Anleihenmarkt Angst und Unsicherheit treiben die Kurse

07.10.2019, 21:42  |  532   |   |   

Die Angst vor einer Eskalation des internationalen Handelskonflikts hatte die Renditen für lang laufende Staatsanleihen weltweit auf Allzeittiefs gedrückt. Die Renditen fallen immer weiter angesichts eines schwächeren Wirtschaftsausblicks und niedriger Inflation. Eine Rezession ist mittlerweile deutlich wahrscheinlicher als noch vor einigen Jahren.

Daher suchen Investoren nach sicheren Anlagen. In den vergangenen Monaten waren viele Anleger auf langfristige Papiere ausgewichen, weil dort noch ein positiver Kupon-Ertrag zu holen war. So war die österreichische 100-jährige Anleihe, die noch einen Kupon von zwei Prozent abwirft, mit über 80 Prozent Kursanstieg seit Jahresbeginn nicht nur das beste Investment im Zinsbereich, sondern übertraf selbst den Aktienmarkt.

Der Run auf Rentenpapiere ist absurd. Die Flucht in Anleihen könnte aber noch eine Weile weitergehen, denn es gibt Gründe, die miteinander zusammenhängen:

Rezessionsängste

Die Angst vor einer Rezession ist unter Anleiheinvestoren offensichtlich besonders ausgeprägt. Wenn es hart auf hart kommt, sind Anleihen die sicherere Alternative im Vergleich zu Aktien. Bei Zinspapieren von soliden Staaten und Unternehmen gehen Anleger davon aus, dass der Schuldner das geliehene Geld zurückzahlt. Hier gibt es letztlich nur leichte Unterschiede, die sich im Euro-Raum an den Risikoaufschlägen zu Bundesanleihen und in den USA an den Aufschlägen zu US-Staatsanleihen zeigen. Die Abstriche selbst durch eine negative Verzinsung nehmen Anleger, die eine Rezession fürchten, in Kauf, weil sie bei einem Wirtschaftseinbruch bei Aktien noch viel mehr Geld verlieren würden.

Aktuell sind die Aktienmärkte in einer Konsolidierungsphase und werden von politischen Nachrichten hin- und hergeworfen. Auch die Preise von konjunktursensitiven Rohstoffen wie zum Beispiel Öl und Kupfer stehen unter Druck. Die meisten Ökonomen glauben zwar noch nicht, dass eine Rezession unmittelbar bevorsteht. Doch Stimmungsindikatoren wie der fallende ifo-Index, sinkende Einkaufsmanagerindizes und rückläufige Auftragseingänge verheißen nichts Gutes. Viele Unternehmen haben gerade in Europa ihre Gewinnerwartungen schon deutlich reduziert.

Aber Rezessionsängste kommen zunehmend auch in den USA auf. Denn dort rentieren kurzlaufende Geldmarktpapiere höher als Anleihen, die erst in zehn Jahren zurückgezahlt werden. Der Abstand ist so groß wie zuletzt vor zwölf Jahren. Üblicherweise verlangen Investoren für langfristige Anleihen mehr Zinsen als für kurzfristige, weil mit der Laufzeit die Risiken steigen. Dreht sich dieses Verhältnis um, spricht man von einer inversen Zinskurve. Sie gilt an den Finanzmärkten als Warnsignal für eine kommende Rezession - und verstärkt so die Unsicherheit.

Politische Unsicherheit

Einer der Auslöser für die Rezessionsängste ist das große Hin und Her in der Politik. Mal geht es um den BREXIT, mal um Handelsstreit zwischen USA und China, der sich immer weiter zuspitzt und auch die Devisenmärkte in Atem hält. US-Präsident Donald Trump droht mit immer noch höheren Strafzöllen auf chinesische Importe. China will im Gegenzug keine Agrarprodukte mehr aus den USA importieren.

Der Freihandel zwischen den beiden Ländern käme damit komplett zum Erliegen. Der Handel zwischen USA und China ist ohnehin bereits schon stärker eingebrochen als während der Finanzkrise. In unserer globalisierten Welt mit ihren Verflechtungen und Lieferketten trifft das die Wirtschaft hart. Falls der gordische Knoten zwischen den beiden Kampfhähnen nicht doch noch gütlich gelöst werden sollte, wird eine Rezession für Europa und wahrscheinlich auch für die USA kaum noch zu vermeiden sein.

Geldpolitik

Die Notenbanken haben auf die sich verschlechternden Wirtschaftsdaten reagiert und die Kehrtwende in ihrer Geldpolitik weg von höheren hin zu niedrigeren Zinsen eingeleitet. Formell berufen sich die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) dabei auf die gesunkene Inflation, die sie zum Handeln zwingt. Die Fed hat Ende Juli zum ersten Mal seit zehn Jahren die Leitzinsen gesenkt. Fed-Chef Jerome Powell hielt sich mit der Ankündigung weiterer Zinssenkungen zwar noch zurück, aber Investoren spekulieren weiter darauf. Im Euro-Raum hat die EZB ihren Basiszins soeben nochmals abgesenkt und das Anleihekaufprogramm wieder aufleben lassen.

Spekulation

Am Anleihemarkt geht es institutionellen Investoren wie zum Beispiel Fonds weniger darum, ihr Kapital zu erhalten. Sie spekulieren vor allem auf Kursgewinne. Die Ängste vor einer Rezession, die verunsichernden Tweet-Attacken von Donald Trump und die Hoffnung auf billiges Geld der Notenbanken - das alles lässt Investoren darauf hoffen, dass die Kurse noch weiter steigen.

Dabei sind die bisherigen Kursgewinne erschreckend hoch - und illustrieren ihrerseits die Blasenbildung. Das gilt besonders dann, wenn man sich lang laufende Anleihen ansieht, bei denen die Kurse stärker schwanken als bei Kurzläufern. Der Kurs der 30-jährigen deutschen Bundesanleihe ist seit Jahresanfang um rund 25 Prozent gestiegen. In den USA stieg der Kurs der 30-jährigen Anleihe um 15 Prozent. Das sind Wertzuwächse, wie man sie sonst nur vom Aktienmarkt kennt. Lang laufende Staatspapiere haben zum Teil mehr zugelegt als zum Beispiel der DAX, dessen Jahresplus auf aktuell immerhin gute 15 Prozent kommt.

Unsere Einschätzung: Kurzfristig ist bei Bundesanleihen nicht zu erkennen, dass der Trend zu negativen Renditen zum Stillstand kommt. Auch bei US-Anleihen scheint es nur eine Frage der Zeit, bis neue historische Tiefs markiert werden. Für Privatanleger macht ein Zins-Investment aktuell keinen Sinn - im Gegenteil: Wer die Staatsanleihen bis Endfälligkeit hält, macht bei Minusrenditen einen garantierten Verlust und nimmt auch noch erhebliche Kursrisiken während der Laufzeit in Kauf.

Kupfer jetzt über den Testsieger (Finanztest 11/2020) handeln, ab 0 € auf Smartbroker.de



Diesen Artikel teilen



Broker-Tipp*

Über Smartbroker, ein Partnerunternehmen der wallstreet:online AG, können Anleger ab null Euro pro Order Wertpapiere handeln: Aktien, Anleihen, 18.000 Fonds ohne Ausgabeaufschlag, ETFs, Zertifikate und Optionsscheine. Beim Smartbroker fallen keine Depotgebühren an. Der Anmeldeprozess für ein Smartbroker-Depot dauert nur fünf Minuten.

* Wir möchten unsere Leser ehrlich informieren und aufklären sowie zu mehr finanzieller Freiheit beitragen: Wenn Sie über unseren Smartbroker handeln oder auf einen Werbe-Link klicken, wird uns das vergütet.




0 Kommentare

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Disclaimer

Anleihenmarkt Angst und Unsicherheit treiben die Kurse Die Angst vor einer Eskalation des internationalen Handelskonflikts hatte die Renditen für lang laufende Staatsanleihen weltweit auf Allzeittiefs gedrückt. Die Renditen fallen immer weiter angesichts eines schwächeren Wirtschaftsausblicks und niedriger Inflation. Eine Rezession ist mittlerweile deutlich wahrscheinlicher als noch vor einigen Jahren.