Warnsignale
US-Aktien: Wer jetzt keine Gewinne mitnimmt, ist selbst schuld!
Die Hinweise auf eine Korrektur am US-Aktienmarkt verdichten sich. Anlass zur Sorge geben besonders diese Indikatoren. Anleger sollten Gewinnmitnahmen erwägen.
- US-Aktienmarkt zeigt Korrekturhinweise
- Anleger sollten Gewinne mitnehmen
- Überbewertung, bullish Sentiment, technische Signale alarmieren
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Nach einem schwierigen Jahr 2022, es war das erste seit dem Corona-Crash durch einen Bärenmarkt geprägte Börsenjahr, fassten Anleger in 2023 neuen Mut.
Vor allem der kommerzielle Durchbruch von ChatGPT und der im Hintergrund agierenden Künstlichen Intelligenz befeuerten die Kauflust von Anlegern und Investoren. Zusätzlich bestärkt, ihre Aktienmarktpositionen zu vergrößern, sahen sich Anleger durch die Aussicht auf Zinssenkungen.
Die lassen zwar immer noch auf sich warten, sind mit den am Donnerstagnachmittag präsentierten Daten zur US-Verbraucherpreisinflation für den September aber wahrscheinlich geworden. Dass für dieses Jahr ursprünglich mit 6 Zinssenkungen gerechnet wurde, ist im anhaltenden Hype um KI längst in Vergessenheit geraten.
Markt inzwischen von vielen Warnsignalen geprägt
Vor allem die Aktienkurse der wachstumsstarken Mega-Caps kletterten dadurch auf immer neue Höhen und schoben sowohl den US-Gesamtmarktindex S&P 500 als auch den Technologieindex Nasdaq 100 an. Während sich diese in den vergangenen 12 Monaten um knapp 27 beziehungsweise 35 Prozent verteuerten, legte der von Vanguard aufgesetzte Mega-Cap-ETF sogar um fast 40 Prozent zu.
Inzwischen ist der Markt allerdings in einer Verfassung, in der Anleger gut beraten sind, Gewinne mitzunehmen – es könnte schon bald zu spät sein. Der Blick auf die folgenden Indizien zeigt warum.
1. Bewertung
Der Buffett-Indikator, der das Verhältnis aus Marktkapitalisierung aller am US-Aktienmarkt gelisteten Unternehmen und der Wirtschaftsleistung der USA misst, ist auf den höchsten Stand aller Zeiten geklettert.
Inzwischen ist der Börsenwert der US-Unternehmen fast doppelt so hoch wie die Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich betrug das Verhältnis auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase 138 Prozent. Unmittelbar vor dem Bärenmarkt 2022 lag der Buffett-Indikator bei 195 Prozent. Am Mittwoch waren es 197 Prozent. Das zeigte eine massive Überbewertung des US-Aktienmarktes an.
Quelle: Multpl.com
Diesen Schluss legt auch das von Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller entwickelte Shiller-KGV nahe. Das misst das Kurs-Gewinn-Verhältnis des US-Aktienmarktes unter Berücksichtigung der Inflation. Demnach ist der Gesamtmarktindex S&P 500 aktuell mit einem KGV von 36,4 bewertet. Das entspricht dem dritthöchsten Stand der Geschichte.
Das langfristige Mittel liegt bei 17,1, der Medianwert bei etwa 16. Beide sind in den vergangenen Jahrzehnten zwar kontinuierlich gestiegen, was auf insgesamt höhere Bewertungsniveaus zurückgeführt werden kann. Nichtsdestotrotz ist das aktuelle Level außergewöhnlich hoch.
Über Indikatoren hinaus, die die Bewertung des Gesamtmarktes messen, zeigt sich auch mit Blick auf einzelne Unternehmensbewertungen, dass es Anleger in den vergangenen Monaten zu gut mit ihren Käufen gemeint haben – insbesondere bei Anlegerlieblingen:
KGVe 2024 | KGV (5Y) | Abweichung | |
Apple | 35,3 | 26,8 | +31,8 % |
Broadcom | 36,4 | 17,5 | +107,8 % |
Microsoft | 39,4 | 31,2 | +26,3 % |
Nvidia | 49,4 | 46,9 | +5,2 % |
Super Micro Computer | 37,7 | 15,1 | +150,3 % |
Quelle: Eigene Zusammenstellung, SeekingAlpha
2. Sentiment
Ein weiteres Warnsignal liefert das Sentiment, das gegenwärtig am Aktienmarkt herrscht. Das nämlich ist äußert bullish – was sich in der Vergangenheit als zuverlässiger Kontraindikator erwiesen hat. Denn wenn alle Anleger bereits vollständig investiert sind, gehen dem Markt schlicht die Käufer aus.
Die euphorische Stimmung hat dabei sowohl Privatanleger als auch institutionelle Investoren erfasst. Ein Beispiel ist die Tatsache, dass inzwischen die beiden letzten prominenten Bären der Wall Street ihr Handtuch geworfen haben.
So hat Morgan-Stanley-Chefstratege Mike Wilson bereits vor Wochen aufgegeben und sich plötzlich bullish gezeigt. Bei der US-Großbank JPMorgan zieht sich Marko Kolanovic sogar ganz zurück und gibt seinen Posten als Chefstratege auf. Unterdessen haben sich die Analysten vom Research-Haus Piper Sandler, allen voran Chefstratege Michael Kantrowitz, dazu entschieden, vorerst keine Kursziele mehr auszugeben – es habe einfach keinen Sinn mehr.
Quelle: National Association of Active Investment Managers
Wie bullish das Sentiment unter Fondsmanagern ist, zeigt der Blick auf den NAAIM Exposure Index. Dahinter verbirgt sich der Dachverband professioneller Geldverwalter. Der erhebt in regelmäßigen Befragungen, wie stark Fondsmanager im US-Aktienmarkt investiert sind.
Ein Wert von 0 bedeutet, dass Vermögensverwalter zu 100 Prozent in Cash positioniert sind oder ihre Positionen vollständig ausbalanciert und damit marktneutral sind. Ein Indexwert von 100 hingegen bedeutet, dass Fondsmanager vollständig investiert sind. Liegt der Wert über 100 greifen sie für ihre Positionen auf Fremdkapital und Derivate zurück. Das ist in den vergangenen Tagen der Fall gewesen.
Quelle: American Association of Individual Investors
Auch unter Privatanlegern ist die Stimmung überdurchschnittlich bullish. In der am Mittwoch veröffentlichten Erhebung der AAII, dahinter verbirgt sich der US-Verband organisierter Privatanleger, zeigten sich 49,2 Prozent aller Befragten, dass US-Aktien in sechs Monaten höher stehen werden als derzeit.
Das ist der höchste Wert seit vergangenem Dezember. Gleichzeitig liegt die Bären-Quote, also der Anteil pessimistischer Privatanleger, bei nur noch 21,7 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit Ende Februar. Dabei zeigt sich: Anleger lassen ihren Worten auch Taten folgen!
Quelle: CNN Fear & Greed Index
Abgelesen werden kann das am Put-Call-Verhältnis, einem Teilindikator des von CNN entwickelten Fear & Greed Index, der als wichtiger Stimmungsindikator gilt. Der notiert aktuell mit 51 Zählern zwar im neutralen Bereich. Einzelne Teilindikatoren haben es aber in sich. Das betrifft neben der von vielen Marktbeobachtern kritisierten, fehlenden Marktbreite auch das Put-Call-Verhältnis.
Das lag am Mittwoch bei 0,61 und damit dem tiefsten Wert seit mehr als einem Jahr. Das bedeutet, um es salopp auszudrücken, dass Anleger zuletzt Call-Optionen gekauft haben, als gäbe es kein Morgen. Auch das ist ein zuverlässiger Kontraindikator. Für ähnlich niedrige Put-Call-Niveaus kam es in den vergangenen 12 Monaten wiederholt zu Korrekturen am US-Aktienmarkt.
3. Charttechnik
Auch der Blick in den Chart vor allem des Technologiewerteindex Nasdaq 100 sollte Anleger nachdenklich stimmen. Der ist inzwischen nämlich völlig überkauft, und zwar auf sämtlichen Zeitebenen,
Am Mittwoch lag der auf Tagesbasis ermittelte Relative-Stärke-Wert des Index bei 80,2. Das war der zweithöchste Wert in den vergangenen 12 Monaten und einer der höchsten Werte in den letzten Jahren. Auch auf Wochen- und Monatsbasis lag der RSI zuletzt deutlich über 70 und damit dem Wert, der einen technisch überkauften Zustand eines Basiswertes anzeigt.
Weitere technische Warnsignale sind die großen Entfernungen zu den gleitenden Durchschnitten. Die deuten einerseits auf eine hohe Dynamik hin, andererseits aber auch darauf, dass der Trend zuletzt zu heiß gelaufen ist. Das wird durch den Kursverlauf, der sich zuletzt konsequent am oberen Bollinger Band orientiert hat, unterstrichen – am Mittwoch notierte der Nasdaq 100 sogar außerhalb der Bollinger Range.
Das ist extrem selten, denn die Bollinger Bänder zeigen an, wo sich 95 Prozent der statistisch zu erwartenden Kurse befinden sollten. Kurse am oberen Bollinger Band gelten als überkauft und Notierungen am unteren Bollinger Band als überverkauft. Wenn diese Range also sogar verlassen wird, deutet das auf einen technischen Extremzustand hin, der eine Bewegung in die Gegenrichtung zunehmend wahrscheinlich werden lässt.
Fazit: Die Zeit ist reif für Vorsicht!
Angesichts dieser Vielzahl an Risiken und Warnsignale, sind Anleger gut beraten, sich auf eine bereits bald einsetzende Gesamtmarktkorrektur einzustellen und sich entsprechend darauf vorzubereiten.
Das kann eine Vielzahl an Maßnahmen sein, wobei die naheliegendsten Gewinnmitnahmen, der Aufbau von Cash sowie der Einsatz von Hedges in Form von Put-Optionsscheinen sind.
Eine weitere Maßnahme könnte das Umschichten von Kapital sein. Während insbesondere Tech- und Wachstumswerte aktuell stark von Überbewertungen betroffen sind, gibt es noch vergleichsweise günstige Sektoren. Das sind laut des Finanzdienstleisters Morningstar beispielsweise Immobilien- und Energiewerte. Die dürften außerdem überproportional von fallenden Zinsen profitieren.
Risikofaktor Quartalssaison
Was das Timing angeht, könnte der für Gewinnmitnahmen und Umschichtungen ideale Zeitraum unmittelbar vor dem Höhepunkt der US-Quartalssaison sein, der in zwei Wochen ansteht. Zwar dürften viele US-Unternehmen erneut starke Geschäfte verzeichnet haben, allerdings liegen die Erwartungen angesichts der stark gestiegenen Aktienkurse sehr hoch. Das bedeutet empfindliche Rückschlagrisiken.
Insgesamt gilt, dass zu Panik kein Anlass besteht, dafür ist die Lage (noch) zu gut. Für Vorsicht ist es aber alle höchste Eisenbahn. Darüber hinaus gilt die alte Börsenweisheit: "An Gewinnmitnahmen ist noch niemand gestorben!"
Autor: Max Gross, wallstreetONLINE Redaktion
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