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Auch wäre doch jetzt Bundestagswahl gewesen - 500 Beiträge pro Seite



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Hier habt ihr was -bis zur nächsten vorgezogenen Bundestagswahl- zum emotionallen Ereifern:

Bemerkenswerte Passagen aus dem "Allg. Marktkommentar" der "FINANZWOCHE" (Dr.Jens Ehrhardt AG).

"Mit einem Ausfuhrwachstum von 13,4% gegenüber Vorjahr straft der deutsche Export alle Pessimisten Lügen, die Deutschland schon seit längerer Zeit wirtschaftlich schlecht reden. Vom "Sanierungsfall" von Frau Merkel bis hin zu lächerlichem Deutschland-Wachstum von 0,7%, die der IWF am Jahresanfang schätzte (voraussichtlich fast 2% mehr) gab es weitgehend Pessimisten, die nicht rechtzeitig die Wirkung der Schröder'schen Reformen auf die deutsche Wirtschaft erkannten. Ohne die zurückliegenden kleineren Reformen plus die deutlichsten Steuersenkungen, die es in Deutschland je gab, wäre der augenblickliche Wirtschaftsaufschwung undenkbar."

"Im kommenden Jahr wird Deutschland einerseits die Mehrwertsteuererhöhung belasten (als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt bremst dies auch die internationale Konjunktur), andererseits werden die Zinserhöhungsbemühungen von Herrn Trichet in die gleiche Richtung negativ wirken. Man muß sich einmal vor Augen halten, daß die deutsche Teuerung erwartungsgemäß bei nur noch 1% liegt und dann vom EZB-Chef noch vor weniger als einem Monat Äußerungen von "extremster Wachsamkeit" hinsichtlich der ach so hohen Inflation ausgestoßen wurden. Der Staat kann sich allerdings jeden Fehler leisten, wie auch das neue Schwarzbuch des deutschen Bundes der Steuerzahler aufweist, das von rund 30 Mrd. € Steuerverschwendung in Deutschland im letzten Jahr ausgeht. Dem gegenüber steht ein erwartetes Aufkommen der sogenannten "Reichensteuer" von gut 0,1 Mrd. €. Da nur gut 100.000 Menschen von der Reichensteuer betroffen sind (besteuert wird hierbei nicht der Reichtum, sondern die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsteilnehmers, so daß auch schon der Name falsch ist), kann es sich jede Partei leisten, auf diese Wählergruppe zu verzichten. Es ist leicht, populistisch mit solchen Methoden Stimmen zu fangen. Besonders in einem Land wie Deutschland, wo 41% der Bevölkerung inzwischen von Staatsunterstützung lebt. Da beide großen Volksparteien sich inzwischen gleichermaßen durch eine Ausdehnung des Wohlfahrtsstaates bei dieser wichtigsten Wählergruppe profilieren wollen, kann man sich vorstellen, wohin die Reise geht."

"An dieser Stelle wurde versucht, dem früheren Kanzler Schröder den Rücken zu stärken, da wir hier die letzte Chance sahen, à la Schröder (auf Schmidts Spuren) eine zukunftsorientierte Partei der Mitte mit marktwirtschaftlichem Einschlag entstehen zu lassen. Doch nachdem beide großen Parteien jetzt aber nach links abgerutscht sind, kann man wahrscheinlich jede Hoffnung auf einen politischen Neubeginn in Deutschland begraben. Kein Wunder, daß der frühere Bundesbank-Präsident Pöhl (seit längerem Aufsichtsratsmitglied der Dr. Jens Ehrhardt Finanz AG) jetzt bekanntgab, daß er aus der SPD ausgetreten ist. Mit einer Schröder'schen Politik der Steuersenkungen und Reformen in kleinen Schritten wäre ein neuer Beginn der Marktwirtschaft möglich gewesen (à la Blairs Labour Party am Beginn der Blair-Regierungszeit). Man muß sich immer wieder vor Augen halten, wie wenig volkswirtschaftlicher Verstand (vor allen Dingen bei den Gewerkschaften) herrscht, wo man nicht begreifen will, daß Reformen erst mit mehrjähriger Verzögerung positiv wirken. Schröder (und die SPD) hätten die eigentlich jetzt im September stattfindende Bundestagswahl haushoch gewonnen, hätten die heute in der SPD herrschenden Linken nicht die Zukunft der SPD und die wahrscheinlich längerfristige Gesundung Deutschlands verhindert."

(Zitiert aus FINANZWOCHE Nr. 38 vom 27.09.2006)

Noch Fragen für Deutschland?
Selten soviel Schwachsinn auf einen Haufen gesehen. Und sowas wird veröffentlicht?!

Ich glaube, jeder hier weiß, daß ohne Verwaltungsabbau, schlanke Steuergesetze und ein großer Wurf bei den Solidarkassen nur Probleme verschoben werden.

Ohne diese drei ganz großen Reformen geht es allerhöchstens seitwärts. Ein "Schröder und ein Herr Eichel" als Kanzler und Finanzminister durften 7 Jahre die Nation "beglücken" . Heraus kam eine gigantische Mißwirtschaft!

Und nun das. Diesem Autoren brennt doch der Hut!:mad:
Als man die Kapitalgesellschaften bei Veräusserung steuerfrei stellte begann die Abwärtsbewegung so richtig! Im gegenzug hätte man zumindest eine 50%ige DIVIDENDENBESTEUERUNG für INSTITUTIONELLE ANLEGER einführen müssen!

Dieses Gesetz erst ermöglichte die ganz großen Verlagerungen ganzer Produktionszweige ins europäische und nichteuropäische Ausland/Billiglohnländer.
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DIE ZEIT


Das größte Geschenk aller Zeiten

Die Bundesregierung feierte ihre Unternehmensteuerreform – bis die Konzerne aufhörten, Steuern zu bezahlen

Von Wilfried Herz

Mitten in der Nacht klingelte das Telefon bei Jörg Asmussen. Der Anrufer aus New York, ein Angestellter der Investmentbank Goldman Sachs, wollte von dem Referenten des deutschen Finanzministers wissen, ob er die Mitteilungen aus Berlin richtig verstanden habe. Ob es stimme, dass deutsche Kapitalgesellschaften künftig keine Steuern mehr auf die Gewinne zahlen müssten, die sie beim Verkauf von Aktienpaketen oder ganzen Tochterunternehmen erzielen. Der Beamte bestätigte die Information.

Die Banker aus Amerika waren die Ersten, die dem Coup der Bundesregierung auf die Spur kamen. Sie hatten das tags zuvor in Berlin verteilte Pressematerial sorgfältig analysiert und später ihre Kunden informiert. Über Nachrichtenagenturen kam die Meldung zurück nach Deutschland – und löste dort einen Börsenboom aus. Der Aktienindex Dax stieg allein an einem Tag um 4,5 Prozent. Vor allem die Kurse von Banken und Versicherungen schossen in die Höhe. Börsianer im Freudentaumel.

Die Überraschung war perfekt. Ausgerechnet eine SPD-geführte Regierung erfüllte die Wünsche der Wirtschaft in einem Maße, wie es sich die Manager kaum je erträumt hatten. Kein Wunder, dass Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle und Deutsche-Bank-Sprecher Rolf E. Breuer voll des Lobes für Rot-Grün waren. Allein in ihren Bilanzen steckten hohe zweistellige Milliardensummen an stillen Reserven. Sie hofften, nun diese Schätze steuerfrei heben zu können. Selbst die Urheber des Kursfeuerwerks waren perplex: Die Regierung hatte die Wirkung ihres Tuns vollkommen verkannt.

Das war aber noch die harmloseste Fehleinschätzung bei der Unternehmensteuerreform, wie sich später herausstellte. Vor allem bei den Steuerausfällen hatten sich Finanzminister Hans Eichel und seine Beamten völlig verkalkuliert. Noch im Jahr 2000 kassierte der Staat 23,6 Milliarden Euro Körperschaftsteuer von den Kapitalgesellschaften. Im Jahr darauf, nach dem Inkrafttreten des Reformwerks, brachen diese Einnahmen vollkommen weg. Per saldo mussten die Finanzämter sogar fast eine halbe Milliarde Euro an die Firmen auszahlen – das hatte es noch nie gegeben. Bis heute bekommt der Staat weitaus weniger Gewinnsteuern als in früheren Jahren. Das Ministerium hatte unterschätzt, in welchem Ausmaß Unternehmen die neu eröffneten Chancen nutzen würden.

Kaum anders beim Wirtschaftswachstum. Der erhoffte Schub, der die Bundesrepublik in Europa wieder in die Spitzengruppe katapultieren sollte, blieb aus. Sie gehört weiter zu den Schlusslichtern.

Dezember 1999. Drei Tage vor Weihnachten treten Kanzler Gerhard Schröder und sein Finanzminister in der Bundespressekonferenz auf, um die geplante Unternehmensteuerreform und die stufenweisen Einkommensteuersenkungen vorzustellen. Eichel erläutert: Für die Privathaushalte, insbesondere »der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer«, betrage »die Nettoentlastung 54 Milliarden Mark und für die Unternehmen rund 18 Milliarden Mark«.

Der Minister bekräftigt seine finanzpolitische Zwei-Leitplanken-Theorie – Haushaltskonsolidierung auf der einen, Senkung der Steuer- und Abgabenlast auf der anderen Seite – und begründet die neuen Steuersätze: »Ein insgesamt sehr guter Standort muss auch im Steuerrecht ein guter Standort sein.« Der Regierungschef lobt das Konzept Eichels als »großen Wurf« und äußert sich zuversichtlich, dass damit »sehr positive Signale für die Entwicklung von Wachstum und damit auch von Beschäftigung in Deutschland gesetzt werden«.

Auskünfte zu komplizierteren Details erteilt die parlamentarische Staatssekretärin Barbara Hendricks, etwa zur Anrechnung der Gewerbesteuer oder zur Belastung von Kleinaktionären oder zum Dividenden-Stripping. Zur geplanten Steuerfreiheit für die Konzerne sagt sie nichts. Sie wird auch nicht gefragt. Nach einer Stunde und 52 Minuten geht die Pressekonferenz zu Ende, ohne dass dieser Punkt auch nur erwähnt worden ist.


Es war zwar kein Ruhmesblatt für die Berliner Journalisten, dass ihnen im Gegensatz zu den US-Bankern dieses wichtige Detail in der Fülle der Informationen entging. Aber das Finanzministerium hatte den entscheidenden Satz wohl mit Absicht erst auf Seite12 der Pressemitteilung platziert: »Gewinne aus der Veräußerung von Anteilen, die eine Kapitalgesellschaft an einer anderen Kapitalgesellschaft hält, sind nicht steuerpflichtig.« Eine Bombe, die nicht zündete.

»Wenn wir gewusst hätten, welch positive Stimmung wir damit auslösen, hätten wir das so dargestellt, als wäre es der eigentliche Clou«, sagt Torsten Albig, Eichels damaliger Pressesprecher, heute. Doch es gab wohl noch ein anderes Motiv, den einschlägigen Passus herunterzuspielen. Eichel und seine Berater trieb die Sorge um, dass sich in der SPD-Fraktion zu großer Widerstand regen könnte mit dem Argument, es werde zu wenig für Arbeitnehmer und zu viel für Unternehmen getan. Nicht umsonst, aber ohne vollen Erfolg hatte Hendricks in beiden Koalitionsfraktionen intensiv für die Reform geworben.

Wochen vor der Pressekonferenz im Konferenzraum 4392 jenes pompösen Gebäudes, das in der Nazizeit als Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium gebaut wurde und in dem heute das Bundesfinanzministerium residiert: In diesem Raum, mit Blick auf den so genannten Ehrenhof, trifft sich das »Kollegium«, der Minister mit Staatssekretären und engsten Beratern. Hier werden die Weichen für die Reform gestellt. Eichel sorgt sich um den Bundeshaushalt. Er will die Steuer nicht zu stark senken. Auch bei der Idee, die Verkaufsgewinne der Konzerne ungeschoren zu lassen, neigt er zur Vorsicht. Unterstützt wird er von Haushaltsstaatssekretär Manfred Overhaus, dem jede Ausgabe und jeder Steuerausfall zu viel ist. Spiritus Rector der Reform ist Heribert Zitzelsberger, ein Sozialdemokrat, der seine Karriere im Ministerium begann und dann die Steuerabteilung im Chemiekonzern Bayer leitete. Eichel hat ihn als Steuerstaatssekretär zurückgeholt.

Zitzelsberger plädiert dafür, Kapitalgesellschaften beim Verkauf von Anteilen an anderen Kapitalgesellschaften grundsätzlich von der Gewinnsteuer zu befreien. Bisher gilt dies nur, wenn ausländische Beteiligungen versilbert werden. Sein Argument: Dann werde die im Ausland vielfach kritisierte Deutschland AG mit ihren Verflechtungen aufgebrochen und das frei werdende Kapital produktiver investiert. Den Staat werde die Steuerbefreiung nichts kosten, weil bisher wegen der Steuer solche Verkäufe blockiert seien. Die Alternative, die Gewinne niedriger zu besteuern, aber nicht völlig steuerfrei zu stellen, lehnt der Staatssekretär ab. Wenn der Staat solche Gewinne überhaupt besteuere, müsse er den Firmen auch zugestehen, Verluste aus derartigen Verkäufen steuerlich geltend zu machen. Das könne für den Staat unterm Strich teurer werden.

Zitzelsberger hat Eichels »junge Leute« auf seiner Seite. So nennt der Minister seine engsten Berater, alle noch keine 40: Volker Halsch, Chef des Leitungsstabes (inzwischen Nachfolger des verstorbenen Zitzelsberger als Staatssekretär), Jörg Asmussen, Eichels persönlicher Referent (inzwischen Abteilungsleiter), und Pressesprecher Torsten Albig (inzwischen Stadtrat in Kiel). Die Jungen raten zu einem mutigen Signal für die Wirtschaft.


Trotz der Bedenken des mächtigen Overhaus lässt sich Eichel überzeugen. Und auch Schröder, von Eichel informiert, hat keine Einwände gegen den steuerlichen Kuschelkurs gegenüber den Konzernen. Tatsächlich folgt diese Regel auch der inneren Logik der Reform. So gehörte es zu den erklärten Zielen, Gewinne im Konzern grundsätzlich nur einmal zu versteuern. Werden Veräußerungsgewinne jedoch bei der Holding besteuert, kann es durchaus zu einer Doppelbesteuerung kommen.

Die Reform hat eine Vorgeschichte. Wenige Wochen nach Amtsantritt der rot-grünen Bundesregierung 1998 berief der Finanzminister – es war damals Oskar Lafontaine – eine Kommission mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Ministerien und Verbänden, um »ein Konzept für eine grundlegende Reform der Unternehmensbesteuerung zu erarbeiten«. Der Auftrag: »Alle Unternehmenseinkünfte« sollten künftig »mit höchstens 35 Prozent besteuert werden«. Ob sich Lafontaine, heute Spitzenkandidat der Linkspartei, noch daran erinnert?

Als die Kommission nach viereinhalb Monaten ihre Arbeit ablieferte, nahm Hans Eichel das Gutachten entgegen – Lafontaine war schon nicht mehr im Amt. Eichel folgte penibel dem Expertenrat. Er krempelte die ganze Steuersystematik um und senkte für die Kapitalgesellschaften den Körperschaftsteuersatz ab 2001 auf einheitlich 25 Prozent. Bis dahin lag der Satz bei 30 Prozent für Gewinne, die an die Anteilseigner ausgezahlt wurden, und bei 40 Prozent für die nicht ausgeschütteten Gewinne.

Dass die Konzerne ihre Veräußerungsprofite ungeschmälert am Fiskus vorbei einstreichen können, gehörte jedoch nicht zu den Ratschlägen der Kommissare, zu denen auch Zitzelsberger, damals noch als Mann von Bayer, zählte. Nach Darstellung des Kommissionsvorsitzenden Alfons Kühn, Steuerexperte des Deutschen Industrie- und Handelstages, kam der Steuerverzicht in den Beratungen »nur am Rande« zur Sprache. Die Maßnahme sei jedoch »sachlogisch«, sagte Kühn. Andere Kommissionsmitglieder wie der Steuerrechtler Joachim Lang widersprachen. Für den Wirtschaftsprofessor Lorenz Jarass, der seit langem die geringe Steuerlast der Konzerne kritisiert, stand Eichels Vorgehen sogar eindeutig »im Widerspruch« zu dem Kommissionsrat. Er nimmt für sich in Anspruch, damals »vor Steuerausfällen im höheren zweistelligen Milliardenbereich gewarnt« zu haben.


Februar bis Mai 2000,Beratung im Bundestag: CDU/CSU und FDP wettern gegen die Vorlage. Gegen den Wechsel des Steuersystems, gegen eine angebliche Benachteiligung der Aktionäre und der Personengesellschaften – bloß nicht gegen die steuerliche Freiheit der Veräußerungsgewinne. Im Finanzausschuss wird ein Antrag der PDS, darauf zu verzichten, geschlossen von SPD, FDP, Union und FDP abgelehnt.

Die Debatten sind geradezu ein Lehrbeispiel dafür, wie sich Politiker in steuertechnischen Details verlieren oder ideologische Scheuklappen ihnen den Blick für reale Probleme versperren. Von der Gefahr riesiger Einnahmeausfälle ist gar nicht die Rede. Union und FDP wollen die Steuerbefreiung sogar ausweiten. CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz: Wenn es richtig sei, dass Unternehmen eine »erhebliche Erleichterung« für ihre Umstrukturierung brauchten, dann dürfe diese »nicht nur für Kapitalgesellschaften gelten, dann muss sie auch für Personengesellschaften gelten«. Carl-Ludwig Thiele (FDP) droht: »So billig und so schlecht für den Mittelstand lassen wir das Gesetz nicht durchgehen.«

Das Gesetz wird ohne große Änderungen im Bundestag mit der Mehrheit von Rot-Grün verabschiedet. Doch die Oppositionspolitiker zeigen sich siegesgewiss. Sie setzen auf den Bundesrat.


Der Bundesrat, in dem Rot-Grün schon damals keine Mehrheit hatte, lehnte am 9. Juni das Gesetz ab und rief den parlamentarischen Vermittlungsausschuss an. Um seine Reform zu retten, schob Eichel im Vermittlungsverfahren einen »Vorschlag der Vernunft« nach, ein Kompromissangebot. Einer unter zahlreichen Punkten: Der Finanzminister verschob die Steuerbefreiung für Veräußerungsgewinne um ein Jahr auf den 1. Januar 2002. Doch das reichte nicht, um die Gegner gnädig zu stimmen. So begann Eichel ungeniert, unmittelbar vor der neuen, entscheidenden Abstimmung im Bundesrat Stimmen zu kaufen. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU), in einer Koalition mit der SPD, bekam für die chronisch klamme Landeskasse 200 Millionen Euro, und zwar für innere Sicherheit, Museen und die Modernisierung des Olympiastadions. Ähnlich wurden die Bedenken der CDU in der großen Koalition Brandenburgs und der rot-roten Koalition in Mecklenburg überwunden. Das notleidende Bremen, ebenfalls von einer Großen Koalition regiert, erhielt von Schröder eine Bestandsgarantie, verbunden mit einer nicht bezifferten und bis heute nicht eingelösten finanziellen Hilfszusage. Und der FDP, Regierungspartner der SPD in Rheinland-Pfalz, wurde versprochen, den Spitzensatz in der Einkommensteuer nachträglich stärker als geplant zu senken. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) schäumte: »Ein unmögliches Verfahren!«

Am 14. Juli 2000, um 11.56 Uhr stand das Ergebnis fest: Mit 41 Stimmen – 35 wären notwendig gewesen – billigte der Bundesrat die Steuerreform. Eichel hatte es geschafft. Der Jubel war groß.


Was zunächst wie ein Triumph des Bundesfinanzministers wirkte, war in Wahrheit der Beginn von Eichels Abstieg in der öffentlichen Gunst. Die Folgen der Fehlprognosen ramponierten seinen Ruf als solider Finanzpolitiker. Lediglich die Erwartung, dass die Deutschland AG aufgebrochen werde, wurde erfüllt. Zwar war der Prozess der Kapitalentflechtung schon vorher in Gang gekommen, wie Martin Höpner vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung registrierte. Aber mit der steuerlichen Sonderbehandlung der Veräußerungsgewinne wurde, so Höpner, die Auflösung des Netzwerks wechselseitiger Beteiligungen »beschleunigt«.

Nur im Wirtschaftswachstum schlug sich das nicht wie erhofft nieder. Deshalb sprudelten die Steuerquellen spärlicher. Eichel fehlten die Einnahmen, um die Löcher in der Staatskasse zu stopfen. Zudem sparten die Unternehmen nach neuem und altem Recht Steuern – koste es, was es wolle. So können sich von alters her Kapitalgesellschaften, wenn sie ursprünglich höher versteuerte, einbehaltene Gewinne später den Aktionären auszahlen, vom Finanzamt die Differenz zum aktuellen Steuersatz für Ausschüttungen vergüten lassen. Auf diese Weise konnten sie 2001 pro 100 Euro immerhin 15 Euro vom Fiskus zurückverlangen. Und dieses Steuersparmodell nutzten sie rabiat aus – ohne Rücksicht auf die Aktionäre, die ihrerseits auf die Dividenden Einkommensteuer zahlen müssen. Weil der Einkommensteuersatz aber schrittweise gesenkt wurde, hatten Eichels Beamte erwartet, dass die Gesellschaften ihre angesammelten Gewinne in halbwegs gleichen Jahresraten ihren Aktionären zukommen lassen. Das war der erste teure Trugschluss.

Der zweite lag in der Verschiebung der Steuerbefreiung für Veräußerungsgewinne – ein »handwerklicher Fehler«, so der Steuerexperte Kühn noch recht zurückhaltend. Denn solange die Firmen die Gewinne versteuern mussten, konnten sie auch Verluste geltend machen. Die gewonnene Frist nutzten die Konzerne weidlich aus – nach dem Börsencrash gab es viele verlustträchtige Beteiligungen. Vodafone/Mannesmann war der bekannteste Fall. Vodafone meldete dem Finanzamt einen Verlust von 50 Milliarden Euro aus der Beteiligung – eine mögliche Steuerersparnis von 20 Milliarden Euro.


Erstes Nachspiel: Als die Steuerausfälle unerträgliche Ausmaße annahmen, setzte Rot-Grün Nachbesserungen durch. So wurde für die Gewinnausschüttungen eine dreijährige Sperre verhängt. Und danach dürfen die alten angesammelten Gewinne bis 2019 nur noch in gleichen Jahresraten an die Aktionäre ausgezahlt werden. Außerdem wurde eine so genannte Mindestgewinnbesteuerung eingeführt: Alte Verluste dürfen neue Gewinne nur noch bis zur Hälfte steuerlich schmälern. Die verschenkten Milliarden waren jedoch nicht zurückzuholen. Und als einige Lebensversicherungen wegen der Kursverluste ihrer Aktienpakete zu straucheln begannen, wurde ihnen – systemwidrig – die Möglichkeit zugestanden, doch wieder Verluste geltend zu machen.


Zweites Nachspiel: Die Kanzlerkandidatin Angela Merkel hat angekündigt, im Fall eines Wahlsiegs die Steuerbefreiung der Veräußerungsgewinne einzuschränken. Dann liefe sie Gefahr, Gewinne doppelt zu besteuern – die erste Verfassungsklage wäre der Union sicher. Viel würde damit ohnehin nicht mehr zu gewinnen sein, weil das große Geschäft der Unternehmensverkäufe bereits gelaufen ist. Außerdem müsste sie dann auch die Verluste wieder steuerlich anerkennen. Kurzum: Der gleiche Fehler, nur andersherum, kann wieder teuer werden.


Der Beitrag, leicht geändert, ist auch im Kursbuch 161 erschienen



(c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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Antwort auf Beitrag Nr.: 24.254.701 von Dorfrichter am 28.09.06 10:35:29Ich konnte den eitlen Kotzbrocken Schröder nie ab, aber reflexartiges Schröder-bashing ist auch nicht mein Ding. Denn er war nicht das eigentliche Problem.
Wenn du genau nachliest und darüber reflektierst, wirst du feststellen das die Jungs garnicht so unrecht haben.
Der Kasus Knacktus zeigt sich in diesen nämlich in diesen beiden Aussagen ganz klar:


An dieser Stelle wurde versucht, dem früheren Kanzler Schröder den Rücken zu stärken, (und zwar gegen seine eigene Partei) da wir hier die letzte Chance sahen, à la Schröder (auf Schmidts Spuren) eine zukunftsorientierte Partei der Mitte mit marktwirtschaftlichem Einschlag entstehen zu lassen. Doch nachdem beide großen Parteien jetzt aber nach links abgerutscht sind, kann man wahrscheinlich jede Hoffnung auf einen politischen Neubeginn in Deutschland begraben.

und

Besonders in einem Land wie Deutschland, wo 41% der Bevölkerung inzwischen von Staatsunterstützung lebt. Da beide großen Volksparteien sich inzwischen gleichermaßen durch eine Ausdehnung des Wohlfahrtsstaates bei dieser wichtigsten Wählergruppe profilieren wollen, kann man sich vorstellen, wohin die Reise geht.


Was wir jetzt haben ist eine Linksregierung, die als Feigenblatt eine Christdemokratische Kanzlerin hat. Bei aller Erleichterung, dass die Rot/Grüne Regierung abgelöst wurde, das Resultat ist enttäuschend, denn was wir jetzt haben ist um keinen Deut besser, sie kann höchstens Parteitaktiker befriedigen, die schön in Deckung bleiben wollen, um ja nicht den Unmut der oben angesprochenen zu alimentierenden Wählerschaft zu riskieren. Wenn wir es nicht schaffen, uns aus den Klauen dieser Anspruchssteller (die ja allein durch ihre Masse demokratisch legitimiert ist) zu befreien, dann wird das zarte Pflänzlein Aufschwung, das wir jetzt erleben ein Strohfeuer bleiben.

Bei dem sozialen Mittelstand der das alles zu finanzieren hat, werden so aus den viel beschworenen breiten Schultern rachitische Hühnerbrüste gemacht. Denn irgendwann ist der Punkt erreicht wo man nicht mehr kann und schlimmer noch, nicht mehr will.
#1

CDU 29 %, SPD 29 %, FDP 20 %, GRUENE 10 %...


Das würde wohl eine klasse Schwarz-Gelbe Regierung ergeben.

;)
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.258.541 von Blue Max am 28.09.06 14:15:19Blue ist es schon soweit, daß Du Umfragergebnisse und Wahlergebnisse verwechselst?

Übrigens, wenn FDP oder Grüne wieder mit regieren würden, gingen die guten Umfragergebnisse schnell flöten. So war es und so bleibt es.
Woher kommt das? Weil der Wähler wohl dem unverbindlichen Oppositionsgeschwafel eher glaubt.Komisch finde ich immer, wenn Parteien, die längere Zeit mitregiert haben, plötzlich in der Opposition wissen, wie es geht.
wilbi:eek:
Antwort auf Beitrag Nr.: 24.258.829 von Wilbi am 28.09.06 14:31:20Als Opposition kannst das Blaue vom Himmel erzählen...du musst ja nüschts beweisen.
#6

Na, lustig wäre es aber schon, wenn die drei grössten Parteien alle um die 20 % der Stimmen hätten... ;)


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