Wettlauf um Wirk- und Impfstoffe unter der Lupe Insider: Was soll der Tanz um Covid-19? – Wie Anleger mit Biotechs tatsächlich Kasse machen

26.06.2020, 14:24  |  22422   |   |   

Viele Anleger sehen derzeit große Chancen bei der Entwicklung eines Medikaments gegen COVID-19. Dr. Daniel Koller, Leiter Management Team BB Biotech, analyisiert in seinem Gastbeitrag für den Smart Investor, ob das eine wirklich vielversprechende Investment-Idee ist.

Mit dem Wettlauf um Medikamente und Impfstoffe gegen das Coronavirus rückt der Biotechsektor erneut in den Fokus von Investoren. Eine langfristig attraktive Rendite versprechen aber nur kommerziell nachhaltige Therapieansätze.

Aktuell ist der Blick auf mehrere Unternehmen gerichtet. So könnte dem US-Biotech Gilead Sciences in den nächsten zwei Monaten ein erster Etappensieg gelingen: Dessen Wirkstoff Remdesivir, ursprünglich entwickelt gegen Ebola, wird noch im Mai klinische Wirksamkeitsdaten liefern. Fallen diese positiv aus, wird das Mittel noch im Sommer als erstes Medikament zur Behandlung von COVID-19 zugelassen. Remdesivir ist eine antivirale Therapie, die verhindert, dass sich die Viren weiter vermehren. Erste Behandlungen mit dem intravenös verabreichten Präparat lassen erkennen, dass sich der Gesundheitszustand schwer erkrankter Patienten umgehend verbessert hat.

Impfstoffe im Blickpunkt

Einen langfristigen Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus verspricht jedoch nur die aktive Immunisierung mit Impfstoffen. Die Pharmakonzerne Johnson & Johnson, GlaxoSmithKline und Sanofi entwickeln derzeit herkömmliche rekombinante Impfstoffe, welche eine Immunreaktion gegen das Virus auslösen. Weil dieses klassische Verfahren langsamer und komplexer verläuft, ist eine Zulassung für solche Vakzine in frühestens zwölf bis 18 Monaten zu erwarten. Ein anderer, zeitlich kürzerer Ansatz wird mit mRNA-basierten Impfstoffen verfolgt. Die Nukleinsäure mRNA ist in den Körperzellen die Schaltstelle für die Übersetzung von Genen in Eiweißstoffe. Als Impfstoff wird mRNA gesunden Menschen injiziert, um über die Produktion von viralen Proteinen eine körpereigene Immunantwort auszulösen.



Am weitesten fortgeschritten mit dieser Technologie ist die US-Biotechfirma Moderna (siehe Smart Investor 4/2020 auf Seite 52, Anmerkung der Redaktion). Erste klinische Tests an Probanden im Hinblick auf Sicherheit und Wirksamkeit starteten im März. Im Erfolgsfall kann im Sommer eine breiter angelegte Wirksamkeitsstudie mit dem allenfalls zweimal verabreichten Impfstoff folgen. Um die Zeitachse zu verkürzen, muss wohl die US-Zulassungsbehörde FDA auf gewisse regulatorische Kriterien verzichten, wie etwa den Infektionsverlauf bei Geimpften mit Ungeimpften zu vergleichen. Im Idealfall liegen die weiteren Studienergebnisse im vierten Quartal dieses Jahres vor und bilden dann die Basis für eine schnelle Zulassung.

Risikogruppen könnten somit bei einer eventuellen zweiten Infektionswelle zeitnah geimpft werden. Ein solcher Schritt ist zudem nur möglich, weil Moderna frühzeitig in Herstellungskapazitäten investiert hat. Die Firma wäre deshalb auf Sicht der nächsten sechs bis zwölf Monate in der Lage, 100 Millionen Dosen für 50 Millionen Personen zu liefern. Moderna hat inzwischen auch die Zusage der US-Regierung für 483 Millionen US-Dollar erhalten, um den Impfstoffkandidaten weiterzuentwickeln.

Neue Technologien abseits von COVID-19 als Werttreiber

Moderna ist aufgrund seiner mRNA-Technologieplattform ein interessanter Investment Case und weniger wegen des in der Entwicklung befindlichen Impfstoffs. Anleger sollten sich nicht zu stark auf die möglichen Therapien gegen COVID-19 konzentrieren. Deren kommerzielles Potenzial ist überschaubar, denn aufgrund des politischen und gesellschaftlichen Drucks werden die meisten zugelassenen Produkte aller Voraussicht nach mehr oder weniger zu Herstellungskosten verkauft werden.

Chance für Biotechindustrie

Für die Biotechbranche ist die Krise eine einmalige Chance, sich in ein positives Licht zu rücken. Ihr Ansehen in der Öffentlichkeit hat in den vergangenen Jahren aufgrund heiß diskutierter Themen gelitten; man denke etwa an Medikamentenpreise. Die Durchbrüche, etwa in der Gentherapie oder in der Krebsmedizin, gerieten demgegenüber in den Hintergrund. Die Mehrheit der Unternehmen, die an der Bekämpfung des COVID-19-Virus arbeiten – sei es im diagnostischen Bereich oder in der Akutbehandlung und Impfstoffentwicklung –, haben verkündet, dass sie den Zugang zu den Produkten als oberste Priorität setzen und nicht die Gewinnmaximierung.

Viele wollen aktiv einen Beitrag zur Lösung eines gesellschaftlichen Notstands leisten. Gelingt es, die Corona-Pandemie dauerhaft zu überwinden, wird sichtbar, dass medizinische Innovation in ihrer Gesamtheit eine große gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Relevanz hat. Davon werden langfristig sowohl der Gesundheits- als auch der Biotechsektor profitieren.

Neue Technologien

Interessanter sind neue Technologien, welche die Zukunft der Medikamentenentwicklung prägen werden – beispielsweise RNA-basierte Therapien.. Die Gentherapien sind eine weitere Zukunftstechnologie, die in den letzten Jahren mit ersten marktreifen Produkten erfolgreich gewesen sind. Sangamo Therapeutics ist hier gut positioniert. Für das am weitesten entwickelte Produkt, ein Präparat gegen die Blutkrankheit Hämophilie A, hat gerade die zulassungsrelevante Studie begonnen. Ebenfalls zu beachten ist CRISPR Therapeutics, ein Spezialist für Genome Editing.

Diese Technologie korrigiert Gendefekte auf DNA-Ebene, indem sie fehlerhafte Sequenzen herausschneidet und durch neue Fragmente mit dem korrekten genetischen Bauplan ersetzt. Darüber hinaus weisen Unternehmen, die sich auf Nervenerkrankungen spezialisiert haben, ein beachtliches Potenzial auf. Von den bereits profitablen Unternehmen ist hier Neurocrine Biosciences zu nennen, während Intra-Cellular Therapies mit dem Ende Dezember zugelassenen Schizophrenie-Medikament CAPLYTA den Durchbruch geschafft hat.

Bei MyoKardia sind dieses Jahr zulassungsrelevante Daten bei Mavacamten zu erwarten, einem Wirkstoff gegen Kardiomyopathie – eine seltene genetisch bedingte Erkrankung des Herzmuskels. Vertex Pharmaceuticals wiederum ist ein Paradebeispiel für erfolgreiches Biotechunternehmen, das mit seinen mittlerweile vier zugelassenen Produkten gegen zystische Fibrose zum unangefochtenen Marktführer in einem Krankheitsfeld aufgestiegen ist.

Günstige Bewertungen nutzen

Mit dieser Anlagestrategie, erfolgversprechende Trends bei therapeutischen Ansätzen frühzeitig aufzuspüren, können Anleger mit Biotechinvestments am ehesten eine im Branchenvergleich überdurchschnittliche Rendite einfahren. Die historisch betrachtet bereits günstige Bewertung der Biotechfirmen ist gerade im aktuell volatilen Marktumfeld ein weiteres Kaufargument.

Während die Aktienkurse von Branchenschwergewichten wie Gilead Sciences oder Regeneron Pharmaceuticals (siehe Smart Investor 4/2020 ab Seite 51, Anmerkung der Redaktion) in den vergangenen Wochen bereits deutlich angezogen haben, notieren kleinere und mittelgroße Biotechs größtenteils noch deutlich unter ihren Jahreshochs. Zugleich eröffnet die Corona-Krise für die biopharmazeutische Industrie als Ganzes jetzt die Chance, in der Öffentlichkeit wieder verstärkt als Akteur wahrgenommen zu werden, der akute medizinische Herausforderungen löst und nicht nur auf Profitmaximierung aus ist.

Autor: Dr. Daniel Koller, Leiter Management Team BB Biotech

Kurzvita von Dr. Daniel Koller (Foto):
Er trat 2004 bei Bellevue Asset Management ein und ist seit 2010 Head Management Team der börsennotierten Beteiligungsgesellschaft BB Biotech AG. Vor seinem Eintritt bei Bellevue Asset Management war er vier Jahre lang in der Finanzindustrie tätig, zuerst in der Funktion als Aktienanalyst bei UBS Warburg, danach als Private-Equity-Investor bei equity4life. Daniel Koller studierte Biochemie an der ETH Zürich und doktorierte im Bereich Biotechnologie während seiner Tätigkeit bei Cytos Biotechnology.

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Dieser Artikel aus der Smart Investor-Ausgabe 06/20 bezieht sich auf Daten, die bis zum 23.05.2020 erfasst wurden.

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