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Marktkommentar: Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): Wie viel Hegemonie braucht der Markt?
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Marktkommentar Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): Wie viel Hegemonie braucht der Markt?

Nachrichtenquelle: Asset Standard
02.05.2018, 14:00  |  848   |   |   

Nichts kann der Investor weniger gebrauchen als Situationen, die es noch nie gab.


Erstaunlich viele Fragen im Leben und in der Wissenschaft lassen sich auf eine einfache, vom unvergessenen Gerhard Schröder popularisierte [1], Unterscheidung reduzieren: Koch oder Kellner. Der Koch hat das Produkt und prägt den Stil des Hauses. Er denkt und arbeitet mit Prinzipien, während der Kellner mit Analogien arbeitet. Der Kellner greift lediglich auf Vorhandenes zu, kann es nur präsentieren, nicht aber grundlegend verändern. Wenn die Speise verdorben ist, zäh gekocht und schlecht gewürzt, kann der Kellner nicht viel machen, so schön sein Frack auch sein mag. Ein Koch ist unverzichtbar für das Restaurant – ohne Kellner geht immer noch Selbstbedienung.

Das Geschäft der Investoren befindet sich meist auf dem Niveau des Kellners.

Wir arbeiten viel mit Analogien (wir nennen das: Modelle), sehen uns ähnliche Situationen in der Vergangenheit an und versuchen daraus eine Vorstellung zu entwickeln, wie es in der Zukunft weiter gehen könnte. Wie haben sich die Kurse früher entwickelt, wenn der Ifo-Konjunkturklima-Index so hoch und die Bewertungen im DAX so niedrig waren wie heute? Wie reagieren Aktien in den USA normalerweise, wenn die Zentralbank zum sechsten Mal die Zinsen anhebt und die Zwischenwahlen im Kongress nicht mehr weit sind? Das sind die Analogien, mit denen wir uns durch den Nebel des gewöhnlichen Börsentages behelfen. Nichts kann der Investor daher weniger gebrauchen als Situationen, die es noch nie gab (wie etwa derzeit in den USA eine massive Steuersenkung in einer Phase der Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung).

Manchmal muss der Investor aber auch Koch können. Wichtig ist es, die Prinzipien zu erkennen, die die Weltwirtschaft treiben, die Axiome, aus denen sich alles herleitet. Denn ohne einen ordnenden Rahmen verliert der Anleger schnell die Orientierung – insbesondere, wenn die Analogien nicht weiter helfen. Wenn die Dinge tatsächlich einmal anders liegen, verlieren Investoren ohne ein von Prinzipien getragenes Weltbild schnell den Halt. Sie können dann nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren.

Der Prinzipienrahmen, in welchem wir seit einigen Jahren kochen, wurde an dieser Stelle schon oft erklärt: Es ist unter Ökonomen schon lange kein Geheimnis, dass die Weltwirtschaft unter zu geringem Wachstum, zu geringen Investitionen (mit niedrigen Zinsen), einer alternden Bevölkerung und zu hoher Verschuldung leidet. Unter dem etwas hochtrabenden Stichwort „Zeitalter der Stagnation“ (secular stagnation für die cognoscenti) wird ein Phänomen beschrieben, welches erstmals von Alvin Hansen mit Blick auf die Zwischenkriegszeit beschrieben wurde. Damals litt die die westliche Welt unter einem erstaunlich flauen Aufschwung nach der Weltwirtschaftskrise 1929-1933. Dieses Paradigma der secular stagnation passt auf die gegenwärtige Situation wieder erstaunlich gut – und vor diesem Hintergrund investieren wir.

Da Ökonomen sich im Umgang mit messbaren ökonomischen Phänomenen aber wohler fühlen als mit politischen Strukturbrüchen, beschränken sie sich oft (wie etwa Paul Krugman [2] und Larry Summers [3] bei der Diskussion des Konzepts der secular stagnation) auf die greifbaren, datenuntermauerten ökonomischen Zusammenhänge. Das kann man ihnen nicht verdenken, denn im Grunde handelt es sich dabei um eine Tugend. Allerdings ist es in den letzten Monaten klar geworden, dass die Parallele zur Weltwirtschaftskrisenzeit noch weiter gezogen werden kann, als deren derzeitige Hauptvertreter es sich (öffentlich) klar machen.


Damals ohne Hegemon

Um das zu erklären, genügt ein Blick auf die Schlagzeilen der letzten Wochen. Was vor einigen Monaten als eine unbeholfene Aktion zum Schutz amerikanischer Stahlkocher begonnen hat, ist in diesem Frühjahr dabei, zu einer größeren Auseinandersetzung zwischen den USA und China zu werden. Damit droht zwar kein ganz großes Desaster, ein Krieg um Nordkorea oder um das Südchinesische Meer. Darin sehen weder die Partei in China noch das amerikanische Militär irgendeinen Mehrwert. Interessant ist die Reiberei vielmehr, weil sie demonstriert, wie sehr der Weltwirtschaft ein wohlwollender Hegemon abgeht.

In der Weltwirtschaft geht es etwa so zu wie auf einem Schulhof, wo sich die unteren Klassen zwar gerne mit einander balgen, die aber alle Respekt haben vor der K12, dem Jahrgang, der bald ins Leben entlassen wird, den schon die Würde der kommenden Abiturprüfung umgibt. In inoffizieller oder offizieller Rolle (als Tutor) können die Kinder der K12 einen Streit schlichten, wenn sie es wollen, indem sie sich kümmern, wie ihre Autorität es ihnen erlaubt. Ihr Einfluss ist ungleich größer als derjenige der Lehrer, weil sie viel realere Sanktionsmöglichkeiten haben als die albernen Strafaufgaben, zu denen die Erwachsenen greifen müssen.

Egal wann und wo, Menschen fangen schnell an, mit einander zu streiten, wenn es keine Spielregeln gibt und keine Instanz, die diese auch durchsetzen kann. Für ein gedeihliches Zusammenleben braucht es einen wohlwollenden Hegemon, dessen Rolle ist es, Anker in Krisenphasen zu sein und in guten Zeiten ein Vorbild bei der Befolgung des zum allgemeinen Vorteil wirkenden Regelwerks. Letzteres sollte er wesentlich mitgestaltet haben (darin unterscheidet er sich vom Streifenpolizist oder vom Aufsicht habenden Lehrer). Das sichert nicht nur seine Stellung, sondern nimmt ihn auch in die Pflicht, dafür zu sorgen, dass niemand nachhaltig unter die Räder kommt.

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