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Telefon-Agent: Die Abenteuer des - 500 Beiträge pro Seite



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1.

Du hast bestimmt ein Telefon und bist schon von völlig fremden Leuten angerufen worden, die dir auf diese Weise etwas verkaufen wollten. Ich weiß, wie das ist. Manchmal wartet man auf eine Jobzusage oder den Anruf seiner neuen Freundin und wenn man dann wirklich zwischendurch zur Toilette muss oder gerade schon darauf sitzt, klingelt das Telefon.
Und dann ist es überhaupt nichts, worauf man gerade wartet, sondern irgendjemand will dir zum Beispiel nur eine andere Tageszeitung anpreisen. Dann stehst du da mit der Hose in den Kniekehlen und obendrein ist die Leitung für deinen neuen Chef und deine neue Freundin blockiert. Wenn du dann erst arbeitslos und solo bist, hilft es dir auch nicht mehr, dass du dann zwei Tageszeitungen hast. Also, ich lege dann meistens einfach auf.
Jean Paul hat das nicht getan.
Ohne Job und ohne Freundin hatte er reichlich Zeit zum Lesen und studierte auch die Stellenanzeigen in seiner neuen Zweitzeitung sehr innig. Schließlich fand er eine kleine Annonce, die ihm den Atem verschlug, weil ihm dort eine einfache, mühelose und gleichzeitig seriöse Tätigkeit angeboten wurde. Eine unglaubliche Kombination! Und obendrein wurden dort dringend Leute gesucht. Er rief sofort an, ohne erst zu überlegen. Das war kein Problem, denn sein Appartment war so klein, dass er von überall sofort den Hörer abnehmen konnte, wenn er nicht gerade ausgerechnet auf dem stillen Örtchen weilte.
Nach kurzer Zeit meldete sich eine attraktive Frauenstimme.
Im Hintergrund hörte er noch mehr Stimmen, darunter einige weitere aufregend klingende Damen.
Jean Pauls eigene Stimme fiel augenblicklich um eine ganze Oktave in den Keller, obwohl er sich ansonsten gerade unwillkürlich in Gänze aufrichtete.
"Sie haben eine ganz nette Stimme", sagte die Fremde. "Kommen sie doch einfach mal vorbei. Dann machen wir ein Vorstellungsgespräch und ich erkläre ihnen, worum es geht."
"Alles was sie wollen", röhrte Jean Paul im Beinahe-Delirium.
Er wurde von der Gewissheit überwältigt, alle Defizite in seinem Leben mit einem Mal ausgleichen zu können.
"Heute mittag zum Beispiel", sagte sie.
Er hörte, wie ihm ein gedehntes "Ja" entwich.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Der Leser erhält Einblicke in die Kunst, Lotterie-Lose zu verkaufen.
Das klingt nach einer mitreissenden Geschichte.
Bitte mehr davon :lick:
2.
Mittags saß Jean Paul einer sehr sympathischen und hübschen blauen Frau gegenüber. Zwei der Wände des Büros waren aus Glas. Sie trug einen Hosenanzug, der nur an einer sehr schlanken Frau so weit wirken konnte. Ihre Körpergröße war nach Jean Pauls Theorie genau richtig, denn sie konnte sich mühelos und elegant auf Pumps bewegen und dabei trotzdem noch zu ihm aufsehen.
Bei diesem Gespräch saß sie allerdings höher als er und guckte ihm gerade in die Augen.
"Haben sie schon Berufserfahrung?", fragte sie.
Sie hatte tatsächlich blaue Augen. Eigentlich war er gar kein großer Fan von blauen Augen. Aber diese Augen waren irgendwie auf eine andere Art blau als andere blaue Augen und entweder bläulicher oder weniger blau als andere nicht so oder noch blauere Augen.
"Hallo?", fragte sie mahnend.
Er erwachte.
"Entschuldigung", sagte er. "Mir gingen gerade sehr komplizierte Überlegungen durch den Kopf."
"Haben sie?"
"Natürlich habe ich schon."
"Sie haben also schon Berufserfahrung?"
Eigentlich war es ein etwas grünliches Blau, aber nur mit einem sehr leichten grünlichen Einschlag.
Jetzt sahen diese blauen Augen ihn fragend an.
Süß.
Warum auf einmal dieses Schweigen?
Wahrscheinlich hatte sie etwas gefragt. Frauen waren immer so neugierig! Klar, sie hatte etwas gesagt und das war wohl eine Frage gewesen.
Was sollte er sagen?
Er erinnerte sich nicht mehr an die Frage.
Er kapierte nur, dass sie eine dieser seltenen, zum Glück seltenen Frauen war, die dir alles verkaufen können. Sie nehmen dich einfach gefangen und reduzieren deine Persönlichkeit auf die bloße Tatsache, dass du ein Mann bist. Dann weisst du, dass du nur dann eine Existenzberechtigung nachweisen kannst, wenn du dich ihr gegenüber auf jeden Fall an die "Zehn Gebote" für Männer hälst:
1. Du sollst zu einer solchen Frau niemals NEIN sagen.
2. NIE
3. NIE
4. NIE
5. NIE
6. NIE
7. NIE
8. NIE
9. NIE
10. NIE
Also schluckte er und sagte: "Ja, ich will."

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Wir erfahren, ob diese attraktive Frau sich zu Jean Pauls neuer Chefin macht.
3.

"Okay", sagte sie mit einem brillianten Augenaufschlag, "dass sie wollen, glaube ich ihnen. Aber haben sie schon einmal professionell telefoniert? Können sie das? Auch unter Stress?"
"Sogar unter Gefechtsbedingungen", sagte er mit einer Klarheit, die ihn selbst überraschte.
"Wie bitte?", fragte sie und versuchte die flatternden Augenlider mit einem Kopfschütteln zu verbergen.
"Ich war Truppenfernmelder. Wenn die anderen auf Übung rödeln mussten, sass ich drinnen an der Vermittlung und verband die Offiziere."
Darum hatte er später auch begeistert seine Ersparnisse mit Aktien von Firmen wie "Iridium" und "Globalstar" verzockt, die es ihren Kunden ermöglichten, über Satelliten überallhin zu telefonieren. Das war eine unwiderstehliche Geschäftsidee für einen alten "Bongo" wie Jean Paul, der wirklich wusste, wie es anstrengte, mit einer Kabeltrommel auf dem Rücken durch die Botanik zu keuchen und Leitungen zu verlegen.
Sie hüstelte.
Ihr war wohl kalt.
Er starrte auf ihre Hände, die nur unwesentlich breiter als ihre schmalen Handgelenke waren. Seine Hände sahen vergleichsweise wie angewachsene Suppenteller aus.
Er schaute noch einmal auf sie.
Ein Wunder.
So feingliedrig.
Diesen optischen Input konnte er kaum verkraften.
Er versuchte trotzdem etwas sagen.
"Huh."
"Gut, das können wir als Inbound gelten lassen. Wir machen hier Outbound. Wir rufen Leute an und verkaufen ihnen etwas. Momentan sind es nur Lotterie-Lose. Aber ich arbeite daran, dass wir noch ein zweites Produkt dazu bekommen."
"Klingt scharf."
"Haben sie schon einmal eher reihenweise fremde Leute angerufen, um Termine zu machen oder etwas zu verkaufen?"
"Ja, beides, drei Tage lang."
"Und wofür haben sie Termine gemacht? Was haben sie verkauft?"
"Mich."
"Mich?"
"Nein, mich."
"Was haben sie denn verkauft?"
"Ja, mich!"
"Ich suche eigentlich einen Call-Agent, keinen Callboy."

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul wechselt mehrmals die Gesichtsfarbe. Ein Missverständnis wird aufgeklärt. Der Held lernt seine neuen Kollegen kennen.
:look:
Danke für den Zuspruch.
:)

Der Ausgangspunkt für diese Geschichte war die Bemerkung eines meiner Dozenten für Literaturwissenschaft in einem Seminar für Erzähltechniken.
Er bezeichnete den Erzählstil eines seinerzeit sehr berühmten deutschen Schriftstellers für die heutige Zeit als völlig unbrauchbar, weil rettungslos veraltet. Seiner Meinung ist der Maßstab für die Modernität eines Erzählers, wie sehr dieser in den Hintergrund tritt und den Leser die Handlung durch die Augen des Protagonisten sehen und miterleben lässt.
Als modernsten und darum besten Autor bezeichnete er Franz Kafka. Vor dem Hintergrund seiner oben zitierten Argumentation war das auch sachlich nachhaltig begründet.
Ich selbst mochte jedoch auch immer die alten Erzähler, die den Leser direkt ansprechen, den Protagonisten vorführen und die Handlung kommentieren. Der Name des Helden dieser Geschichte gibt diesbezüglich einen klaren Hinweis.
Und jetzt weita imm Täxt... ;)
4.

Callboy? Jetzt wusste er, an wen sie ihn erinnerte. An Debbie Harry, die Sängerin von "Blondie", die einst "Call me!" gesungen hatte, den Titelsong eines Films über einen Gigolo mit Lauren Hutton in der weiblichen Hauptrolle und mit John Travolta oder ähnlich in der dazugehörigen männlichen Nebenrolle.
"Call me...", hörte er sich in Gedanken singen.
"Wie bitte?"
Wie hatte sie das hören können?
Er lief schon wieder rot an.
Allmählich kam er sich wie eine Ampel vor.
"Mein Magen hat geknurrt", log er zügig.
"Ja?"
"Also das war im zweiten Drittel meiner Umschulung zum Industriekaufmann! Ich brauchte einen Praktikumsplatz. Am liebsten hätte ich bei FRESSLUST oder HEAVY FREIGHT angefangen, aber die brauchten mich nicht. Also besorgte ich mir im Internet eine Liste mit den noch übrigen in Frage kommenden Betrieben und telefonierte sie ab. Ich bat darum, meine Bewerbung persönlich abgeben und mich auch gleich vorstellen zu dürfen."
Sie schlug lässig die Beine übereinander. Es sah ganz leicht aus, obwohl ihr rechter Fuß nun genau nach links zeigte und Jean Paul wieder nicht nachvollziehen konnte, wie das überhaupt möglich war und warum das nicht wehtat. Beim Nachdenken über das Mysterium Weiblichkeit versackte er wieder fast in Trance.
"Okay, sie wollen ein Praktikum und sie kriegen ein Praktikum. Drei Tage. Danach bezahle ich sie, aber sie müssen gut sein."
"Ich will kein Praktikum mehr, ich muss Geld verdienen."
"Geld gibt es erst später."
"Dann komme ich eben später wieder."
Sie seufzte.
"Ich brauche im Moment wirklich ganz dringend Leute..."
"Warum sehen sie mich so an?"
Sie blickte ihm in die Augen, ebenso sanft wie bestimmend. Eigentlich ein Widerspruch, aber bei ihr wirkte es wie aus einem Guss.
"Also, machen sie jetzt die drei Tage Praktikum?"
Er tauchte in diesen Blick ein. Praktikum war okay. Aber als was hatte er sich eigentlich beworben? Chauffeur? Nacktputzer? Bürobote? Egal. Jederzeit. Er musste nur noch die Antwort formulieren.
Sie lächelte.
Okay, sie wusste es schon.
Auch so.
"Montag um neun Uhr, pünktlich", sagte sie.
Er nickte ganz vorsichtig, um den Blickkontakt bloß nicht zu unterbrechen.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Es wird Montag. Aber erst später.
5.

Offensichtlich hielt sie das Gespräch für beendet, denn sie wollte aufstehen.
Jean Paul erkannte es in ihren Augen, noch ehe ihr Körper sich bewegte.
Er sah es den Leuten fast immer an, was ihr Körper als nächstes tat.
Bei nüchternen Menschen, die sich in vollem Tageslicht bewegten, war keine Hexerei.
Das musste man können, wenn man bei seinem ehemaligen Taekwondo-Lehrer in die Klasse der Fortgeschrittenen aufsteigen und dort bei den obligatorischen Freikämpfen nicht ständig getroffen werden wollte. Unmöglich war nur, einem blitzschnellen Sportler gegenüber zu stehen und gleichzeitig sowohl dessen zwei Hände, als auch seine zwei Füße zu beobachten. Dazu hätte man vier Augen gebraucht. Stattdessen konzentrierte man sich auf dessen zwei Augen, die einem sogar doppelten Einblick in seine Absichten boten.
Aus der Perspektive von Jean Paul war das Gespräch noch lange nicht beendet. Er hatte daran immer noch Spaß. Seine zukünftige Chefin war bei aller Freundlichkeit unübersehbar berechnend. Er mochte seit jeher „böse“ Mädchen. Sie lieferten ihm das ehrlichste Feedback darüber, wo er gerade stand. Solche Frau bemühten sich nicht aus Gutherzigkeit, Mitleid oder aus Solidarität unter Verlierern um ihn. Ganz im Gegenteil! Wenn sie sich mit ihm abgaben, besaß er irgendeinen objektiv meßbaren Nutzwert und das schmeichelte seinem Selbstvertrauen.
Abgesehen von seiner männlichen Eitelkeit gab es einen weiteren Grund, diesen Dialog auszudehnen. Als Frau Meier gerade ihren Po anspannte und ungefähr zwei Zentimeter über der Sitzfläche ihres Stuhls schweben ließ, sonderte er einen sanften Warnton ab.
„Öhhh...“
„Ja?“, fragte sie mit einem unglaublich exakt dosierten Beiklang leichter Gereiztheit, während sie der Schwerkraft nachgab.
Er formulierte seinen Einwand vage wie möglich, um sich alles offen zu halten und ihr keinen Anlass zum Abbruch der aus seiner Sicht soeben erst beginnenden Verhandlungen zu geben.
„Ich täte noch gern eine letzte Frage fragen, also nur so vom Verständnis her und sozusagen zur, äh, fachlich vertiefenden Wiederholung...“
„Was haben sie denn nicht verstanden?“, erkundigte sie sich mit nun deutlich hörbarer Ungeduld.
Die Tatsache, dass sie sich aufregte und dies weder ganz verbergen konnte noch wollte, wirkte auf seine Motivation nur förderlich, denn Erregbarkeit schätzte er an Frauen noch mehr als nur gutes Aussehen.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul bekommt Informationen zu seine Verdienstaussichten. Frau Meier vernebelt den Unterschied zwischen legal arbeitenden Call-Centern und ihrem eigenen Treiben. Warum für Jean Paul Frauen wie Aktien sind.
Hurraahh, die Durststrecke ist vorbei und Du schreibst nicht mehr nur sonntags wie bei den "Leiden eines Kochs". :)
Wochenend-Special:

6.

Jean Paul ließ sich nicht einschüchtern.
„Verstanden habe ich so weit alles, aber gehört habe ich noch nicht alles. Mir fehlen noch Fakten, Fakten, Fakten. Vor allem in Bezug auf Geld und damit meine ich nicht, wie viel man bei der Lotterie gewinnen kann, sondern...“
„Hier“, sagte sie scharf, während sie eine Schublade aufzog, ohne Hingucken ein Blatt Papier herauszog und vor ihm auf den Tisch legte.
Sie starrte ihm direkt in seine geweiteten Pupillen.
„Wir bezahlen leistungsgerecht, also erfolgsabhängig. Wenn sie gut sind, kriegen sie einen Stundenlohn von 16 €. Und wenn sie das bringen, schreibe ich ihnen ein Zeugnis, mit dem sie jeden Job kriegen, denn gute Verkäufer werden immer gesucht. Überall.“
„Sie sind sehr nett“, sagte er.
Jean Paul kam aus einer Kleinstadt und war es gewohnt, dass es niemandem auffiel, wenn er ironisch wurde, also erlaubte er sich das, wann immer es ihm gefiel.
„Sie haben ja keine Ahnung, wie nett ich sein kann.“
Sie beugte sich vor und legte ihre Hand wieder auf das Blatt oder genauer gesagt auf die Hand von Jean Paul, die dort auch noch herumlag .
„Ich bin lernfähig“, sagte er stockend. „Aber nebenbei- ist das, was wir machen, eigentlich legal?“
„Aber natürlich“, sagte sie, wobei sie maliziös lächelnd seine Hand tätschelte.
Während sie sich noch weiter vorbeugte, fiel ihm auf, dass sie unter der weißen Jacke lediglich einen schwarzen BH mit Spitzen trug.
Sie fügte hinzu: „Unter Erwachsenen schon.“
Sie schob seine Hand fort und beförderte das Blatt wieder in die Schublade.
„Und sie bringen mir bei, wie man überzeugt und Abschlüsse macht?“, fragte er
„ Interesse wecken, Kaufsignale erkennen und den Sack zumachen! Das habe ich ihnen doch gerade vorgeführt. Am eigenen Beispiel!“
Während er staunte, erhob sie sich und gab ihm die Hand. Diesmal stand sie rascher auf, so dass er es nicht erneut schaffte, vor dem Händeschütteln weitere Fragen zu stellen.
„Alles klar“, sagte er lächelnd, obwohl er soeben von nur 4€ Grundlohn gelesen hatte.

Spätestens an dieser Stelle muss Jean Paul auf den kritischen Leser naiv wirken, weil er sich so von dieser Frau vorführen lässt. Tatsächlich war er stattdessen total verrückt. Für ihn waren Frauen nämlich wie Aktien.
Manche Frauen waren wie die Aktien von renommierten Schweizer Konzernen, gut und ideal für ein lebenslanges Investment. Man(n) wurde ein Leben lang belohnt und ging keinerlei Risiko ein. Wenn man genug einbrachte, konnte man ihre Entwicklung beeinflussen und Mitglieder der gehobenen Gesellschaft kennenlernen.
Aber dieses Niveau war für Jean Paul reine Theorie.
Ihm blieben lediglich die Frauen, die von der Mehrzahl der anderen Frauen als „Schl...e“ tituliert wurden und wie „Hot Stocks“ waren. Damit kam er seit langem gut klar, denn an der Börse hatte er sich auf „Hot Stocks“ spezialisiert.
"Hot Stocks" waren extrem riskant. Aber eine winzige Chance war besser als überhaupt keine. Hier konnte er mitspielen, Glück haben und weiter davon träumen, sich in der Zukunft seriös zu engagieren. Man durfte nie alles auf eine Karte setzen, denn sonst riskierte man den totalen persönlichen Ruin. Richtige Investitionen waren hier nicht möglich. Man(n) konnte nur kurz- oder maximal mittelfristig zocken, denn langfristig lief es stets auf Pleite und Totalverlust hinaus. Das ganze Risiko, auf Blender zu setzen, lohnte sich höchstens, wenn man(n) das perfekte Timing einhielt, indem man(n) rasch zugriff, so lange sie noch unbekannt und am attraktivsten waren. Bei einer solchen Gelegenheit musste man ohne Zögern seiner Begeisterung nachgeben und sich bei der ersten wirksamen guten Nachricht mit noch weniger Zögern wieder trennen. Wenn man später einstieg, erlebte man nur noch ihren Abstieg und als Folge den eigenen Ruin oder wurde sie dann im schlimmsten Fall überhaupt nicht mehr los. Es war lediglich Rein-Raus und dabei vor allem eine Frage der Schnelligkeit.
Jetzt weißt du, dass Jean Paul verrückt war. Ich wollte es nicht gleich so deutlich sagen, weil ich nicht gehässig wirken möchte, aber nach diesen Erklärungen sollte selbst beim wohlwollendsten Leser jeder Zweifel ausgeräumt sein. Als ich Jean Paul mit dieser Wahrheit konfrontierte, stritt er es auch gar nicht ab, sondern wurde gleich frech: „Ja, ich bin verrückt, aber wenigstens bin ich nicht dumm. Der Unterschied zwischen uns ist also, dass ich wenigstens ab und zu einen hellen Moment habe.“

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Zur Abwechslung eine andere Perspektive. Ein Erfolgssystem für Karrierefrauen. Jean Paul erhält eine unerwartete private Einladung.
7.

Da die neue Chefin von Jean Paul den Umgang mit Männern offensichtlich gut beherrscht, stellt sich die Frage, warum sie ihre Fähigkeiten in einem viertklassigen Call-Center vergeudet. Frauenzeitschriften, die sich als perfekte Karriereberater begreifen, versichern ihren Leserinnen doch unermüdlich, dass frau nur wissen muss, wie sie Männer ausnutzt, um jede beliebige Karriere umsetzen zu können.
Das am weitesten verbreitete Vorurteil lautet, dass solche Frauen manchmal von Ehefrauen ausgebremst werden. Aber das war ihr nicht passiert, denn sie hatte sich in Bezug auf Ehefrauen immer strikt an die „Goldenen sieben Regeln“ gehalten:

1.Denke nett über verheiratete Frauen, denn sie waschen die Unterhosen deiner Liebhaber
2.Tue ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten, so rührend sie auch sind, als Ergebnis von Langeweile ab
3.Suggeriere, dass Ehefrauen ihre Kinder nur erziehen, um sie bei der Scheidung als Waffe zu nutzen
4.Du machst nur Karriere, um den größten Wunsch deiner armen, armen Mutter zu erfüllen (weinen)
5.Auch wenn du Kinder hasst, ist der Verzicht pauschal ein großes Opfer, das belohnt werden muss
6.Jeder Kritik an deinen Methoden ist ein Versuch der Unterdrückung aller Frauen (von Afrika reden)
7.Sei zu deiner Putzfrau immer großzügig. Gib ihr emanzipatorische Tipps und abgetragene Kleider

Daran hatte nicht gelegen und an der direkten Konkurrenz durch ihresgleichen auch nicht. Andere unverheiratete Karrierefrauen ihres Kalibers hatten beim Anblick ihrer Attraktivität oder einfach ihrer Jugend immer das Feld geräumt und sich eine andere Firma gesucht. Beim Fehlen einer solchen Alternative hatten sie die Notbremse gezogen und sich mit Verweis auf ihre „biologische Uhr“ doch noch ein Kind machen lassen, um es dann konsequent zu dem Irrglauben zu erziehen, Mama hätte aus Liebe zu ihm und Papa ihre Karriere aufgegeben, was natürlich wieder die Wahrheit ins Gegenteil verkehrte und darum zumindest konsequent war.
Irgendwie haperte es also doch an ihrem Verhalten gegenüber Männern gehapert. Gegen welche Regel hatte sie wohl verstoßen?

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Eine erneute Überprüfung der Behauptung „schlechte Mädchen kommen wohin sie wollen“. Schließlich kehren wir zur Handlung zurück und Jean Paul besucht die Frau mit der süßesten Stimme der Welt.
8.

Beim Verlassen des Gebäudes holte Jean Paul sein Handy aus der Jackentasche und schaltete es wieder ein. Während er über den Bürgersteig zu seinem Parkplatz schlenderte, sah er auf dem Display, dass ihn vorhin jemand vergeblich angerufen hatte. Er rief umgehend zurück, denn es handelte sich um die Nummer einer Internet-Bekanntschaft, mit der er schon seit langem chattete und Emails austauschte.
„Hat es geklappt?“, fragte sie ohne Umschweife.
Wenn er sie so hörte, bezweifelte er jedesmal, ob sie wirklich schon volljährig war, aber schließlich wohnte sie allein und hatte ihm das Foto aus ihrem Pass geschickt, auf dem sie nach mindestens Mitte Zwanzig aussah.
„Ich glaube schon.“
„Du bist so ein Schlaffi!“, schimpfte sie in ihrem kindlichen Tonfall. „Sei doch mal etwas energischer, dann kommst du auch weiter!“
„Du redest wie meine Mutter“, sagte er knurrend.
„Dann hat deine Mutter auch Recht!“
Alarmstufe Rot. Die kannten sich noch nicht, aber sie waren schon einer Meinung. Wie im Kindergarten. Mädchen gegen Jungs.
„Ich soll drei Tage Praktikum machen“, sagte er.
„Ja! Warum muss ich vierzehn Tage machen und du nur drei?“
„Deute mein Schweigen.“
Pause
„Hast du jetzt Zeit?“, fragte sie. „Ich habe ein paar Tage frei. Wir könnten uns endlich treffen.“
„Wo?“
„Bei mir natürlich“, sagte sie. „Heute abend. Kannst hier übernachten.“
Er stellte fest, dass er an seinem Auto vorbei gelaufen war und blieb stehen.
„Gleich beim ersten Real-Treffen?“
Sie schnaubte.
„Ich habe auch ein Sofa!“
„Da bin ich aber beruhigt“, sagte er. „Dann brauchst du wenigstens nicht auf dem Boden zu schlafen, falls wir uns nicht einig werden.“
Da war es wieder, das typische Problem von Jean Paul. Wenn man ihn ermutigte, energischer zu sein, neigte er dabei ansatzweise zu leichten Übertreibungen!
Seine neue Chefin verließ jetzt ebenfalls das Gebäude. Sie sah ihn auf dem Parkplatz stehen und beim Telefonieren mit der freien Hand rumfuchteln. Seufzend fragte sie sich, was sie falsch gemacht hatte, dass sie jetzt schon einen solchen Blödmann anheuern musste. Aber wahrscheinlich war das schon immer ihr Fehler gewesen: Gutmütigkeit!

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Es geht weiter, doch es wird nicht besser!
9.

Manche Frauen sind beängstigend intelligent und gebildet und überdies unzweifelhaft absolut anständig. Warum machen diese Frauen so selten eine ihren Fähigkeiten angemessene Karriere? Genau darum. Weil sie beängstigend wirken, weil sie zu ihrem Nachteil berechenbar sind und weil sie die Chancen zum Aufstieg entweder glatt verachten oder vor lauter Anständigkeit sogar übersehen.
Um im Management Karriere zu machen, braucht man keine akademischen Kenntnisse in Rhetorik, wie sie zum Beispiel ein Literaturwissenschaftler besitzt. In der Ära des kommerziellen Fernsehen hört sich sowieso niemand mehr aufmerksam lange Reden an, weil jeder gewohnt ist, abends von einem sehr schlechten Programm zum anderen sehr schlechten Programm hin und her zu zappen und womöglich schon nach Sekunden schlagartig den Verstand von irgendeiner knalligen Werbung zerschossen zu kriegen. Da lernt jeder, dass es sehr wehtut, sich zu konzentrieren. Vor diesem Schmerz kann man sich schützen, indem man es erst gar nicht versucht.
Nur so.
Die moderne Rhetorik, reduziert sich damit auf einen einfachen Dreisatz, auch wenn „Erfolgstrainer“ aus dem Ganzen eine Wissenschaft namens „Rabulistik“ machen, um dafür lange und entsprechend teure Seminare zu veranstalten.

1. Wahre Aussagen können und müssen mit „Das ist mir zu allgemein!“ attackiert werden.
2. Nachfolgende Details werden in jedem Fall mit „Das ist zu weit hergeholt!“ abgestraft
3. Funktioniert Regel 2 nicht, sagt man einfach möglichst hochnäsig: „Das ist ein Klischee!“

Mit diesen drei Regeln behält man immer Recht und ist am Ende jeder Besprechung auf der Seite der Gewinner. Man braucht keine eigenen Vorschläge zu erarbeiten zu begründen, was sowieso ein unzumutbares Risiko ist, weil sich die Möglichkeit eines negativen Ausgangs nie völlig ausschließen lässt. Man schießt einfach alle Leute ab, die sich nicht schon gegenseitig abschießen und wartet dann darauf, dass sich alle auf das kleinste Übel einigen. Dann sagt man „Ich habe euch gewarnt!“ und fertig. Wenn die Sache schiefgeht, war man der große Warner und Seher und steht ganz oben, ohne sich auch nur annähernd so viel Arbeit wie die anderen gemacht zu haben. Wenn es doch klappt, reklamiert man den Erfolg für sich, indem man genauso an seine Einwände erinnert und für sich in Anspruch nimmt, den größten Anteil an der realistischen Umsetzung geleistet und somit die Grundlage für den Erfolg geschaffen zu haben.

Die Frau, mit Jean Paul sich im Anschluss an sein Vorstellungsgespräch traf, gehörte zu den Menschen, die sich in Sachen Erfolg selbst im Weg stehen. Darum mochte er sie.

Abends war er da. Er parkte an der Straße und sie öffnete ihm die Tür ihrer Wohnung. Sie war größer als er gedacht hatte. Ihr Kleid musste maßgeschneidert sein. Ihre Figur übertraf seine Erwartungen bei weitem. Er konnte den Blick kaum von ihr abwenden, als sie „Hallo“ flötete.

Fortsetzung folgt

Vorschau:

Das Wochenende des Helden geht vorbei. Die Neugier der Leser hoffentlich nicht.
10.

Das war sie. Niemand sonst konnte so hübsch â??Halloâ?? sagen. Nicht einmal die Synchronsprecher in Kino-Zeichentrickfilmen für Kinder kriegten das so niedlich hin.
Sie hatte genau das, was er sich am meisten wünschte!
Schon als Sechsjähriger hatte er davon geträumt, so dicke Arme zu haben. Wie Herkules, richtige dicke Keulen. Und dann dieser Nacken. Dafür hatte er immer wieder stundenlang spezielle �bungen gemacht und doch nie etwas anderes als Kopfschmerzen damit erzielt. Er wollte Deltamuskeln, mit denen es so aussah, als hätte er überhaupt keine Hals. Nichts lie� einen Mann so bullig erscheinen.
Oder eine Frau.
â??Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht ganz deinem Schönheitsideal entsprecheâ??, sagte sie in süÃ?em Ton. â??Oder?â??
Er begriff, wie sie es schaffte, sich so anzuhören. Sie begann immer erst zu sprechen, nachdem sie schon alle Luft aus den Lungen gepresst hatte. Wenn sie etwas sagen wollte, machte sie Hamsterbäckchen und sparte sich da genau so viel Luft auf, dass sie damit einen kurzen Satz fiepen konnte, der dann keinen Hinweis mehr auf ihr tatsächlichen stimmliches und auch sonstiges Volumen gab.
â??Wieso?â??, fragte er.
Das konnte man(n) immer fragen. Auch wenn die Denkfunktionen gerade voll damit ausgelastet waren, die ewige Entscheidung â??Kampf oder Fluchtâ?? abzuwägen.
â??Wie du schon guckst!â??
Er atmete tief durch. Ein Mann, ein Wort. Er hatte versprochen, sie zu besuchen und dann musste er das auch tun und reingehen.
â??Das sind nur Indizien. Die trügen, wie immer. Mir tun nur vom Treppensteigen die Knie weh.â??
â??Mir tun immer die Knie wehâ??, sagte sie. â??Komm rein.â??
Sie drehte sich um. Einen kurzen Moment sah er sie von der Seite. Im wesentlichen änderte das nichts. Er konnte seinen Blick weiterhin kaum von ihr abwenden. Sie war zu gro�, um an ihr vorbei zu gucken.
"Kommm schon", sagte sie. "Sonst wird der Kaffee kalt!"
â??Allons-yâ??, sagte er.


Fortsetzung folgt

Vorschau: Der Thread knackt die Marke von 1000 Klicks. Früher oder später.
Antwort auf Beitrag Nr.: 23.591.702 von Wolfsbane am 24.08.06 12:08:1811.
Als sie vor ihm ging, starrte er auf ihre ausgestellten Ellenbogen. Wenn das alles Muskeln gewesen wären, hätte er sie für „Anna Bolika“ persönlich gehalten.
„Setz dich“, sagte sie schließlich und deutete auf drei kleine Sofas, die um einen kleinen Tisch herum standen. „Wie willst du deinen Kaffee?“
„Mit etwas, aber wirklich nur etwas Milch.“
„Kein Zucker?“
„Nö.“
„Süßstoff?“
„Nö, nur Milch.“
„Entschuldige, dass ich gefragt habe!“, keifte sie ihn an und drehte sich zu ihm um.
Wenn er sich so erschrak, wie es jetzt der Fall war, nahm er normalerweise unwillkürlich die Arme hoch und ging instinktiv zumindest ansatzweise in Kampfstellung, aber zum Glück passierte ihm das diesmal nicht. Er guckte nur zur Tür und drehte sich mit voll angespannten Beinmuskeln in diese Richtung, ehe es ihm bewusst wurde.
„Ach ja, wir leben gesund!“, sagte sie verächtlich. „Setz dich!“
„Am Telefon warst du netter“, stellte er fest.
„Aber ich habe dir trotzdem gesagt, dass ich nicht ganz deinem Schönheitsideal entspreche!“
„Richtig.“ Er nickte. „Ich erinnere mich. Du hattest nach meiner letzten Freundin gefragt und ich hatte dir erzählt, dass sie sehr sportlich war...“
„.. und lange Haare bis fast auf den Hintern hatte...“ sagte sie stöhnend.
Es klang, als wenn einem Reifen Luft entwich.
„Und welche Frau ist schon so“, sagte er.
„Und warum hast du dich dann von ihr getrennt?“
„Sie war zickig“, erinnerte er.
„Das bin ich auch!“, sagte sie mit einem breiten Grinsen, das man auch in ihrer Stimme hörte. Da war es wieder, dieses umwerfende Telefonlächeln, das sich so anhörte, als würde ein nettes Mädchen so breit von einem Ohr zum anderen grinsen, wie es eigentlich nur Trickfilm-Figuren konnten.
„Immerhin, dann bin ich ja doch nicht ganz anders!“, gröhlte sie.
Er fiel in das Sofa hinter ihm.
„Als du sagtest, dass du 130 Kilo wiegst, dachte ich, dass du Scherze machst“, sagte er.
Manche Frauen, die im Internet chatteten, behaupteten sogar plötzlich, sie seien Männer, also „Fakes“, wenn sie einen überflüssig gewordenen Verehrer schnell loswerden wollten.
„Das war ja auch ein Scherz“, rief sie und ließ ein wieherndes Lachen folgen. „In Wirklichkeit sind es 160 Kilo! Aber ich habe mich lange nicht mehr gewogen und inzwischen könnten es auch 180 sein!“
Ihre Wohnung gefiel ihm besser als seine eigene. Sie war viel größer. Aber die Gute brauchte schließlich auch mehr Platz.
„Entzückend“, sagte höflich. „Aber am Telefon klingst du anders...“
„Blödsinn“, rief sie aus der Küche, wo sie sich zwischen Dachschräge und Kochnische gezwängt hatte. „Alle Frauen, die so klingen, haben Rubens-Figuren! Ich arbeite in einem Call-Center! Die Kolleginnen, die eine schöne Stimme und entsprechenden Erfolg haben, sehen alle wie ich aus! Nur dann hat man den richtigen Klangkörper! Gute Opernsängerinnen sind auch immer dick!“
„Meine neue Chefin ist sehr schlank“, sagte er.
Sie kehrte mit zwei großen Tassen, die in ihren Händen aber eigentlich nicht so groß aussahen, aus der Küche zurück.
„So ein Vorzeige-Püppchen haben wir natürlich auch... um Auftraggeber zu becircen und...“
Sie reichte ihm den Kaffee.
„... um Naivlinge wie dich anzulocken!“

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul stellt fest, dass tatsächlich die größten Telefon-Agentinnen die mit Abstand größten Erfolge haben. Aber vorher werden er und die Verführerin aus dem Internet noch dicke Freunde!
12.

Es machte ihr sichtlich Spaß, Jean Paul zu schockieren. Es war so sichtlich, dass er sogar er selbst es merkte, obwohl er etwas blöd war und seine Intelligenz eigentlich nur zum Vorschein kam, wenn es darum ging, irgendwo ungestört ganz allein ein Buch möglichst schnell durchzulesen oder durch stundenlanges Experimentieren die Schwächen eines PC-Schachprogramms herauszuzufinden.
„Ich bin nicht naiv“, sagte er tapfer.
Einen Moment dachte er, dass er ohnmächtig werden würde, weil es um ihn herum dunkler wurde. Das erschreckte ihn umso mehr, da er bisher keinerlei warnende Anzeichen von aufkommender Schwäche verspürt hatte.
Er nahm vorsichtig den Kaffee entgegen.
Sie richtete sich wieder auf und ging zum Fenster.
Die Dunkelheit war weg.
Die Erkenntnis, dass es ihr großer Schatten gewesen war, der seine Sicht verdunkelt hatte, beruhigte ihn nicht wirklich.
„Du guckst nicht so, als wenn du Sex mit mir willst!“, sagte sie schmollend mit ihrer unnachahmlich süßen Stimme.
Einen Moment sah er vor seinem inneren Auge wieder das gewohnte Bild von ihr vor sich. Jenes Bild, das überhaupt nicht der Wirklichkeit entsprach.
„Ich wusste doch gleich, dass du schwul bist!“
Sie stellte sich jetzt vor das Fenster. Nun wurde es noch dunkler als vorhin. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nur husten. Es kratzte in seiner Kehle. Er schüttete sich Kaffee in den Hals.
„Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist der, dass Frauen einen höheren Fettanteil haben. Umso dicker eine Frau ist, umso schöner ist sie. Aber heutzutage sind ja alle Männer schwul! Stehen nur noch auf magere alte Mädchen, die sich über ihre Knabenkörper die gleichen Klamotten und Frisuren stülpen, wie die Tunten in den Hardrock-Bands!“
Ihre Stimme klang nun schrill.
Er vermied weiter, sie anzusehen. Er trank weiter, um eine Ausrede zu haben, seinen Mund nicht zum Sprechen benutzen zu müssen.
„Das kommt alles durch die Umweltverschmutzung und Konservendosen“, erklärte sie. „In der Luft, im Wasser und in dem Blech von Konservendosen sind lauter Stoffe, die wie Östrogene wirken und durch die die Männer alle immer weibischer werden!“
Die Tasse war leer. Er tat so, als sei noch etwas drin, aber er merkte selbst, dass das nicht überzeugend war. Er taugte nicht zum Schauspieler. Vielleicht konnte er das als Beweis anführen, dass er doch nicht schwul war. Aber vielleicht war es in dieser Situation doch besser, wenn sie ihn dafür hielt.
Ein erneuter Hustenanfall rettete ihn über die Runden.
Und nun hatte er plötzlich eine Vision.
Hübsche, spärlich bekleidete Frauen zogen an ihm vorbei. Sie paradierten vor einem riesigen Fenster und strebten zum Eingang des Büros, in dem er saß.
Am Montag, also in knapp zwei Tagen, würde er das erleben. Das kann ich dem Leser an dieser Stelle schon versprechen. Ganze Kolonnen von jungen, barfüßigen Frauen.
Aber erst musste er sich irgendwie von der Verführerin aus dem Internet lösen.
„Vorhin habe ich etwas übertrieben“, sagte sie.
„Aha“, stieß er in der Hoffnung hervor, damit nicht zuviel gesagt zu haben.
„Ich meine, mit dem, was ich über das Call-Center sagte. Im Inbound sind auch dünne Frauen. Da muss man sich schließlich nur anschnauzen lassen und die Magersüchtigen sind Leiden gewohnt. Ich meine, ständig Hunger und deswegen Schuldgefühle zu haben und sich in enge Kleider quetschen, um da irgendwann reinzuschrumpfen und dann immer die beißende Galle im Hals beim Abkotzen auf dem Klo nach jeder Mahlzeit... He, du kannst dir ruhig ein paar Chips nehmen!“
„Danke...“
„Ich dachte nur, weil du da so draufstarrst.“
Er starrte tatsächlich auf den Tisch, aber nur, um nicht aus Versehen auf ihre großen nackten Füße oder ihre massiven Unterschenkel zu glotzen.
„Ich war gerade in Gedanken. Ich habe morgen noch viel zu erledigen. Ich muss heute früh nach Hause.“
„Wirklich? Guck mal was ich hier habe. Vielleicht macht das dich scharf!“
Sie griff unter das Sofa und zog ein langes, schwarzes Teil hervor.
„Mailorder!“, prustete sie vergnügt. „Noch unbenutzt und jungfräulich!“
Er hatte noch nie eine zwei Meter lange Reitpeitsche gesehen.
„Noch!“, kreischte sie euphorisch.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Der Held entkommt, beinahe unbeschädigt. Der Autor erfüllt sein Versprechen an den Leser.
Antwort auf Beitrag Nr.: 23.754.068 von Wolfsbane am 04.09.06 11:09:50Einfach super !
Schade, dass es pro Tag nur einen teil gibt :(
Antwort auf Beitrag Nr.: 23.754.468 von immer_runter am 04.09.06 11:45:45Pssssssssssst! Ganz leise und bitte nicht quengeln.
Es gab für die Fangemeinde nämlich schon wesentlich längere Phasen des Entzugs. ;)
@ immer_runter

Heute gibt es ausnahmsweise zwei Kapitel!

;)

@ unlocker

Zu diesem Thema fällt mir das Schreiben zum Glück leichter!

:)
13.

„Was willst du damit?“, fragte er bange.
Sie grinste nur noch breiter.
„Sprich!“
„Damit verhaue ich dich!“
Er räusperte sich und bekam einen roten Kopf. Seine Muskeln begannen zu zucken und machten sich warm. Der Alarmzustand seines Körpers und die damit verbundene erhöhte Anspannung ließen auf seiner Stirn ein erstes Schweißtröpfchen entstehen.
Sie lachte schallend.
„Nein, Quatsch!“ Ihr Lachen verwandelte sich in ein manisches Kichern. „Ich bin noch für alles offen!“
Er überlegte fieberhaft. Zum Glück hatte er sein altes Handy in der Hosentasche. Da musste man nicht erst ins Menü gehen und die Lautstärke per Software einzustellen, um ein Klingeln zu erzeugen. Wenn er geschwind danach griff und gleichzeitig auf den Regler für die Lautstärkeeinstellung drückte, konnte er einen dringenden Anruf vortäuschen.
Es bedurfte nur der Schnelligkeit und Kaltblütigkeit eines Revolverhelden.
„Was ist jetzt?“, fragte sie ungeduldig.
„Ich habe Migräne“, sagte er und wischte sich zwei Schweißtröpfchen von der Stirn.
Ihr Kätzchen, von dem sie ihm so oft am Telefon erzählt hatte, kam zu ihr geschlichen und miaute. Sie kraulte es mit ihren Zehen am Kopf. Jean Paul bemerkte, dass das Kätzchen kleiner als der Fuß war und trotzdem keine Angst hatte.
„Oh nein!“, kreischte sie, als es an der Tür klingelte. Sie sah dem fliehenden Kätzchen nach, versteckte die Gerte wieder unter dem Sofa und ging zur Tür.
„Was willst du denn hier? Ich dachte, du bist im Krankenhaus!“, hörte er sie schreien.
„Die Operation ist verschoben worden“, antwortete eine sensibel klingende Männerstimme.
„Dann komm rein“, sagte sie. „Kriegst einen Kaffee. Ich habe gerade Besuch, aber wahrscheinlich ist das auch egal. Vielleicht ist das eher was für dich.“
Sie kam aus dem Flur in die Wohnung zurück und marschierte schweigend in die Küche.
Ein sehr schlanker Mann mit blond gefärbten Stoppelhaaren und angemalten Augenbrauen kam ihr nach und setzte sich in eines der beiden freien Sofas.
„Weg!“, schrie sie.
Er zuckte hoch und verließ das Sofa, in dem sie soeben selbst gesessen hatte. Einen Moment guckte er auf das Sofa, in dem Jean Paul saß, aber der rückte zur Mitte und knurrte. Zögernd bezog der andere Mann den dritten Sitzplatz.
„Howdy“, sagte Jean Paul.
Gegenüber Männern, bei denen er nicht sicher war, ob sie nicht vielleicht schwul sein konnten, hatte er immer den unwiderstehlichen Drang, sich wie ein Cowboy aufzuführen. Hoffentlich war das normal!
„Ich will nichts von dir“, sagte der Fremde, „ich gucke nur so, weil ich sehr krank bin.“
„Ich dachte, das sieht man heutzutage nicht mehr als Krankheit, sondern als alternative Lebensform“, sagte Jean Paul, der in einem Appartment lebte und zwei bekennende Schwule als direkte Nachbarn hatte und von deren krawalligen Diskussionen, Prügeleien und anderen, noch lauteren Zweisamkeiten des öfteren mitten in der Nacht aus den schönsten Träumen und zurück in die Männerwelt gerissen wurde.
„Ja, aber ich bin wirklich krank.“
Jean Paul hasste es, wenn Leute ihm gleich bei der ersten Begegnung von allen ihren Krankheiten erzählten. Dann schwor er sich jedesmal, dass er niemals einem Seniorenheim enden würde, was zum Glück für einen deutschen Autofahrer, der regelmäßig deutsche Autobahnen benutzen musste, sowieso sehr unwahrscheinlich war.
„Ich wünsche dir gute Besserung.“
Kaum hatte er es ausgesprochen, da fiel ihm auf, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er konnte einen Schwulen nicht einfach duzen. Das konnte man ihm als Diskriminierung von Minderheiten auslegen.
„Das reicht nicht. Ich habe Darmkrebs. Ich bin zu spät zum Arzt gegangen. Der Tumor ist schon sehr, sehr groß und nach Schätzungen der Ärzte ungefähr drei Pfund schwer.“
Jean Paul sah zum Fenster.
Sein Auto stand direkt darunter.
Wahrscheinlich würde er auf dem Dach landen. Da waren sowieso schon Beulen drin.
„Drei Pfund! Oder noch mehr! Das muss man sich mal vorstellen!“
Sie kam mit drei Tassen Kaffe in den Fäusten aus der Küche und verteilte zwei davon an ihre beiden Besucher. Dann setzte sie sich.
„Drei Pfund? Hattest du nicht vier Pfund gesagt?“
„Nein, dreieinhalb“, sagte der Fremde.
„Und?“ fragte sie mit weit geöffneten, neugierigen Augen.
„Was, und?“
Jean Paul trank schweigend seinen Kaffee.
„Hast du schon entbunden?“, fragte sie mit staunendem Blick.
Jean Paul versprühte den Kaffee quer über den Tisch.
Das Fenster war verschlossen.
Er nahm den längeren Weg durch die Tür.
14.

Als er am Montag zur Arbeit kam, sah seine Chefin ihn zunächst fragend und dann prüfend an. Ihm fiel auf, wie klein sie war. Sie gehörte zu den Frauen, die immer den Arm ganz nach oben austreckten, wenn sie aus einer Menge heraus winkten und gesehen werden wollten.
„Da drüben ist ihr Arbeitsplatz. Ihr Teamleiter kommt gleich“, sagte sie.
„Okay.“
„Hatten sie ein schweres Wochenende?“
Ihre Stimme klang genauso hübsch wie die von seiner Internet-Bekanntschaft. Bei einem guten Telefon musste das eigentlich auch fernmündlich genauso schön rüberkommen.
„Na?“
„Nein. Äh, ja, aber das war nicht der Grund, also das kam erst hinterher und sollte auch nur helfen und...“
„Wie bitte? Auf Deutsch?“
„Also, ich stehe sozusagen immer noch gewissermaßen mehr oder weniger im Großen und Ganzen...“
„Bitte zur Sache?“
„... unter Schock!“
„Das merkt man.“
Diesmal trug sie einen Rock.
Hübsche Knie.
Sie hatte da so kleine Grübchen, wenn man genau hinsah. Knie waren genauso individuell und eindeutig unterscheidbar wie Fingerabdrücke, wenn man sich damit einmal näher befasste.
„Hallo! Nicht träumen!“
„Also, wie ich wohl schon sagte, ich bin am Wochenende geschockt worden. Ich kannte da eine Frau aus dem Internet...“
Die Chefin versuchte ein Kichern zu unterdrücken.
„... und die hatte so eine süße Stimme, aber dann traf ich sie in echt und ich habe ich mich fast zu Tode erschreckt und zuerst wollte ich glatt weglaufen.“
„Na und?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Warum überrascht sie das?“, fragte sie kopfschüttelnd
Diese Knie. Niedlich! Selbst wenn sie sie dazu benutzen würde, ihm voll in die...
„Das ist doch bei ihnen genauso!“, sagte sie im Weggehen.
Für eine Frau, die oft High Heels trug, hatte sie erstaunlich gut entwickelte, volle Waden. Aber bei einer solchen Frau sprach man(n) wohl eher von schönen „Fesseln“.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Was man alles Telefon-Agent alles zu hören kriegt.
„Schulmädchen am Telefon“-Report
Sommer
"Kontospringer"
15.

Jean Paul sah sich die Arbeitsplätze an. Der lange Tisch war in acht Kabinen unterteilt. An jedem Platz gab es ein normal aussehendes Telefon und ein fest damit verbundenes Headset. Außerdem lagen überall Listen mit Telefonnummern und Formulare. Manche Kabinen waren von innen mit persönlichen Fotos oder Postkarten beklebt. Er suchte sich einen neutralen Arbeitsplatz. Und er fragte sich, wie seine Internet-Bekanntschaft in eine solche Kabine passte. Wahrscheinlich nur schlecht. Das gab ihm einen Hinweis darauf, warum sie immer extrem gereizt war, wenn sie gerade direkt von der Arbeit kam.
Er guckte nach seiner Chefin und sah sie durch die Glaswand.
Sie telefonierte und wirkte hinter dem riesigen Schreibtisch noch zierlicher und -ich zitiere nur die Gedanken von Jean Paul- besonders „knuffig“.
Er war ihr nicht mehr böse, dass sie ihn lediglich als Praktikanten genommen hatte und ihm auch nur drei Tage gab, sich zu bewähren. Am Vortag hatte er sich telefonisch bei seinen Bekannte umgehört und dabei erfahren, dass sie mit den Lohnzahlungen schon mehrere Monate im Rückstand war, kaum noch Geld hatte und dieses Call-Center womöglich ohnehin nur noch drei Tage existierte. Hier konnte er also höchstens Erfahrung gewinnen, aber das brauchte er tatsächlich am dringendsten.
In gewisser Weise besaß er schon Erfahrungen bezüglich Telefonverkauf. Während der Umschulung zum Industriekaufmann hatte er ein Praktikum bei einem Hersteller technischer Teile absolviert und war dort ein halbes Jahr der Spezialist für Internetrecherchen gewesen. In dieser Funktion hatte er auch fleißig Telefonnummern potentieller Abnehmer im Inland und Ausland ermittelt, damit die Vertreter sich Termine beschaffen konnten und der sich bereits im Rentenalter befindliche Experte für Auslandsverkauf auch etwas zum Abtelefonieren kriegte.
Jean Paul wollte nicht auf Dauer in einem Call-Center arbeiten. Er wollte nur eine Bescheinigung, dass man ihn auf Kunden loslassen durfte. Nach seinem Eindruck gab es nämlich bei den Arbeitgebern für Industriekaufleute ein Zwei-Klassen-System. Erstens die reinen „Sachbearbeiter“, die nur innerhalb des Betriebes kommunizieren durften und oft auch nur angelernt waren und zweitens diejenigen, die auch nach draußen kommunizieren, im Namen des Betriebes mit Geschäftspartnern verhandeln und eigene Vor-Ort-Termine vergeben durften. Letztere trugen natürlich viel mehr Verantwortung und konnten sich durch den Aufbau persönlicher Beziehungen unersetzlich machen.
Er sah sich die Listen genauer an. Sie sahen aus, als wären sie mit Excel erstellt worden. Es war immer die gleiche Telefonnummer, nur jedesmal mit einer ganz anderen Vorwahl.
Dann kam der Teamleiter herein. Ein Zwei-Meter-Mann. Bei Jean Paul aktivierte sich reflexartig der Teil des Gehirns, der bei Jungs spätestens nach dem zwölften Lebensjahr voll ausgeprägt ist und für das Überleben auf dem Schulhof sorgt. Der Schulhofrechner in seinem Hinterkopf funkte sofort Daten: Größer als Du, zu lange Arme, damit überlegene Reichweite, nicht boxen, sonst Nase platt, nicht packen lassen, sonst aus, zu schwer zum Werfen, immer in Bewegung bleiben und mit Oberkörper pendeln, Beine einsetzen, Lowkicks möglich, geduckt bleiben und Knie angreifen oder Fußfeger oder nach Hilfsmitteln suchen, Überrumpeln und zu-Fall-Bringen durch "Mad Rush" nur möglich, wenn Hindernisse hinter ihm auftauchen, die ihn beim Zurückweichen zum Stolpern bringen...
Sie gaben sich die Hand.
Jean Pauls Schulhof-Rechner stellte sich wieder in Standby-Modus.
Keine Gefahr.
"Hallo" oder so sagte der Vorgesetzte.
Jean Paul wurde abgelenkt, weil er aus den Augenwinkeln eine sommerlich leicht bekleidete langhaarige Frau vor dem großen Fenster stehenbleiben sah. Diese Fenster waren wirklich mächtig groß. Wahrscheinlich war diese Gebäude am Außenrand der Fußgängerzone ursprünglich ein Kaufhaus gewesen. Hier bekam man die Passanten wie im Kino-Breiwand-Format präsentiert.
Die junge Frau studiert das Plakat, das neben dem Eingang prangte.
Hier stand die Frage, nach der Jean Paul sein Leben lang gesucht hatte.
Die Frage, bei der KEINE Frau "Nein" sagen konnte... !!!

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Der Verfasser versucht seinen Bus noch zu kriegen!
16.

„Telefonieren Sie gerne?“ lautete die Frage auf dem Rekrutierungsplakat neben dem Eingang des Call-Centers. Darunter war eine Frau abgebildet, dir einen Hut trug und mit nacktem Zeigefinger in Richtung Leser stocherte.
Der Teamleiter setzte sich mit Blick nach draußen in die Ecke. Er forderte Jean Paul auf, in der Kabine daneben Platz zu nehmen. Dann gab er ihm ein Blatt mit der Gesprächsvorlage und einen Prospekt.
„Das habe ich schon am Samstag bekommen“, sagte Jean Paul, der damit erneut seine Unfähigkeit im Umgang mit Vorgesetzten demonstrierte.
„Gut. Einfach ablesen und bei Fragen im Prospekt nachschlagen oder mich fragen. Aber zuerst nur zuhören, wie ich da arbeite. Ich bin schon seit sieben Monaten hier und vor war ich ein Jahr bei NUMMER EINS.“
Jean Paul erstarrte vor Ehrfurcht. Bei NUMMER EINS hätte er auch gern gearbeitet. Dort konnte er sich auch vorstellen, sein Leben lang zu telefonieren. Leider hatte er dort irgendwie den Einstellungstest versiebt. Vielleicht hatte er auch einfach beim persönlichen Gespräch zu oft oder zu intensiv auf die tatsächlich enorme Oberweite der Testleiterin gestarrt. Mit sehr vollbusigen Frauen hatte er immer viel Pech, obwohl er dann eigentlich immer extrem aufmerksam und ehrgeizig war. Im Geheimen hoffte er darauf, dass sein schlechtes Ergebnis irgendwann verjährt war und er sich dann noch einmal unter die Bewerber schmuggeln konnte und NUMMER EINS genau dann auch richtig knapp an Leuten war.
Unser Held bemerkte gleich, dass der Vorgesetzte alles auswendig wusste, denn er guckte selbst bei seinen Telefonaten immer nach draußen, wo alle paar Minuten Frauen in sehr luftiger Kleidung vorbei kamen.
Schließlich erschienen zwei Telefonistinnen zur Arbeit und wurden von ihm angewiesen, sich ihm gegenüber hinzusetzen.
„Warum müssen hier eigentlich immer die Frauen mit dem Rücken zum Fenster sitzen und die Männer sitzen alle mit dem Rücken zur Wand und gucken die ganze Zeit nach draußen!“, klagte die ältere der beiden.
„Das möchte ich auch gern wissen“, sagte die jüngere Frau schmunzelnd und ließ sich gegenüber von Jean Paul nieder.
Beide waren etwas vollschlank, wogen aber eindeutig weniger als Jean Pauls Internet-Aphrodite. Auch wenn sie gemeinsam auf die Waage stiegen.
Dann kam die jüngste Mitarbeiterin rein.
Eine langhaarige, Leggins tragende Abiturientin mit Sport als Leistungsfach, die das Ganze nur als Ferienjob machte.
Sie setzte sich neben die anderen Frauen.
„Zum Anfassen zu schön“, dachte Jean Paul.
Der Stuhl neben ihm bewegte sich, anscheinend von selbst.
Ihr erstes Telefonat dauerte nur ein oder zwei Minuten. Sie meldete sich im Namen des Lottovertriebs und guckte dann verdutzt auf den Hörer.
„Was ist passiert?“, fragte der Teamleiter.
„Der hat gesagt, ich soll ihm einen bxxxn und hat dann gleich wieder aufgelegt.“
„Den brauchst du nicht noch einmal anzurufen“, sagte der Teamleiter.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Das Phänomen mit dem Stuhl klärt sich auf. Jean Paul wird endgültig Insider. Der Leser auch.
18.

„Warum rufen wir die Leute überhaupt an?“, fragte Jean Paul. „Wenn ich Lotto spielen will, brauche ich doch einfach nur zu nächsten Annahmestelle in meiner Stadt zu gehen. Davon gibt es selbst in unserem Kaff zwei und beide kenne ich sowieso, weil die auch die beste Auswahl an Zeitschriften besitzen. Dort muss ich doch nur ein Wort zu sagen.“
„Schön und gut“, sagte der Teamleiter. „Aber nicht jeder hat eine Annahmestelle in der Nähe und kennt obendrein den Inhaber. Manche Leute haben Schwellenangst, wollen nicht erst weit fahren und dann vielleicht auch noch Schlange stehen und dabei öffentlich gesehen werden. Mit uns können sie sich bequem und diskret bei sich zu Hause im Wohnzimmer beraten lassen und beliebig viele Fragen stellen, ohne dass jemand hinter ihnen steht und drängelt.“
„Hoppla“, sagte die Schülerin. „Da hat mich gerade einer angebrüllt, dass ich mir eine richtige Arbeit suchen soll, anstatt Leute zu betrügen...“
„Mach einfach weiter“, sagte der Teamleiter.
„Weiß der nicht, wie schwierig es ist, heutzutage einen Job zu finden? Wo soll ich denn hin?“
„Telefoniere einfach weiter“, sagte der Teamleiter.
Das war das einzige, was er zu solchen Geschichten sagen konnte. Entweder denselben Menschen noch einmal anrufen oder auf der Liste weitergehen. Mehr gab es nicht zu entscheiden.
Jean Paul blätterte in dem Prospekt.
„Haben die Kunden den auch?“, fragte er.
„Die kriegen nur ein Anschreiben und eine Zusammenfassung“, antwortete der Teamleiter.
„Kann ich davon ein Muster haben?“
Der Teamleiter winkte ab.
„Das lesen die sowieso nicht. Die meisten schmeißen alles an Werbung gleich ungeöffnet in den Müll. Und wenn es doch einer vorher liest, hat er es schon längst wieder vergessen, wenn wir anrufen.“
„Aber wenn jemand behauptet, er hat keine vorbereitende Post von uns gekriegt und wir sollen ihm ein schriftliches Angebot schicken?“, fragte Jean Paul weiter.
„Dann musst du davon ausgehen, dass er die Unwahrheit sagt und dich in Wirklichkeit nur abwimmeln will. Die meisten Leute lügen am Telefon!“, sagte der Teamleiter.
Jean Paul vergaß, was er weiter fragen wollte, als der Stuhl neben ihm plötzlich nicht mehr nur wackelte, sondern umkippte. Die Schülerin, die ihm schräg gegenüber saß, bekam unter ihrer knackigen Bräune kurzfristig noch etwas mehr Farbe. „Entschuldigung“, sagte sie.
Er stand auf und stellte den Stuhl wieder unter den Tisch.
„Moment“, sagte sie. „Kann ich meine Füße da drauf legen? Das versuche ich schon die ganze Zeit!“
Er war ihr behilflich und sie bedankte sich.
Alle Telefon-Agenten waren nett. Danach wurden sie ausgesucht. Das war auch darum wichtig, weil ein Telefon-Agent während seiner Schicht manchmal keine einzige freundliche Stimme außer der seiner Kolleginnen oder Kollegen hört.
„Wieder ein Kontospringer“, seufzte der Teamleiter.
Die Kollegin, die Jean Paul gegenüber saß, bemerkte seinen fragenden Blick und erklärte: „Das ist einer, der erst ohne Ende Fragen hat und sich ausgiebig beraten lässt und dann auch will, aber sofort wieder einen Rückzieher macht, wenn er seine Kontoverbindung sagen soll.“
„Seit Hartz IV hat es enorm zugenommen, dass die Leute an dieser Stelle abspringen“, sagte der Teamleiter.
Jean Paul hörte ihm zu, während er von seiner jungen Kollegin abgelenkt wurde, die neben ihm mit den Zehen wackelte und der er dabei irgendwie immer wieder zumindest aus den Augenwinkeln zusehen musste.
Jetzt lachte die Frau in der Ecke.
Der Teamleiter guckte etwas ärgerlich, bis er den Grund erfuhr:
„Da hat mich gerade eine andere Frau angeschrien, dass ich sie beim Sex gestört hätte!“
„Und wenn es gut war, warum geht sie dann ans Telefon?“, fragte der Teamleiter.
Auf manche Fragen wusste selbst ein Teamleiter keine Antworten!

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul telefoniert endlich selbst. Aber er stört niemanden beim Sex und hat keine Schuld daran, dass die Deutschen aussterben.
19.

Wenn mich Leute anrufen, um mir Lotto- oder Lotteriescheine zu verkaufen, sage ich wahrheitsgemäß, dass ich grundsätzlich nicht spiele und lehne alle entsprechenden Angebote ab. Ein guter Telefon-Agent wird die Weltanschauung und Prinzipien des Kunden respektieren und sich dann höflich verabschieden. Ein guter Telefon-Agent ist zum Beispiel jemand, der bei NUMMER EINS ausgebildet und übernommen wurde. Aber natürlich hat NUMMER EINS es überhaupt nicht nötig, für Glücksspiele zu werben. Das tun höchsten ehemalige NUMMER EINS-Mitarbeiter, die einem auf diese Weise auch gleich erklären, warum sie dort nur Eintagsfliegen waren.
Da ich irgendwann in meiner Jugend so unvorsichtig war, mir beim Verlassen eines Supermarktes ein kostenloses Probeexemplar einer Tageszeitung aufschwatzen zu lassen und dafür meinen Namen auf eine Karte zu schreiben, werde ich allerdings hauptsächlich von Leuten angerufen, die mir ein Abo verkaufen wollen. Ungefähr zweimal pro Woche habe ich jemandem mit diesem Anliegen am Telefon. Wenn ich mehr zu Hause bin, natürlich öfter. Manchmal auch zweimal am Tag, bisweilen von zwei Leuten innerhalb von zehn Minuten. Eines Tages wurde ich beim Abheben regelrecht angeschnauzt: „Ich rufe Sie an, weil Sie IMMER NOCH keine Zeitung von uns abonniert haben!!!“ Seitdem kommt es häufig vor, dass ich sofort auflege, wenn ich gleich höre, dass ich schon wieder eine Zeitung abonnieren soll. Manchmal ziehe ich dann den Stecker vom Telefon raus. Wenn ich mindestens 15 Minuten warte, ehe ich das Telefon wieder anschließe, habe ich gewöhnlich den Rest des Tages vor diesem Agenten Ruhe.
Noch überflüssiger sind die Anrufe, die mich Sonntag mittag oder in der Woche morgens um ein Uhr erreichen und bei denen ich dann eine Bandansage vorgespielt bekomme, die mir von irgendwelchen dubiosen Gutscheinen erzählt, für die ich die Sterntaste drücken soll, um mich irgendwo einzuwählen und für die Herstellung dieser Verbindung später mit einer dreistelligen Rechnung überrascht zu werden. In solchen Fällen ertappe ich mich regelmäßig dabei, dass meine Ablehnung der Todesstrafe plötzlich ins Wanken gerät.
Telefoniere ich mit einer Firma, bei der ich bereits Kunde bin, sieht die ganze Sache natürlich ganz anders aus. Dann höre ich mir immer an, was für Fragen oder Angebote kommen.
Leider gehören nur wenige Werbeanrufe in diese Kategorie.
Jean Paul sah dieses Thema inzwischen längst aus einer anderen Perspektive. Er wollte jetzt ganz unten anfangen und sich nach und nach hocharbeiten. Wenn man Lotto und Lotterie an verkaufen konnte, dann konnte man alles verkaufen. Mit etwas Glück saß er dann auch irgendwann auf einem Posten, von dem aus er nur noch einen lächerlichen Bruchteil der Anrufe machen musste, die von einem normalen Telefon-Agenten gefordert wurden und schon mit wenigen Anrufen bei einigen reichen Geschäftskunden imposant zum Umsatz einer richtigen Firma beitrug.
Die Methode „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ funktionierte leider nicht mehr. Inzwischen musste man noch tiefer anfangen. Zum Beispiel als Telefonverkäufer mit einem Grundlohn von vier Euro, was weit unter dem lag, was viele Tellerwäscher verdienten.
Und darum fing Jean Paul schon am ersten Tag an, selbst zu telefonieren. Bei seinem allerersten Anruf kamen sofort zwei gute Fragen: „Sind sie wirklich von der Lotto-Zentrale? Und habe ich schon gewonnen?“

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul lernt einen absoluten Top-Verkäufer und dessen Methode kennen!
20.

Mittlerweile war es um Jean Paul herum so laut, dass er nicht einmal mehr seine eigene Stimme hörte. Dann konnten die anderen ihn auch nicht hören. Also fühlte er sich absolut unbeobachtet und das gab ihm ein vages Gefühl von Sicherheit.
Wenn die Angerufenen nicht wollten, dann wollten sie nicht und argumentierten auch nicht. Wenn sie vielleicht oder auch nicht, oder vielleicht doch und dann auch wieder doch lieber nicht wollten, sprangen sie ihm nur umso schneller ab, umso sachlicher und ruhiger ihre Einwände widerlegte.
Die anderen Telefonisten waren auch nicht erfolgreich. Er hörte den Teamleiter immer wieder sagen: „Es ist schade, dass sie die Qualität dieses Angebots nicht zu schätzen wissen!“
Am schnellsten wurde immer die enorm niedliche Schülerin abgefertigt, die sich mindestens genauso nett anhörte, wie sie auch aussah. Männliche Gesprächspartner reagierten unverschämt und vulgär und weibliche Gesprächspartner lieferten Paradebeispiele von „Stutenbissigkeit“. Diese kleine Fee einfach auf irgendwelche menschlich wie bildungsmäßig völlig unbelatesteten Individuen loszulassen, verstieß krass gegen die biblische Regel, keine Perlen vor die Säue zu werfen.
Die älteren und stämmigeren Kolleginnen klangen ähnlich nett, doch gleichzeitig ungleich mächtiger. Sie sprachen auf eine Weise, die jedem Mann zunächst einmal Angst machte und jeder Frau signalisierte, dass sich hier eine potentielle Verbündete anbot. Jeder Mann wurde durch ihre Art der Sanftheit sofort an seine schlimmste Niederlage erinnert, also an seine Schwiegermutter, verräterische eigene Mutter oder Ex-Frau. Da ging jeder Mann zuerst in die Defensive und hörte zu. Die Stimme eines wirklich netten jungen Mädchens hingegen erzeugte höchstens Geilheit und da die meisten Männer totale Loser waren, war das Gefühl sexueller Erregung bei ihnen untrennbar mit Frustration und weckte den Wunsch nach sofortiger Rache und anschließendem Onanieren. Das half nur entsprechenden SM-Seiten im Internet zum Erfolg. Darum hatte die Schülerin nur eine Chance, wenn sie an ihresgleichen oder einen Mann alter Schule geriet. Altmodische Männer, die oft noch mit Schwestern aufgewachsen waren und zu richtigen Männern erzogen worden waren, besaßen Beschützerinstinkte. Moderne Männer waren meistens als Einzelkinder aufgewachsen und hatten seit den späten sechziger Jahren genug damit zu tun, sich selbst so gut wie möglich zu schützen.
Schließlich traf der Star-Verkäufer der Truppe ein. Als Jean Paul die Blicke sah, mit denen die Frauen ihn empfingen, wurde er sofort eifersüchtig.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Da der Autor bereits hinter den schon gemachten Versprechungen hinterherhinkt, gilt noch die zurückliegende Vorschau!
21.

Jean Paul konnte sich nie merken, wie der Top-Verkäufer aussah. Wenn er später an dieses Call-Center zurückdachte, fiel ihm zu diesem Agenten nur ein, wie die Frauen ihn angesehen und welches Lächeln die Chefin ihm geschenkt hatte.
Das Verkaufsgenie klebte ein neues Foto an die Glaswand vor ihm. Es war ein Bild von einem Baby.
Der Teamleiter verrenkte sich, um es zu sehen.
Dann runzelte er die Stirn und stellte eine Frage.
„Wie schaffst du es, morgens um diese Zeit so ausgeschlafen zu sein? Als meine Kleine in dem Alter war, hat sie jede Nacht mindestens einmal geschrien und dann war es mit meinem Schlaf vorbei.“
Der andere Telefonist sah ihn ernst an.
„Ich habe ein Problem!“, gestand er.
„Was für ein Problem?“, fragte der Teamleiter.
„Ich kann nicht stillen!“
Die drei Frauen sahen ihn überrascht an.
„Ja, und dann kann ich auch liegen bleiben und weiter schlafen!“, setzte der Verkäufer fort.
Die Frauen seufzten.
Jean Paul versuchte sich auf sein Telefonat zu konzentrieren.
„Wir sind schon alt und brauchen nichts mehr“, sagte eine gebrechlich klingende Dame zu ihm. Ein Satz, den jeder Telefon-Agent früher oder weniger früh zu hören kriegt.
„Dann denken sie doch an ihre Enkel“, sagte er.
„Die denken doch auch nicht an mich. Muss ich wirklich erst im Lotto gewinnen, damit sie mich wieder besuchen? Diesen Gedanken finde ich zu deprimierend. Danke, Nein.“
Und wieder wusste er nicht weiter.
Dann legte der Topverkäufer zwei Plätze neben ihm los. Er fragte am Telefon jeden, ob er die TV-Show von Hernando Guano kannte. Unter den Lotto-Spielern wurden Zuschauerkarten verlost. Dann beschrieb er die Ausstattung im Studio und die Unterbringung im Hotel und dergleichen mehr in allen Einzelheiten.
Anders als Jean Paul ließ er sich auf keinerlei Diskussion ein. Er malte einfach mit Worten ein Bild. Die Wahrscheinlichkeit, dass das, was er schilderte, für seine Zuhörer real wurde, war verschwindend gering, aber er löste dieses Problem wie ein professioneller Schriftsteller. Er machte das Unwahrscheinliche glaubhaft, indem er einfach immer mehr Details hinzufügte.
Jean Paul fragte sich, warum er überhaupt hier arbeitete, anstatt sich einfach ein Los zu kaufen und unausweichlich Millionär zu werden.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul spielt Lotto, gewinnt, wird reich, kauft das Call-Center und wird noch reicher und alle leben glücklich und zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute!
22. Jean Paul fand es blöd, den Leuten etwas anzupreisen, das sie sowieso nicht bekommen würden und obendrein den ihm unsympathischen Hernando Guano anzupreisen. Also versuchte er es auf seine Weise.
Mit Argumenten.
Kurz vor Mittag redete er zum Beispiel wieder mit einem älteren Herrn.
„Näh, ich will kein Lotto, weil ich schon seit dreißig Jahren woanders spiele und da noch nie etwas gewonnen habe!“
„Dann versuchen sie es doch einmal bei uns. Es kann doch nur besser werden.“
„Näh.“
„Vielleicht gewinnen sie dann mal!“
„Näh...“
„Ich würde es ihnen gönnen!“
„Näh... näh... näh...“
„Doch, ich würde es ihnen gönnen.“
„Dafür habe ich kein Geld!“
„Aber sie spielen doch sowieso schon anderswo. Das kostet doch auch Geld.“
„Ja, da will ich auch bleiben. Bin da schon seit dreißig Jahren!.“
„Aber da haben sie doch noch nie gewonnen.“
„Ja, stimmt, also eigentlich will ich überhaupt nicht mehr spielen!“
„Okay, dann hören sie doch mit dem anderen auf, wo sie sowieso nicht gewinnen und versuchen einmal etwas anderes...“
„Näh... Das andere mache ich ja schon seit dreißig Jahren!“
„Aber da haben sie doch noch nie gewonnen, sagen sie!“
„Ja, darum will ich ja überhaupt nicht mehr spielen!“
„Warum wechseln sie denn nicht einfach mal das System?“
„Näh... Das andere mache ich ja schon seit dreißig Jahren!“
„Aber da haben sie doch noch nie gewonnen, sagen sie!“
„Ja, darum will ich ja überhaupt nicht mehr spielen!“
„Okay, dann hören sie doch mit dem anderen auf...“
„Näh! Näh! Sie verstehen mich nicht! Das andere mache ich schon seit dreißig Jahren! Sie verstehen mich nicht!“
„Doch, ich verstehe sie...“ „Nein, sie verstehen mich nicht! Sie sind ja auch noch viel zu jung! Sie verstehen mich nicht!“
„Okay, vielleicht verstehe sie wirklich nicht...“
„Sage ich doch! Sie verstehen mich nicht! Sage ich schon die ganze Zeit!“
„In gewisser Weise verstehe ich sie schon...“
„Näh, näh! Sie verstehen mich nicht! Und jetzt will ich es auch nicht mehr erklären! Suchen sie sich jemand anders! Dumme gibt es ja genug!“
Aufgelegt.
Währenddessen verkaufte der Mann zwei Sitze weiter bereits zum dritten Mal die Fernsehshow mit Hernando Guano.
Dann eben so…

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Der Autor versucht ab der nächsten Vorschau die Fehlerquote der bisherigen Vorschauen zu senken!
23.

Beim nächsten Gespräch geriet er an eine junge Frau. Er konnte es kaum glauben, alle jungen Leute und insbesondere alle jungen Frauen waren doch draußen in der prallen Sonne!!
Ein kurzer Blick aus dem Fenster reichte, um sich jederzeit davon zu überzeugen...
Er meldete sich als Lottoladen, wie schon gewohnt.
„Was darf ich für sie tun?“, fragte die Angerufene, als er stockte.
Das brachte ihn zunächst aus dem Konzept..
Er lauschte noch einmal dem Top-Verkäufer und erinnerte sich an den Vorsatz, ihn zu kopieren.
„Mögen sie Hernando Guano?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Überhaupt nicht!“, rief sie fröhlich.
Was jetzt?
„Wirklich nicht?“, fragte er.
„Nö!!“
„Ich auch nicht!“, entfuhr ihm.
Sie lachte schallend.
„Wollen sie ihm das nicht einmal selbst sagen?“, fragte er.
„Nö!!“, rief sie wieder fröhlich. „Dazu ist der mir nicht wichtig genug!“
Er versuchte wieder dem Top-Verkäufer zu lausche. Vielleicht konnte er sie mit der Unterbringung im Top-Hotel locken. Bei dem Kollegen funktionierte das immer. Also, Augen zu und durch!
„Wollen sie ins Hotel?“, fragte er.
Pause.
„Ich weiß doch überhaupt nicht, wie sie aussehen…“
Es zog.
Er guckte zur Tür.
Die Chefin kam herein und stellte sich hinter ihn. Er sah sie an. Sie stellte sich schließlich so hin, dass er sie selbst unter maximalen Verrenkungen nicht mehr sehen konnte.
Und sie schwieg.
„Sie sind mir vielleicht einer!“, sagte die Frau am Telefon.
„Danke“, sagte er.
Mehr fiel ihm nicht ein.
Und jetzt? Was sollte er weiter zu der Kundin sagen? Was sollte er zu der Chefin sagen? Zu welcher von beiden sollte er jetzt überhaupt etwas sagen? Sollte er das Telefonat unterbrechen, abbrechen oder einfach improvisieren?
Vielleicht täuschte er am besten einen Herzanfall vor.
Oder einen allergischen Schock…
Aber welches von beiden?
Da war sie wieder, die dräuende Ungewissheit…

Fortsetzung folgt

Vorschau:

Der Held macht früh Feierabend und lernt beim Inline-Skaten eine Frau kennen, die sich gut in sehr engen Jeans bewegen kann!
Antwort auf Beitrag Nr.: 23.907.088 von Wolfsbane am 13.09.06 12:11:11Hernando Guano :laugh::laugh:
Ich krieg mich nicht mehr!
Antwort auf Beitrag Nr.: 23.937.646 von unlocker am 14.09.06 20:12:22@ unlocker
Ähnlichkeiten mit anderen Namen von Düngern sind rein zufällig und unbeabsichtigt!!
:cool:
Auch dieses Telefonat führte zu nichts. Vielleicht war er wirklich ein total unbegabter Verkäufer. Er hatte zwar schon erfolgreiche Verkäufe getätigt und dies sogar bevorzugt über das Telefon, aber nur in Bezug auf Aktien. Dazu brauchte er lediglich seinen Berater anrufen und laut und verständlich brüllen: "Meine Apple-Aktien verkaufen! Sofort! Bestens!"
"Haben sie heute schon etwas verkauft?", fragte die Chefin in absolut nüchternen Ton.
"Nein."
"Immerhin hat er schon gleich am ersten Tag selber mit dem Telefonieren angefangen!", rief der Teamleiter.
Sie ignorierte ihn.
"Immerhin haben sie schon gleich am ersten Tag selber mit dem Telefonieren angefangen", sagte sie.
"Wenn er will, kann er morgen wieder um die gleiche Zeit kommen!", rief der Teamleiter.
Sie ignorierte ihn
"Wenn sie wollen, können sie morgen wieder um die gleiche Zeit kommen", sagte sie dann.
"Dann fange ich auch sofort zu telefonieren an. Ich habe mir fleißig Notizen von dem gemacht, was ich bei den Kollegen lernte."
"Okay", sagte sie. "Wenn sie in den drei Tagen schon etwas verkaufen, können sie bleiben."
"Gut."
"Aber jetzt müssen sie Feierabend machen, weil sie ja nur Praktikant sind."
Das wunderte ihn. In seinem Halbjährigen Praktikum hatte er jeden Tag zehn Stunden gearbeitet. Andere Praktikanten, die dann auch nicht von ihren Firmen übernommen wurden, arbeiteten sogar 12 oder 14 Stunden jeden Tag.
Schulterzuckend verließ er das Gebäude und ging zu seinem Auto.
Im Fußraum auf der Beifahrerseite sah er seine Inliner.
Das brachte ihn auf eine Idee, wie er den Rest des Tages verbringen und einen Ausgleich zu dem vielen Sitzen finden konnte.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul lernt eine wirklich nette Frau kennen. Sie entdecken auf Anhieb Gemeinsamkeiten und haben noch am selben Abend ein Date!
25.

Als der Anruf kam, war er gerade auf einer Landstraße. Es gab zwar auch eine fast parallel verlaufende Bundesstraße, aber da dauerte der Weg tagsüber doppelt so lange, denn dann sie war immer total mit LKWs und ihnen folgenden, endlosen Kolonnen anderer PKWs überfüllt.
Er fuhr rechts ran.
Es war seine Internet-Bekanntschaft.
„Ich muss mich entschuldigen“, sagte sie. „Ich war ruppig, denn ich mag keine eitlen Männer! Was wiegst du? Siebzig Kilo?“
„Neunzig!“, rief er.
Er etwas muskulöser als der Durchschnitt und Muskeln wogen mehr als Fett.
„Wo hast du die zusätzlichen zwanzig Kilo versteckt? Dicke Eier?"
„Nein!"“
„Warum hast du dann versucht mich anzurufen?", fragte sie zornig. "Mein Telefon speichert das! Was willst du?“
„Ich wollte dich fragen, wie die Tastenkombination geht, mit der man in EXCEL von einem Datenblatt zum anderen springen kann!“
Jean Paul war ein Tastenkombinationen-Fetischist.
Autoren von PC-Lehrbüchern waren für einarmige Banditen. Sie verkauften dicke, teure Bücher, in denen sie beschrieben, wie man für jeden Schnickschnack umständlich mit der Maus in allen möglichen Menüs herumstocherte, wenn man doch auch die Linke benutzen konnte, um jeweils zwei Tasten zu drücken.
„Das war alles? Du wolltest keinen Sex?“
„Das war alles. Und das habe ich inzwischen anderswo gefunden.“
Dies betraf auch den Sex.
Er hatte seit vielen Jahren eine feste Beziehung.
Mit einer gewissen Straße in einer Großstadt.
„Klingt so, als wenn du mich nicht mehr brauchst.“
Wieder klang sie, als sei sie ein niedliches kleines Frauchen. Und wieder löste sie entsprechende Gefühle bei ihm aus. Er wusste, dass er mit einem Koloss redete, aber er konnte sich der Wirkung dieser Stimme nicht verschließen. Eigentlich brauchte er das auch nicht. Er konnte die Wahrheit verdrängen und ganz vergessen, wenn er nur daran dachte, sich nicht mehr mit ihr zu treffen.
„Ich werde dich weiter anrufen und um Rat fragen, wenn ich Probleme mit einem Computerprogramm habe“, sagte er.
„Oder mit Frauen!“, fügte sie vergnügt hinzu. "Wie ist denn deine Chefin? Jetzt in echt?“
„Ich bin enttäuscht. Der Mann zieht die Fäden.“
„Ich wusste es!“, jubilierte sie. „Hahaha... “
„Das Gespräch verendete und er schaltete sein Handy aus.
Er hasste Handys. Er hatte schon Verabredungen mit Frauen erlebt, bei denen sie die ganze Zeit nur telefoniert oder SMS verschickt hatten. Und wenn sie dann zwischendurch einmal die Gnade besaßen, mit ihm zu reden, schnorrten sie ihn nur mehr oder weniger aggressiv um Geld an, da sie durch ihre astronomischen Handy-Rechnungen permanent kurz vor dem privaten Konkurs standen.
Auf dem restlichen Heimweg kam er zu dem Schluss, dass die Natur auf ihn entspannend wirken würde. Er musste irgendwo hin, wo er Ruhe vor aufdringlicher Technik fand.
Die Autofahrt gab ihm diesbezüglich nicht viel, denn die Landschaft um ihn herum war total verspargelt. Überall standen unzählige Windkraftwerke.

26.

Zu Hause angekommen ging er überhaupt nicht erst in seine Wohnung, sondern zog sich schon im Auto seine Inliner an. Es waren nur wenige Kilometer bis zu einer ehemaligen Bahnstrecke, die man schon zwanzig Jahre zuvor in einen Rad- und Wanderweg umgewandelt hatte. Dort durften Inline-Skater fahren und auch legal schneller als Fußgänger sein.
Fünf Minuten raste er mit der Körperhaltung eines Eishockey-Stürmers über den Asphalt.
Noch einmal zwanzig Minuten später sah er vor sich eine dunkelblonde Frau in engen, verwaschenen Jeans. Sie zögerte mit dem Weiterfahren. Der Grund war klar. Wo sie sich befand, endete die ehemalige Bahnstrecke und der Aphalt war schlecht und von Schlaglöchern übersäht.
Er machte eine Vollbremsung, wiederum in Eishockey-Manier.
Im gleichen Augenblick drehte sie sich um.
Erschrocken sah sie, wie er kurz vor ihr zum Stehen kam.
Sie riß die Augen weit auf.
„Süß“, dachte er.
Sie starrte ihn schweigend an.
Er musste irgendetwas sagen. Aber worüber sollte er reden? Er kannte sie doch überhaupt nicht.
Am besten war verließ sich auf seine Fähigkeit zum Improvisieren.
„Ich glaube, wir sind Seelenverwandte“, sagte er optimistisch.
„Woher willst du das wissen?“, fragte sie lächelnd.
„Sowas sehe ich auf den ersten Blick!“, rief er.
„Und woran?“, fragte sie amüsiert.
Er überlegte fieberhaft und taxierte sie intensiv von Kopf bis Fuß.
Schließlich kam ihm die Erleuchtung.
„Wir haben die gleichen Inline-Skates!“
„Stimmt“, sagte sie nach kurzem Überlegen.
Sie setzte sich wieder in Bewegung. Sie fuhr an ihm vorbei und guckte sich dabei nach ihm um, ohne sich zu verabschieden oder sich irgendwie zu beeilen.
Ihm kam das wie eine schriftliche Einladung vor.
„Geiler Fahrstil“, sagte er gönnerhaft.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Das Wochenende ist vorbei und die Kapitel werden wieder kürzer!
27.

Sie fuhr langsam. Es dauerte trotzdem eine Weile, bis er sie einholte. Er ließ sich Zeit. Ihre Jeans faszinierten ihn.
„Meine Inliner sind anders als deine“, sagte sie. „Es gibt inzwischen Skates für Frauen. Wir haben schmalere Füße und damit wir trotzdem genug Halt haben, ist da ein kleiner Absatz eingebaut.“
Er hörte, was sie sagte, aber er verstand nicht, wie das funktionieren sollte, was sie da zu erklären versuchte. Wie auch immer, es klang vernünftig und er mochte kluge Frauen. Es störte ihn auch nicht, wenn eine Frau klüger als er war. Er war alt genug, um sich daran gewöhnt zu haben. Dafür konnte er besser schwere Sachen tragen.
„Genial“, sagte er.
Das passte immer.
Sie errötete leicht.
„Diese Jeans ziehe ich wirklich nur noch zum Inline-Skaten an“, sagte sie dann. „Falls die andere Bremse versagt und ich auf die Textilbremse zurückgreifen muss.“
„Genial.“
„Naja, bei diesem alten Lappen ist es dann nicht schlimm, wenn ich ihn ruiniere. Diese Jeans sind sowieso jenseits von gut und böse.“
Er konnte nicht dreimal hintereinander „genial“ sagen.
Was konnte er tun?
Er versuchte Bedenkzeit zu schinden, indem er so tat, als würde er die Natur bewundern.
„Hier hat es rechts allerhand Bäume. Finde ich schön. Ist so natürlich!“
Da war es wieder, sein großes Problem mit dem Reden. Wenn ihm nach Schweigen war und er sich dann durchrang, trotzdem etwas zu sagen, stellte er meistens fest, dass Schweigen doch besser gewesen wäre.
„Letztes Jahr sind in den USA zwei Bankräuber wegen solcher Jeans verhaftet worden“, erzählte sie.
„Wie blöd“, sagte er. „Wer überfällt denn eine Bank, um alte Jeans zu klauen! Gab es da kein Geld?“
Sie lachte.
Das war gut.
„Natürlich haben die auch Geld geraubt. Aber sie trugen dabei ihre alten Jeans und darum konnte man sie später aufgrund der Aufnahmen trotz Maske identifizieren. Weil sich eine Jeans nämlich nach einiger Zeit ihrem Träger anpasst.“
„Meine nicht“, widersprach er. „Ganz im Gegenteil.“
„Irgendwie schon“, sagte sie. „Das, womit man die Bankräuber identifizierte, wird Waschmuster genannt.“
„Waschmuster?“
Die Frau interessierte sich für das Waschen von Wäsche.
Heiraten.
„Ja, ausgewaschene Jeans sind nicht immer gleich. Je nachdem, wer sie getragen hat, werden unterschiedliche Stellen unterschiedlich stark abgenutzt und auch stärker ausgewaschen und dadurch werden die Jeans individualisiert.“
Diese Frau schien ihm doch etwas zu schlau zu sein.
„Bist du Dozentin?“, fragte er gereizt.
„Ja!“, rief sie begeistert. „Woher weißt du das?“
„War nur eine Frage...“
„Das klang aber nicht wie eine Frage!“, stellte sie mit anhaltender Begeisterung fest. „Wie konntest du das so genau wissen?“
„Weil du ziemlich renitent bist.“
„Wie bitte?“
Sie sah ihn an und fuhr so weit auf seine Seite, dass er ausweichen musste.
„Eloquent wollte ich sagen!“
Er guckte sie an, um festzustellen, ob er diesmal das richtige Wort erwischt hatte.
„Wo willst du eigentlich hin?“, fragte sie.
„Huh“, sagte er.
„Wie bitte.“
„Ich habe nichts gesagt!“
„Wo willst du eigentlich hin?“

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Die Inline-Skates werden ausgezogen!
28.

Sie wirkte nett, natürlich und sportlich.
"Super", dachte er.
"Diese Marke Inliner ist wirklich vom Preisleistungsverhältnis und von der Art der Schuhe her die beste, wenn man keine Stunts machen und keine Rekorde brechen, sondern nur Strecke laufen will", sagte sie.
"Genau."
"Bei schlechtem Wetter gehe ich auch Joggen, aber Skaten ist eine gute Abwechslung und schont die Gelenke, weil man gleitende, sanfte Bewegungen hat und nicht von einem Bein auf das andere springt und jedesmal die Knie mit einem vielfachen des eigenen Körpergewichts belastet."
"Hast du einen Freund?"
"Nein. Man schont obendrein die Wirbelsäule, die nicht gestaucht wird."
"Warst du schon einmal verheiratet?"
"Nein. Ich finde Skaten besser als Fahrradfahren, weil mehr Muskeln angesprochen werden und man auch diese vertikalen Bewegungen hat, die das Spazierengehen so gesund machen."
"Lebst du allein?"
"Nein, ich wohne mit meiner Freundin zusammen. Bei dieser Hitze ist Skaten auch besser als Joggen, weil man keinen Hitzschlag riskiert. Es ist nicht so anstrengend und man hat Fahrtwind."
"Hat deine Freundin einen Freund?"
"Nein. Sie will auch keinen. Vorsicht, da kommt ein Radfahrer von hinten."
Das wurde immer besser. Zwei Frauen ohne Männer und einen von beiden wollte keinen festen Freund, bevorzugte also freie Liebe.
"Wohnst du hier in der Nähe?"
"Fahrradfahrer!"
Sie wiederholte sich. Das nervte. Und das Geklingel auch.
Eine Radfahrerin überholte auf einem Rennrad mit etwa 30 km/h. Sie trug eine schwarze Stretchhose und hatte Oberschenkel wie eine professionelle Schlittschu-Sprinterin. Ihre Haare flatterten im Wind.
"Immer diese Radfahrer", sagte er, um die Konversation in Gang und das Niveau auf dem bereits erreichten Niveau zu halten.
"Normalerweise dürfen wir überhaupt nicht auf Radwegen fahren". sagte sie. "Meine Freundin und ich sind schon einmal von der Polizei angehalten worden, weil wir auf dem Bürgersteig zu schnell waren und den Radweg als Überholspur benutzt haben."
"Ich stehe auf schnelle Frauen!"
"Was?"
"Was?"
"Was hast du gesagt?"
"Nichts", sagte er.
"Da sind wir!"
"Wo?"
"Hier. Wo ich wohne!"
Sie standen vor einem Zwei-Familienhaus, ganz in der Nähe von Jean Pauls Wohnung.
"Ach so."
"Wann läufst du wieder?", fragte sie.
"Da muss ich erst in meinen Terminplaner gucken. Kann ich dir das später sagen? Wir können das bei einem Bier diskutieren. Das haben wir uns verdient."
"Gut. Du kannst mich in einer Stunde abholen."
Er sah ihr nach. Sie winkte. Er guckte auf die Uhr. Er musste sich richtige Schuhe anziehen und sich irgendwo Deo kaufen.
Machbar!

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Keine Vorschau. Alles bleibt nebulös und unvorhersehbar!
29.

Er rollte zu seinem Auto und zog sich die Inliner aus. Einige Passanten guckten neugierig.
Seine Socken waren verschwitzt. Noch ein Kleidungsbestandteil, den er gleich unbedingt wechseln musste.
Vom Parkplatz ging er direkt in die Stadt. Das Laufen mit normalen Schuhen war erst wieder gewöhnungsbedürftig. Er versuchte immer die Füße zu schieben und bremste sich dabei selbst. Die Passanten quittierten sein Gestolper mit mitleidigem Kopfschütteln.
Im Supermarkt kaufte er sich wie geplant Deo und Zahnseide. Dabei kam er an Frikadellen vorbei. Seit seiner Wehrpflicht gehörte er zu den Anonymen Frikadellenessern. Er wurde schwach und kaufte sich auch davon eine Packung, über die er dann zuhause hemmungslos herfiel.
Als er zum Duschen kam, war er schon ziemlich spät dran. Beim Abtrocknen schaute er auf die Wanduhr. Spät. Stress! Er rubbelte und und frottierte und rubbelte und frottierte, aber irgendwie fand er immer wieder neue Tropfen auf der Haut zum Abrubbeln und Abfrottieren, bis ihm bewusst wurde, dass das Rubbeln und Frottieren zu einer schweißtreibenden Tätigkeit mutiert war und auf diese Weise endlos so weitergehen konnte.
Seine frisch gewaschenen Hemden waren alle noch total kraus und die anderen alle schon schmutzig. Er bügelte sich ein Hemd und zog es dann gleich an.
Warm.
Die Jeans waren auch total kraus. Er zog eine an. Immer noch kraus. Er füllte sie nicht mehr so gut aus wie früher. Er bügelte auch die Jeans und zog sie dann erneut an.
Warm. Warm.
Er beschloss, sicherheitshalber noch einmal zur Toilette zu gehen. Ihm fiel auf, dass er bem Gedanken an seine Verabredung eine halbe Erektion hatte, hielt das aber nicht weiter beachtenswert. Falsch. Als er saß, lag der verlängerte Körperteil auf der Brille und die ersten Tropfen gingen nicht nach unten, sondern in die Unterhose. "Oh Gott", dachte er, "jetzt bin ich schon so blöd, dass ich mich vor mir selbst blamiere und Sachen mache, für die ich mich vor mir selbst schäme."
Er guckte im Schrank nach Unterhosen. Keine. Sicher, es war Sommer. Die waren im Kühlschrank. Er holte eine raus und zog sie an.
Kalt, kalt, kalt.
Ihm fiel ein, dass er soeben Frikadellen gegessen hatte. Er musste sich die Zähne putzen. Er wollte besonders gründlich sein und putzte und putzte. Dabei bekleckerte er sich mit aufgeschäumter Zahnpasta auf dem Hemd. Noch ein neues Hemd bügeln und gleich anziehen.
Warm.
Nur seine Testikel waren noch kalt.
Er fühlte sich gleichzeitig warm und kalt.
Waren das schon die Wechseljahre??
Endlich konnte er das Haus verlassen und zu seiner neuen Bekanntschaft laufen.
Er klingelte.
Nichts.
"Komm schon, du geiles Luder!", schimpfte er aus vollem Hals.
"Die Tür ist offen!", rief sie.
Oh, eine Sprechanlage.
"Hast du das gerade gehört?", fragte er bange.
"Ich bin doch icht taub", sagte sie. "Und hast du den Türöffner nicht gehört? Das Klingeln?"
"Ach so."
Er hatte gedacht, das wäre schon Tinnitus, da er erst am Morgen davor gewarnt worden war.
Er drückte die Tür auf.
Offen.
Sie hatte die Wahrheit gesagt.
"Ich kann nicht runterkommen!", rief sie durch die Sprechanlage. "Ich bin nackt! Komm du hoch!"
Aber hallo!

Fortsetzug folgt

Vorschau:
Keine Prognosen.
29.

Jean Paul stürmte die Treppe hoch, als wenn sein Überleben davon abhinge. Er hatte das Gefühl, dass es sogar um mehr ging, nämlich um das Überleben der Menschheit und seinen persönlichen Beitrag dazu. Diese Frau musste es sein. Die Frau. Überhaupt. So cool, so unkompliziert...
Er sah sie in der Wohnungstür stehen.
Angezogen.
Sein Schritt verlangsamte sich.
„Wir müssen öfter zusammen trainieren!“, rief sie.
„Willst du?“, fragte er.
Sein Seitenstechen erschwerte ihm das Reden.
„Wollen will ich nicht unbedingt, aber müssen muss ich wohl“, sagte sie mit sorgenvoller Miene.
„Wie bitte, was?“, fragte er.
„Wenn du schon von den paar Stufen so ins Schnaufen kommst, brauchst du mehr Training!“
„Sicher“, sagte er atemlos und abwägend.
Sie schaute auf seine Hose.
„Überhaupt, wie du mit deiner Gesundheit umgehst! Trägst dein Handy in der Hosentasche! Nachher ist deine Familienplanung total verstrahlt!“
Sie drehte sich um und ging in die Wohnung.
Er war froh, dass sie nicht von ihm verlangt hatte, das Handy aus der Hosentasche zu nehmen. Sein Handy lag nämlich noch zu Hause.
„Du bist ja angezogen!“, rief er ihr nach. „Ich dachte, du bist unbekleidet!“
„Ich musste nur noch meine Bluse zuknöpfen, um mich nicht mehr nackt zu fühlen!“
Er ging ihr nach.
„Das ist unsere Küche.“
„Schön“, sagte er, da ihm kein besseres Kompliment einfiel.
„Kochst du?“, fragte sie.
„Ich habe es gelernt.“
„Ich kennen jemanden, der so jemanden sucht!“, sagte sie.
Allmählich fragte er sich, ob ihre Freundin noch dominanter war und ob die beiden einen Küchensklaven suchten. Heutzutage war alles normal. Und das erklärte auch, warum ihre Freundin keinen Freund wollte. Sie wollte keinen Mann neben sich, sondern unter sich. Weit unter sich.
„Einen Koch?“, fragte er misstrauisch.
„Nicht unbedingt einen Koch. Nur jemanden, der Kochen kann und auch mal abwäscht.“
„Okay, ich kann demnächst einmal für euch kochen“, sagte er.
„Das können wir schon selbst. Jede von uns“, sagte sie.
„Gut, ich will nämlich nicht mehr kochen“, knurrte er.
„Wir müssen jetzt gehen!“, stellte sie fest. „Sonst lohnt es sich nicht mehr. Ich muss wieder hier sein, wenn meine Freundin zurückkommt.“
„Wohnt da unten auch jemand?“, fragte er.
„Ja, ein Mann“, antwortete sie. „Ich kann ihn dir vorstellen.“
„Bist du fertig zum Ausgehen?“, sagte er.
Nicht nackt. Er war so enttäuscht. Er brauchte frische Luft, um sich zunächst einmal abzukühlen. Und Alkohol, um sie aufzulockern und in die richtige Stimmung zu bringen, dass er ihr auch seine Wohnung zeigen konnte. Und seine Briefmarken. Genau in dieser Reihenfolge. Der Weg zu seiner Stammkneipe brachte alles in Gang.
„Gehen wir!“, rief sie. Sie zog eine Jacke an, nahm einen Schlüssel heraus und stellte sich in die Wohnungstür.
Er ging an ihr vorbei.
Sie schloss die Tür ab und folgte ihm.
„Ich muss dir gleich sagen, dass ich nicht viel vertrage und sofort betrunken bin“, sagte sie mitten auf der Treppe.
„Gut“, sagte er.
„Wie bitte? Warum findest du das gut?“
„Ja, weil das bei mir genauso ist“, sagte er. Zum Glück hatte sie gerade nur seinen Rücken und nicht sein das Grinsen in seinem Gesicht gesehen.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Was auch immer jetzt als nächstes passiert, Jean Paul bleibt trotzdem unser Held!
:laugh:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.093.322 von Wolfsbane am 21.09.06 22:55:52sehr geil geschrieben und ganz weit vorne damit! weiter so im text. :look:
30.

Es wurde dunkel und Marie zeigte zum ersten Mal Anzeichen von Nervosität gegenüber Jean Paul, als er sie gezielt in eine eher dunkle Gasse führte, wo außer ihnen beiden kein Mensch zu sehen war.
„Hier war ich noch nie“, sagte sie mit kritischem Unterton.
„Das macht nichts. Du bist eben nur zugezogen.“
„Nein, hier war ich wirklich noch nie“, beharrte sie. „Auch nicht bei Tageslicht!“
„Klar. Auf Kopfsteinpflaster kann man nicht gut skaten.“
„Und was soll hier sein?“
„Irgendwie mangelt es dir an dem starken Willen, mir vertrauen zu wollen!“
„Ha!“, rief sie.
Was sollte das jetzt schon wieder heißen?
Die Tür neben ihr ging auf und ein nicht mehr ganz junges Paar verließ das Haus Arm in Arm und kichernd.
„Das ist eine der beiden besten Kneipen in unserer Stadt“, sagte er. „Das Gebäude steht unter Denkmalschutz..“
Er öffnete die schwere Tür und hielt sie auf.
Sie trat in den Flur und sah auf die schmale Treppe, die links nach oben führte.
"Was!", rief sie nervös.
„Wenn ein Mann und eine Frau eine Treppe hochgehen, geht die Frau vor, damit er sie auffangen, falls sie stolpert..."
„Aber ich trage keine hohen Absätze!“
„Manche Dinge sind eben so zwischen Mann und Frau.“
„Wir sind nicht verheiratet.“
„Es ist einfach sicherer, wenn die Frau als Erster die Treppe hochgeht.“
„Du willst mir nur auf den Axxxx gucken!“
Leugnen war zwecklos. Außerdem waren es nur wenige Stufen. Also würde er sowieso nicht lange gucken können.
„Du enttäuscht mich“, sagte er und versuchte dabei aufrichtig gekränkt zu wirken.
Dann ging er vor. Erneut kam ihnen ein Paar entgegen. Jean Paul machte auf der schmalen Treppe Platz, indem er sich zur Seite drehte. Das gab ihm Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass Marie noch bei ihm war.
Endlich kamen sie oben an und betraten den Schankraum. Das Licht war gedämpft. An der Theke saßen ein paar Bummelstudenten und arbeitslose Akademiker.
„Wir bleiben an der Theke“, sagte Marie.
Aber es ist nur ein Platz frei und drüben in der Ecke ist es noch gemütlicher.“
„Hier sind zwei Plätze frei! Ich nehme den mit dem dicken schwarzen Kissen. Gemütlicher geht es nicht.“
Ehe Jean Paul etwas erwidern konnte, kreischte sie.
„Das Kissen hat mich angeblinzelt!“
„Nicht das, sondern der.“
„Der Kissen?“
„Der kastrierte Kater. Der wohnt hier.“
Der Wirt flüchtete soeben in die Küche.
„Zwei Weizen nach“, rief Jean Paul ihm nach. Es war schon spät und die Kneipe hatte nicht mehr lange auf. Wenn er Marie Gelegenheit gab, sich mit 0,3-Portionen aufzuhalten, kriegte er sie nicht rechtzeitig beschwipst.
Sie gingen eine kleine Treppe herunter und setzen in eine freie Ecke.
Jean Paul atmete auf, als er sah, dass Marie ihre Jacke auszog, sie auf einen Stuhl hängte und sich ihm gegenüber setzte.
„Was ist?“, fragte sie.
Er sah das Unheil kommen.
Seine Vergangenheit holte ihn ein.
„Hallo!“, rief eine dunkle Männerstimme.
Jetzt war alles vorbei!

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Die Geschichte geht mit den Überlebenden weiter.
Schreibst du hier zeitnah oder hast du immer ein paar Kapitel auf Tasche?

Coole Story!!
Danke und weitermachen!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.172.680 von Gammelfleischer am 24.09.06 21:41:36@ Gammelfleischer:

Ich schreibe immer zeitnah. Ich habe einen roten Faden und daran hänge ich die einzelnen Episoden auf. Wenn ich merke, dass es zu lang wird, suche ich einfach nach der spannendsten Stelle zum Aufhören.


Gruß
Wolfsbane:)
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.183.584 von Wolfsbane am 25.09.06 12:43:16...und Du hast sie wie immer gefunden :)
31.

Jean Paul kannte die Stimme seit seiner Kindheit. Er und Hubertus waren einst Freunde gewesen. Dann hatten sie sich wegen einem Mädchen gestritten. Hubertus hatte sie maßlos bewundert und Jean Paul hatte sie gekriegt. Wie das eben so passierte.
Mittlerweile war Hubertus von einer anderen Frau geschieden und wanderte jeden Abend ruhelos zwischen den Kneipen umher. Er trank nicht viel, sondern guckte sich überall nur um und baggerte alle Kellnerinnen an, die seinen imer gleichen Scherze nonchalant über sich ergehen ließen.
"Hallo", sagte Hubertus, während sein Blick zwischen Jean Paul und Marie hin und her schweifte.
"hallo", knurrte Jean Paul.
"Hast du eine Schwester?", knurrte Hubertus.
Marie wurde erst bleich und dann grün im Gesicht.
Hubertus kraulte sich den Nietsche-Bart.
"Nä?", fügte er hinzu.
"Warst du heute schon in der Altdeutschen Gaststätte Hagemeier?", fragte jean Paul.
"Jau."
"Warst du schon im LOW LEVEL?"
"Jau."
"Warst du schon in der Destille?"
"Jau. Schon zweimal. Nix los da."
"Und warst du auch schon bei Bennie?", fragte Jean Paul geduldig weiter.
"Nä."
"Dann gehe doch mal dorthin!", schlug Jean Paul vor.
"Meinste?", fragte Hubertus.
"Jau."
Jean Paul sah ihm nach.
"Wer war das?", fragte Marie.
"Kenne ich nicht."
"Aber er kannte dich!"
"Der kennt jeden, der hier in unserem Kaff in Kneipen geht."
Marie bekam einen Anruf. Sie wirkte erst paralysiert. Endlich zog sie ihr Handy hervor und meldete sich mit "Ja."
Jean Paul trank sein Bier.
"Ich muss sofort nach Hause!", rief Marie.
"Ein Notfall?", fragte er.
"Meine Freundin ist eher heim gekommen!"
"Und?"
"Ich muss sofort nach Hause!"
"Ich bringe dich heim."
"Muss nicht sein."
"Doch."
Sie verließen die Kneipe und gingen zurück in die dunkle Gasse. jean Paul fragte sich, wo der Kater geblieben war.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
fällt aus
Wie es weitergeht:

Jean Paul verkauft als nächstes Software, Versicherungen und schließlich Anteile an einem Traumschiff.
Währenddessen erlebt er immer wieder die verrücktesten Abenteuer, wenn er sich um andere Jobs bewirbt oder per Internet schräge Frauen kennenlernt.
Irgendwann landet er bei der besten Chefin von allen und lernt, Termine für Vertreter zu machen. Weil daraus aber kein Vollzeit-Job wird, kehrt er schließlich in seinen alten Beruf als Koch zurück und findet es diesmal zu seiner Überraschung super.
Ob es danach noch weiter geht, hängt davon ab, wieviel Zeit ich zukünftig zum Schreiben habe und wieviele Freunde (oder Feinde) mir diese Geschichte bis dahin einbringt...

;)
Schlage vor, alle fans hier legen zusammen, damit Du einen fulltime-job daraus machen kannst ;)
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.217.072 von unlocker am 26.09.06 20:35:55@ unlocker:

Danke, aber ein Dasein als freier Künstler ist mir dann doch zu unsicher... ;):laugh:
32.

Anfangs hatte Jean Paul seine neue Bekannte echt cool gefunden. Jetzt wusste er, dass sie alles andere als cool war. Zumindest war es damit schlagartig vorbei, wenn ihre Freundin anrief. Außerdem reagierte sie ängstlich, wenn ihr im Dunkeln ein Fremder entgegen kam. Letzteres war der einzige Grund, warum Jean Paul sich an sein Versprechen hielt und sie bis nach Hause brachte, obwohl sie ihn kaum beachtete. Von anderen Frauen war er es gewohnt, dass sie, wenn sie sich erschraken, sei es wegen Blitz und Donner oder seltsamer Schatten, seine Nähe suchten, aber Marie zeigte keinerlei Ansätze dieser Art. Sie guckte nur die ganze Zeit, als sei jemand gestorben und ging kleine Umwege, um unterwegs zu Fremden möglichst große Distanz zu halten.
Endlich kamen die beiden vor Maries Haustür an. Sie guckte in an, als sei er ihr lästig.
„Danke fürs Nachlaufen“, sagte sie.
„Okay.“
„Du solltest jetzt gehen.“
„Okay.“
„Wirklich!“
„Ist was?“, fragte er.
„Oh“, seufzte sie.
Eine große und schlanke blonde Frau kam die Treppe herunter geschritten. Sie hatte etwas an sich, was bei Jean Paul sofort den Wunsch nach Distanz hervorrief und ihn in Alarmzustand versetzte. Irgendwie wirkte sie sehr dominant. Ihr Gesicht drückte etwas aus, was Jean Paul mehr als alles andere zu respektieren wusste: Kalte Wut.
Eigentlich war die Blonde recht attraktiv. Gute Figur, edles Gesicht, schönes Kleid. Trotzdem fand er sie nicht anziehend. Sie sah nach der Art Frau aus, die Jean Paul nur aus Büchern kannte. Genauer gesagt aus den Krimis von Mickey Spillane. Da begegnete der Held immer wieder Frauen, die ihn mit einer Hand an sich drückten, während sie ihn küssten und mit der anderen Hand eine Revolver Kaliber 45 aus der Schublade zogen, um ihm aus nächster Nähe das das unverdaute Chili Con Carne aus dem Leib zu ballern.
„Komm rein!“, befahl sie Marie.
Marie hätte offensichtlich sofort gehorcht, wenn ihre Freundin die Tür weit genug geöffnet hätte. Aber stattdessen sah sich ihre Freundin nach einem breitschultrigen Mann um, der soeben aus seiner Wohnung im Erdgeschoss kam, auf Marie und Jean Paul sah und irgendetwas Unverständliches sagte.
„Okay“, sagte die Blonde zu Marie. „Der kann auch reinkommen.“
Marie versuchte Jean Paul mit flatterndem Blick anzusehen. Es misslang ihr. Irgendwie musste sie die ganze Zeit immer wieder auf den Boden sehen.
„Ich lasse dich nicht alleine“, sagte Jean Paul.
Marie ging wortlos ins Haus.
Jean Paul folgte ihr und ging nach ihr die Treppe hoch.
„Wenigstens macht sie es jetzt richtig und geht vor mir die Treppe hoch“, dachte Jean Paul, der schlecht damit zurande kam, wenn etwas andersrum war.
Hinter ihm ging der verschwitzt aussehende fremde Mann.
Ganz zuletzt kam die Blonde hoch.
An der Wohnungstür versuchte Marie erneut Jean Paul anzusehen, doch wieder landete ihr Blick nur auf seinen Schuhen.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Für diejenigen Leser, die es gruselt, ist es vielleicht eine Erleichterung, wenn sie erfahren, dass es dem Erzähler ebenso geht und dass das auch im folgenden Kapitel so sein wird.
33.


Marie betrat das Wohnzimmer und blieb in der Mitte stehen. Ihre Freundin lief im Raum herum und rückte oder zupfte Dinge zurecht- überall. Währenddessen behielt sie Marie permanent im Auge.
Jean Paul platzierte sich so, dass er beide Frauen gleichzeitig im Blick hatte. Dann fiel ihm wieder der Mann ein. Er stellte sich mit dem Rücken zur Wand. Der andere Mann stellte sich neben ihn. Jean Paul rückte automatisch ein Stück in die andere Richtung.
Die Blonde setzte sich auf das größere der beiden Sofas, sah Marie an und klopfte schweigend auf den freien Platz neben sich. Jean Paul verspürte die Neigung, sich anstelle Marie dorthin zu setzen und sich witzig vorzukommen, aber Marie reagiert unglaublich schnell, ehe sie wieder völlig bewegungslos wurde.
„Sitz“, sagte die Blonde zu Jean Paul und deutete auf das kleinere Sofa ihr gegenüber.
Jean Paul nahm genau in der Mitte des Sofas Platz.
„Rück mal rüber“, sagte der andere Mann. Er legte seine Hand auf Jean Pauls Schulter und drückte ihn zur Seite. Jean Paul schoß nach oben und zur Seite, als hätte er einen schmerzhaften elektrischen Schlag bekommen. Fast wäre er über die Armlehne der Couch hinweg gesprungen.
„Ist das nicht ein schönes Paar!“, rief die Blonde.
So ein fieses Grinsen hatte er seit einem Jahrzehnt nicht mehr zu sehen bekommen, denn so lange war seine Ausbildung zum Koch und seine letzte Begegnung mit seiner Ausbilderin vorbei.
„Er kommt gerade von der Maloche“, sagte die Blonde. „Er ist noch ganz schmutzig und verschwitzt. Ein richtiger Mann eben“, sagte sie süffisant.
Jean Paul sah nach hinten.
Stand hinter ihm ein Fernseher?
„Sie meint mich“, sagte der andere.
„Ist das dein Freund?“, fragte er Jean Paul und sah Blondie an.
„Deine Bekanntschaft versucht krampfhaft, witzig zu sein“, sagte Blondie zu Marie.
Marie zeigte keine Reaktion, außer knallrot zu werden.
„Er baut sich ein Haus“, sagte Blondie dann. „Ganz allein. Und dann zieht er hier aus.“
„Ich könnte eine andere Wohnung brauchen“, sagte Jean Paul. Der Gedanke, unten zu wohnen und sich ein Haus mit zwei gutaussehenden Frauen zu teilen, weckte in ihm angenehme Erinnerungn.
„Muss ich mich schon bedanken?“, fragte er in den Raum
„Willst du“, fragte der Mann. „Bist du ein guter Koch? Dann nehme ich dich vielleicht mit!“
„Wie bitte... was?“, fragte Jean Paul.
Blondie guckte ihn wieder mit kaltem Zorn an. Dann wandte sie sich Marie zu.
„Ich habe von der Arbeit aus die Feier geplant. Soll ich auch Alex und Karlchen wieder einladen?“, fragte sie.
„Eure Freunde haben aber witzige Namen“, sagte Jean Paul. „Wie heißen die eigentlich richtig? Alexandra und Karl oder Alexander und Karla?“
„Alexandra und Karla“, sagte Marie ernst.
„Alexandra war mit Marie befreundet, ehe wir beide uns kennenlernten“, sagte Blondie zornig.
„Ja und?“, fragte Jean Paul. „Hatte sie eine schlechten Einfluss auf Marie oder hat sie sich Geld geliehen und nicht zurück gegeben?“
Jetzt sahen beide Frauen ihn zornig an.
Schweigen.
Aus den Augenwinkeln sah Jean Paul, dass der Mann ihn anstarrte, wie er schon lange nicht mehr angestarrt worden war. Ungefähr seit dreizehn Jahren, seit dem gruseligsten aller Vorstellungsgespräche, auf das drei wirklich üble Jahre gefolgt waren.
Jean Paul ignorierte ihn.
„Also Kochen ist dein Hobby!“, rief der Mann.
Da war schon wieder eines seiner immer wiederkehrenden Probleme. Er ignorierte jemanden, aber derjenige wollte nicht ignoriert werden oder machte ihm das Ignorieren aus Tolpatschigkeit schwerer als nötig.
„Nein, Koch ist nicht mein Hobby, war nie mein Hobby und wird nie mein Hobby sein“, stellte Jean Paul klar. „Ich ernähre mich seit jeher völlig ausreichend mit Stullen, Currywurst, Pommes und Protein-Drinks. Alles andere war rein beruflich. Um Geld zu verdienen und die Welt zu sehen.“
Zwischenzeitlich war es mehr gewesen, aber die kleinste Erinnerung an seine Ausbilderin ließ ihn jedesmal sofort wieder vergessen, dass er als Koch lange Zeit viel Ehrgeiz und Idealismus verspürt hatte.
„Was kochst du denn so?“, fragte der Mann weiter.
„Angebranntes“, knurrte Jean Paul.
„Dann schmeckt es bei dir ja wie bei Muttern“, sagte er fröhlich.
Jean Paul sah ihn nun doch an.
„Konnte deine Mutter dich auch gut verarzten, wenn du zum Beispiel eine Platzwunde hattest?“
„Natürlich.“
„Und ist sie jetzt gerade in der Nähe?“
„Nein.“
„Dann halte jetzt lieber die...“
Blondie begann heftig zu atmen.
„Vielleicht können wir Sammy und Marty einladen!“, rief sie in den Raum.
Jean Paul fühlte sich mittlerweile nennenswert genervt und musste Dampf ablassen, indem er einfach stänkerte.
„Sammy und Marty?“, wiederholte er. „Was ist das denn wieder für ein Paar? Zwei Kerle oder was!“
„Nein“, widersprach Blondie, „das sind Samantha und Martina. Aber wir könnten auch mal zwei Männer einladen. Wie ist es mit euch beiden?“
„Was ist das überhaupt für eine Feier?“, fragte Jean Paul.
„Es ist spät“, sagte Blondie. Sie sah Marie an. „Ich bringe deinen Mitläufer zur Tür.“
Jean Paul ließ sich von ihr nach draußen geleiten. Er holte sich an der Tankstelle zwei Dosen Bier zum Einschlafen.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Wird Jean Paul sich jemals von dieser Enttäuschung erholen?
ich finde, olle paule sollte seine bekanntschaft aus den fängen dieser lesbischen domina befreien :rolleyes:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.256.662 von greatmr am 28.09.06 12:25:38Hallo greamtmr!

Toll, dass du wieder dabei bist! :)

Aber wer redet denn hier von :eek: lesbisch oder :eek: Domina? ;)

Außerdem scheint Marie sich ansonsten ganz wohl zu fühlen...

Wolfsbane
34.

Jean Paul setzte sich zu Hause vor seinen Mac und bastelte erneut am Anfang seines großen Westerns. Irgendwie war das noch nicht dramatisch genug, um an die großen deutschen Schriftsteller Karl May und G.F. Unger anzuschließen. Aber es musste einen dritten geben. Aller guten Dinge waren drei. Und der dritte große deutsche Schriftsteller wollte er selber werden. Aber er wusste, dazu musste er noch üben.

Die Schwingtür zum Saloon ging quietschend auf. Einige der Cowboys und Revolverhelden und Falschspieler sahen aus den Augenwinkeln zum Eingang.
Aber niemand kam rein.
"War wohl der verd... Sch... wind, Männer!", knurrte der Barkeeper.
Erneut quietschte die Tür.
Diesmal drehten die Männer ihre Köpfe zum Eingang.
Wieder kam niemand rein.
"Da kommt keiner nicht rein, um euch eine ver... Runde auszugeben", knurrte der Barkeeper. "Darauf könnt ihr verd... lange warten. Also kauft euch selber Whiskey, Männer! Her mit dem verd... Sch... Geld! Wenn ihr wartet, bis ihr draußen erschossen auf der Sch... Straße liegt, säuft ein anderer davon!"
Murrend griffen die Männer in ihre Taschen. Alle taten es langsam und mit der linken Hand, denn damals wurde man schnell abgeknallt, wenn es so aussah, als wollte man nach seinem Totschießer fassen.
Erneut quietschte die Tür.
Die Gäste des Saloons erhoben sich.
Sie bildeten ein Spalier, als der dürre junge Mann hereinkam und schnurstracks auf den Wirt zuging.
"Die ver... Sch... Tür muss verd... nochmal geölt werden!", rief er. "Das Quietschen macht meinen Gaul scheu. Musste ihn zweimal wieder einfangen!"
Er warf einen Dollar auf den Tresen.
"Da klebt Sch... Blut dran!", knurrte der Barkeeper.
Der Fremde nahm das Dollarstück in die Hand und wischte es mit einem Taschentuch ab, auf dem die bereits vorhandenen Blutflecken bereits getrocknet, aber noch nicht verblichen waren.
"Jetzt nicht mehr", sagte er.
"Ein sauberes Glas kostet einen verd... Dollar extra", sagte der Barkeeper.
Der Fremde blinzelte.
Gefährlich ragte sein Revolver aus dem Holster.


Jean Paul seufzte. Seit Sergio Leone tot war, gab es niemanden mehr, der ein solches Werk verstehen und 1:1 fürs Kino umsetzen konnte.
Er musste an etwas anderes denken.
Marie.
Das war das einzige, woran er sonst denken konnte.
Was sollte er tun?
Er beschloß Aphrodite, seine Internet-Bekanntschaft anzurufen. Und das, was sie sagte, würde er tun. Egal, was es war!

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Der Erzähler macht Wochenende!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.276.903 von Wolfsbane am 29.09.06 11:27:01ich bin (fast) immer in deinen threads mit dabei :D

weiss auch nicht, wie mir das mit der lesbischen domina in den kopf gekommen ist :laugh:;)

... und soooo wohl fühlt sie sich für meinen geschmack eher nicht ...
35.

Er gab Aphrodite einen genauen Bericht über die Begegnung mit Maries Freundin und ließ nur die wirklich unwichtigen Sachen, wie zum Beispiel den Mann, weg.
Sie lachte einfach.
„Du bist doof“, sagte sie dann.
„Das ist alles, was du als Frau dazu sagst? Ich soll es einfach vergessen und es ist doof, darüber nachzudenken?“
„Bist du notgeil oder was!“
„Du klingst wirklich wie ein unheimlich liebes, niedliches kleines Mädchen... und du sagst solche Dinge!“
Erneut lachte sie.
Klang süß.
„Vielleicht“, begann er, „warst du früher ein unheimlich liebes, niedliches Ding und vielleicht steckt dieses kleine Mädchen immer noch in dir. Vielleicht bestand dein Leben als niedliches kleines Mädchen damals nur aus Ballett und Hungern und Schule und Ballett und Hungern und Klavierunterricht und Ballett und Hungern und... dann hattest du vielleicht vorzeitig Verschleißerscheinungen, und bekamst Cortison und andere Medikamente von denen man zunimmt und...“
„Du solltest Schriftsteller werden!“, unterbrach sie ihn.
„Ich schreibe schon intensiv an meinem ersten Western. Die sind aus der Mode, aber ich bin ein Contrary! So nennt man das an der Börse, wenn jemand nicht den Trends nachläuft, sondern auf Trendwenden setzt!“
„Ich muss jetzt Schluss machen, denn ich habe Besuch und muss ihn allmählich wieder losbinden, sonst kriegt er Panik oder ist hinterher ernsthaft sauer! Tschüß!“
Sie legte auf.
Er beschloss, Aphrodites Rat auf sie selbst anzuwenden und auch über dieses Gespräch nicht nachzudenken. Statt zu denken, machte er das Gegenteil. Er setzte sich an seinen Computer und chattete.
Die ganze Nacht.
Schließlich wurde er immer wieder von einer Person mit dem Namen einer Frau angesprochen. Wahrscheinlich war es ein Fake. Er sagte ihr das. Sie fragte ihn nach seiner Email-Adresse und schickte ihm ein Foto. Es war zu schön, um echt zu sein. Frauen,die man im Internet kennenlernte, waren entweder mindestens 150 Kilo schwer oder schon kurz vor der Rente oder wirklich unattraktiv. Wahrscheinlich zeigte das Bild ein Model und war von irgendeiner Internet-Seit geklaut.
Schließlich fragte sie ihn nach seiner Telefonnummer und rief ihn an. Sie wollte sich mit ihm verabreden. Sehr verdächtig. Er lehnte immer wieder ab und sah schließlich, dass die Sonne längst wieder aufgegangen war.
„Ich muss zur Arbeit!“, rief er. „Ruf mich heute abend wieder an! Tschüß!“
Er legte auf.
„Sie sehen ja total verzweifelt aus“, sagte seine Chefin wenig später zur Begrüßung.
Unsinn.
„Sie gucken heute auch irgendwie anders“, sagte er.
„Warum?“
„Irgendwie gucken sie mich heute mit ihren Augen anders an“, sagte er. „Irgendwie.“
„Ich probiere gerade einen neuen Eyeliner aus“, erklärte sie.
„Ich kenne nur Inliner“, sagte er.
„Wir sprechen nach der Arbeit!“
Sie ging in ihr Büro.
Er sah ihr nach. Plötzlich stand der Teamleiter neben ihm.
Der war groß. Wirklich groß. Immer noch. Auch beim zweiten Hinsehen.
„Bitte nicht schlagen, ich bin Bluter!“, sagte Jean Paul.
„Was?“
„Ich war früher im Schachklub. Manche Sachen färben ab.“
„Folge mir unauffällig.“
So begann sein zweiter Tag als Telefonagent.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Marie trennt sich von ihrer Freundin. Jean Paul findet einen neuen Job und erlebt beim Treffen mit seiner neuen Internet-Bekanntschaft eine tolle Überraschung!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.304.506 von Wolfsbane am 30.09.06 13:41:45ganz ganz grosses Kino ! :laugh:
Weiter so wolfsbane !
36.

„Manche Leute spielen grundsätzlich nicht.“, sagte der Teamleiter. „Da kannst du dir den Mund fusselig reden und und erntest höchstens Selbstzweifel. Dann verschwende nicht deine Zeit, sondern rufe den nächsten an!“
„Verstanden“, sagte er und telefonierte so fleißig, wie er früher in der Fabrik an der Maschine gearbeitet hatte.
Bald brauchte er eine neue Liste mit Telefonnummern.
„Du bist zu schnell“, sagte der Teamleiter.
„Wieso zu schnell?“, fragte Jean Paul.
„Du gibst zu schnell auf! Bei jeder Liste müssen eine gewisse Anzahl von Abschlüssen rausspringen!“
„Du hast doch gerade eben gesagt, ich soll mir nicht den Mund fusselig reden, wenn einer überhaupt nicht will!“
„Aber es gibt genug, die wollen“, erklärte der Teamleiter, „und du musst um jeden Einzelnen kämpfen!“
Jean Paul fand jetzt irgendwie widersprüchlich.
„Und woher weiß ich, ob ich mir nur sinnlos den Mund fusselig rede oder sich das Kämpfen lohnt?“
„Das sagt dir die Erfahrung.“
„Aber ich habe keine Erfahrung. Darum bin ich Praktikant.“
„Dann übe weiter“, sagte der Teamleiter.
Anschließend hatte Jean Paul wieder einen Rentner dran, der so gehässig und aggressiv redete, wie man es nur sich nur vorstellen konnte. Ihm kam der Verdacht, dass diese Herren in eine Phase ihrer Kindheit zurückfielen und sich wie auf dem Schulhof fühlten, wo es als wahre Männlichkeit galt, sich einfach möglichst unfreundlich und fies zu benehmen.
Der Teamleiter neben ihm telefonierte gerade mit einer freundlichen, aber misstrauischen Dame, die ihm nicht glaubte, dass sie bei einer Sonderauslosung gewonnen hätte und zu einer sehr limitierten Anzahl von Glücklichen gehörte, denen sich jetzt die einzigartige Chance bot, zu besonders günstigen Bedingungen Lotto zu spielen.
„In ihrem Dorf hat wirklich jeder schon einen solchen Anruf bekommen?“, fragte der Teamleiter. „Das ist aber ein unglaublicher Zufall oder besser gesagt, eine einzigartige Ansammlung von Zufällen. Das kann ich überhaupt nicht glauben! Sind sie sicher?“
Jean Paul telefonierte als nächstes mit einer Putzfrau und danach mit einer Frau, die auf das Haus der Nachbarn achtete, während diese in Urlaub waren.
„Ich habe andauernd die falschen Leute dran“, klagte er dem Teamleiter. „Die Leute auf der Liste sind nicht da, aber der Anstreicher oder Hausmeister oder die Schwiegertochter... Kann ich denen auch Lose verkaufen, auch wenn sie nicht bei der Sonderauslosung gewonnen haben und nicht meine Ansprechpartner sind?“
Der Teamleiter sah ihn an, als wenn Jean Paul den Verstand verloren hätte.
„Die kannst du jedem verkaufen!“
„Aha“, sagte Jean Paul. „Das habe ich auch schon versucht, aber eigentlich nur aus Verzweiflung....“
Der Teamleiter gab ihm eine andere Adresse.
„Hier, versuche es mal bei den Ossis! Die sind naiver!“
„Nu“, sagte Jean Paul.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Paule verkauft sein erstes und einziges Los
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.315.725 von GEZ-Preller am 01.10.06 08:01:49@ GEZ-Preller

"ganz großes Kino" lese ich natürlich sehr gern! :D

Meinst du damit den Sräd allgemein oder speziell die :rolleyes: Hommage an Sergio Leone und seine Makkaroni-Western??

:confused:

Schließlich möchte ich mir doch noch die eine oder andere wohlwollende Kritik verdienen...
;)
37.

Jean Paul merkte deutlich, dass Ferien waren. Immer wieder hatte er übermütige Kinder und genervte Mütter am Apparat und das meistens auch in genau dieser Reihenfolge. Gerade eben erst war er bei einem Gespräch mit einer Frau fast taub geworden, weil das Kind auf ihrem Arm permanent in den Hörer geschrien hatte.
Endich kaufte ihm jemand ein Los ab. Es war ein grummelnder, aber sympathischer älterer Herr.
"Sie wollen wirklich eines haben?", fragte Jean Paul ungläubig.
"Rede ich so undeutlich? Logisch, dass ich das will, wenn ich es doch sage!"
Seine Kollegen wirkten genauso ungläubig, als er das Formular ausfüllte.
Aber danach ging nichts mehr. Er dachte sich andauernd neue Argumente aus und hörte wiederholt: "Sie haben ja wirklich auf alles eine Antwort!"
Wenn Leute ihm sagten, dass sie total knapp bei Kasse wären, erwiderte er "Und wie sonst können Sie da ohne Glück rauskommen? Und warum wollen Sie dann dem Glück keine Chance geben?"
Logik brachte überhaupt nicht.
Mann musste die Gefühle ansprechen und den Leuten die Begegnung mit Hernando Guano versprechen oder sonstwie rosige Bilder malen, aber das war Jean Paul zu blöd und darum kriegte er das auch nicht hin, selbst wenn er es wollte und so gut wie möglich versuchte.
Immerhin hatte er die ganze Zeit eine schöne Aussicht.
Draußen vor dem großen Fenster liefen pausenlos attraktive Frauen vorbei und wenn ihm etwas den Blick darauf verstellte, war es der weite Ausschnitt der Kollegin gegenüber. Die Gefühle, die er dabei verspürte, machten es ihm überhaupt erst möglich, einen solchen Job auszuüben, denn sie gaben ihm die Sicherheit, dass er immer noch normal war, obwohl er sein halbes Leben lang Bürojobs als Arbeit für Frauen angesehen hatte und darin von seinen Kollegen und Vorgesetzten stets bestätigt worden war.
Er hätte gern noch länger gearbeitet, weil er unbedigt einen zweiten Auftrag schreiben wollte, aber seine Chefin kreuzte wieder pünktlich hinter ihm auf, um ihn nach Hause zu schicken.
Nach Hause.
Vielleicht hatte die Frau von vergangener Nacht ihm eine Mail geschickt.
Vielleicht konnte er Marie wieder beim Inline-Skaten treffen.
Vielleicht wurde der Tag doch noch wirklich gut.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Pauls Hoffnungen erfüllen sich!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.333.770 von Wolfsbane am 02.10.06 00:40:51ganz grosses Kino war auf die Geschichte unseres Helden Jean Paul bezogen. Einfach klasse dein Schreibstil. Der Leser kann sich so gut in Jean Paul reinversetzten. Besonders mag ich auch die Dialoge, diesen hier möchte ich beispielhaft anführen

„Sie sehen ja total verzweifelt aus“, sagte seine Chefin wenig später zur Begrüßung.
Unsinn.
„Sie gucken heute auch irgendwie anders“, sagte er.
„Warum?“
„Irgendwie gucken sie mich heute mit ihren Augen anders an“, sagte er. „Irgendwie.“
„Ich probiere gerade einen neuen Eyeliner aus“, erklärte sie.
„Ich kenne nur Inliner“, sagte er.
„Wir sprechen nach der Arbeit!“
Sie ging in ihr Büro.
Er sah ihr nach. Plötzlich stand der Teamleiter neben ihm.
Der war groß. Wirklich groß. Immer noch. Auch beim zweiten Hinsehen.
„Bitte nicht schlagen, ich bin Bluter!“, sagte Jean Paul.
„Was?“
„Ich war früher im Schachklub. Manche Sachen färben ab.“
„Folge mir unauffällig.“


Ich habe Tränen gelacht als ich dies das erste mal gelesen habe. Weltklasse.

Der Western gefällt mir auch gut. Jedoch finde ich Jean Pauls Lebenserfahrungen bisher noch eine Spur unterhaltsamer.

Einziger kleiner Kritikpunkt, die letzte Folge war viel zu kurz ! ;)
@ Gez-Preller


Danke für den Hinweis, dass du Tränen gelacht hast. Wenn das anderen auch so geht, kann ich es vortragen, um bei Herstellern von Papiertaschentüchern wegen Sponsoring anzufragen.

Den Dialog habe ich streckenweise bei mir selbst geklaut. Als ich auf meine Umschulung wartete, habe ich solche Dialoge für die Helden von "Alarm für Cobra 11- die Autobahnpolizei" geschrieben und mich damit als Drehbuchautor beworben. Leider erfolglos.

Die Geschichte geht weiter. Der Western auch. Die Idee vom "Buch im Buch" ist etwas, das ich mir bei Hermann Hesse und seinem "Steppenwolf" abgeguckt habe.

Morgen gibt es was Neues. ;)


Gruß

Wolfsbane
38.

Zu Hause fand Jean Paul auf dem PC ein weiteres Foto von seiner neuen Internet-Bekanntschaft. Es war tatsächlich dieselbe Frau und sie sah gut aus. Die entscheidende Wirkung ging aber von der Tatsache aus, dass sie nicht perfekt war. Also handelte es sich um kein Modell, dem man ein komplett neues Gesicht gemalt und dieses per Adobe Photoshop noch zusätzlich verschönert hatte. Nein, das war eine richtige Frau.
Sie wollte ihn um 18.00 Uhr anrufen.
Er konnte nicht mehr sitzen.
Er fand überhaupt keine Ruhe mehr.
Er musste raus, sich austoben.
Vielleicht lag es auch daran, dass er den halben Tag gesessen hatte. Wie auch immer, er schnallte sich seine Inliner unter und ging so lange Fahrradfahrer jagen.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
JP trifft in der Stadt auf Marie!
:eek:

Hundert Zugriffe!! :eek: Das grenzt ja schon an eine Denial of Service - Attacke!! :laugh:

;)
38.

Jean Paul lief zu dem Rad- und Wanderweg, der einst ein Bahndamm gewesen war. Der Asphalt auf der Strecke war schön trocken, geradezu ideal. Wenn es regnete, blieb der Weg anschließend immer aufgrund der ihn einrahmenden Bäume sehr lange feucht und glatt. Dann weichten außerdem die dort stets zahlreich liegenden Blätter auf, verbanden sich mit Schmutz und wurden zu besonderen Gefahrenstellen, ganz ähnlich dem, was in seiner Gegend der Wirkung wegen auch als „Bauernglatteis“ bezeichnet wurde.
Nach einer Weile wurde ihm langweilig.
Weit und breit kein Radfahrer zu sehen.
Er drehte sich immer wieder um, aber auch hinter ihm tauchte keiner auf.
Marie war auch nicht zu sehen. Er lief langsam weiter. Irgendetwas musste er schließlich tun. Langweilig. Er übte Rückwartsfahren. Das musste ein Mann können. Falls man sich unterwegs mit einer Frau unterhielt. Anders konnte man sich schließlich beim Reden nicht ins Gesicht sehen. Außerdem weckte es mütterliche Instinkte, wenn man der Frau Gelegenheit gab, einen ständig zu warnen „Pass auf, dass du nicht auf die Schn...e fliegst!“
Endlich, endlich sah er hinter sich einen Radfahrer.
Er wurde langsamer, damit der Radfahrer näher kommen konnte. Der weitere Ablauf war ein festes Ritual. Mit schlenkernden Armen möglichst gelangweilt über den Weg schlenden, beim Ertönen der Fahrradklingel sofort Platz machen, stehenbleiben und beleidigt gucken. Passieren lassen und dann die Verfolgung aufnehmen. Erst relativ gemütlich eine gewisse Grundgeschwindigkeit aufnehmen und gucken, ob er guckte. Wenn der Radfahrer schneller wurde, auch schneller werden. Solange er beschleunigte, nur den Abstand halten. Irgendwann merkten sie, dass sie den Abstand nicht mehr vergrößern konnten und dann waren sie fällig. Dann hieß es „Volle Pulle“ und wenn Jean Paul immer näher kam, machten sie meistens schon demonstrativ Platz. Wenn die Aufholjagd nicht zu anstrengend war und Jean Paul beim Überholen noch nicht kurz vor dem Herzinfarkt war, gab er gern noch en passant ein paar coole Sprüche von sich, aber das ging nicht immer.
Aber dieser Radfahrer kam nicht näher.
Jean Paul wurde noch langsamer.
Der Radfahrer kam trotzdem nicht näher.
Jean Paul fuhr eine Weile vorwärts und ignorierte ihn. Vielleicht half das.
Schließlich drehte er sich wieder um und sah den Radfahrer auf einen Feldweg abbiegen.
Wie enttäuschend. Aber vielleicht war es auch besser so. Jean Paul kam allmählich wieder zur Vernunft. Die wichtigste Voraussetzung, um auf Inlinern wirklich schnell zu sein, waren nicht dicke Oberschenkel oder gute Kondition, sondern das Fehlen oder Ignorieren von Angst. Früher hatte er sich stets darauf verlassen, im Falle eines Sturzes rechtzeitig eine relativ weiche Landefläche anzielen zu können und danach wieder hoch zu kommen. Jetzt, mit Verschleißerschungen der Wirbelsäule, die für eine Umschulung ausgereicht hatte, konnte er nicht mehr so überzeugt sein, nach einem Sturz wieder aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen.
Im Nachhinein war er dann also doch froh, dass der Radfahrer keine Situation herbeigeführt hatte, in der Jean Paul gewöhnlich von seinen Jagdinstinkten überwältigt wurde.
Er brach die Fahrt ab und fuhr zurück. Unterwegs fing er sich einen Zweig ein, der zwischen den Rollen festklemmte und ihn behinderte. Er hielt in der kleinen Kapelle am Wegesrand an, lehnte sich dort gegen die Wand und zog das widergespenstige Teil heraus.
„Hallo Paule“, hörte er eine bekannte Frauenstimme sagen.
Er sah auf.
Maria.
„Hallohallo!“
Sie lächelte und stieg vom Rad.
„Was machst du in der Kapelle? Beten, dass deine Bremsen halten?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich bremse nie.“
„Und ich bremse sogar für Männer“, sagte sie. „Soll ich dich abschleppen?“
„Wie bitte?“
„Du siehst schlapp aus.“
„Danke!“, rief er in sarkastischem Ton.
„Du brauchst mir nicht zu danken. Hänge dich einfach an meinen Gepäckträger. Ich nehme dich mit.“
Und schon war sie wieder unterwegs. Er zögerte. Sie schaute nach hinten. Der Blick war Befehl. Er nahm Anlauf und griff nach dem Gepäckträger.
Sie beschleunigte mit ihm im Schlepptau.
„Immer schön festhalten!“, rief sie.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Der Held hält fest!
39.

Jean Paul versuchte ihr nicht die ganze Zeit auf den Hintern zu starren. Sie hatte zwar keinen Rückspiegel, aber Frauen spürten sowas. Er guckte auf den Gepäckträger und kam fast ins Stolpern. Immer wenn er in eine andere Richtung als geradeaus guckte, stolperte er irgendwie über seine eigenen Füße. Also versuchte er sich auf den Horizont zu konzentrieren. Dieser verfinsterte sich allmählich. Er dachte an das klassische Bild vom einsamen Cowboy, der aus der Stadt und hinein in den Sonnenuntergang reitet. Aber er bewegte sich eigentlich zurück in die Stadt und nicht hinaus.
Marie atmete inzwischen hörbar.
Er ließ den Gepäckträger los und fuhr neben sie.
„Ist das Asthma oder Leidenschaft?“, fragte er.
Noch so ein Spruch, den er seinerzeit im Schachverein aufgeschnappt hatte und der ihm seitdem immer wieder herausgerutscht war.
„Wenn ich wollte, könnte ich dich abhängen!“, sagte sie mit Mühe.
„A lady is never in a hurry.“
„Hat dir jemand ein Buch mit Sprüchen geschenkt?“, fragte sie.
„Mir schenkt keiner was.“
„Aber du hast so ein Buch. Mit nichts als Sprüchen. Garantiert!“
„Schon“, gab er zu, „aber ich musste es mir aus der Stadtbücherei entleihen.“
„Wusste ich es doch.“
„Aber nicht geschenkt.“
Sie waren wieder in der Stadt.
„Wenn ich wollte, könnte ich dich abhängen“, sagte sie erneut. „Ladylike oder nicht!“
„Könntest du nicht. Ich bleibe dran. Gentlemanlike oder nicht!“
Inzwischen war ihr Weg aufgeteilt. Sie fuhr auf dem Radweg und er auf dem farblich abgesetzten Fußgängerweg.
„Aber das wäre illegal.“
„Nur wenn du es schaffen würdest, in Führung zu gehen und ich hinter dir her rennen würde. Das wäre Stalking. Aber neben dir herlaufen darf ich.“
„Du bist auf dem Fußgängerweg und da darfst du nicht schneller als andere Fußgänger sein! Alles andere ist eine Gefährdung!“
„Dann überhole ich dich eben und fahre vor dir auf dem Radweg!“
„Du darfst nicht auf den Radweg! Du bist nur ein Fußgänger mit Spielzeug!“
„Weißt du, was ich wirklich verabscheue?“, fragte er.
„Wenn Frauen dir gegenüber Recht behalten?“
Er winkte ab.
Das war normal.
„Und was ist es dann, was du verabscheust?“
„Gesetze.“
Und wenn seine Freundinnen ihre Unterhemden bis ins Höschen hinein und unten wieder heraus zogen und er das entwirren sollte.
„Jean Paul ist ein ganz Gefährlicher!“, sagte sie lachend.
„Das kann man auf vielen Grabsteinen lesen“, sagte cool.
Dieser Satz hatte eigentlich nicht auf diese Weise, sondern erst durch die Veröffentlichung seines Western an die Öffentlichkeit kommen sollen. Dort gehörte er nach Jean Pauls eigener Meinung zu den Glanzlichtern.
„Du bist witzig!“, rief sie. „Du bist so witzig, das macht fast alles andere wieder wett.“
Sie hielt vor einem Laden an. Er dachte, sie könnte vor Lachen nicht mehr weiterfahren, aber sie wollte nur etwas kaufen.
„Nein, du bist witzig. Deutest du an, ich hätte Schwächen?“
Sie schloß ihr Rad ab und wandte sich dem Eingang zu.
Er versuchte ihr zu folgen, doch das ließ sie nicht zu.
Und dann sagte sie es.
„Hier geht es für dich nicht weiter. Ich muss mich jetzt von dir trennen!“

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Die Frage, ob Jean Paul Schwächen hat, bleibt vorerst unbeantwortet. Der Leser muss sich seine eigene Meinung bilden.
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.449.665 von Wolfsbane am 06.10.06 19:03:42Bisher keine Schwächen ausfindig machen koennen bei unserem Helden!
40.

„Was soll das denn heißen?“, fragte er.
Die Empörung sprach ihm aus den Augen.
Sie kicherte.
„Du kannst echt süß sein!“
Das brachte ihn endgültig um seine Fassung. Auf der Liste „Was man nie zu Frauen sagen darf!“ stand ganz oben „Du siehst süß aus, wenn du sauer bist!“ und das wusste und beachtete jeder(mann), aber umgekehrt sagten Frauen ihm das andauernd.
Wo blieb da die Gleichberechtigung?
„Ist das so!“, knurrte er.
„Du müsstest dich mal selber sehen! Dieser Blick! Wuhahaha!“
Allmählich kam in ihm der Gedanke auf, dass Maries blonde Freundin vielleicht doch nicht so übel war, obwohl oder gerade weil Marie sich unter ihrem Einfluss sehr zurückhaltend benahm.
„Und warum willst du dich dann hier von mir trennen? Aus Angst, dich aus versehen totzulachen?“
„Nein, du kannst hier einfach nicht rein.“
„Arbeitet da etwa irgendjemand, der mich nicht sehen darf?“
„Nein. Aber, kannst du nicht lesen? Guck mal!“
Sie deutete hinter sich.
„Bin ich ein Hund?“, fragte er.
Da war tatsächlich ein Abziehbild von einem Verbotsschild und in dessen Mitte prangte ein hübsches Bild von zwei niedlichen, aber mit einem roten „X“ durchgestrichenen Welpen.
Ihm fiel wieder die berühmte Filmszene ein, in der Bruce Lee ein Schild mit der Aufschrift „Zutritt für Hunde und Chinesen verboten“ in die Luft warf und in der Luft in Stücke trat. Leider ging das hier nicht, denn das Schild war nur ein Aufkleber und er konnte schließlich nicht die ganze Tür in die Luft werfen und...
„Du kannst wirklich nicht lesen!“, rief sie.
Auch das war wieder typisch für Frauen. Andauernd sagten sie irgendwelche Sachen, über die man erst lange nachdenken musste und dann ließen sie einem nicht die Zeit dazu.
„Ich dachte gerade an einen Film...“
„Film? Ach ja, Männer können schließlich besser gucken als denken.“
Es war gemein, das zu sagen. Es gab auf der Welt mehr Frauen als Männer. Wo blieb der Minderheitenschutz?
„Du hast dir wirklich nur das Bild angeguckt! Aber was steht da drunter?“
„Hunde verboten?“, fragte er ohne Hingucken.
„Nein! Inline-Skaten verboten!“
„Da ist ein Bild, dass Hunde verboten sind und sie schreiben drunter, dass man auf Inline-Skates nicht hinein darf? Wo steckt denn da die Sinngebung! Denken die, dass Hunde Inliner fahren oder was!“
Er konnte schon ganz schön kritisch sein, der Jean Paul, und wenn er schlecht gelaunt war oder ihm etwas verboten werden sollte, ging es richtig mit ihm durch.
„Nein“, sagte sie erneut, diesmal gedehnt, „diese beiden Sachen gehören überhaupt nicht zusammen. Das Bild spricht für sich selbst und ist darum ohne Worte, weil es da eben nicht mehr Not tut, auch noch was dazu zu schreiben und in Bezug auf das Inline-Skaten haben sie eben noch kein passendes Bild und darum nur Worte. Das ist zweierlei.“
Das erinnerte Jean Paul daran, dass Marie Dozentin war. Aber eigentlich waren sowieso alle Frauen Dozentinnen. Bei Jean Paul ganz besonders.
„Aber rein dürfen wir alle nicht!“
„Aus verschiedenen Gründen!“
„Das habe ich verstanden! Aber ich finde es trotzdem ziemlich heftig, dass du behauptest, ich könnte nicht lesen!“
„Oje.“
„Also, das hängt alles ziemlich tief. Darum habe ich darüber hinweg gesehen!“
„Vielleicht sollte das Verbot für diejenigen, die eigentlich angesprochen sind, auf deren Augenhöhe sein...“
„Du meinst, für dänische Doggen?“
„Nein, ich meine jetzt nicht das Schild! Ich meine das Verbot für Inline-Skates! Schließlich sind es doch meistens Kinder, die... mit Inlinern fahren.“
„Okay, das habe ich“, unterbrach er. „Wann tun wir es zusammen?“
„Was tun wir zusammen?“
„Inline-Skaten. So haben wir uns kennen gelernt. Ist noch nicht so lange her...“
„Heute nicht mehr. Ich bin schon mit dem Rad gefahren!“
„Ich weiß“, knurrte er.
„Morgen abend! Hol mich ab! So, jetzt muss ich aber rein!“ Sie schloß ihr Rad ab. „Und du musst gehen!“
„Moment!“, rief er. „Da ist noch ein Verbot!“
Er deutete auf das Schaufenster und las vor: „Fahrräder anlehnen strengstens verboten!“
Sie guckte hin und schaute dann wieder in seine Richtung.
„Dann halte es so lange fest, damit es nicht umkippt “, sagte sie und drückte ihm das Rad in die Hand.
„Gerade sagtest du aber, ich sollte gehen!“, protestierte er mit der für ihn typischen Eigenschaft, nachtragend zu sein.
„Ich bin eine Frau, ich darf meine Meinung ändern“, sagte sie.
Er sah ihr nach.
Luder. Aber hübsch. Und wenigstens nicht langweilig.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Keiner ist perfekt. Es finden sich weitere Hinweise, dass auch unser Held diese Anschauung nicht widerlegen kann.
40.

Am nächsten Morgen ging Jean Paul wieder in Call-Center. Er war verzweifelt entschlossen, irgendwem ein Glückslos zu verkaufen. Eigentlich hatte die Chefin gesagt, für eine Übernahme würde es reichen, in den drei Tagen Praktikum überhaupt ein Los zu verkaufen und das hatte er bereits am vorangegangenen, zweiten Tag geschafft, aber natürlich reichte es nicht, nur jeden zweiten Tag einen Abschluss zu machen. Gesucht wurden Leute, die erst einfach nur zuhörten und dann, wenn sie anfingen zu telefonieren, ein Los nach dem anderen verkauften und überhaupt nie wieder aufhörten, pausenlos zu verkaufen.

Jean Paul hoffte auf ein Wunder. Vielleicht würde die Nachfrage nach Glücksspiel im Verlaufe des Tages steigen. Möglicherweise kamen in den nächsten Stunden Schlagzeilen über einen rekordverdächtigen Jackpot oder sensationelle Sondergewinne raus und machten die Leute verrückt. Aber am meisten hoffte er natürlich, dass er das magische Geheimnis entdeckte, wie man jedem alles verkaufen konnte, denn das und nicht weniger wurde von einem Verkäufer verlangt. Vielleicht musste man stimmlich so wie der Synchronsprecher des jeweils populärsten Kino-Stars klingen oder sich bei der Bekehrung zum Glücksspiel am Aufbau eines Gottesdienstes orientieren, ohne Singen natürlich. Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass es ihm hier gefiel. Tageslicht, frische Luft, gebildete Kollegen, überhaupt nicht buckelige Kolleginnen, kein Schmutz und keine Schmerzen. Genau das Gegenteil von den zehn Jahren Knochenarbeit in an schmutzigen Maschinen in dunklen, miserabel belüfteten Hallen. Dafür war er sogar bereit, auf Geld zu verzichten. Jean Paul wusste, dass dieser Laden ganz kurz vor der Pleite stand und mit den Löhnen im Rückstand war, aber wenn er das Ruder herumreißen konnte, war er natürlich der Held. Er dachte dabei an Heldengeschichten wie die Rettung von Chrysler durch Lee Iacocca oder die Renaissance von Apple Computers durch die Rückkehr von Steve Jobs. Nur gab es hier keine großartigen Techniker und Designer, die man nur ermutigen musste, einer legendären Marke mit den richtigen Produkten zu neuem Ruhm zu verhelfen. Aber irgendwie musste er weiterkommen. Wie schon erwähnt, er hoffte auf ein Wunder.

Kurz vor Mittag kamen drei überaus attraktive junge Frauen ins Call-Center, sprachen mit der Chefin und kamen schließlich in den Raum im Erdgeschoß, in dem acuh Jean paul telefonierte und in dem derzeit alle Plätze belegt waren. Nach zehn Minuten oder weniger gingen sie mit freundlicher Miene. Jean Paul war nicht der einzige Mann, der laut ausatmete und den Grazien offen hinterher sah. Die Chefinn kam währenddessen rein und amüsierte sich.
"Ist ja immer wieder toll, was sie für uns reinbringen", sagte der Teamleiter.
"Ist es nicht toll, was ich für euch reinbringe?", fragte die Chefin.
"Und sonst?", fügte sie hinzu.
Der Teamleiter sah Jean Paul an.
"Er hat heute irgendwie kein Glück."
"Sie haben heute kein Gück?", fragte die Chefin. "Dann kommen sie bitte einmal mit!"
Der Weg zum Büro kam Jean Paul ewig lang vor und tatsächlich dauerte er läünger als das dann dort stattfindende Gespräch.
"Offensichtlich werden sie hier nicht glücklich", sagte die Chefin.
"Ja", sagte er.
Plötzlich erschien sie ihm völlig unattraktiv.
"Dann hat es auch keinen Sinn, dass wir sie weiter quälen. Das kann ich überhaupt nicht verantworten. Verkaufen ist auch nicht ihre Sache. Sie haben eine nette Stimme und können ansonsten auch gut reden, also bewerben sie sich am besten bei NUMMER EINS und fragen da nach einem Job im Inbound."
"Das habe ich schon getan, bevor ich hierhin kam", sagte er. "Aber man wollte micht nicht! Ich bekam eine Absage!"
"Ich verstehe."
Sie stand auf.
"Aber wenigstens wissen sie jetzt, was sie zu tun haben", sagte sie.
Sie reichte ihm die Hand. Er musste aufstehen, um die Hand zu ergreifen. Als er aufstand, zog sie die Hand weg und ging zur Tür.
"Es freut mich, dass ich ihnen helfen konnte", sagte sie zu ihm. "Aber jetzt habe ich leider zu tun."
Er verließ das Call-Center und ging gleich zum nächsten Internet-Café, um die Seite einer Online-Stellenbörse aufzurufen. Dort fand er das Angebot einer Firma aus seiner Stadt. Er schaltete sein Handy ein und rief sofort an.
"Haben sie Call-Center-Erfahrung?", fragte der Chef.
"Na klar", antwortete Jean Paul.
"Können sie sich heute noch vorstellen?"
"Ja. In kann zum Beispiel schon in einer Stunde da sein", sagte Jean Paul.
"Bis dann."
"Bis dann."
Jean Paul ging vom Internet-Café zu seinem Parkplatz und fuhr heim. Vorstellungsgespräch in einer Stunde. Das passte. Dann brauchte er Marie nicht anzurufen, sondern würde pünktlich bei ihr sein, um sie zum Skaten abzuholen.
Er gab Gas.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul ergattert einen tausendmal besseren Job. Nur mit marie klappt es wieder nicht.
Lesezeichen

Bin durch Zufall auf diese Story gestoßen und mächtig gespannt, wie´s weitergeht.
@ Pappenheimer

Vielen Dank!

@ll

Heute kommt das neue Kapitel erst am Abend. Möglicherweise bleibt es vorerst bei der abendlichen Erscheinungsweise. Wäre nett, wenn ab und zu jemand diesen Sräd durch einen kleinen Kommentar wieder nach oben holt, damit er nicht immer im Verlaufe des Vormittags bis auf Seite zwei durchgereicht und in der Mittagspause übersehen wird. ;)

Gruß

Wolfsbane
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.556.121 von Wolfsbane am 11.10.06 12:41:41Pffffffff!
Na Gott sei Dank, ich hab schon befürchtet, Dir wäre was zugestossen.
Hab jetzt mal "Jean Paul" als täglichen Termin für 11:00 Uhr in outlook eingetragen. Hoffentlich vermutet meine Freundin nicht ich würde das Lager wechseln ;)
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.556.334 von unlocker am 11.10.06 12:52:08Jean Paul ist ein fester Bestandteil meines Lebens geworden!
41.

Die Adresse befand sich in der Altstadt. Es handelte sich um ein schönes altes Wohnhaus mit zwei Stockwerken, dem man von außen in keiner Weise ansah, dass es geschäftlich genutzt wurde. Jean Paul fand kein Firmenzeichen und stellte fest, dass Klingel und Briefkasten völlig unbeschriftet waren. Da er pünktlich erschien wurde ihm von einem Mann die Tür geöffnet. Er sah unauffällig aus und sagte nur "Hallo".
In dem großen Raum, den Jean Paul anschließend betrat, gab es mehrere Schreibtische, auf denen Laptops standen. Außerdem gab es noch einen anderen Tisch, an dem der Chef saß. Ein großer blonder Mann, Anfang oder Mitte dreißig, der aufstand und Jean Paul die Hand gab.
"Moin", sagte Jean Paul, der stolzer Westfale war und darum bei jeder Gelegenheit Flagge zeigte.
"Das ist Ludwig", sagte der Chef respektvoll und deutete auf den Kollegen. "Er war drei Jahre bei NUMMER EINS."
Schon wieder dieser enorme Respekt. Ein Zeugnis von dieser Firma war anscheinend einem Bundesverdienstkreuz fast ebenbürtig.
"Bis ich selber gekündigt habe", sagte Ludwig.
"Bei uns geht es um Software für Freiberufler", erklärte der Chef.
Jean Paul nickte. Das wusste er aus der Anzeige.
"Kennen sie sich mit der Konvertierung von Daten aus?", fragte der Chef.
"Ich hatte früher einen Mac", antwortete Jean Paul, "da war das ein Dauerthema..."
"Ich habe auch einen Mac", sagte der Chef.
Der Mann war in Ordnung!
"Okay, ich nehme den Job!", rief Jean Paul begeistert.
"Aber hier in diesem Büro arbeiten wir mit Windows", sagte der Chef. "Mittelfristig oder spätestens langfristig werde ich mich wohl auch umstellen, denn unsere Kunden haben auch überwiegend Windows. Einige haben auch noch DOS."
"Aha", sagte Jean Paul.
"Mit unserer Software kann man alle seine Daten mitnehmen, wenn man von DOS zu Windows oder zwischen verschiedenen Programmen für Windows wechselt. Dann brauchen die Leute nicht den alten Computer in der Ecke stehen haben und zusätzlich zu benutzen."
"Wie klingt das für dich?", fragte Ludwig.
"Wir sind gerade dabei, eine Datenbank aufzubauen und Daten zu sammeln", sagte der Chef.
"Klingt das für dich interessant?", fragte Ludwig.
"Um die Daten zu sammeln, brauche ich Telefonisten, die auch mit einem Computer umgehen können", sagte der Chef.
"Super, oder?", fragte Ludwig.
"Wo ist der Haken?", fragte Jean Paul.
"Den Haken gibt es im Baumarkt", sagte Ludwig.
"Kann ich dazu was Schriftliches haben?", fragte Jean Paul.
"Welche Information fehlt dir denn noch?", fragte Ludwig.
"Nichts. Ich möchte mir das nur gern in Ruhe durchlesen und noch einmal überlegen", sagte Jean Paul.
"Morgen ist vielleicht schon wieder alles anders", sagte der Chef. "Das ist jetzt das Angebot des Tages. Zugreifen!"
"Außerdem gibt es ja auch noch die Probezeit für beide", sagte Ludwig.
"Was soll das?", fragte der Chef. "Er soll schon den Eindruck haben, dass das jetzt verpflichtend ist, wenn er zusagt!"
"Also gut", sagte Jean Paul. "Aber ich kann erst morgen anfangen!"
"Wie ist es morgen früh um zehn Uhr?", fragte der Chef.
"Wie ist es um neun Uhr?", fragte JP, der gern früh Feierabend hatte.
"Ich arbeitete immer bis tief in die Nacht und stehe nicht gern früh auf", sagte der Chef.
"Halb zehn?", fragte JP.
"Plusminus fünf Minuten", sagte der Chef.
"Gemacht", sagte Jean Paul.
Er sah auf die Uhr und verabschiedete sich.
Wenige Minuten später stand er vor dem Haus von Marie.
Sie wartete dort schon zusammen mit ihrer Freundin. Als sie ihn sahen, fuhren sie los. Er hechelte hinterher.
"Ich wusste nicht, dass wir zu dritt sind", sagte er dann atemlos.
"Ich auch nicht", fauchte die Blondine.
Er wollte Marie gern fragen, ob ihre Freundin vielleicht eifersüchtig war, aber er kam nie nahe genug heran, um ihr diese Frage unter vier Augen zu stellen. Die Blonde war immer irgendwie dazwischen.
"Ich stehe darauf, wenn Frauen sich mögen", sagte er schließlich kompromissbereit.
"Ich auch", sagte die Blonde. "Und wenn sich niemand einmischt, kann das auch so sein!"
Jean Paul überlegte, was er darauf sagen sollte.
Eigentlich konnte man in einer solchen Situation nichts anderes tun, als sich eine Zigarette anzuzünden.
"Fahrt ihr gleich zufällig an einem Zigaretten-Automaten vorbei?", fragte er.
"Du rauchst?", fragte die Blonde.
"Ab sofort", antwortete Jean Paul.
Wahrscheinlich würde er am Ende dieses Ausflugs zu dritt auch obendrein noch zum Trinker werden!

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Die Datenkonvertierung klappt, aber sonst konvertiert keiner!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.575.585 von GEZ-Preller am 12.10.06 11:45:31"Moin", sagte Jean Paul, der stolzer Westfale war und darum bei jeder Gelegenheit Flagge zeigte.

... der ist aber auch nicht schlecht :laugh: :laugh:
42.

Nach dem Inline-Skaten rief Jean Paul bei Aphrodite an, doch sie nahm nicht ab. Er ging ins Internet und fand eine neue Mail von Mireille, in der sie ihm wieder unzählige Fragen stellte. Nachdem er die Hälfte davon beantwortet hatte, überkam ihn eine gewisse Müdigkeit und er beendete das Ganze, in dem er "und der Rest geht dich nichts an" hinzufügte. Schließlich fand er, dass das vielleicht doch zu unfreundlich und zu wenig motivierend wirkte und machte daraus "und den Rest musst du schon selber rausfinden, indem du mich triffst". Auch das war möglicherweise noch etwas roh und so ersetzte er das "musst" durch "kannst". Er schickte diese Antwort ab und klickte anschließend auf "Aktualisieren", um zu gucken, ob in den letzten Minuten etwas Neues gekommen war. Durch das ganze Feilen an Worten fühlte er sich nun wieder in der nötigen künstlerischen Laune, um seinen post-modernen Pseudo-Makkaroni-Western fortzusetzen.

Der Barkeeper spuckte in das Glas und wischte es mit einem vom Waffenreinigen öligen Tuch wieder aus.
"Okay, Fremder", sagte er. "Ich schenke dir verd... nochmal den besch... Dollar. Du kriegst ein verd... sauberes Glas, ohne dass du dafür extra bezahlen musst. Soll keiner sagen, dass wir hier nicht verd... gastfreundlich wären. Das unterscheidet uns nämlich von den verf... Rothäuten, die hier immer jeden verjagen und bloß für sich sein wollen."
"Quatsch keine Opern, Schnullerbacke", knurrte der Fremde. "Ich weiß ver... nochmal nicht, warum ich dich A... nicht einfach über den Haufen ballern soll. Du milchtrinkender Hu...n hast meinen besten Freund erschreckt! Meinen einzigen verd... Freund!"
Er legte die Hand auf seinen Colt.
Ein Raunen ging durch den Raum. Der Dorftrottel am Tisch hinten links pupste vor Schreck und es war so still, dass es alle hören konnten. Normalerweise hätte man ihn dafür ohne Nachdenken erschossen, aber an diesem Tag waren so viele Männer im Saloon, dass sich jeder sicher war, dass irgendein anderer der Kerl erschießen würde.
"Ich habe deinen Freund erschreckt?", fragt der Barkeeper.
"Ja."
Der Fremde zog die Waffe und hielt sie dem Barkeeper vor die Nase.
"Ich dachte, ich hätte nur dein Pferd erschreckt!"
"Mein Pferd ist mein bester und einziger Freund!", sagte der Fremde bitter.
"W-wenn es so schreckhaft ist, erschreckt es sich bestimmt auch, wenn es jetzt hier drin knallt!"
"Nee, das Geräusch ist es verd... nochmal gewohnt, Fischauge! Es erschreckt sich nur, wenn was quietscht, denn das kennt es nicht, weil ich meinen Sechsschüsser regelmäßig einöle und ihn auch sonst keinen verd... Rost ansetzen lasse!"
Der Barkeeper begann zu zittern.
"Könntest du bitte den Revolver aus meiner Nase nehmen?"
"Könntest du bitte mit dem Zittern aufhören?", fragte der Fremde. "Sonst schieße ich dir noch aus Versehen ein drittes Nasenloch und dann ziehst du Nebenluft und das ist schlecht für die Kompression, Schweinereiter!"
"Kann ich dich irgendwie versöhnen?", erkundigte sich der Barkeeper bange.
"Ja. Whiskey!", rief der Fremde und steckte seinen Revolver wieder ein. "Aber was Starkes! Wenn ich davon blind werde, ist es auch nicht schlimm, denn anders ist der Anblick von diesem Dreckskaff mitten Im Indianerreservat überhaupt nicht zu ertragen!"
Der Barkeeper glättete seine Weste und seine Schürze.
"Whiskey gibt es hier erst ab 18, Kid!", rief der Barkeeper mit neuem Mut. "Kannst du dich irgendwie ausweisen?"
"Sicher", sagte der Kid und holte aus seiner Weste ein Blatt Papier, das er auf der Theke auseinander faltete.
"B-billy the Kid?", fragte der Barkeeper, den der Mut schon wieder verließ.
"Das ist mein offizieller Steckbrief! Lies! Oder muss ich erst wieder auf dich zielen?"
"G-gesucht wegen 18-fachem Mordes...", las der Barkeeper vor.
"Genau!", rief der Fremde triumphierend, während sich hinter ihm der Saloon leerte.
"Kriege ich jetzt meinen Whiskey!", brüllte der Fremde. "Oder gibt es den jetzt erst ab 19 und muss ich dich auch erst noch abknallen!"
Es klang keineswegs wie eine Frage.
"S-soll ich das Glas noch einmal saubermachen?"
"Gib mir die Flasche!"
Der Barkeeper reichte ihm die Flasche.
"So ist es brav", sagte der Fremde ud nahm ihm die Flasche ab.
"H-Herr im Himmel...", betete der Barkeeper.
"Kannst von mir grüßen!", sagte der Kid, zog blitzschnell und erschoss ihn.
"Das hast du davon, Nervensäge", fügte er hinzu.
Nun wollte er Whiskey trinken, aber die Flasche lag auf dem Boden und war bereits komplett ausgelaufen. Der Fremde hatte mit derselben Hand gezogen und geschossen, mit der er die Flasche gehalten hatte. Darum war sie herunter gefallen.
Der Fremde war eben leider nicht besonders klug.
Aber dafür war er schnell.

Während er darüber grübelte, wie er das Ganze packender gestalten und die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Person deutlicher herausstellen konnte, klingelte sein Telefon.
"Königlich-Dänische Doggen-Entlausungsanstalt Kakerlakensen?", sagte er zum Spaß, obwohl er für die noch nie als Telefon-Agent gearbeitet hatte.
"Wer ist da?", fragte die Frau am anderen Ende.
"Marie?", fragte er.
"Ist Marie eine Dogge?"
"Mireille? Hier ist Jean Paul!"
Sie atmete geräuschvoll aus.
"Dann sage das doch!", schimpfte sie.
"Spaß muss sein. Übrigens, ich habe einen neuen Job. In einer Software-Firma. Der Chef ist genial."
"Woher weisst du, dass er genial ist?"
"Er hat einen Mac. Ich habe auch einen Mac."
"Sind die nicht teuer?"
"Meiner hat mich nichts gekostet. Der hat sich selbst finanziert. Als er angekündigt wurde, war ich sicher, dass er ein Erfolg wird und da habe ich Aktien erstanden und anschließend habe ich sie wieder verhökert und von dem Gewinn konnte ich mir selber einen Mac kaufen."
"Ich habe am Wochenende Zeit!", stieß sie atemlos hervor. "Schon am Freitagnachmittag!"
Technik schien sie nicht zu interessieren.
"Und was willst du mit der freien Zeit anfangen?", fragte er, während er immerzu an die über 150 Kilo von Aphrodite denken musste.
"Willst du mich nicht sehen?", fragte sie.
Vielleicht lieber nicht.
"Klar, am besten nackt", sagte er optimistisch.
"Huh", sagte sie, "ich weiß nicht, ob ich das schon beim ersten Date einrichten kann!"


Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul hat zwei angenehme und vielversprechende Arbeitstage, aber bei der Arbeit an seinem Western ereilt ihn eine Schreibblockade und so flüchtet er sich auf der Suche nach einer ihn wieder inspirierenden Muse in die Begegnung mit Mireille!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.593.344 von greatmr am 13.10.06 09:13:20Der Western ist cool.
Vor allem dass der Dorftrottel überlebt, hat mich sehr gefreut.
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.593.410 von pappenheimer2010 am 13.10.06 09:17:14Diese neue Epsiode des Westerns hat mir besser gefallen, als die erste. Doch (noch) ist Jean Paul mein Revolverheld !
Es ist zwar schon nach 11:00 Uhr (-->die vielen Rentner an der Kasse :D) aber trotzdem:
Up!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.614.401 von unlocker am 14.10.06 11:56:39@ unlocker

;) Heute abend kommt wieder was... :look:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.614.599 von Wolfsbane am 14.10.06 12:36:23Jean Paul wir brauchen Dich :laugh:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.614.599 von Wolfsbane am 14.10.06 12:36:23Lechz! Hechel! Gier! ;)
43.

Jean Paul versuchte noch mehrmals ohne Erfolg Aphrodite zu erreichen, die er mittlerweile als eine Art große Schwester betrachtete.
Er bekam und beantwortete noch mehrere Mails von seiner neuen Internet-Bekanntschaft. Es beunruhigte ihn, dass er mittlerweile das Gefühl bekam, sie würde sich wirklich mit ihm treffen und könnte ihm gefallen. Das war nämlich die sicherste Voraussetzung, enttäuscht zu werden. Meistens machten die Frauen nämlich kurz vor der Terminvereinbarung einen Rückzieher und redeten nur noch von Gewissensnöten oder anderen Zweifeln oder ließen ohne jede Vorwarnung nicht mehr von sich hören oder waren dann einfach nicht am verabredeten Ort.
Es war einer dieser Abende, an denen er die gute alte Zeit vermisste. Damals hatte es kein Internet gegeben und darum hatte er es auch nicht gebraucht. Um Mädchen kennen zu lernen, war er einfach Zug gefahren. Egal auf welcher Verbindung er sie kennenlernte, sie wohnten duchschnittlich näher als die Frauen, die er jetzt im Internet kennen lernte und die ihm erst verrieten, dass sie in der Schweiz oder in Österreich lebten, wenn sie bereits fest damit rechneten, dass er jedes Wochenende dorthin zu Besuch kommen würde.
Heutzutage klappte es mit dem Kennenlernen im Zug nicht mehr. Nicht, dass er häßlicher geworden wäre. Er war schließlich nie hübsch gewesen. Aber die Mädchen saßen nicht mehr allein mit einem im Abteil und lasen dort Bücher, auf deren Titel er sie ansprechen konnte. Abteile waren abgeschafft. Man saß ohne jede Privatsphäre mit Dutzenden von Leuten wie im Bus zusammen und wenn sich eine Frau zu einem setzte, klappte sie gleich im nächsten Moment ihr winziges Handy auf und widmete sich dem Verschicken von SMS mit derselben Hingabe wie eine Nonne ihren Gebeten.
Schließlich benutzte er das Internet, um sich über das Programm zu informieren, auf das sein neuer Chef baute. Eine Datenbank für Kundenkontakte. Was er dazu im Internet fand, gefiel ihm. Es gab sogar ein eigenes Forum, das er sofort seinen Lesezeichen hinzufügte.
Die Vorfreude machte ihm das Einschlafen aber nicht einfacher. Er ging zur Bank und holte sich einen Kontoauszug. Während der fast zweijährigen Umschulung war sein Einkommen um ein Viertel verringert gewesen. In dieser Zeit hatte er viel Geld für zusätzliche Unterrichtsmaterialien, Kurse und Prüfungen ausgegeben. Allmählich musste er vorsichtig sein. Als Arbeitsloser, auch mit Mini-Job, stand ihm nicht mehr der einst gewohnte Dispositionskredit zur Verfügung. Die Vorstellung, irgendwann am Wochenende am Automaten Geld abheben zu müssen und plötzlich keines mehr zu bekommen, ließ ihn sich schütteln. Im selben Augenblick verwarf er die Idee, wie früher einfach zur Aufmunterung in die Großstadt zu fahren und sich in einer bestimmten Straße mindestens eine eine halbe Stunde anregende Ablenkung zu ersteigern. Das Benzin kostete nun ein Vielfaches von früher. Außerdem hielten sich die professionellen Damen nicht mehr an die abgemachten Preise. Fast immer nahmen sie sich jetzt schon zum Ausziehen so viel Zeit, dass sie angeblich Geld nachfordern mussten, um auf ihre Unkosten zu kommen. Dieser Sittenverfall hatte den Ruf dieser Straße nachhaltig verdorben und so waren die Freier nicht nur geiziger, sondern auch seltener geworden und dies hatte in letzter Konsequenz auch viele dortige Arbeitsplätze gekostet.
Er atmete tief durch.
Heute nacht blieb der Motor seines Autos kalt.
Schade.
Er konnte sein Konto nicht noch weiter überziehen, um viel zu hohe Ausgaben für immer schlechteren Service zu löhnen und hinterher frustrierter als vorher zu sein.
Jean Paul guckte nach, wieviel Geld er noch in seiner Tasche fand und überlegte, wozu das reichte.
Er ging in die Videothek.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Die Leser werden Zeugen von Jean Pauls erstem Arbeitstag in der neuen Firma und das Treffen mit der Neuen rückt näher. Der Held bekommt dort die Aussicht auf einen Arbeitsplatz in Vollzeit und trifft am Wochenende die Frau seiner Träume. Eigentlich ist alles perfekt...
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.626.696 von Wolfsbane am 14.10.06 22:12:57"...und wenn sich eine Frau zu einem setzte, klappte sie gleich im nächsten Moment ihr winziges Handy auf und widmete sich dem Verschicken von SMS mit derselben Hingabe wie eine Nonne ihren Gebeten."

Super! Auf so eine Metapher muss einer erst mal kommen.
up damit ich morgen den rest noch lesen kann von der tollen geschichte

jp ist mien held :)
43.

Jean Paul sucht vergeblich nach den großen Film-Klassikern. Das Ergebnis hätte deprimierender nicht sein können. Er fand keinen einzigen Teil von "Mad Mission". Damals bei der Bundeswehr hatten seine Kameraden ihn praktisch gezwungen, sich mit ihnen an Bereitschaftsabenden diese unvergänglichen Höhepunkte epischen Kinos und subtiler cineastischer Symbolik zu Gemüte zu führen. Mittlerweile war Hongkong an Rotchina gefallen und anstelle von "Mad Mission" und anderem kulturellem Erbe seiner großen Zeit fand Jean Paul unter "Filmklassiker" in seiner Videothek "Dr. Schiwago" und "Anna Karenina". Wo waren die Jahre geblieben und wie konnte es plötzlich so aussehen, als wenn die Kommunisten irgendwie doch gewonnen hatten und seine 15 Monate als Bollwerk gegen den Kommunismus nicht nur widerwillig, sondern auch vergeblich geleistet worden waren? Und wo waren die guten alten Action-Filme geblieben, in denen die Helden und Bösewichter von ehemaliger Hochleistungssportlern gespielt wurden, die keinerlei sprachlicher oder sonstiger intellektueller Fähigkeiten bedurften, weil da einfach gute Amerikaner gegen Kommunisten gekämpft hatten, was keiner Erklärungen bedurfte? Nicht einmal Filme von Bruce Li, dem besten aller Nachfolger des echten Bruce Lee konnte er finden. Es gab keine festen Werte mehr. Sogar Chuck Norris fehlte in der Videothek. Aber Robert Redford gab es, den Vielredner. Okay, Chuck Norris war mittlerweile jede Woche als "Walker, Texas Ranger" im TV zu sehen, doch inzwischen besaß Jean Paul keinen Fernseher mehr. Er hatte sich davon getrennt, nachdem das Unvorstellbare wahr geworden war, also nachdem er bei einem ihm neuen Film mit Chuck Norris eingeschlafen war. Mehr als eine Viertelstunde hatte Chuck keinen umgehauen und als Jean Paul wieder wach wurde, lief schon der Abspann und entlarvte den Hauptdarsteller als reinen Doppelgänger von Chuck Norris, nämlich bereits erwähnten Roberto Redford. Jetzt besaß Jean Paul keinen Fernseher mehr und bekam regelmäßig Drohschreiben der GEZ und ab und zu auch Besuche von stämmigen Damen, die sich jedesmal weigerten, auf seine Einladung hin in seiner Wohnung nach dem abgeschafften Glotzkasten zu suchen. Filme sah er sich auf seinem Computer an.
Er ging zur Theke.
"Ich suche einen bestimmten Film mit zwei deutschen Hauptdarstellern!"
"Davon haben wir viele", sagte die Bedienung.
"Es ist ein Western!"
"Der Schuh des Manitou?"
"Nein, älter."
"Unsere Kunden wollen immer die neuesten Filme!"
"Ich nicht. Ich bin ein alter Sack und ich schwelge gern in Erinnerungen."
Sie überlegte.
"Können sie mir einen Tipp geben?", fragte sie schließlich.
"Also, einer der beiden deutschen Hauptdarsteller ist Klaus Kinski!"
"Fitzcaraldo?"
"Nein", sagte Jean Paul. "Da ist der andere deutsche Star nicht dabei."
"Leichen pflastern seinen Weg?", fragte sie.
"Ja, das ist er."
"Aber welche andere Hauptrolle ausser der von Kinski ist da deutsch besetzt?", fragte sie neugierig.
"Die Waffe seines Filmgegners Jean-Louis Trintingnant ist eine Luger!"
In allen übrigen Western gab es nichts besseres als Revolver zu sehen.
"Den hatten wir auf Video und haben ihn dann verkauft. Ich weiß nicht, ob der überhaupt schon auf DVD heraus gekommen ist."
Er seufzte. Die guten alten Videos waren eben unersetzlich. Viele Filme gab es immer noch nicht oder nur verstümmelt auf DVD. Wenn doch, konnte man beim Gucken nicht mal eben einfach eine Pause machen und am nächsten Tag genau dort weitergucken, sondern musste beim nächsten Gucken erst die DVD wieder komplett "laden" und dann nach dem richtigen "Kapitel" suchen und dann hoffen, dass die gesuchte Stelle nicht erst ganz am Ende dieses Kapitels kam. Früher hatte er DVDs trotzdem toll gefunden, weil man sich seine Filme nun auch in Englisch und sogar in Französisch angesehen konnte, aber mittlerweile wurde daran gespart und zur deutschen Synchronisation wurde meistens als Alternative nur noch Hindi oder Mandarin oder Thailändisch angeboten. Sprachen, die er niemals lernen würde, obwohl er Vokabeln ein wenig Sanskrit, Kantonesisch und Koreanisch kannte.
"Und was soll es jetzt sein? Vielleicht ein moderner Action-Film?"
"Pfui Deibel", sagte er.
Die neuen Action-Streifen aus den USA hatten meistens irgendwelche Oscar-Preisträger in der Hauptrolle. Da wurde pausenlos geredet und erklärt und geflennt und wenn es dann endlich zur Sache ging, schienen sich die Kameraleute die laufenden Kamaeras gegenseitig zuzuwerfen, anstatt draufzuhalten. Dann sah man dann maximal eine Hand oder einen Fuß oder eine getrickste Verwundung in Nahaufnahmen und wenn man mal einen kompletten Menschen sah, kam er komplett aus einem Computer-Animationsprogramm. Die Zeiten, in den Action-Helden sich bewegen und sich sogar komplette Bewegungen merken konnten, waren vorbei. Heutige Action-Filmszenen vermittelten einem maximal eine grobe Ahnung davon, was eigentlich los war, indem sie kleinste Filmschnipsel aneinander pappten und dabei so schnell die Perspektiven wechselten, dass man sich beim Zugucken fühlte, als würde man im Suff mit Anlauf auf Inline-Skates eine endlose Steintreppe herunter fallen.
"Oder was Lustiges?"
Schließlich ging er mit einem Dokumetarfilm von Michael Moore nach Hause. Leider kam dort nichts vor, was er nicht schon anderswo gelesen oder gesehen hatte und darum schlief er dabei ein. Es gab eben nichts Besseres zum Einschlafen als Filme, außer Action-Filme.
Als er aufwachte, musste er sich beeilen, rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen. Zum Glück brauchte er nur einige Minuten Fußweg hinter sich zu bringen.
Dei Frau vom Chef öffnete ihm.
"Ludwig kommt in einer halben Stunde dazu", sagte sie.
"Und der Chef?"
"Kommt vorher. Aber er arbeitet nicht hier. Er bleibt bis auf weiteres in seinem alten Büro."
"Was soll ich tun?"
"Steht auf einer Liste, die er da drüben neben das Notebook gelegt hat", erklärte sie. "Wir haben hier leider noch kein Internet. Wir sind noch im Aufbau. Darum stellen wir bis jetzt auch nur Hilfskräfte ein."
"Okay."
Sie verabschiedete sich
Er fuhr den Computer hoch.
Hier konnten die Mitarbeiter tatsächlich mit einer Datenbank arbeiten und interessierten Kunden schriftliche Informationen per Brief oder per Fax zuschicken.
Einzigartig.
Er war schon jetzt, beim zweiten von einem Dutzend Jobs, auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Telefonagent!

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Wir kriegen erste Hinweise darauf, dass Jean Paul an seinem neuen Arbeitsplatz vor unlösbare Aufgaben gestellt wird.
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.626.745 von pappenheimer2010 am 14.10.06 22:26:07@ pappenheimer2010

Unter anderem habe ich mein Geld auch schon damit verdient, Handys zu verkaufen. Damals habe ich alles über Handys gelesen, was ich in die Finger bekam. Darunter war auch ein Artikel, wonach Frauen Handys nicht zuletzt dazu benutzen, Leute von sich fernzuhalten.
:rolleyes:
Das passte zu dem, was ich jedesmal auf dem Weg zu eben dieser Arbeit (und auf dem Rückweg) im Zug sah.
;)
Falls Väter hübscher Töchter unter euch sind: Jetzt wisst ihr auch, warum die Mädels immer so hohe Telefonrechnungen kriegen. Weil die Guten sich immer hinter ihren Handys verstecken müssen... So wie ich mich hinter meiner Sonnebrille...
:cool:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.627.393 von sgeler am 15.10.06 01:36:55@ sgeler

Danke fürs Flaggezeigen. Anscheinend Jean Paul gerade zum Sprecher einer vergessenen Generation (uns!)...

:D
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.642.011 von Wolfsbane am 15.10.06 19:07:30wolfsbane ich danke dir für diese tolle unterhaltsame geschichte.
denke der held ist in etwa in meinem alter (mitte 30ig) da gibts einige punkte der identifikation ;)

immer weiter so ich liebe die geschichte
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.646.416 von sgeler am 15.10.06 23:42:19eher ü40 würde ich meinen. aber die geschichte ist gut, macht spaß sie zu lesen.
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.646.457 von altpunk am 15.10.06 23:43:42Denke JeanPaul ist noch nicht 40. Ein Mitt30er meiner Meinung nach...

auch egal.. der THREAD MUSS NACH OBEN !
@ Altpunk & GEZ-Preller:

Die Wahrheit liegt wie meistens in der Mitte. Der Held ist Anfang vierzig. Oder wie Paul Breitner einmal gesagt haben soll: "Ich bin eigentlich schon vierzig, aber ich war fünf Jahre krank!"

Sein fortgeschrittenes Alter dient ihm auch gewohnheitsgemäß als Ausrede, warum er keinen neuen Vollzeitjob findet. Manchmal ist das schließlich auch so.

"In ihrem Alter haben Sie doch bestimmt schon Probleme mit dem Rücken und allem!"
"Nö, überhaupt nicht!"
"Dann kriegen Sie das garantiert in Kürze!"

:cool:
45.

Wie angekündigt tauchte später Ludwig auf. Er sagte "Guten Tag" zu Jean Paul und setzte sich an seinen Tisch. Während er darauf wartete, dass sein Computer hochfuhr, wirkte er etwas unausgelastet und Jean Paul nutzte die Gelegenheit, ihn nach NUMMER EINS zu fragen.
"Erst war es super", sagte Ludwig. "Leichte Arbeit und nach dem dritten Zeitvertrag wurde man fast immer übernommen. Aber dann wurde die Luft immer dünner. Plötzlich wurde man an Kennzahlen gemessen und es machte nicht mehr so viel Spaß wie früher. Jetzt wird auch nicht mehr jeder übernommen!"
"Ich wäre schon mit einem Zeitvertrag zufrieden", sagte Jean Paul. "Hauptsache, ich habe wieder einen Vollzeitjob. Nichts ist für die Ewigkeit. Und wenn ein Arbeitgeber einen loswerden will, findet er immer einen Weg."
Er dachte an einen Koch, der plötzlich seinen Spind im Umkleideraum nicht mehr öffnen konnte, weil das Vorhängeschloss ausgetauscht worden war und bei dem man dann Silberlöffel aus dem Hotel fand, was ihm nur noch die Wahl ließ, "freiwillig" zu kündigen oder bei der Polizei angezeigt zu werden.
"Ich habe selbst gekündigt", sagte Ludwig. "Jetzt habe ich einen prima Job bei einer Versicherung und das hier mache ich nur nebenbei."
Später kam der Chef dazu. Er gab Jean Paul eine Zeitschrift samt "Heft-CD", auf der sich eine freie Version der in dieser Firma benutzten Datenbankapplikation befand und zusätzlich gab er ihm den Rat, dieses Programm auf seinem heimischen Computer zu installieren und sich dort damit vertraut zu machen. Als Jean Paul erzählte, dass er sich schon mit diesem Programm beschäftigt und im Internet ein entsprechendes Forum gefunden hätte, bekam er noch eine zweite Hausaufgabe, nämlich sich dort anzumelden, um dort für die Firma Fragen zu stellen. Für alle Fälle sollte er sich lieber gleich unter drei verschiedenen Nicknamen anmelden, um so mehr Fragen stellen zu können.
Jean Paul fühlte sich geehrt, dass man ihm so viel Verantwortung gab und das er hier die Chance bekam, an der Entwicklung der Firma teilzuhaben.
Am nächsten Tag lernte er seine Kollegin kennen. Sie war sehr nett und behielt immer ihren Humor, auch wenn die von ihr angerufenen Leute unfreundlich oder aufdringlich wurden. Ihre Stimme klang wie Erdbeeren mit Sahne, nur mit mehr Erdbeeren und mehr Sahne.
Unglaublich.
Zum Glück von Jean Paul war sie für ihn die ideale Kollegin und zu ihrem Glück war sie aus den gleichen Gründen in Bezug auf private Zwecke für ihn uninteressant. Nach Feierabend stand er mehr auf exotisch zickige Frauen. Wenn eine ihm das Gefühl gab, dass kein anderer Man mit ihr klarkam und alle anderen an ihrem Feuer verbrannten, fühlte er sich als Weltmeister aller Klassen!
Dann kam der Freitagabend.
Nachdem Jean Paul seine Arbeit und seine Hausaufgaben erledigt und zwischendurch immer wieder von der Übernahme in ein Arbeitsverhältnis in Vollzeit geträumt hatte, setzte er sich in sein Auto und fuhr in eine ihm sehr vertraute Großstadt. Er brachte seinen Wagen ins Parkhaus und ging zu Fuß zu dem verabredeten Treffpunkt.
Zuerst ging er in die falsche Richtung, weil er gewohnt war, von da aus zu einer ganz bestimmten Straße zu marschieren, aber dann bemerkte er seinen Irrtum und kam wieder auf Kurs.
Der Ort, den er jetzt ansteuerte, war allerdings auch so ein Ort, der immer gut besucht war, aber zu dem angeblich keiner ging.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul ist nur noch wenige Schritte von dem verbotenen Ort (und seiner Traumfrau) entfernt!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.666.192 von Wolfsbane am 16.10.06 20:18:06...er wird sich doch wohl nicht im Rotlichtviertel rumtreiben?
:eek:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.666.101 von Wolfsbane am 16.10.06 20:14:15na ja, mit fast 44 die ich bin mein alter. kann man herauslesen aus
der geschichte. fiktives alter von jean paul dürfte 42/43 sein :)
@ pappenheimer 2010

Der Ort, an den er sich begibt, ist für einen gelernten Koch noch viel verbotener als das Rotlichtviertel!
;)


@ altpunk

Der Verfasser ist 42, aber der Held ist jünger!! :D
Abgesehen davon verraten die kulturellen Vorlieben eines Menschen nicht unbedingt präzise sein Alter, denn manches fand man schließlich nur darum so klasse, weil die älteren Geschwister (die eigenen oder die der Freunde) davon schwärmten und man selbst eigentlich noch viel zu jung dafür war. (Stichwort "Reiz des Verbotenen")
:laugh:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.669.283 von Wolfsbane am 16.10.06 22:52:53er geht zum mc d :D
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.669.659 von sgeler am 16.10.06 23:35:19:eek: BOAH Der Mann kennt meine, äh... Jean Paul seine dunkelsten Geheimnisse!
:laugh:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.676.137 von Wolfsbane am 17.10.06 12:56:15Evtl geht er auch zu Burger King, der ist näher am Viertel!
46.

Mireille hatte beim ersten Treffen um größte Diskretion gebeten und immer wieder davon gesprochen, dass ihre piekfeinen Freunde nie von dieser Begegnung erfahren dürften. Also trafen sie sich auf seinen Vorschlag an einem Ort, der leicht zu erreichen war und den Schutz absoluter Anonymität bot. Es handelte sich um eine in der Nähe des Bahnhofs gelegene Schnellfressfiliale von Apple-Dagoberts, jenem super-amerikanischen Unternehmen, dessen Begründer einst mit seinem American Applepie berühmt geworden war und welches heute fast überall auf der Welt schnell warm zu machende Snacks anbot.
Er war fünf Minuten zu früh dort.
Als er sich nach einer Frau in einem schwarzen Kleid umsah, wurde er enttäuscht. Er stellte sich in eine Schlange, um sich einen Kaffee geben zu lassen. Er rechnete damit, versetzt zu werden. Beim Bezahlen überprüfte er darum gleich, ob er genug Geld dabei hatte, um notfalls anschließend noch dorthin zu gehen, wohin er immer ging, wenn er von wieder einer Frau enttäuscht wurde und genug Geld dafür besaß.
Als er einen freien, kleinen Tisch sah, setzte er sich und beobachtete wie nebenbei den Eingang. Er guckte und guckte und guckte noch einmal und dann passierte es. Eine langhaarige Frau seines Alters stolzierte in den Raum. Sie trug ein graues Kleid und eine Sonnenbrille. Die Farbe des Kleides stimmte nicht und sie war nicht so dünn wie auf dem Foto, aber die Zeit stimmte und solche Frauen verirrten sich äußerst selten in diese Art Fressläden. Sie stellte sich ebenfalls in eine Schlange und wartete. Die Weise, wie sie das tat, nämlich ohne sich irgendwie nach vorn mogeln zu wollen, verrriet ihm, dass sie keine Deutsche war, denn auch die ehemaligen Bewohner der einstigen DDR hatten sich diesbezüglich längst den Wessis angepasst. Sie trug flache Schuhe und wäre mit Absätzen mindestens genauso groß oder sogar größer als er gewesen.
„Salut“, sagte sie. „Ich habe sogar extra deinetwegen flache Schuhe angezogen, damit du nicht zu mir hochsehen musst.“
Da guckte man einen Moment nicht hin und schon wurde man überrumpelt.
„Merci“, sagte er.
Sie hielt in jeder Hand einen Becher.
„Willst du Kaffee oder Orangensaft? Zu essen habe ich hier lieber nichts gekauft!“
„Setz dich“, sagte er. „Ich soll doch nicht zu ihr hochsehen müssen, oder?“
„Ich gebe dir den Kaffee. Deiner ist ja schon fast halb leer.“
„Soll ich dir helfen?“, fragte er geduldig.
Aus gutem Grund war er sehr vorsichtig, wenn sich die Frage stellte, ob er einer Frau aus oder in den Mantel helfen oder ihr den Stuhl zurechtrücken sollte. Manche Frauen reagierten darauf sehr aggressiv und beschimpften ihn dafür als Macho. Besonders bei Karrierefrauen und ganz speziell bei nur mäßig oder überhaupt nicht erfolgreichen Vertreterinnen dieser Gattung konnte man(n) besser den Anschein von Unhöflichkeit riskieren.
Sie stellte den Kaffee vor ihn, den anderen Becher vor sich und holte dann ein Taschentuch heraus und wischte damit ein paarmal über die Sitzfläche, ehe sie sich dort zögernd niederließ.
Er sah, dass er mit dem Kaffeetrinken in Rückstand war und widmete sich den Prioritäten.
„Hier bin ich noch nie gewesen“, sagte sie. „Obwohl ich oft mit dem Zug fahre und immer hier vorbei komme.“
Sie sah sich um, wie es Touristen in einem fremden Land tun. Er rechnete jeden Moment damit, dass sie ihr Handy zückte und Fotos für ihre Freunde machte.
„Danke für den Kaffee“, sagte er.
„Ich wusste nicht, was man hier sonst kaufen kann. Ganz ohne Verzehr darf man hier sicher nicht sitzen.“
„Bei dir hätten sie bestimmt eine Ausnahme gemacht“, sagte er aus voller Überzeugung.
„So bist du viel netter als am Telefon“, sagte sie.
„Es ist mein Job, am Telefon nett zu sein.“
„Dann könntest du bei mir aber nichts verdienen.“
„Muss ich auch nicht. Wenn wir telefonieren, habe ich schon Feierabend.“
„Oder du schläfst schon!“
Sie kicherte und nahm endlich die Sonnenbrille ab.
Er stellte fest, dass jeder ihrer Bewegungen eine gewisse Eleganz anhaftete.
„Komm schon, du bist doch ein Mann und dann kannst auch ab und zu eine Nacht ohne Schlaf verkraften!“
Er räusperte sich.
„Andere Männer würden ihre linken Arm dafür geben, einmal von mir angerufen zu werden!“
„Ich brauche aber beide Hände noch“, sagte er. „Zum Arbeiten.“
„Aber dafür bist du am Telefon witziger“, sagte sie. „Sogar wenn man dich aufweckt.“
„Dann kann ich nichts dafür, wenn ich witzig bin.“
„Bist du denn jetzt wenigstens satt?“, fragte sie.
„Ich bin nicht zum Essen hier. Ich bin Koch.“
„Koch?“, wiederholte sie fragend. „Egal. Können wir anderswo hingehen?“
„Können wir? Du hattest doch die Bedenken, dass deine Bekannten dich mit einem Fremden sehen könnten.“
„Hier können wir auch nicht bleiben“, sagte sie mit einem erneuten Rundumblick.
„Wir können auch in ein Hotel gehen und da all die Sachen machen, über die wir schon diskutiert haben“, sagte er ärgerlich.
Sie guckte ihn an.
Ihr Blick drückte Überraschung aus.
„Du hast deinen Kaffee noch nicht aufgetrunken.“
Er trank betont langsam, weil es ihn immer noch ärgerte, dass Aphrodite ihn kürzlich als „notgeil“ tituliert hatte.
Sie setzte ihre Sonnenbrille wieder auf.
„In Belgien trinken wir nicht so viel Kaffee wie ihr hier. Höchstens morgens ein oder zwei Tassen!“
„Ich dachte, du wärst Französin“, sagte er nachdenklich.
„Das ist dasselbe“, fauchte sie. „la même chose!“
„Bof“, sagte er.
„Falls du irgendwann jemandem von mir erzählst, darfst du auf keinen Fall sagen, dass ich Französin bin! Das würde ich dir nie verzeihen!“
„Das würden mir die echten Franzosen in meinem Bekanntenkreis noch weniger verzeihen“, dachte er.
„Der Kaffeebecher ist leer“, sagte er.
Sie sah sich erneut um und stand dann auf.
Er blieb noch einen Moment sitzen und genoss den Anblick.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Es bleibt nicht beim Anblick.
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.677.032 von GEZ-Preller am 17.10.06 13:35:01@ GEZ-Preller

Evtl geht er auch zu Burger King, der ist näher am Viertel!

Sind wir in derselben Stadt?? ;)

Kann eigentlich nicht sein, denn die Stadt, in der dieser Teil der handlung stattfindet, ist frei erfunden, genau wie übrigens die komplette Handlung sowieso...
:laugh:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.696.173 von Wolfsbane am 18.10.06 10:20:20jetzt wirds aber spannend :)
47.
Als sie sich beide um zum Ausgang bewegten, fühlte Jean Paul sich einen Moment von ihr unbeobachtet und unwillkürlich atmete er lange aus und verdrehte die Augen.
Anscheinend fand sie es irgendwie anregend oder sogar spannend, wenn er sich ruppig und prollig benahm. Eigentlich war er tatsächlich genau der Mann, den sie in ihm sah. So war er geboren. Alle Männer in seiner Familie waren so veranlagt. Aber Jean Paul hatte zu viele Bücher gelesen. Er war zahm. Man musste ihn schon massiv ärgern oder in die Enge treiben, damit er sich so benahm, wie es Mireille gefiel. Aber das durfte sie nicht wissen. Zum Glück hatte er sie für ein Fake oder bestenfalls eine neue Aphrodite gehalten und sich darum ihr gegenüber gehen lassen. Normalerweise neigte er gegenüber so attraktiven Frauen zur Galanterie und das war anscheinend das Letzte, was sie in dieser Lebensphase suchte. Er konnte die plumpe Art, die er ihr gegenüber im Internet angeschlagen hatte, nur aufrecht erhalten, weil er genau wusste, dass er das musste, um am Ball zu bleiben.
Sie sah sich nach ihm um.
Er knurrte.
Sie erschauerte und schlug die Augen nieder. Dann atmete sie durch und setzte wieder diese hochmütige Miene auf, die ihr so gut zu Gesicht stand.
Er durfte auf keinen Fall zeigen, wie uneingeschränkt ihm dieser Ausdruck von weiblichem Stolz gefiel!
Irgendwie war seine ganze Weltanschauung auf den Kopf gestellt. Normalerweise ließ er seine Veranlagung zum Macho nur gegenüber Männern heraus und bezweckte damit Abschreckung. Gegenüber Frauen litt er unter dem Zwang, den Gentleman zu spielen. Wenn ihn eine Frau als Macho sah, war ihm das gewöhnlich peinlich und wenn ihr das gefiel, war sie ihm peinlich. Vor Frauen, die im Ernst annahm, er wolle als Macho für irgendwen anziehend sein, hatte er keinen Respekt, sondern hielt sie für dumm und hütete sich vor ihrem Einfluss.
Zum ersten Mal in seinem Leben gefiel ihm eine Frau, der seine dunkle Seite gefiel...
Das war makaber und beunruhigend.
Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück!

Fortsetzug folgt

Vorschau:
Die Dinge nehmen eine Wendung, die den klugen Leser nicht, Jean Paul aber umso mehr überraschen wird.
Na endlich! Lieber spät als nie!
Ich beneide Dich darum, so schreiben zu können und warte, warte, warte auf die Fortsetzung! ;)
@ unlocker

Heute mittag geht es wieder weiter. Dann gibt es wieder "Wolfsbane" in Bestform, denn das bedeutet
nach einhelliger Kundenmeinung: Lang und schmutzig!
:laugh:

Beim Anfang dieser Episode habe ich ein wenig bei meinen "frühen" Werken :laugh: ("Meine Frauen und meine Aktien") geliehen, doch was jetzt folgt, wird anders... dramatischer und ehrlicher...
:rolleyes:

Ich beneide Dich darum, so schreiben zu können
Kein Anlass. Du hast bestimmt viel wichtigere und einträglichere Dinge zu erledigen und findest nur darum nicht so viel Zeit zum Schreiben. Das ist nämlich das, worauf es ankommt. Man muss einfach die Zeit dazu haben, sich Geschichten auszudenken...
:rolleyes:
...und ein Publikum, das einen dazu motiviert, seine Geschichten im Internet und nicht (nur) an der Theke seiner Stammkneipe zum Besten zu geben...
:laugh:
48.

Mireille ging vor. Man sah ihr mehrfach an, dass Sommer war, denn sie trug ein wirklich kurzes Kleidchen, das sehr viele Blicke auf sich zog und sie trug ihr hübsches Näschen so hoch, dass es bei schlechtem Wetter hinein geregnet hätte. Vielleicht musste eine Frau so gucken, um alle Männer um sich herum gleichzeitig im Auge zu halten. Irgendwie schaffte sie das nämlich. Sie war sich ihrer Wirkung dermaßen bewusst, dass ihr unmöglich auch nur ein einziger bewundernder Blick entgangen sein konnte. Dabei beobachtete sie auch Jean Paul und die Wechselwirkung zwischen ihm und den Schaulustigen.
Jean Paul war lange nicht mehr so zornig angesehen worden. Die Männer sahen immer zuerst unglaublich geilgierig auf Mireille und dann meistens übergangslos gleich hasserfüllt auf. Jean Paul stellte wieder fest, dass nicht nur ein Klaus Kinski solche Fratzen ziehen konnte und normale, unbefriedigte Männer es diesbezüglich mühelos mit dessen schauspielerischen Höchstleistung in "Leichen pflastern seinen Weg" aufnahmen.
Allmählich wurde er selber wütend. Offensichtlich durfte Mireille überhaupt nicht weniger arrogant gucken, wenn sie irgendwie vermeiden wollte, ansonsten im allernächsten Augenblick einer Massenvergewaltigung zum Opfer zu fallen. Sobald der Ärger in ihm aufstieg, starrten die Männer ihn nicht mehr so lange an und glotzen danach auch nicht erneut und lange auf Mireille. Der Unterschied fiel ihr sofort auf und sie stutzte merklich. Verwundert sah sie offen Jean Paul an, der ihren Blick gerade nicht erwidern konnte, weil er stattdessen jemanden ohne Worte und nichtsdestotrotz unmissverständlich auf Distanz halten musste, was ihm in dieser Laune keinerlei Probleme bereitete.
Mit einem Schlag veränderte sich die Haltung von Mireille. Sie begann zu lächeln und bewegte sich freier als vorher. Es war fast so, als würde sie pfeifen und hüpfen. Dabei wiederholte sie in kurzen Abständen diesen offenen Blick zu Jean Paul und wurde immer freier.
Jean Paul hatte nie viel Wert darauf gelegt, bei anderen Männern populär zu sein und es machte ihm nichts aus, dass sie ihn jetzt wieder alle hassten.
Ab und zu musste er einfach schauen, wie sich bei ihren langen Schritten jedesmal der Rocksaum über ihrem Po hob und sanft in Gegenrichtung der Schwerkraft hochwehte.
Mireille ging langsamer und sah sich häufiger um. Es war klar, dass sie hier einkehren wollte. Ein französisches Bistro, so französisch wie es das in Frankreich selbst überhaupt nicht mehr gab. Er musste sofort regieren und den Anschein der Dominanz wahren. So wurde das Spiel eben gespielt. Er zögerte und sie wurde noch langsamer und machte ein fragendes Gesicht.
"Hier gehen wir jetzt rein", knurrte er.
Sie guckte etwas gelangweilt.
"Und zwar sofort", sagte er mit einer Spur mehr Knurren.
Sie lächelte und tat so, als würde er sie mit Blicken zum Ausgang lenken.
In Wirklichkeit machte er trotz aller Wichtigtuerei nur das, was wir Männer unser ganzes Leben lang tun, nämlich einer Frau nachzulaufen.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Fällt aus Zeitgründen aus!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.718.301 von GEZ-Preller am 19.10.06 12:23:45Danke, GEZ-Preller

Ich bin heute wieder später dran, als ich mir vorgenommen hatte :rolleyes:
Aber der Grund ist für mich sehr erfreulich! :)
Wahrscheinlich sehe ich morgen gute Freunde wieder! :D
49

"Hier?“, fragte sie im Bistro.
„Hast du nicht gesehen, wie ich auf diesen Tisch gezeigt habe?“, fragte er.
„Nein, das war weibliche Intuition...“
„Ich habe deutlich darauf gezeigt.“
„Dann setzen wir uns doch“, sagte sie.
„Genau“, sagte er.
Sie setzten sich.
Er sah sie an. Niedlich war sie. Nicht zu dick und nicht zu dünn. Mit sehr dünnen Freundinnen hatte er meistens nicht viel Spaß gehabt. Die hatten sich andauernd schlapp gefühlt, meistens dann auch total lustlos und depressiv.
„Hier sind auf jeder Seite der Speisekarte mindestens drei Französisch-Fehler“, sagte sie.
Er fragte sich, wozu das alles führen würde.
„Was guckst du so?“, fragte sie. „Du brauchst bei mir überhaupt keine Angst zu haben. Ich suche keinen Versorger. Ich habe reichlich Geld. Ich verdiene sehr gut. Ich will keine Beziehung. Ich habe schon einen Freund, der sich andauernd an mich klammert. Ich will dich bestimmt nicht heiraten. Wenn wir uns dann wieder scheiden lassen würden, müsste ich dir nämlich Unterhalt zahlen und nicht umgekehrt.“
„Was willst du dann?“
„Spaß. Ohne Bindung.“
Als Teenager hatte er davon geträumt, so eine Frau zu finden. Es war ihm nie gelungen. Er hatte auch nie ernsthaft damit gerechnet, dass es so eine Frau gab und noch dazu für ihn und obendrein attraktiv. Darum hatte er es nie für nötig gehalten, einmal gründlich nachzudenken, ob er sich immer noch wünschte.
Jetzt war es nötig.
„Du hast einen Freund?“, fragte er.
„Ja, aber da läuft nichts mehr.“
Das sagten sie alle. Aber vielleicht war sie wirklich die Karrierefrau, als die sie sich ausgab und hatte nur einen Freund für die Wochenenden, der sie begleitete, wenn sie gesellschaftliche Pflichten erfüllen musste.
Was war noch das andere Ding gewesen, über das er hatte nachdenken wollen?
„Du bist vielleicht eine...“
„Ja, mich gibt es nur einmal. Darum auch der Name meiner Email-Adresse.“
Sie hatte ihrem Namen ein „Mega“ vorausgestellt.
„Soso.“
„Und du würdest mich auch übers Knie legen, obwohl ich so schön bin?“
Sie war so eingebildet, dass ihn ihre Schönheit nicht mehr daran hindern würde, aber sie wirkte auch ziemlich kräftig und sehr launisch.
Er musste sich das noch einmal überlegen.
„Sowas mache ich andauernd!“, knurrte er.
Wie wollte sie ihm auch etwas anderes nachweisen.
Heute würde sowieso nichts mehr passieren...

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Wir erfahren, ob es JP bekommt, sich auf ungewöhnliche weibliche Fantasien einzulassen...
Boahh, das wird ja immer spannender!

Dieser thread hat ein gewisses Suchtpotential;)
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.733.555 von pappenheimer2010 am 20.10.06 08:33:04@ Pappenheimer

:eek: Dann muss der Sräd ja wohl demnächst auch eine Warnung wie "Lesen schadet ihrer Gesundheit" tragen! :laugh:
50.

Der neue Job als Telefonagent bei der heimischen Firma hatte Jean Paul bereits verändert. Dort musste er am Telefon bei potentiellen Kunden Bedarf ermitteln, um maßgeschneiderte Angebote zu machen. Dabei hatte er festgestellt, dass es bei wirklichem Bedarf keiner ausgefeilten Fragetechnik oder gar irgendwelcher rhetorischer Kniffe bedurfte, damit die Leute mit den für ihn wichtigen Informationen heraus rückten. Ganz im Gegenteil, die besten Informationen bekam man meistens einfach durch Zuhören. Dann erzählten die Leute einem Sachen, nach denen man sich nie zu fragen getraut hätte oder zu denen einem selbst im Nachhinein keine passende Frage einfiel.
Zuhören musste man können.
Einfach nur zuhören.
"Ich weiß aber nicht, ob ich es schaffe, mir das gefallen zu lassen", sagte sie seufzend.
Er fragte sich, was der Seufzer bedeutete. Er wusste es nicht. Er wusste nur, was das Beste war, wenn eine solche Frau etwas sagte oder tat, was man nicht verstand. Er wusste es, weil solche Frauen meistens früher oder noch früher etwas sagten oder taten, was keiner verstand.
Also tat er, was er tun musste.
Ein Mann musste immer tun, was ein Mann eben tun musste.
Er zuckte mit den Schultern und machte ein dummes Gesicht.
"Ich bin so gewohnt, dominant zu sein", erklärte sie mit schlecht geheuchelter Bescheidenheit. "Normalerweise kommandiere ich immer herum und alle tun was ich sage und freuen sich sogar noch, wenn ich sie zur Schnecke mache..."
Erneut zuckte er mit den Schultern und machte ein dummes Gesicht. Um nicht uninteressiert zu wirken, kniff er leicht die Augen zusammen und als sie immer noch nicht weiter redete, legte er leicht den Kopf zur Seite.
"Irgendwie bin ich es so Leid, dass alle Leute immer alles tun, was ich will."
Sie schaffte einen noch größeren Seufzer.
Diesmal war sein dummes Gesicht ungespielt, denn in ihm stieg Ungewissheit darüber auf, wer hier wem etwas vorspielte. Andererseits, wenn es hier die Frau war, die den Mann manipulierte, war das auch nicht schlimm. Auf dieser Grundlage hatte die Menschheit bereits seit Tausenden von Jahren großenteils ganz ordentlich überlebt. Das war wenigstens normal.
"Das kann man ändern", schlug er höflich vor, um ihr Gespräch in Gang zu halten.
Sie machte einen niedlichen Augenaufschlag. Eine Geste, die eigentlich keine Berechtigung hatte, außer dass sie dabei unglaublich, also wirklich ganz unheimlich total und durchaus verführerisch aussah.
"Wenn ich mich von dir später zu genau festgelegten Bedingungen, die die Grundlage dafür sind..."
Endlich redete sie weiter.
Er hatte sich schon gefragt, was er tun solte, falls sie nicht weiter redete.
"... dominieren lasse, dann nur, weil mir langweilig damit ist, dass ich immer gewinne und dass ich immer die Beste in allem bin und alle zu mir hochschauen und das kann wirklich langweilig werden, obwohl du das natürlich nicht ahnen kannst..."
Das machte ihn nun aber doch wütend.
Ihn packte der angeborene Jähzorn.
Er beschloss sie auf übelste Weise zu beleidigen, nur um zu sehen, wie sie darauf reagierte und ob sie das wegstecken konnte.
Er gähnte!
:yawn:

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Die Zugriffszahlen und Kommentare der Leser werden zeigen, ob die Geschichte sich mit diesem Jubiläums-Kapitel (50!) noch auf der richtigen Schiene bewegt... :confused:
... und das nächste Kapitel liefert sachdienliche Hinweise, wie die Superfrau auf diesen :eek: Affront seitens JP :eek: reagiert ... :rolleyes:
51.

"Bei mir hat noch nie jemand gegähnt, wenn ich redete!", protestierte sie.
"Und dich hat auch noch nie jemand übers Knie gelegt", spekulierte er.
"Natürlich nicht."
"Dann kannst du bei mir viel dazulernen!"
Ihre Empörung wich teilweise der Verblüffung.
"So hat auch noch niemand mit mir geredet!"
"Du kommst wohl nicht viel unter Leute", sagte er.
Allmählich fragte er sich, ob diese ganze Geschichte ihm überhaupt irgendetwas außer Kopfschmerzen einbringen würde und ob er nicht vieleicht besser ganz offen seinen Unmut zeigte und sie sich einen anderen Dummen suchen ließ. Manchmal durfte man Frauen abblitzen lassen. Nicht nur Frauen durften "Nein" sagen. Helden durften das auch. Schon Humphrey Bogart hatte das in seinen Filmen getan, wenn offen manipulative Damen ihre weibliche Attraktivität als Waffe einsetzten. Aber Bogart hatte auch geraucht und Hüte getragen.
"Doch, aber gewöhnlich komme ich nicht mit Leuten wie dir in Berührung", sagte sie.
"Einsicht ist der beste Weg zu Besserung."
Er schaute auf seine Armbanduhr. Noch war in der verbotenen Straße nicht viel los. Das würde noch etwa zwei Stunden dauern. Der Weg dorthin dauerte aber maximal 20 Minuten.
"Bist du schwul?"
Komische Frage.
Sie sah seinen verwunderten Blick und wartete nicht auf die Antwort.
"Ich sehe wirklich so aus. Ich bin nicht geschminkt", sagte sie. "Auch meine Augenbrauen sind echt."
Sie zupfte sich ein Härchen aus der linken Augenbraue.
"Siehst du?", fragte sie.
Da war wieder dieses Phänomen, dass Leute, wenn sie erst einmal in Schwung kamen, Dinge erzählten, die nachzufragen einem nie eingefallen wäre.
Er nickte.
"Und ich bin auch wirklich echt blond."
Sie riß sich ein langes Haar aus und zeigte es ihm.
"Vielleicht sollten wir irgendwo hin gehen, wo wir allein sind...", sinnierte er.
"Warum?"
"Jetzt fehlt nur noch ein Schamhaar."
"Ich kann eben zur Toilette gehen und es mir dort ausreißen und dir hier geben."
"Das ist ein Plan", erkannte er an.
Sie rang sichtlich um ihre Fassung.
"Traust du mir jetzt zu, dass ich dich übers Knie lege?", fragte er.
Aphrodite hätte ihm bei einer solchen Aktion mit ihrem Gewicht die Beine gebrochen, aber diese hier wog nicht zuviel.
"Nur wenn ich dich lasse", sagte sie. "Ich kann Karate. Ich kann dich jederzeit umhauen, wenn ich nur will."
Sie sah wie eine echte Dame aus, doch sie redete tatsächlich wie ein pubertärer Proll.
Er grinste.
"Du glaubst mir nicht?", fragte sie.
"Darüber habe ich noch nicht nachgedacht."
"Und woran denkst du?"
"Ich denke, dass ich dich wohl fesseln muss, wenn wir irgendwo allein sind. Falls du ein Gröllchen kriegst und es sonst mit dir durchgeht."
Ihre Augenlider flatterten.
"Du würdest mich fesseln? Das könntest du tun? Obwohl ich ein Gesicht wie ein Engel habe?"
"Schönheit ist billig", sagte er. "Ich bin nur zwanzig Minuten Fussweg von einem Blowjob für ein paar Euro entfernt und viele der Frauen, die das dort anbieten, sind auch entgegen allen Vorurteilen auch sehr attraktiv. Die hatten nur das Pech, in einem armen Dorf in Albanien oder so zur Welt zu kommen und verkauft zu werden."
Jetzt wirkte sie wieder gefasst. Sie lächelte sogar. Auf geheimnisvolle Weise. Fast wie Mona Lisa, nur nicht so pausbäckig.
"Ich kannte noch nie einen Mann, der zugab, dass er ins Bordell geht."
"Du kannst mich noch besser kennenlernen!"
Sie atmete tief durch.
"Wie stellst du dir das vor?"
"Wahrscheinlich muss ich dich erst ein wenig bändigen, um meinen Ärger über dieses Gespräch abzubauen und dich so brav zu machen, dass du wenigstens einigermaßen nett wirkst."
"Ich bin nett!"
"Du bist arrogant!"
"Aber auch nett!" Sie seufzte. "Und einsam!"
Wenn man mit ihr schimpfte, ging es besser.
"Das ist ja ein ein Ding.", sagte er. "Und jetzt?"
"Ich werde mich nie in dich verlieben. Ich will nur Spaß!"
"Du wiederholst dich."
"Und du gibst viel Geld dafür aus, etwas zu bekommen, was du auch umsonst haben kannst."
"Das ist mein Geld."
Auch wenn es derzeit überwiegend vom Arbeitsamt kam!
"Morgen abend habe ich Zeit", sagte sie. "Dann werde ich dir einmal erlauben, mich so zu behandeln, wie es dir gefällt und falls mir das auch gefallen sollte, lasse ich dich das vielleicht wiederholen."
Sie seufzte und setzte eine sehr würdige Miene auf.
"Klingt nicht uninteressant", sagte er gereizt.
"Also morgen", sagte sie, offensichtlich befehlsgewohnt.
"Warum nicht."
Sie zog eine Augenbraue hoch.
"Das ist alles?", fragte sie beleidigt.
"Das, worauf es ankommt, wirst du spüren, wenn ich dir morgen den Hintern versohle", sagte er mit wohldosiertem Knurren.
Sie atmete schwerer und wurde schlagartig rot. Dann räusperte sie sich, sah auf ihr Kleid, strich es über den Beinen glatt, räusperte sich erneut, guckte weiter nach unten, hob schließlich wieder den Kopf und wich seinem Blick abweschselnd nach rechts und links aus.
"Heisst das, wir sind uns einig?"
Sie seufzte.
"Ich verstehe kein Wort", knurrte er.
"Und du könntest das wirklich tun?", fragte sie zweifelnd und immer noch hochnäsig.
Bis vor diesem Gespräch hatte er selbst daran gezweifelt. Aber ihre Arroganz hatte ihm die Gewissheit verliehen.
"Einer muss es tun", sagte er.
Soviel stand objektiv fest.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Der Dialoganteil wird gesenkt, da ein hoher Dialoganteil Literaturwissenschaftlern als Indikator für Trivialität gilt und der Autor seine Leser auf keinen Fall dem Vorwurf aussetzen möchte, sie würden ihre Zeit mit dem Lesen von Schund vergeuden...
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.766.470 von Wolfsbane am 21.10.06 22:34:25ja das wird gut :D
mwhr handlung weniger dialog

aber immer noch genug dialog zum verstehen was sie fühlen und denken
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.770.292 von sgeler am 22.10.06 02:24:59Also kapitel 51 ist dir wirklich sher gelungen.

Einige Highlights dabein. Ich mag die Dialoge übrigens sehr gerne.
Die Vorschau war auch wieder einmalig.

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52.

Jean Paul rieb sich die Stirn, denn er verspürte plötzlich Migräne oder so.
Mireille, die sich im Internet immer "Lola" nannte, was angeblich ihr zweiter Vorname war und mit dem Zusatz "Super" ihre Emailadresse ergab, sah aus dem Fenster. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite befand sich ein Lokal, das von lauter ungleichen Paaren frequentiert wurde. Die Männer waren alle doppelt so alt und mindestens doppelt so schwer wie ihre sehr hübschen Begleiterinnen.
"Wenn ich ein Mann wäre und genug Geld hätte, würde ich mir wahrscheinlich auch einfach eine hübsche junge Exotin holen und mich nicht um eine neurotische, reife Karrierefrau wie mich bemühen", sagte sie.
"Ich kann mir dich nicht als Mann vorstellen", sagte Jean Paul.
"Nein, ich bin eine Frau. Aber ich könnte etwas mehr Oberweite haben. Andere Frauen können da mehr bieten", sagte sie mit Blick aus dem Fenster. Sie seufzte. "Zum Glück habe ich wenigstens ein Hohlkreuz."
Jean Paul wartete eine Weile, ob noch etwas hinterher kam und überlegte dann, ob sie das als Witz meinte.
Nein.
"Du hast doch einen Freund", sagte er schließlich in gemessenem Ton.
"Aber der will nur noch so mit mir zusammen hocken", klagte sie. "Der betet mich an und erzählt mir pausenlos, was für eine tolle Frau ich bin und dass ich viel mehr bin, als er verdient. Dieses Gejammer ödet mich an."
Sie stützte ihr Kinn auf beide Hände und sah ihn ernst an.
Er erwiderte ihren Blick fragend.
Superlola hob mit unverändertem Blick unmerklich langsam ihre Mundwinkel, bis sie deutlich lächelte und ihn schließlich offen anlachte, während er immer noch dumm guckte, was sie sehr amüsierte.
"Und morgen wirst du es mir zeigen?", fragte sie.
"Wenn du mich nicht aus Versehen umkloppst oder in die Erde stampfst", sagte er grinsend.
"Deine Stimme kann ganz schön fies klingen", sagte sie irritiert. "Das hätte ich gerade überhaupt nicht gedacht."
Er lachte auf eine Weise, die exakt seiner aktuellen Laune entsprach.
"Das ist ja noch schlimmer", klagte sie.
Und dann schüttelte sie sich.

53.
Die Begegnung mit Superlola inspirierte Jean Paul umgehend dazu, das dritte Kapitel seines Neo-Super-Westerns zu schreiben.

"Klopf, klopf" machte es an der Tür des Hotelzimmers.
Das erste Klopfen war nocht nicht verklungen, da lag schon der Sechsschüsser sicher und tödlich in der Hand von Billy the Kid, dem bekanntermaßen größten Helden des wilden Westens.
Nach seinem Holster zu greifen, die Waffe zu ziehen und mit der präzisen Wahrnehmung einer erfahrenen Fledermaus dorthin zu zielen, von woher die Schallwellen kamen, noch ehe sie das menschliche Ohr erreichten, war für ihn eine seiner leichtesten Übungen. Selbst wenn er sich dabei zwischendurch noch den Hintern kratzte, der ihn ständig juckte, weil er Ausschlag davon hatte, andauernd Büsche zu düngen, war das alles bei ihm nur eine einzige Bewegung.
Lola trat ein.
Sie sah auf seinen Revolver.
"Ist der aber groß", sagte sie sanft. "Da fühlt sich ein Mädchen wie ich ganz schutzlos und huh, ausgeliefert."
"Mach die Tür hinter dir zu", sagte er herrisch.
"Warum?", fragte sie.
"Quatsch keine Arien, tu es!"
Sie schloss die Tür.
"Jetzt bist du schutzlos und ausgeliefert", sagte er zufrieden und steckte seinen Revolver wieder ein.
"Soll ich die Tür von innen abschließen und dir den Schlüssel geben?", fragte sie devot.
"Was?", fragte er.
"Ob..."
"Bloß nicht schon wieder so ein langer Satz!", schimpfte der Kid, der Kommas in den Sätzen seiner Gesprächspartner mehr fürchtete als Kugeln in den Colts seiner Gegner.
"Willst du mich jetzt erschießen?", fragte sie.
Er deutete auf eine volle Badewanne.
"Willst du mich ertränken?", fragte sie.
"Nein!"
"Was willst du dann?", fragte sie zitternd.
"Rückenschrubben!"
"Und danach?", fragte sie.
Er knöpfte sein Hemd auf.
"Nach was!"
"Nach dem Rückenschrubben!", sagte sie.
Er zog sein Hemd aus und erlebte ein Wiedersehen mit längst vergessenen Hautpartien.
"Komisch", sagte er. "Wo die Sonne nicht hinkommt, bin ich auch dunkel. Wie kann das?"
"Okay, mit dem Rückenschrubben werde ich auf unbestimmte Zeit beschäftigt sein", sagte sie.
Er guckte auf seinen Revolvergurt und fragte sich, wie er seine Hose ausziehen konnte, ohne ihn abzulegen.
"Bist du Französin?", fragte er, ohne sie anzusehen. "Du redest so seltsam!"
"Ich halte mir nur gerade die Nase zu", sagte sie.
"Da wäre ich fast drauf reingefallen", sagte er. "Französin. Ha!"
Sie half ihm, die Stiefel auszuziehen.
"Durch die Trockenheit in der Wüste sind tatsächlich deine Socken zu Staub geworden!", rief sie hustend.
"Habe noch nie Socken getragen", sagte er.
"Das wird mir zuviel", sagte sie und setzte sich auf den Rand der Wanne.
"Warum bist du eigentlich gekommen?", fragte er.
"Ich bin die Witwe vom Barkeeper und brauche einen neuen Beschützer."
"Ich bin nur auf der Durchreise", sagte Billy the Kid, der tatsächlich permanent auf der Flucht vor ehrgeizigen Sheriffs war.
"Was kann man denn da machen", hauchte sie und musste dabei leicht husten, da sie gegen Berufskrankheiten wie Syphilis auch nicht immun war.
"Rückenschrubben!", wiederholte er ungeduldig.


Fortsetzung folgt

Vorschau:
Jean Paul versucht erst mit Marie und dann mit Aphrodite zu sprechen, aber Marie ist mit einer neuen Freundin in Urlaub gefahren und Aphrodite befindet sich in einer intensiven Therapie. Früher hätte er seinen Kumpel Kutte gefragt, aber Kutte hat sich schon vor einigen Jahren aus Liebeskummer einen Rausch angesoffen und auf diese Weise einen tödlichen Verkehrsunfall erlitten. So gesehen wäre er wohl auch kein zuverlässiger Ratgeber gewesen. Und sein Vater hatte auch nur immer "Eine schöne Frau hast du nie ganz für dich alleine" gesagt.
So hält ihn von einer Dummheit ab...
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.770.292 von sgeler am 22.10.06 02:24:59@ sgeler

Du hast gerade sehr schön den Begriff "filmisches Schreiben" erklärt.
:D
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.775.135 von GEZ-Preller am 22.10.06 10:38:43@ GEZ-Preller

Danke. :look:
Das mit der Vorschau habe ich mir bei Henry Fielding ("Tom Jones") abgeguckt.
;)
Der war noch ein richtiger Schriftsteller und kein Journalist.
:cool:
Damals musste ein Erzähler sich auch noch nicht in seiner Geschichte verstecken...
:rolleyes:
Du steigerst die Spannung ins Unendliche.
Ich frage mich aber, wann wird endlich gef***t ?!

Oder f*** sie am Ende gar nicht :confused:
54.

Am nächsten Tag traf Jean Paul sich gleich wieder mit Superlola. Sie musste noch bis zum frühen Nachmittag arbeiten, also übernahm er es, im Internet nach einem preisgünstigen Hotel zu sehen und schon ein Zimmer zu buchen. Am späten Nachmittag fuhr er los, kam viel zu früh in der großen Stadt an, ging Spazieren und telefonierte dann mit ihr und traf sie in der Stadtmitte.
Sie war sehr wortkarg.
Sie wirkte beklommen.
Eigentlich traute sie sich überhaupt nicht zu einer solchen Aktion, aber ihre beste Freundin hatte ihr das empfohlen und die war anscheinend noch intelligenter als Superlola. Mireille hielt während der Fahrt mit ihr permanent Kontakt über SMS. Jean Paul nahm das sozusagen schulterzuckend zur Kenntnis.
Das Hotel lag in Wirklichkeit weiter ausserhalb der City, als es auf der Karte gewirkt hatte. Anscheinend war es wurde es fast ausschließlich von Männern genutzt, die überwiegend wie Monteure aussahen. Die Wirtin war physisch sehr stabil und wirkte trotz ihrer offenkundlichen Bodenständigkeit leicht überrascht, als das gemischte Paar bei ihr aufkreuzte und nur für eine Übernachtung eincheckte.
Mireille war mittlerweile so nervös, dass Jean Paul sich schon damit abgefunden hatte, dass sie es sich wohl jeden Moment anders überlegen und wegrennen würde.
Die Wirtin und die anderen Gäste sahen ihn an, als wenn sie ihn verdächtigten, ein Bombenleger oder Massenmörder zu sein.
Superlola fragte ihn kleinlaut, ob sie noch an der Theke bleiben könnte, während er das Zimmer besichtigte.
Er stimmte zu.
Wenn er jetzt nur ein wenig Druck ausübte, sprang sie ab, das war ihm klar.
Also ließ er sie.
Nach einer Weile kam sie von allein nach oben und zog sich wortlos aus.
Er sah ihr zu.
Schließlich zog er sich selber aus. Bei ihm ging das schneller.
Endlich war sie fertig.
"Aber um Mitternacht muss ich meinen Mann anrufen", sagte sie.
"Wen?", fragte er. "Was? Wo?"
"Ich nenne ihn immer meinen Mann, weil wir schon so lange zusammen leben."
"Was?", rief Jean Paul entsetzt. "Ich... was?"
Jetzt lächelte sie wieder.
"Was willst du denn? Ich habe nie gesagt, dass ich noch Jungfrau wäre!"
Zuerst wollte er sie gleich wieder aus dem Zimmer schmeißen. Aber sie waren beide schon nackt.
Und sie sah dabei sogar sehr gut aus.
Er setzte sich auf einen Stuhl, um sich von dem Schock zu erholen.
Sie setzte sich auf seinen Schoß.
"Und jetzt?", fragte sie.
Er schwieg.
"Irgendwie spüre ich deine Antwort", sagte sie.

Fortsetzung folgt

Vorschau:
Was soll ich noch sagen, jeder weiß doch, wie solche Sachen enden!
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.784.515 von Gammelfleischer am 22.10.06 19:58:53@ Gammelfleischer

Sollten Sie nicht vorher erst heiraten :confused:
:D Klar, das weiss fats jeder hier, was jetzt kommt, hehe :D:D:D

zunächst wird sie sich zieren, dann klingelt das Handy.

Sie wirft ihm einen fragenden Blick zu, er nickt, dann geht sie nach einem Zögern dran.

Ein längeres Gespräch, sie hört zu , anwortet erst ärgerlich, hört dann wieder zu, fängt an sich anzuziehen und nachdem eine Viertelstunde vorbei ist haucht sie zärtlich ins Telefon, daß sie gleich kommt.

Sie macht sich die Haare zurecht und erklärt dem Typen der mit ihr im Hotel ist, daß sie nicht wusste, was sie doch für tiefe Gefühle für die Bekanntschaft von vor einem halbem Jahr hat und jetzt schnell los muss.

Und dass sie ihm alles Gute für sein Leben wünscht.

Tür auf, zu, unten Taxi rufen und weg.

:D

So ungefähr?
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.791.914 von Wolfsbane am 23.10.06 00:55:22Dann mußt du aber irgendwie jetzt noch einen Priester ins Hotelzimmer zaubern :D

Zeig´s ihr, Jean-Paul! Du bist der Chef!