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finanzmarktwelt.de Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank fordert Systemwechsel

Gastautor: Markus Fugmann
14.10.2014, 09:56  |  2879   |   |   

Thomas Mayer bekleidete von 1983 bis 1990 verschiedene Funktionen beim Internationalen Währungsfonds in Washington, 1991 bis 2002 war er bei Goldman Sachs in Frankfurt und London tätig. Er wurde dann 2010 Chefvolkswirt der Deutschen Bank, 2012 mit Vorstandsvorsitz-Übernahme durch Anshu Jain und Jürgen Fitschen (Verstärkung des Trends zur Investmentbank) war er jedoch auf das Abstellgleis geschoben und bis 2014 nur noch beratend für die Bank tätig. Seitdem baut er für die Vermögensverwaltung Flossbach von Storch in Köln eine Denkfabrik auf.

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Sein Buch “Die neue Ordnung des Geldes: Warum wir eine Geldreform brauchen” ist eine elektrisierende Lektüre. Im Interview mit finanzmarktwelt.de erklärt Thomas Mayer, was schief läuft an den Finanzmärkten mit ihren ökonomisch-mathematischen Predigern. Seine Kritik ist im besten Sinnes des Wortes “radikal” (an die Wurzel gehend):

 

finanzmarktwelt.de: Herr Mayer, in Ihrem Buch „Die neue Ordnung des Geldes“ sagen Sie, dass Sie die Achtung vor der herkömmlichen Ökonomie-Lehre verloren haben. Wie kam es dazu?

Thomas Mayer: Das gängige makroökonomische Modell – ich nenne es das Neukeynesianisch-neoklassische Fusionsmodell — hat versagt. Die Ökonomen in den Zentralbanken, Universitäten sowie den öffentlichen und privaten Forschungseinrichtungen, die diese Modell zur Analyse laufender Entwicklungen und Prognosen verwendet haben, haben die Finanzkrise nicht kommen sehen. Die moderne Portfoliotheorie, die die Blaupausen für die Kreditverbriefungen lieferte, hat ebenfalls versagt. Mit Hilfe dieser Theorie wurden scheinbar sichere Finanzprodukte gebaut, die sich in der Krise als Giftmüll entpuppten. Dies hätte beinahe zum Zusammenbruch unseres Finanzsystems geführt. Man sollte erwarten, dass diese Ansätze nach der Krise grundlegend in Frage gestellt werden. Das ist nicht geschehen. In den meisten Bereichen geht der Betrieb weiter als sei nichts passiert.

 

Die Politik versucht als Reaktion auf die Finanzkrise die „Zähmung des Systems“, wie Sie es nennen, indem es die Risiken minimiert – durch höhere Eigenkapitalanforderungen für Banken. Damit aber wird die Kreditvergabe weiter erschwert, während die EZB gleichzeitig verzweifelt versucht, diese Kreditvergabe zu stimulieren. Das passt doch nicht zusammen, oder?

Thomas Mayer: Das passt in der Tat nicht zusammen. Nach dem Platzen der Kreditblase ist die natürliche Reaktion aller Betroffenen, die Aufnahme neuer Schulden zu erschweren und (als Schuldner) zu vermeiden. Da aber in unserem Kreditgeldsystem Geld über die Vergabe von Krediten erzeugt wird, schwächelt die Gelderzeugung und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, wenn weniger Kredite vergeben werden. Die Politik reagiert auf dieses Dilemma, indem sie mit dem einem Fuß auf dem Kreditgaspedal und mit dem anderen auf der Kreditbremse steht. Das kann natürlich nicht gut gehen. Damit die Verringerung der Verschuldung möglich wird, ohne dass das Geld knapp wird, müssen wir das Geld- vom Kreditsystem trennen.

 

Sie zeigen in Ihrem Buch, dass das angeblich solide Bankengeschäft, das auf den Einlagen der Kunden basiert, faktisch riskanter ist als das auf Spekulation basierende Kapitalmarktgeschäft – und zerstören damit eine der zentralsten Illusionen der Deutschen. Warum ist das so?

Thomas Mayer: Wenn eine Bank einen Kredit vergibt schreibt diese dem Kreditnehmer den Betrag auf seinem Girokonto gut. Kreditvergabe ist also Geldschöpfung. Wenn nun zu viele und viele schlechte Kredite vergeben werden, dann wird ein Teil der Kredite ausfallen. Das mit diesen Krediten geschaffene Geld wird vernichtet, was zu Geldknappheit, Deflation und Wirtschaftskrisen führen kann. Das kann dann, wie bei einem Atomunfall, zu unüberschaubaren Schäden führen. Dagegen bestehen die Aktivitäten am Kapitalmarkt in ihrem Kern in der Vermittlung zwischen Sparern und Investoren. Natürlich können auch da Dinge schief gehen. Aber es kommt nicht zu einer Systemkrise – es sei denn, die Kapitalmarktakteure haben ihre Geschäfte mit Bankkrediten auf Pump finanziert. Dann haben wir es aber wieder mit eine Kredit- und Bankenkrise zu tun.

 

Nach wie vor müssen Banken für den Kauf von Staatsanleihen kein Eigenkapital hinterlegen. Durch die Garantie der EZB fallen nun die Risikoprämien – trotz der immensen Verschuldung der Staaten der Eurozone – von Allzeittief zu Allzeittief. Geht es der Politik und der EZB also faktisch gar nicht um die Minderung der Risiken, sondern eher um die Finanzierbarkeit der immensen Staatsschulden?

Thomas Mayer: Meiner Lesart nach hat die Neuaufstellung der EZB als Kreditgeber der letzten Instanz für Staaten den Charakter des Euro verändert. Im Maastricht Vertrag war es als unpolitisches Geld konzipiert, das den Staaten der EWU nicht als Mittel zur Finanzierung ihrer Schuld zur Verfügung stehen sollte. Der Euro war konzipiert wie Gold, oder „Aktivgeld“, wie ich es nenne. Aktivgeld ist ein Vermögenswert, der in der Bilanz auf der Aktivseite steht. Nun ist er ein Finanzierungsinstrument, das in der Bilanz auf der Passivseite steht. Deshalb nenne ich diese Geldart “Passivgeld“. In der Geschichte haben Staaten immer wieder Passivgeld emittiert, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Die EZB ist dabei in einer besonderen Lage: Ihr steht kein einzelner Zentralstaat, sondern 18 souveräne Einzelstaaten gegenüber. Damit kann sie noch leichter zur Beute der Staaten werden, wenn diese mit EZB-Geld ihre Defizite finanzieren wollen.

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