Grenke unter Beschuss: An- oder ausgeknockt?

Gastautor: Armin Brack M.A.
21.09.2020, 12:00  |  1414   |   |   

Nach der neuen Short-Attacke von Fraser Perring scheiden sich die Geister. Droht hier ein neuer Fall Wirecard oder ist Grenke das Opfer einer fiesen Short-Attacke? Ich (Armin) habe ja am Mittwoch bereits ein kritisches Video zur Aktie gemacht, das ihr hier abrufen könnt.

Am morgigen Sonntag folgt ein zusätzliches Video, in dem ich in den ersten Minuten auch auf die Shortseller-Thematik eingehe und das Verhalten der Analysten bei Grenke.

Das Video wird morgen ab 17:00 Uhr auf meinem YouTube-„Aktien Kanal online sein.

Mein Kollege Michael Kissig sieht die Thematik dagegen anders. Er ist schon länger Aktionär bei Grenke und hält die Anschuldigungen im Wesentlichen für nicht zutreffend. Seine Einschätzung zur Thematik gibt es nachfolgend:

Nun hat es auch Grenke erwischt. Der im MDAX beheimatete Baden Badener Leasing-Spezialist ist ins Fadenkreuz von „Viceroy Research“ des Shortsellers Fraser Perring geraten.

Am Mittwoch feuerte Viceroy die erste Breitseite ab mit einer ganzen Reihe von Anwürfen. Darunter sind Bilanz-Betrug, Vettern-Wirtschaft des Gründers Wolfgang Grenke zulasten der übrigen Aktionäre, unlautere Bankgeschäfte, aufgeblähte Firmen-Werte und nicht vorhandene liquide Mittel.

Wer sich an Wirecard erinnert fühlt, irrt nicht. Die Nähe wird von Perring geradezu gesucht und auch explizit mehrfach der Hinweis auf Wirecard gegeben, um den Anschuldigungen (noch) mehr Gewicht zu geben. Dabei gehörte Perring zu jenen, die sich bereits 2016 an Wirecard abarbeiteten und diese Gemengelage zerrt zusätzlich an den Nerven der gebeutelten Grenke-Anleger.

Dank Wirecard, aber auch wegen der unrühmlichen Figur, die vor allem die Deutsche Bank während und nach der Finanzkrise abgegeben hat, steht der Finanzplatz Deutschland unter besonderer Beobachtung. Und unsere BaFin hat sich als zahnloser Tiger entpuppt, weil man bei Wirecard nicht nur geschlafen, sondern auch noch einseitig und unglücklich agiert hat. Daher steht das Vertrauen in das Können unserer obersten Finanzaufseher nicht gerade hoch im Kurs und dass die BaFin die Grenke Bank als Konzern-Tochter direkt zu überwachen hat, trägt nicht zur Beruhigung bei.

Alles in allem also eine nahezu perfekte Spielwiese für eine neuerliche Short-Attacke gegen ein deutsches Finanz-Unternehmen.

Dabei sollte man nicht den Fehler begehen und Shortseller grundheraus verdammen und ausschließlich als gierig hinstellen. Sie haben grundsätzlich das gleiche Interesse wie alle anderen Anleger: Sie wollen Geld verdienen. Nur gehen sie nicht „long“ in ihren bevorzugten Aktien, sondern sie suchen sich Unternehmen mit undurchsichtigen Konzern-Strukturen und nicht leicht zu erklärenden Geschäftsabläufen aus, um hier gezielt gegen das Unternehmen zu wetten. Sie gehen „short“, verkaufen also die Aktien des Unternehmens leer. Mit dem Ziel, sie nach einem kräftigen Kurssturz viel billiger wieder zurückzukaufen.

Der Kurs-Absturz ist also ihr Gewinn. Und deshalb helfen sie gerne nach und platzieren ihre kritischen Vorbehalte in Form eines Short-Reports und mit lautem Getöse und seriösen und halbseidenen Anschuldigungen, um eine Panik der Anleger auszulösen. Denn Panik verspricht die stärksten Kurseinbrüche und damit für den Short-Seller den höchsten Gewinn.

Daher sind Short-Seller nicht gut gelitten bei normalen Anlegern. Denn sie attackieren die Unternehmen und sorgen für blutrote Zahlen im Depot. Aus reinem Eigennutz. Was allerdings nicht bedeutet, dass die Anwürfe nicht auch Substanz haben können. Das macht die Short-Attacke ja so unberechenbar.

Hinweis: Eine ausführliche konstruktiv-kritische Betrachtung des Phänomens Short-Seller habe ich am Report vom 4. Juli unter dem Titel „Leerverkäufer: Doch nicht so „böse“ wie alle glauben?“ vorgenommen.

Was macht Grenke eigentlich?

Grenke ist ein Leasing-Spezialist für IT-Geräte. Dabei hat sich Grenke auf das sog. Small-Ticket-Leasing für kleine und mittlere Unternehmen spezialisiert. Bei diesem kleinteiligen Geschäft werden vor allem IT-Produkte wie PCs, Drucker, Kopierer, Telekommunikations-Geräte oder Software verleast und zwar ab einem Anschaffungswert von 500 Euro.

Grenke ist mit 140 Standorten in 32 Ländern vertreten und beschäftigt weltweit 1.700 Mitarbeiter. In Europa ist man nahezu flächendeckend präsent und in Deutschland, Italien und der Schweiz sogar Marktführer.

Neben dem Leasing-Geschäft setzt Grenke noch auf zwei weitere Standbeine, das Factoring, also der Ankauf von einzutreibenden Forderungen, und das Bankgeschäft, das sich vor allem auf die Finanzierung von Existenz-Gründern fokussiert. Eindeutiger Schwerpunkt ist aber das Leasing-Geschäft, womit Grenke 90 Prozent seiner Erträge erzielt und im Jahr 2019 mehr als 3,5 Milliarden Euro an Neugeschäft generierte.

Grenke verleast IT-Infrastruktur an mittelständische Firmen, was nichts anderes heißt, als dass Grenke das vom Kunden gewünschte Produkt erwirbt und anschließend an den Kunden vermietet. Dieser kann es nach Ablauf der Vertragslaufzeit erwerben, doch übernimmt er es nicht, verbleibt das Eigentum bei Grenke. Da Grenke jedoch die Abschreibungen in der Regel so wählt, dass die Geräte am Ende der Leasingzeit mit Null in den Büchern stehen, besteht hier kein Restwert-Risiko, wie man es von Autoleasing-Verträgen her kennt. Vielmehr kann Grenke die Geräte dann überholen lassen und beim Verkauf einen zusätzlichen Gewinn einstreichen. Daher ist das größte Risiko für Grenke, dass der Kunde während der Laufzeit seine Leasing-Raten nicht mehr bedienen kann. Und hier treffen wir wieder auf die beiden weiteren Sparten von Grenke, Factoring und Bankgeschäft.

Denn Grenke verkauft seine offenen Leasing-Forderungen an die Grenke Bank AG weiter und sichert sich so ab. Neben diesem Factoring refinanziert sich Grenke selbst auch über die Grenke Bank und sichert sich so günstige Refinanzierungskosten.

Grenke verdient also gleich an mehreren Punkten der Wertschöpfungskette. Darüber hinaus bietet man diese Leistungen auch externen Kunden an, was das Geschäftsfeld rentabler macht. Denn das Geschäft ist skalierbar: Grenke hat einmalig die Aufwendungen und Kosten, während bei einer steigenden Zahl von Kunden zwar Umsatz und Erlöse steigen, aber die Kosten viel weniger stark. Man könnte sagen, Grenke kann sein Geschäft stärker auslasten, ohne gleich weiteres Personal einstellen zu müssen.

*Dieser Text ist ein Auszug aus meinem kostenfreien Geldanlage-Report.*

Die heutige Ausgabe entstand wieder in Zusammenarbeit mit Michael C. Kissig, Value Investor und Betreiber des Blogs iNTELLiGENT iNVESTiEREN.

Jetzt mehr erfahren → www.geldanlage-report.de/archiv/GAR-Update-190920.html

Hinweispflicht nach §34b WpHG: Der/die Verfasser ist/sind in ein oder mehreren der oben genannten Wertpapieren/Basiswerten zum Zeitpunkt des Publikmachens des Artikels nicht investiert. Es können daher keine Interessenskonflikte vorliegen. Die in diesem Artikel enthaltenen Angaben stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.

Viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage wünscht Ihnen

Ihr Armin Brack
Chefredakteur Geldanlage-Report
www.geldanlage-report.de

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