Interview der Woche
Schmieding: Geht die XL-Zinssenkung einen Schritt zu weit?
Die amerikanische Notenbank hat eine außergewöhnliche Zinssenkung beschlossen. Darüber spricht Dr. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bärenberg Bank im Interview mit wO TV.
- Zinssenkung der Fed übertrieben, keine akute Krise.
- Arbeitsmarkt schwächer, aber nötig für Inflationskontrolle.
- Dot Plot zeigt unsichere Zinserwartungen der Fed.
- Report: Goldpreis nicht zu stoppen

wallstreetONLINE: Herr Schmiding, eine so deutliche Zinssenkung, war die Ihrer Ansicht nach erforderlich?
Holger Schmieding: Nein, die US-Daten zeigen zwar, dass die Konjunktur an Schwung verliert, sie deuten aber nicht auf einen richtigen Einbruch hin. Also die US-Notenbank hat
wirklich mehr gemacht als nötig. Sie sagt ja, das sei, um künftige Risiken einzuschränken, aber aus den Daten hat sich das nicht zwingend ergeben.
wallstreetONLINE: "Wir sind entschlossen, die Stärke unserer Wirtschaft zu erhalten", sagte Fed-Chef Jerome Powell zur Begründung . Es ist ja vor allen Dingen die Sorge um den
Arbeitsmarkt, den die Fed zu dieser deutlichen Zinssenkung getrieben hat. Halten sie das für nachvollziehbar?
Holger Schmieding: Nachvollziehbar ist es schon. Der Arbeitsmarkt ist tatsächlich so etwas auf dem Weg von normal zu etwas schwächer als normal. Aber das ist ja eigentlich auch
das, was notwendig ist, um den Inflationsdruck dauerhaft in den Griff zu bekommen. Also die Fed hat sicherlich nicht zu spät reagiert, sondern relativ früh reagiert. Man merkt, dass sie eben einen
Auftrag hat, neben dem Blick auf die Inflation auch sehr stark auf den Arbeitsmarkt zu achten. Und das tut sie jetzt relativ stark und schnell.
wallstreetONLINE: Und man muss ja auch sehen, dass die Kerninflation, und dort spielen ja Dienstleistungen eine große Rolle, nach wie vor auf 3,2 Prozent verharrt. Also dieses
Problem, das muss noch gelöst werden.
Holger Schmieding: Ja, das Inflationsproblem ist zwar weit besser unter Kontrolle als vor einem Jahr oder vor 2 Jahren, aber so ganz gelöst ist es noch nicht. Es ist wohl so, dass
sich nicht zum ersten Mal zeigt, die Fed sagt zwar, ihr Ziel ist 2 Prozent, aber die Fed ist eben mit etwas, was mit einer 2 vor dem Komma beginnt, bei der allgemeinen Inflationsrate offenbar
durchaus zufrieden. Sie braucht offensichtlich nicht die 2,0, um erst dann auf den Arbeitsmarkt zu schauen.
wallstreetONLINE: Es ist ja auch ein schwieriger Balanceakt, dem die Fed da ausgesetzt ist, einerseits die Konjunktur recht stabil zu halten und auf der anderen Seite die Zinsen
kräftig zu senken. Finden Sie, dass sie da jetzt mit diesem Schritt einen guten Weg gefunden hat?
Holger Schmieding: Ja, mir wäre es etwas lieber gewesen, die Fed hätte gesagt, heute einen Viertel Prozentpunkt, dann aber beim nächsten Mal noch einen Viertel Prozentpunkt und so
weiter. Und sollte die Lage sich deutlich verschlechtern am Arbeitsmarkt, dann machen wir halt mehr. Aber ja, für den wirtschaftlichen Ausblick macht eigentlich einen Viertel Prozentpunkt
Unterschied jetzt auch nicht den großen Unterschied. Man kann das durchaus rechtfertigen, was die Fed gemacht hat.
wallstreetONLINE: Der Offen-Marktausschuss der Fed, um einmal ein bisschen den Blick in die Zukunft zu richten, stellt ja im sogenannten Dot Plot weitere Zinssenkungen in Aussicht.
Allein in diesem Jahr zwei weitere Schritte von je einem Viertel Prozentpunkt. Trotzdem, das sagen Sie, gäbe es keine Klarheit über das weitere Vorgehen. Und vielleicht können sie zunächst einmal
erläutern, was der Dot Plot ist.
Holger Schmieding: Der Dot Plot ist etwas ganz Merkwürdiges. Alle Mitglieder im Fed Entscheidungsgremium sagen da, was sie glauben, dass der Zins der Fed sein würde in der Zukunft.
Das sind sozusagen gewisse Vorhersagen, aber der einzelnen Mitglieder. Daraus kann man dann einen Durchschnitt oder Median bilden und dann denken, das ist das, was die Fed insgesamt selbst
erwartet. Wir wissen aber aus der Vergangenheit, dass die Mitglieder des offenen Marktausschusses diese Vorhersagen mindestens so oft und vielleicht sogar öfter ändern, als wir Finanzmarktanalysten
unsere Vorhersagen für das, was die Fed machen wird. Also das ist ein momentanes Stimmungsbild. Diese Dot Plots, das sind die Punkte der Vorhersagen. Diese Dotplots sind nicht wirklich eine
Vorhersage dessen, was passieren wird. Was die Fed wurde signalisiert, wenn die Konjunktur so läuft wie...
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