Bilanzskandal erschüttert Wirecard - Erdbeben an der Börse

Nachrichtenagentur: dpa-AFX
18.06.2020, 19:06  |  7684   |   |   

(Im siebten Absatz wird die Freistellung von Vorstand Marsalek ergänzt)

ASCHHEIM/BONN (dpa-AFX) - Aus den Manipulationsvorwürfen gegen den Dax -Konzern Wirecard ist ein handfester Bilanzskandal mit Verdacht auf "gigantischen Betrug" geworden. Der Dax-Konzern verschob am Donnerstag ein weiteres Mal die Vorlage seiner Jahresbilanz für 2019. Der Grund: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (Ernst & Young) stellte kein Testat für die Bilanz des Zahlungsabwicklers aus, denn bei Buchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten in Asien ist wegen Täuschungsverdachts unklar, ob die Gelder existieren. Laut Wirecard geht es um etwa ein Viertel der Bilanzsumme.

Sowohl die Finanzaufsicht Bafin als auch die Münchner Staatsanwaltschaft kündigten an, den Fall prüfen zu wollen. Wirecard gerät nun auch finanziell unter Druck. Sollte der Konzern einen testierten Abschluss bis zu diesem Freitag (19. Juni) nicht vorlegen, könnten Banken ihm bestehende Kredite in Höhe von etwa zwei Milliarden Euro kündigen, warnte das Unternehmen.

Die Nachrichten schockten die Frankfurter Börse: In der Spitze hatten die Wirecard-Papiere mehr als 71 Prozent ihres Börsenwerts verloren. Aus dem Handel gingen die Aktien dann noch mit einem Minus von 61,82 Prozent auf 39,90 Euro - ein rechnerischer Verlust von etwa acht Milliarden Euro. Damit verbuchten Wirecard-Aktien einen der größten prozentualen Tagesverluste, den je ein Dax-Unternehmen auf Schlusskursbasis erlitten hat. Sollte sich der Kurs nicht nachhaltig erholen, droht dem Konzern Experten zufolge im September zudem der Abstieg aus dem Dax.

Insgesamt war Wirecard an der Börse nach dem Kurssturz zeitweise weniger als vier Milliarden Euro wert. Das ist weniger als die Lufthansa , die gerade vom Staat vor dem Untergang gerettet werden soll und deren Abschied aus dem Dax bereits feststeht. Im vergangenen Jahr hatte Wirecard beim Börsenwert sogar die Deutsche Bank überflügelt. Jetzt liegt Deutschlands größtes Kreditinstitut mit einer Marktkapitalisierung von fast 17 Milliarden Euro bei einem Vielfachen des Zahlungsabwicklers aus Aschheim bei München.

Wirecard-Vorstandschef Markus Braun und seine Kollegen gingen auf Tauchstation. Am Nachmittag sagte das Unternehmen auch die mündliche Präsentation der Bilanz für Medien und Analysten ab. Die Deutsche Börse in Frankfurt prüft Sanktionen gegen wegen der nicht fristgerechten Lieferung der Jahresbilanz.

Wirecard sehe sich als mögliches Opfer eines "gigantischen Betrugs", sagte ein Firmensprecher. Der Konzern will Anzeige gegen Unbekannt erstatten. "Alle Beteiligten sind um schnellstmögliche Aufklärung bemüht", erklärte Braun schriftlich. Ihm zufolge ist unklar, "ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil von Wirecard vorliegen".

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