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The Rising - Bruce Springsteen - 500 Beiträge pro Seite



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Hi,
schon irgendwelche Meinungen zum neuen Album vom Boss. Mir gefällts ziemlich gut besonders Worlds apart & Paradise. Ist zwar nichts weltbewegendes neues aber dafür gibts andere.
Gestern war in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG eine CD-Kritik. Es war allerdings mehr eine Hinrichtung. Na ja, es war von einer Frau geschrieben. Die haben ja prinzipiell Schwierigkeiten mit Jungs, die die Flanellhemdärmel bis unter die Achsel hochkrempeln.

Ich muss mir erst selbst ein Urteil bilden.
Bin auch positiv überrascht!
Musik besserer Durchschnitt - Ausstattung sehr gut (dt. Texte)!
Hier der Text aus der SZ:

Schwitzender Engel mit Flammenschwert

Er war der „Boss“, nun spricht er die Feuerwehr heilig: Bruce Springsteen besingt auf seinem neuen Album den 11. September und dessen Helden

Bruce Springsteen singt über den 11. September – was für eine großartige Idee! „The Rising“ heißt das neue Werk, und es enthält 15 Songs, die in nur acht Wochen nach dem Anschlag entstanden sind. Nie war Amerika so tief verwundet, nie hatte es den Mann nötiger, der wie kein anderer Ängste, Leid und Zweifel seines Landes zu absorbieren und als chartfähiges Mantra aufnehmen kann. Seit Jahrzehnten souffliert Springsteen den kleinen Menschen ihre Träume: den Jungs, die am Asbury Park abhängen und von der großen Flatter träumen – „It’s a town full of losers, but I’m pulling out of here to win“ („Thunderroad“;) – den enttäuschten „Jersey Girls“, die in ihren dunklen Häusern auf den Mann warten, den arbeitslosen Stahlkochern, die jede Hausse verpassen. Selbst in ihrem Scheitern, ja, gerade durch ihr Scheitern, so verspricht ihnen der „Boss“, werden auch sie des amerikanischen Traums teilhaftig. Als am 11. September die Feuerwehrleute und Angestellten, die Helden des Alltags, zu Helden der Nation wurden, wer hätte besser ihr Los besingen können als er? Die Trümmer schwelten noch auf Ground Zero, so erzählt Springsteen gerne, als er in Sea Bright an der Küste New Jerseys vom Parkplatz fuhr, und ein Fan neben ihm hielt, das Autofenster herunterkurbelte und rief: „Wir brauchen Dich!“. „The Rising“ ist Springsteens Dienst an der Nation, es könnte seine größte Stunde werden.

Springsteen und der 11. September – was für eine schreckliche Idee! Reicht es nicht, dass Neil Young („Let’s roll“;) und Paul McCartney („Freedom“;) der Tragödie hinterher schrieben? Muss nun auch noch ausgerechnet der penetrant authentische Mr. Good Guy, der noch Kleinstadtmief als Eau de Toilette besingt und dessen Schweißflecken stets wirken wie vom Makeup-Artist appliziert, der seit „Born in the USA“ als patriotische Wunderwaffe gilt, obwohl damals alles nur ein Missverständnis war und der Song die Abrechnung eines Vietnam-Veterans war, muss nun also ausgerechnet Bruce Springsteen das amerikanische Ego fördern, wo sich das Land ohnehin in einem nationalistischen Taumel befindet? Kein Zweifel: „The Rising“ droht noch vor der ersten Aufnahme der pathetische Overkill.

Das Album ist nichts von beiden, nicht der Triumph und nicht das Desaster, und etwas Schlimmeres kann man über ein Werk mit diesem Thema und diesen Erwartungen wohl nicht sagen. Zum ersten Mal seit 1984 hat Springsteen ein komplettes Album mit der „E-Street-Band“ aufgenommen, wenn man in den vergangenen Jahren auch gelegentlich gemeinsam auftrat. Nun fehlt es „The Rising“ nicht an Pathos. In fast allen Liedern geht es um Trauer, Opfer und die Hoffnung auf Rückkehr, und über allem wölbt sich der Himmel, erst schwarz und blutig („Blood moon rising in a sky of black dust“;), dann entsetzlich leer („Empty Sky“;). „The Rising“ beschreibt noch einmal die vertraute Ikonographie, die Geschichte des Feuerwehrmanns, den der Alarm aus dem Haus treibt („The Rising“;), des Angestellten, der sich nach der Katastrophe in der Lokalzeitung findet („The Nothing Man“;), der Ehefrau, die auf ihren Mann wartet („You’re missing“;), des Soldaten, der sich in einem fernen Land in eine Einheimische verliebt („Worlds apart“;). Das Lied „My City of Ruins“ entstand übrigens vor dem Anschlag: Eine Prophezeiung.

Doch Springsteen, der einst für geradezu dylaneske Wortkaskaden bekannt wurde, der in den späteren, stark reduzierten Texten Bilder fand, die in wenigen Wörtern ein ganzes Milieu aufscheinen ließen, kommt diesmal über eine Handvoll Metaphern nicht hinaus: Der lange Tag, das leere Bett, die Träne im Staub, das war’s. Es gibt nur Opfer, keine Schuldigen in „The Rising“, aber die Hoffnung auf Erlösung. Der Katholik Springsteen, der mit Werken wie „Nebraska“ oder zuletzt „The Ghost of Tom Joad“ die finstere Realität anprangerte, verheißt Trost und Transzendenz allein durch Gott.

Mit keinem Wort erwähnt Springsteen die wahren Ereignisse, und zusammen mit den litaneihaften Refrains („Your kiss, your kiss, your touch, your touch, your heart, your heart“;) verwandelt dies die Songs in zeitlose Gleichnisse, in Parabeln der Pflichterfüllung und des Opfermutes. „Wearin’ the cross of my calling“, singt der Feuerwehrmann im Titelsong, „ich trage das Kreuz meiner Berufung“. Spätestens bei „Into the Fire“ ist die Stilisierung der Retter zu nationalen Märtyrern unübersehbar: Der Aufstieg des Feuerwehrmannes ins lodernde World Trade Center wird zum Purgatorium.

Dabei klingt die Musik dazu nach allem Möglichen, nur nicht nach dem unbeschwerten Primitivismus der E- Street-Band. Gewiss, Lieder wie „Mary’s Place“ lassen ahnen, dass sie aus der Feder desselben Mannes stammen, der einst mit „Badlands“ die Stadien beben ließ, „Paradise“, das Lied eines Selbstmordattentäters, ist eine ferne Erinnerung an die stille Intensität von Meisterstücken wie „Streets of Philadelphia“. Das Album liefert die simplen Melodien, die anspruchslosen Rhythmen, den Dur-Optimismus, und das in einem Maße, dass man meint, Springsteen habe für die alten Lieder nur neue Texte geschrieben, ein Epigone seiner selbst.

Doch während Clarence Clemons Saxophon fast völlig verstummt ist, und Roy Bittans Keybords zugunsten der Gitarren in den Hintergrund gedrängt ist, streute „Pearl Jam“-Produzent Brendan O’Brien jede Menge Cello-Passagen und Gospel ein und engagierte für „Worlds Apart“ gar eine Qawwali-Gruppe, ein Ensemble islamischer Gesänge: Springsteen, der ungehobelte working class hero, als weichgespülter Ethno-Barde. Er habe die Stimme des Rock wieder finden wollen, hat Springsteen über „The Rising“ gesagt. Dem Album merkt man das nicht an. Aber am 7. August startet ja die Welttournee.

SONJA ZEKRI
Mitteldeutsche Zeitung Halle:


Die Lieder sind dieselben. Nur die Worte haben gewechselt. Bruce Springsteen, einst kritischer Lobpreiser amerikanischer Werte und melodiemächtiger Hymnensänger an Cadillacs, Highways und Vorstadtglück, ist wieder da. Sieben Jahre nach seinem Solowerk "Tom Joad" und fast zwei Jahrzehnte nach dem Megaerfolg "Born in the USA" hat der "Boss" seine E-Street-Band wieder um sich geschart und fünfzehn federnde, kraftstrotzende Stücke eingespielt.

"The Rising" (Aufstehen) heißt das Album und im deutschen Textheft lässt Springsteen das mit "Erhebe Dich" übersetzen. Ein Titel, der die Zerrissenheit des Comebacks nach Jahren des Lebens aus dem Archivkoffer kaum anzudeuten vermag.

Denn Springsteens zwölftes Studiowerk entstand unter dem Eindruck der Ereignisse des 11. September. Der 52-Jährige setzt sich nun gezielt mit dem Geschehen in der "Stadt der Trümmer" (Liedtitel) auseinander. So klingt das alles denn wie der gute alte Boss: Die Band aus den bewährten Roy Bittan (key), Clarence Clemons (sax), Nils Lofgren (git), Max Weinberg (dr), Patti Scialfa (voc), Steven van Zandt (git) und Garry Talent (bg) drängt in "Lonesome Day" oder "Nothing Man" nach vorn wie zu besten "Born To Run"-Zeiten, jeder Refrain schwingt triumphal, die Bläser quäken und die Orgel quietscht, dass man des Sängers Faust schon gereckt sieht, rhythmisch in den Himmel gestoßen auf einer gewaltigen Bühne, davor eine Menge Volks, hellauf begeistert.

"Wir beten für diese Welt, Herr."

Bruce Springsteen


Der Mann am Mikrophon aber ist in einer Pose der Nachdenklichkeit gefangen. Es regnet heute meist in den Liedern, wo früher Sonne gleißte über endlosen Straßen; ein Hauch von Rauch liegt in der Luft und die Kissen auf der anderen Seite des Bettes bleiben leer. "Der Himmel ist mit Blut verschmiert", warnt Springsteen gleich zu Beginn, die Stimme ein Knödeln immer noch, tief aus der Kehle. Ein Banjo wimmert, ehe Streicher, Gitarren und ein Chor einfallen: "Die Treppe hinauf, ins Feuer hinein."

Der Plattenmillionär, der sich dem Superstar-Sein nach Kräften verweigerte, hat die Blickrichtung gewechselt. Nicht mehr die Verliererstorys aus dem Trailerpark, die Tragödien aus dem Schattenreich des amerikanischen Traums beschäftigen ihn, sondern Heldengeschichten von Feuerwehrmännern, von Pflicht und Mut und Kampf und Weiterleben. "Marys Place" und "Further On" - jeder Song eine Nahaufnahme, ein Kurzfilm über kleine Leuten, die plötzlich in eine große Aufgabe geworfen sind.

Little Stevens Gitarre kann natürlich immer noch fetzen wie auf "Badlands", Clarence Clemons mit dem Saxophon Gefühe herbei blasen wie seinerzeit bei "Hungry Heart", dessen musikalische Motive hier in "Waitin´ On A Sunny Day" noch einmal aufgegriffen. Der Boss aber singt von Glaube, Liebe, Hoffnung, malt mit Hilfe von Produzent Brendan O´Brien (Pearl Jam) Bilder aus Schutt und Verzweiflung, aus Staub und Tränen. Die alte Frage ohne Antwort: Was ist das für eine Welt, die so funktioniert? Was für ein Gott kann das ertragen? Bruce Springsteen wäre nicht der amerikanischste aller amerikanischen Rocksänger, scheute er sich, über einfache Dinge sehr einfach zu singen. Kaum verschlüsselt ist das Warten von Frau und Kindern auf den Mann, der im World Trade Center Feuer löschen wollte, unschwer zu erkennen das Selbstporträt eines Attentäters in "Paradise".

Statt "Born in the USA" ist dies hier Sterben in Amerika. Sterben aber wofür? Wogegen? Weswegen? Bruce Springsteen weiß es nicht. Hintereinander gehört aber markieren seine Lieder die Stationen eines Passionsweges vom Hochmut über die Verzweiflung bis hin zu Tod und Auferstehung. "Wir beten für diese Welt, Herr", singt er am Ende zu Gospelchören, "kommt, steht auf, kommt, steht auf."

Der Boss im Netz:

www.brucespringsteen.net

Frankfurter Rundschau:



Auf dieser Straße, in dieser Stadt, auf diesem Planeten ist kein Platz für zwei Bob Dylans. Gut; so trafen sie dann eine Abmachung, wahrscheinlich in einem der Drive-Ins entlang des Highways 61: Bruce Springsteen sollte Dylan vertreten als dieser abwesend war, vor allem gegen Ende der Siebziger und in den Achtzigern, dafür machte sich Springsteen, als Dylan im Alter wieder der Saft in die Knochen schoss, unauffällig davon. Mindestens anderthalb Jahrzehnte lang war Springsteen der bessere Dylan; als aber Dylan wieder Dylan sein wollte, wusste Springsteen nicht wohin mit sich.


Manche behaupten, Springsteen wäre ein Songwriter seltenen Ausmaßes und sowohl Woody Guthries wie Leadbellys würdiger Nachfahre. Doch war er auf der anderen Seite stets jemand, dem es schwer fiel, dem nächstbesten Bild auszuweichen; dazu hüllte er seine Lieder in zu mächtige Rockergesten ein. Und weil er Amerikaner durch und durch ist, mochte er sich zu selten vom Grundoptimismus, der Wurzel allen Übels, trennen.


Zu Anfang seiner Karriere - er wurde eine Dekade nach Dylan wie dieser von John Hammond an die Oberfläche befördert - wollte ihn seine Plattenfirma solo mit Gitarre vermarkten. Und nach drei Jahrzehnten muss man feststellen: Es könnte das erste Mal in der Rockgeschichte sein, dass Menschen aus den Planungsbüros Recht hatten, denn Springsteens beste Platte heißt nach wie vor Nebraska, wurde mit einem Vierspurkassetenrecorder in seinem Wohnzimmer aufgenommen und zeigt nur ihn und seine Vision von der Welt da unten (die er ja kennt, denn er stammt tatsächlich aus der Unterschicht - Mutter: Sekretärin, Vater: Gelegenheitsarbeiter, meist aber Busfahrer). Dort, wo er sich selbst genügt, zur Reduktion bereit ist, scheinen seine Stärken blendend hell durch: die kaum gebändigte Energie, ein für einen Kraftprotz erstaunlicher Sinn für dahingehauchte Lyrik und eine Stimme, die klingt, als wäre sie kurz hinausgetreten, bevor sie jemand, vielleicht Gottes unsichtbare Rechte, wieder in den Rachen des Absenders hineingestopft hat, von wo sie vom Leben unsanft gestaucht wieder entweichen kann. Nach sieben Jahren Pause hat Bruce Springsteen nun jetzt ein neues Album gemacht; alle Lieder von The Rising entstanden nach den Ereignissen des 11. September. Springsteen war und ist Patriot, er liebt sein Land, seine Jeans und vermutlich seinen Burger, er singt oft von Automobilen, wenn er nicht von Frauen singt.


Wie bei jedem Menschen, der was auf sich hält, tut sich allerdings ein Widerspruch auf, denn bei Konzerten sagt Springsteen: "Fernsehen, Autos, Häuser: Das ist nicht der Amerikanische Traum. Das sind die Trostpreise. Und wenn einem solche Sachen was bedeuten, also, wenn man das alles bekommen hat und für einen Selbstzweck hält, dann ist man angeschmiert. Wenn man nicht aufpasst, dann wird man damit abgespeist - als Belohnung dafür, dass man sich verkauft oder sein Bestes preisgibt."


Nie war Springsteen dem Staat ergeben; er trat bei Veranstaltungen gegen die Atomkraft auf, als es noch unbequem war, er war für Amnesty International unterwegs, lehnte zwölf Millionen Dollar ab, die ihm Chrysler anbot, um mit dem Lied Born In The USA zu werben. Doch es gab auch Phasen, wo er der Zuneigung zu seinem Land mehr nachgab als notwendig; wo man den Eindruck nicht loswurde, er hätte sich eingerichtet, wäre ein Zufriedener geworden, der zufriedene Lieder singt, damit alle ringsum zufrieden, das meint: gezähmt sind. Doch andererseits; was für ein Vorwurf. Wer ist schon gegen Glück gefeit?


Jetzt also der 11. September. Es scheint dabei, als hätte Springsteen vergessen, dass beinahe ein Jahr vorüber ist, dass an Tätscheln und Solidaritätspflastern bereits Einiges ausgeteilt wurde. Es wäre an der Zeit, bohrend nachzusetzen, die Wunden aufzutun, dem Warum das Deshalb anzuhängen. Doch Springsteen, gestärkt durch die nach 18 Jahren wieder vereinigte und offenbar nostalgisch gestimmte E-Street Band, ergeht sich in Larmoyanz oder Zuspruch oder Grabsprüchen; "Come on, rise up!" (My City Of Ruins), "Come on up for the rising" (The Rising). Es ist viel von Blut, Staub, Augen, Glauben die Rede; er will Positives verbreiten, dem US-Bürger - er sieht sich ja vor allem als das: als Bürger -, zuwerfen: Krempel den Ärmel hoch, zeig den Bizeps, lass uns tun, wofür uns der Herr bestimmt hat, nämlich einig zu sein (und im Zweifel: die Erdenbürger zu erlösen?).


Dennoch wird Springsteen zu keinem Zeitpunkt platt wie zuletzt Neil Young, ebenfalls einer von Dylans Nachhut. Seine Texte lassen sich gern anders lesen, als Liebesbezeugungen abseits klarer Adressaten zum Beispiel; lassen sich auch dann noch lesen, wenn das Gras auf den Gräbern mehrfach gegrünt hat. Er begibt sich hinab in die Trauer und vermag zu rühren, wenn er nur simpel vorgeht, wenn er wie im tröstlichen, alleine schon durch Monotonie reinigenden Gebet erzählt: "Everything is everything / Everything is everything" (You"re Missing); "Empty sky, empty sky / I woke this morning to an empty sky / Empty sky, empty sky / I woke this morning to an empty sky" (Empty Sky); "I hold my breath and close my eyes / I hold my breath and close my eyes / And I wait for paradise / And I wait for paradise" (Paradise). Im Groben und Ganzen erweist er sich, das ist eine neue Erkenntnis, als einer der Ersten des Trauergesangs, nein, des Balladengesangs allgemein; in seinem Timbre liegt sowohl eine Ruhe, die den Fallenden abfedert, wie zugleich eine Nähe zum Gebrechen. Das fühlt man auch in Nothing Man, einem Stück, das an sich unverträgliche Elemente wie Elan und Resignation zusammenführt. Dazu zieht die Gitarre Soundfäden in und aus dem Songgefüge, dass man meint, ein Nichts im Nichts zu sein.


Es sind Augenblicke nicht ohne Makel. Denn leider hat Springsteen da und dort ein Hintergrundraunen aus Zusatzstimmen oder Keyboard hinzuaddiert. Es soll mutmaßlich ein Chor der Toten sein, aber es weicht nur die Atmosphäre ins gewollt Ätherische auf, trägt sie gelegentlich sogar penetrant ins Erhabene, wo sie besser asketisch traurig und nur das - wieder: er plus Gitarre - sein sollte.


Obwohl es also einem Lied wie Paradise an Klarheit mangelt, kann es als Zeugnis von unverkennbarer Größe gelten. Es hat starke, eindeutige Bilder, die es niemals unter sich begraben, weil sie reif ausgesprochen werden, ausreichend Weißräume zwischen den Zeilen - und eine Feierlichkeit, die jeder diesseitigen Liturgie, außer einer sehr persönlichen tief innen, fern bleibt.


Bruce Springsteen: The Rising (Sony).

taz:
"Wir brauchen dich!", rief Amerika ihm zu. Und Bruce Springsteen hörte. Am Montag erscheint seine neue Platte "The Rising". Ausschließliches Thema ist der 11. September, den Springsteen aus jeder Perspektive besingt: aus der des Feuerwehrmanns, des Bankers, sogar aus der des Attentäters

Von THOMAS WINKLER


Als David dereinst gegen Goliath ins Feld zog, konnte er sich nur auf eine Steinschleuder verlassen. Als George Bush Jr. sich auf die Jagd nach Ussama Bin Laden machte, standen ihm Milliarden Dollar teure Waffen zur Verfügung. Als Bruce Springsteen dem Terror die Stirn bot, spielte er immer noch dieselbe 20-Dollar-Gitarre wie dreißig Jahre zuvor.


So ist es gewesen, so wird es immer sein. Bevor der Mann zum Helden wird, muss noch die heroische Tat vollbracht werden. Vor der Tat aber steht die Geschichte, die später dann zur Legende wachsen soll. Jeder Held braucht eine Legende. Auch Bruce Springsteen.


Unseren Helden erreichte sein Ruf wenige Tage, nachdem der Himmel sich verdunkelt hatte. Man schrieb den September des Jahres 2001, als an der Küste New Jerseys in der kleinen Stadt Sea Bright ein Automobil hielt neben dem Gefährt des Mannes, den sie den Boss nannten. Als ein Fenster heruntergekurbelt wurde. Als der Ruf eines anonymen Amerikaners erklang: "Wir brauchen dich!" Als der, den der Ruf ereilte, seine Mission erkannte. Also sprach er: Es ist gut, einen Job zu haben, und schritt zur Tat - direkt in ein Tonstudio.


Nun gut, Legenden kommen heutzutage arg lakonisch daher im Vergleich zu biblischen Zeiten. Aber die Aufgabe war keine beiläufig zu erledigende: Denn Boss Springsteen erhörte nichts weniger als den Ruf des sich grämenden amerikanischen Volkes. Das Ergebnis ward vom Meister "The Rising" genannt und erscheint weltweit am kommenden Montag. Die gleichnamige Single ist bereits seit fünf Tagen auf dem Markt. In ihr begleitet Springsteen die Opfer des 11. September auf ihrem Weg in eine bessere Welt, ins Paradies: "There"s spirits above me and behind me / Faces gone black, eyes burnin" bright."


Als hingebungsvoller Kartograph der amerikanischen Psyche hat sich Springsteen dereinst seinen Status ersungen. Dieses Mal gab es einiges zu vermessen: Jeder der 15 Songs auf dem Album, das mit 73 Minuten nahezu die insgesamt mögliche Spielzeit einer CD ausschöpft, beschäftigt sich mit 9/11 und den Folgen. Springsteen beschreibt sie vor allem als einen Verlust. Und das ebenso ausdauernd, wie er früher den Niedergang der Arbeiterklasse, den Zusammenbruch sozialer Strukturen in der Provinz und den Ausverkauf amerikanischer Werte aus der Sicht der Modernisierungsverlierer beschrieben hat. Nun schlüpft er in, so scheint es, alle verfügbaren Rollen, die die Katastrophe zu bieten hat: In "Waitin" on a Sunny Day" lässt er jemanden auf Nachricht von der Liebsten warten, in "Countin" On A Miracle" die hinterbliebene Familie auf ein Wunder hoffen, in "You"re Missing" schlüpft er in die Rolle einer Soldatenbraut, deren Mann im Krieg gegen den Terror fern von zu Hause weilt. In "Paradise" schließlich nimmt Springsteen gar die Gestalt eines Selbstmordattentäters an.


Vor allem aber werden auf "The Rising" Denkmäler gesetzt: Den Feuerwehrleuten, die ins brennende World Trade Center stürmen, um Hilfe zu leisten ("Into the Fire"); den verzweifelten New Yorkern, die in den Stunden nach dem Unglück orientierungslos durch die Straßen ihrer Stadt taumeln und in einen leeren Himmel starren ("Empty Sky"); dem unbekannten Broker, der unter den Trümmern begraben liegt ("Nothing Man"); und natürlich der Stadt selbst, die sich mit Hilfe des Herrn wieder aus den Ruinen erheben möge ("My City Of Ruins", übrigens der einzige bereits vor dem 11. September geschriebene Song).


Der mittlerweile 52-jährige Springsteen hat im Umfeld des Desasters die Helden des Alltags gefunden, die ihn immer schon fasziniert haben und als deren Sprachrohr er sich stets verstanden hat. In den frühen 80er-Jahren war Springsteen gar zwei Jahre lang inkognito durchs Land gereist, um ihre Geschichten zu recherchieren. So wurden seine Songs über all die Jahre zu Symptomen für den Zustand von God"s Own Nation. Bob Dylan war sicherlich ein bedeutenderer Lyriker, Springsteens zweites großes Vorbild Woody Guthrie bestimmt der politisch Mutigere, Neil Young womöglich musikalisch relevanter, aber niemals war Amerika so sehr bei sich wie in den Songs von Springsteen - und das in all seinen Widersprüchen. Das gute Amerika und das böse führten auf seinen Platten einen steten Dialog. Zwischen Mythos und Realität, zwischen Sehnsucht und Enttäuschung, zwischen persönlicher Freiheit und individueller Niederlage blieb viel Platz für Ausgestoßene und Arbeitslose, Massenmörder und Patrioten, Vietnamveteranen und andere Verlierer, urbane Cowboys und provinzielle Kleinbürger.


Bereits mit dem verstörenden "Nebraska"-Album, allerspätestens nach dem Schock von "Born in the USA", als ein staatsfern intendierter Song von Ronald Reagans Wahlkampagne zu einer patriotischen Hymne umfunktioniert und das dazugehörige Album sein größter kommerzieller Erfolg wurde, entwickelte Springsteen einen neuen, zunehmend kritischeren Blick. Es folgte das Ende der E Street Band, das aus der Sicht eines Aids-Kranken geschriebene "Streets of Philadelphia" und schließlich sein letztes Album "The Ghost of Tom Joad", eine düstere Bestandsaufnahme der USA nach den Reagan-Jahren.

Der neue Springsteen war endgültig etabliert mit "American Skin (41 Shots)". Für den Song über den afrikanischen Immigranten Amadou Diallo, der Polizeigewalt zum Opfer fiel, erntete er vor ziemlich genau einem Jahr stürmische Proteste von Polizeivertretern und Pfiffe aus einem Publikum, das ihn eigentlich abgöttisch verehrte. Aber: Diese stringente Entwicklung zum Politbarden hat er nun unterbrochen. Für "The Rising" blickt er auf ein Neues tief in die Seele der Nation. Und dort ist kein Platz mehr für Kritik.


So versucht Springsteen zumindest den Zwischenton neu zu etablieren. In der fast schon fröhlichen Gospel-Adaption "Mary"s Place" werden Buddha, der Prophet und elf Engel als Zeugen verpflichtet, die gemeinsam "seufzen über dieses schwarze Loch in der Sonne". Hauptsache, man glaubt an irgendwas Göttliches, dann wird schon alles gut. In "World"s Apart" schließlich signalisiert er Versöhnungsbereitschaft, während modische arabische Klänge sich gegen Breitwandgitarren zu behaupten versuchen: "I"ll meet you on the bridge / Between these world"s apart." Dabei reflektiert dieser Song weit weniger die politischen Ursachen und globalen Hintergründe des Attentats, als dass er die in den USA vorherrschende Überraschung dokumentiert, dass es tatsächlich noch Kulturen auf diesem Erdball gibt, die den american way of life gar nicht so attraktiv finden.


So gesehen ist Springsteen der perfekte Biograf des amerikanischen Traums und seines Scheiterns. Als Teil dieser Aufgabe funktioniert auch "The Rising" und die darauf dokumentierte, geradezu verzweifelte Religiösität. Musikalisch allerdings ist die Platte nicht im Entferntesten die von den Fans nervös erwartete, gloriose Rückkehr der E Street Band, mit der Springsteen seit 1984, seit "Born in the USA", kein komplettes Album mehr aufgenommen hatte. Weder der immer ein wenig verschleppte Stomp der Band um Saxofonist Clarence Clemons, Gitarrist Steven van Zandt und Trommler Max Weinberg, noch die nervös hüpfenden Keyboards oder die sich wie von selbst steigernden Song-Dramaturgien sind auf "The Rising" zu finden. Stattdessen hat Produzent Brendan O"Brien (Pearl Jam, Korn, Rage Against the Machine) eine der letzten echten Rockbands mit einem klar erkennbaren Sound so glatt poliert, dass sie sich widerspruchslos ins Format-Radio fügt und wie ferngesteuert einem international abgesicherten Rockdiskurs zu gehorchen scheint. Ein Großteil der Songs schleppt sich träge in einem mittelschnellen Tempo daher und Newsweek diagnostizierte prompt "opportunistischen Kitsch".


So hat sich der Kreis geschlossen, und Springsteen ist nun auch musikalisch wieder zurück in den riesigen Stadien, die er bereits vor Jahrzehnten bespielte. Aber: Mit "The Rising" sind Last und Bürde des Daseins als Boss noch lange nicht abgedient. Fortan müssen die heilenden Hände des Rock "n" Roll im ganzen Land aufgelegt werden. Am 7. August beginnt die Zeit von Bruce Springsteen and the E Street Band als Wanderprediger und Apostel. Der Start der Tour findet statt in - natürlich - New Jersey in der - ausgerechnet - Continental Airlines Arena.


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11. September
"Wir machen die Welt erträglicher"

Der amerikanische Musiker Bruce Springsteen, 52, über seinen Beruf, die Kraft von Gospel und Blues und sein neues Album "The Rising", das der Toten der Terroranschläge vom 11. September gedenkt



SPIEGEL: Mr. Springsteen, in der Nacht, nachdem John Lennon erschossen wurde, stiegen Sie in Philadelphia auf die Bühne und sagten: "Es ist eine harte Welt, die uns zwingt, mit Dingen zu leben, die man schwer aushalten kann. Und es ist hart, hier herauszukommen und heute ein Konzert zu spielen. Aber es ist das Einzige, was wir tun können." Andere Menschen reagieren auf Krisen mit Agonie, Sie greifen zur Gitarre. Was treibt Sie in solchen Augenblicken zu Ihrem Lieblingsinstrument?
Springsteen: Die Gitarre ist das Werkzeug, mit dem ich versuche, der Welt einen Sinn zu geben. Andere Leute wenden sich in solchen Momenten den Freunden oder der Familie zu, sie lesen oder schreiben. Ich ordne meine Erfahrungen mit der Gitarre. Sie ist für mich so eine Art Schutzengel.

SPIEGEL: Ist sie auch eine Art Waffe, mit der Sie versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Springsteen: Ich glaube nicht unbedingt, dass wir Künstler die Dinge auf diesem Planeten in Ordnung bringen oder managen können, aber ich werde den Verdacht nicht los, dass wir manchmal in der Lage sind, die Sache erträglicher zu gestalten. Künste wie Musik und Film sind dazu da, aber auch die Liebe und die Freundschaft.

SPIEGEL: Nach den Anschlägen vom 11. September ist es in der Popkultur ziemlich still geworden. Außer mit ein paar Benefiz-Konzerten hat sich kaum jemand getraut, sich mit der Katastrophe künstlerisch zu beschäftigen. Warum haben Sie es gewagt, mit Ihrem neuen Album "The Rising" das Desaster zu verarbeiten?

Springsteen: Wenige Tage nach dem Anschlag kurbelte ein Mann auf einem Parkplatz am Strand von New Jersey im Vorbeifahren sein Autofenster herunter und rief mir zu: "Wir brauchen dich!" Wie ich später herausfand, hat er am 11. September einen sehr guten Freund verloren. Das hat mich ermutigt, mich der Sache anzunehmen.

SPIEGEL: Trotzdem sind Sie bislang in der Popkultur ziemlich allein ...

Springsteen: ... ich bin mir sicher, dass es in einiger Zeit mehr Filme und Platten geben wird, die sich mit dem 11. September beschäftigen. Das Medium Musik hat den Vorteil, dass man mit ihm relativ schnell reagieren kann. Musik ist eine ziemlich spontane Angelegenheit, und sie erlaubt es einem, im besten Fall relativ unabhängig zu arbeiten. Ich schreibe einen Song in meinem Zimmer an einem Nachmittag, manchmal in nur einer Stunde oder einer halben. Dann am Abend gehe ich ins Studio und nehme das Ganze auf.

SPIEGEL: Was war Ihre unmittelbare Reaktion am 11. September?

Springsteen: Ich ging in die Kirche. Wir haben da, wo ich wohne in New Jersey, eine ziemlich kleine mit sehr entspannten Leuten. Ich, meine Familie, meine Kinder, wir wollten einfach nicht allein sein in diesen Tagen.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihren drei Kindern das Desaster erklärt?

Springsteen: Ich konnte ihnen nichts groß erklären, weil mir selbst keine Erklärung einfiel, die mich befriedigt hätte. Die Aufgabe von Eltern ist es in einem solchen Augenblick, den Kindern das Gefühl von Sicherheit zu geben, ohne sie dabei anzulügen. Das Wichtigste in solch einem Moment ist es, einfach da zu sein und weiterzumachen: "Okay, wir stehen morgen früh wieder auf, und ich fahre euch zur Schule."



SPIEGEL: Auf Ihrer CD "The Rising" erzählen Sie die Geschichten von Feuerwehrleuten, die ihren Job mit dem Leben bezahlten; Sie schildern das Dasein von Menschen, die trauernd zurückgelassen werden, und Sie fabulieren über eine Versöhnung der unterschiedlichen Kulturen. Die Witwe eines Feuerwehrmanns namens Stacey Farrelly haben Sie sogar angerufen. War diese Art Recherche für Ihr Songwriting nötig?

Springsteen: Ich würde es nicht Recherche nennen. Ich bekam eine Menge Briefe von Leuten, die mich kennen und baten, bei gewissen Menschen, die es schwer getroffen hatte, einmal anzuläuten. Allein aus unserer Gegend in New Jersey, dem Monmouth County, kamen am 11. September in den Türmen 158 Leute ums Leben. Ich nahm den Telefonhörer nicht in die Hand, um Material für meine Songs zu suchen. Ich tat es, weil es sich gehört, dass man in einer kleinen Community wie der unseren sein Beileid ausdrückt.

SPIEGEL: In den Nachrufen der "New York Times" konnte man lesen, dass viele der Opfer Fans von Ihnen waren; bei Bestattungen wurden Ihre Songs gespielt; das "Time"-Magazin feiert Sie auf dem Cover. Wurde und wird Ihnen bei so viel Heldenverehrung nicht ein wenig mulmig?

Springsteen: Mit der Vorstellung, dass Musiker Helden sein sollen, habe ich mich immer schwer getan. Okay, einige dieser Leute mochten meine Musik, und dies festzustellen, war sehr bewegend für mich. Denn ein Bestandteil im Leben unserer Fans zu sein, das war stets unser Ziel, von Anfang an. Ein Teil, so tief es nur eben ging.

SPIEGEL: Hatten Sie manchmal Angst, Ihnen könnte vorgeworfen werden, Sie plünderten die Tragödie für Ihre Arbeit aus?

Springsteen: Ich habe über solche Leute die letzten 30 Jahre geschrieben. Die Enttäuschungen und Erfüllungen des amerikanischen Traums sind mein Thema. Es geht mir um die Würde normaler Menschen, um Typen, die ihren Job tun ...

SPIEGEL: ... die kleinen Helden des Alltags ...

Springsteen: ... dies sind die Menschen, die mich bewegen. Die mich dazu bringen, Songs zu singen. Mit anderen Worten: Ich hatte keine Angst vor dem Vorwurf der Ausplünderung, weil ich in all den Jahren eine Sprache für diesen Alltag entwickelt habe, die meine eigene ist und die vom Publikum verstanden wird.

SPIEGEL: Die Grundstimmung von "The Rising" ist oft voller Dramatik, aber trotzdem wirkt die CD nicht niederziehend. Im Gegenteil: Auch in der Agonie scheint es für Sie Hoffnung zu geben. Woher nehmen Sie diese Art geschundenen, aber nicht kaputt zu kriegenden Optimismus?

Springsteen: Die Songs sind eine Mischung aus Blues und Gospel. Der Blues, das sind die Nachrichten und Geschichten über das, was auf dieser Erde passiert. Der Gospel versucht, den Weg in eine andere oder bessere Welt aufzuzeigen. Diese beiden Elemente zusammengebracht, der Blues und der Gospel, haben eine ungeheure Kraft. Oft lasse ich dem Blues die Strophe und reiße dann die Sache mit einem Gospelrefrain nach oben. Songs wie "The Rising" oder "The Promised Land" sind Beispiele dafür. Dem Blues und dem Gospel verdanken meine Songs die Spannung.
SPIEGEL: In "Empty Sky", einem Ihrer neuen Songs, hadert eine Witwe mit der Tatsache, dass ihr Mann einfach in der Asche der Türme verschwand und von ihm nichts übrig blieb, was sie hätte beerdigen können. Wie wichtig, glauben Sie, ist es für die Überlebenden, die Toten zu sehen, um Abschied nehmen zu können?

Springsteen: Ich bin irisch-italienischer Abstammung, und für uns gehört das Anschauen der Toten zum Leben. Ich selbst habe meine Tanten, meine Onkel, meine Opas und Omas irgendwann aufgebahrt gesehen. Manchmal haben solche Zeremonien drei Tage gedauert. Die Leute standen herum, es wurde geredet, getrauert, gelacht, gegessen, gebetet, die Menschen gingen weg und kamen wieder. Als mein Vater starb, war es für meine Kinder sehr wichtig, seinen Leichnam noch einmal zu sehen und anzufassen. Diese Zeremonie macht es für die Überlebenden leichter, Abschied zu nehmen. Meine Kinder zum Beispiel haben meinem Vater kleine Briefe und Spielsachen mit in den Sarg gepackt.

SPIEGEL: Was Ihrer CD "The Rising" völlig fehlt, ist der Wunsch nach Rache. Dagegen mischen Sie auf dem Song "Worlds Apart" - einer Geschichte zweier Liebender, die zwei unterschiedlichen Kulturen angehören - den Beat des Rock`n`Roll mit arabischen Gesängen. Ist das - mal wieder ganz Gospel - ein Plädoyer für Versöhnung statt Konfrontation?

Springsteen: Die Suche nach dem Dialog scheint mir eine Aufgabe zu sein, die sich ein Künstler stellen sollte. Mich interessiert, wie sich die Kulturen begegnen und die ideologischen Barrieren niederreißen können. Mit dem Beharren auf Wahrheiten kommen Sie da nicht weiter. Deshalb heißt eine Zeile in "Worlds Apart": "The truth just ain`t enough / Or it`s just too much in times like this / Let`s throw the truth away / We`ll find it in this kiss."

SPIEGEL: Seit zwei Wochen sind Sie auf Ihrer ersten Tournee nach den Anschlägen. Gibt es Unterschiede zu den vorhergehenden?

Springsteen: Ja. Die Leute kommen diesmal nicht, um eine Greatest-Hits-Show zu hören, sie wollen unsere neuen Songs. Das ist schon ein ziemliches Privileg, dass mir so was mit meinen 52 Jahren noch passiert. Ich meine, die Leute haben nichts dagegen, wenn ich dazwischen eines meiner alten Stücke spiele. Vor allem aber interessiert sie das Neue.

SPIEGEL: Sie sind zwar berüchtigt dafür, dass Sie sich bei Ihren oft dreistündigen Shows bis an den Rand des Zusammenbruchs verausgaben - und gelten trotzdem als Mann, dem die Selbstzerstörungswut vieler Rockstars sehr fremd ist. Woher kommt diese Sehnsucht nach Dauer in einem schnelllebigen Geschäft?

Springsteen: Der Todeskult des Rock`n`Roll ist nicht mein Ding. Wir wollten mit unserer Musik in dieser Welt etwas erreichen. Ich habe von Anfang an unsere Arbeit als etwas Langlebiges gesehen. Die E Street Band sollte lange bestehen, und die Musik ebenso - bis ich ein alter Mann bin. Mir gefällt es, Marlon Brando zu sehen, munter und vergnügt. Dasselbe gilt für die Stones. Ich wünsche ihnen allen ein langes Leben - egal, in welche Richtungen ihre Karrieren sie führen. Ich würde auch gern einen alten James Dean sehen. Es fasziniert mich mitanzusehen, wie sich die Leute durch ihr Dasein navigieren. Natürlich gibt es da draußen und in uns Schmerz und Ärger, Hass und Gewalt. Aber es gibt auch das andere: Hoffnung, Freundschaft, Erfüllung, Liebe, Gemeinschaft. Und unsere Band versucht, einen Funken zu schlagen genau in diese Richtung.

SPIEGEL: So ehrenwert das klingt - auch Sie sind in Ihrer Karriere durch Krisen gegangen. Mitte der achtziger Jahre verkauften Sie von Ihrem Erfolgsalbum "Born in the USA" 30 Millionen Stück, heirateten eine schöne Schauspielerin, lebten in Los Angeles in einem teuren Haus mit ebenso kostspieligen Autos und versanken allmählich in der Depression. Sie hatten sich den amerikanischen Traum vom Wohlstand erfüllt. Warum haben Sie ihn nicht ausgehalten?

Springsteen: Das kreative Leben ist etwas Organisches. Es ist nicht so, dass man es festhalten kann. Es entwickelt sich, ob man will oder nicht. Es ist, als ob man die ganze Zeit durch Nebel wandert. Ab und zu lichtet er sich, und dann zieht er wieder dicht zu, und man ist sich nicht sicher, ob er sich noch mal hebt. Man ist dauernd auf der Suche nach einer Stimme, die zu einem passt.



SPIEGEL: Mit Soloplatten wie "The Ghost of Tom Joad" hatten Sie sich in den vergangenen Jahren weg vom Rock`n`Roll und hin zur Folkmusik gewandt, kommerziell gesehen war dies eher ein Fiasko. War das der Grund, dass Sie Ende der neunziger Jahre wieder mit Ihren Jungs, der E Street Band, auf Rock-Tournee gingen?

Springsteen: Ich hatte ein paar gute Songs geschrieben, und dann dachte ich einfach: Die E Street Band und ich waren lange genug getrennt. Einige der Jungs zählen schließlich zu meinen besten Freunden.

SPIEGEL: Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie einmal voller Idealismus gesagt: "Eine Rock`n`Roll-Band besteht, so lange der Typ auf der Bühne ins Publikum schaut und denkt: Da unten bin ich. Und der Typ aus dem Publikum hinaufschaut und denkt: Der Mensch auf der Bühne, das bin ich." Haben Sie nach vielen Millionen Dollar und 30 Jahren Rockruhm immer noch das Gefühl, einer von denen da unten zu sein?

Springsteen: In einem tieferen Sinn ganz sicher. Das ist der Rock des Rock`n`Rollers, so wie ich ihn verstehe. Die Grenzen überschreiten, eine Verbindung herstellen. Zeit, Alter, Mode - alles beiseite schieben und den Leuten etwas von einem selbst tief drinnen präsentieren, von dem sie am Ende sagen: Wir teilen uns eine Welt.

SPIEGEL: Sie sind einer der erfolgreichsten Musiker in der Geschichte des Pop. Wo sehen Sie selbst Ihren Platz in der Ruhmeshalle des Rock`n`Roll?

Springsteen: Ich halte es da mit dem Baseball-Spieler Reggie Jackson, der, als er in die Baseball Hall of Fame aufgenommen wurde, sagte: "Mein Name muss nicht ganz oben auf der Liste stehen. Aber es ist gut zu wissen, dass an dem Tag, an dem der ganze Zettel vorgelesen wird, auch mein Name irgendwann drankommt."

SPIEGEL: Sie wollten also nie Elvis sein?

Springsteen: Natürlich wollte ich das. Solche Träume bringen einen erst mal dazu, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Aber wenn Sie es mit diesem Beruf ernst meinen und etwas von Ihrer eigenen Identität verstehen lernen, dann merken Sie, dass Sie Ihren eigenen Weg suchen müssen. Ich tat es als Arbeiter. Kein großer Sänger, kein großer Gitarrist, aber ich habe es mir beigebracht, ebenso wie ich mir durch harte Arbeit beigebracht habe, Songs zu schreiben und meiner Wahrnehmung von der Welt zu trauen. Aber eigentlich ist all das nichts Besonderes. Ich bin nur ein weiteres Glied in einer langen Kette. Keine schlechte Art, meine Zeit zu verbringen hier auf dieser Erde, aber wenn ich einmal nicht mehr bin, wird ein anderer meinen Job tun. So wie ihn einer getan hat, bevor ich daherkam. That`s fine with me.

SPIEGEL: Könnte es sein, dass Ihre Fans Sie gerade wegen dieser Bescheidenheit seit Jahrzehnten liebevoll "The Boss" nennen?

Springsteen: Ich habe mich nie um diesen Titel gestritten. Gut, mit der Zeit habe ich gelernt, ihn zu akzeptieren. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre mir Mr. Springsteen lieber. Oder einfach: der Typ aus New Jersey.

SPIEGEL: Mr. Springsteen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch
@heizi: danke - echt ein tolles interview, daß genau das wiederspiegelt, was ich in einem anderen thread auch schon an minolta gerichtet uber bruce ausgedrückt habe.

"World`s apart" ist wirklich ein großartiger song, der ein echter klassiker werden kann - neben dem ebensotollen titeltrack "The Rising".

:)iguana
Ig, "the rising" ist wirklich ein klasse Stück.:)

Can`t see nothin` in front of me
Can`t see nothin` coming up behind
I make my way through this darkness
I can`t feel nothing but this chain that binds me
Lost track of how far I`ve gone
How far I`ve gone, how high I`ve climbed
On my back`s a sixty pound stone
On my shoulder a half mile of line

Come on up for the rising
Come on up, lay your hands in mine
Come on up for the rising
Come on up for the rising tonight

Left the house this morning
Bells ringing filled the air
Wearin` the cross of my calling
On wheels of fire I come rollin` down here

Come on up for the rising
Come on up, lay your hands in mine
Come on up for the rising
Come on up for the rising tonight

There`s spirits above and behind me
Faces gone black, eyes burnin` bright
May their precious blood bind me
Lord, as I stand before your fiery light

I see you Mary in the garden
In the garden of a thousand sighs
There`s holy pictures of our children
Dancin` in a sky filled with light
May I feel your arms around me
May I feel your blood mix with mine
A dream of life comes to me
Like a catfish dancin` on the end of my line

Sky of blackness and sorrow (a dream of life)
Sky of love, sky of tears (a dream of life)
Sky of glory and sadness (a dream of life)
Sky of mercy, sky of fear (a dream of life)
Sky of memory and shadow (a dream of life)
Your burnin` wind fills my arms tonight
Sky of longing and emptiness (a dream of life)
Sky of fullness, sky of blessed life

Come on up for the rising
Come on up, lay your hands in mine
Come on up for the rising
Come on up for the rising tonight
@Iguana,
schön mal jemanden zu treffen, der auch Worlds apart klasse findet. Ist für mich der beste Song auf einem genialen Album , aber vielen Fans ist er zu neumodisch. ich find ihn genial
Ich finde das ganze Album genial und höre es seit Tagen rauf und runter :)

Endlich mal wieder eine richtig tolle Scheibe.

Gruss Minolta :cool:
@poddubny: genau - das ist ja der reiz an dem song. "Woprld`s apart" sticht durch das besondere arrangement heraus. geht über den simplen "born to run" rock`n`roll hinaus und das macht es so reizvoll.

:)iguana


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