichen Banken. 92% aller Kundentransaktionen erfolgen heute online oder über mobile Endgeräte; als erste Bank des Landes ermöglicht HDFC die schnelle und unbürokratische Onlinebeantragung eines Kredits. Mit der Übernahme der Mehrheit an der Apollo Munich Health Insurance von der Münchener-Rück-Tochter ERGO ist HDFC nun auch der größte private Kranken- und Unfallversicherer Indiens. Die Aktie notiert aktuell zum ca. 4,5-Fachen des Buchwerts, wurde in den letzten 15 Jahren aber meist auf einem ähnlichen Niveau gehandelt. Sollten sich ähnliche Eigenkapitalrenditen wie in den letzten Jahren noch über einige weitere fortschreiben lassen, ist diese Bewertung mehr als gerechtfertigt.

Halbleiter für die Welt
Wie kaum ein zweites Unternehmen steht der taiwanesische Halbleiterkonzern TSMC für die typische Arbeitsteilung der Techbranche: Während die großen Marken und das Design häufig aus den Industrieländern kommen, ist das Produktions-Know-how längst in den Emerging Markets zu Hause. Zwar hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Profite überwiegend bei den dominanten Playern aus den USA hängen bleiben.

TSMC ist jedoch der Beweis dafür, dass auch die Auftragsproduktion ein lohnendes Geschäft darstellen kann. Das Unternehmen ist die weltweit größte Foundry – so nennt man in der Halbleiterbranche Firmen, die keine eigenen Chips produzieren, sondern diese lediglich nach Vorstellungen von Kunden wie Apple, Qualcomm, NVIDIA oder Broadcom herstellen. Mit 27% der weltweiten Kapazität an sogenannter 7nm-Technologie ist TSMC ideal aufgestellt, um den stark wachsenden Bedarf an Chips für die 5G-Mobilfunktechnik zu bedienen – völlig unabhängig davon, welcher Endhersteller sich schließlich durchsetzt. In der Startphase der neuen Technik droht sogar ein ernsthafter Engpass bei den Spezialchips; nicht ohne Grund hat TMSC im letzten Jahr massiv Kapazität aufgebaut. Wie lukrativ die Auftragsproduktion sein kann, verdeutlicht die hohe operative Marge von 39%, die TMSC im vierten Quartal des Geschäftsjahrs 2018/19 erzielte. Für 2019/20 rechnen die Analysten mit einem Umsatzsprung von 20% und Margen auf ähnlichem Niveau. Mit einem geschätzten 2020er-KGV von 19 und einer attraktiven Dividendenrendite von 3,3% ist die Aktie trotz eines phänomenalen Laufs nicht wirklich teuer.

Fazit
Technologie und Emerging Markets dürften immer mehr zu einer Einheit werden – nicht nur in der Produktion, sondern auch durch eigene Onlineplattformen und Ökosysteme. Die vorgestellten Titel haben alle eines gemeinsam: Sie profitieren von enormen technologischen Umbrüchen und gleichzeitig von der starken volkswirtschaftlichen Entwicklung der jeweiligen Schwellenländer.

Autor: Christoph Karl

(Diese Analyse aus der Smart Investor-Ausgabe 02/20 bezieht sich auf Daten, die bis zum 17.01.2020 erfasst wurden.)

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