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Globalisierung der Geldwirtschaft - 100 Jahre "Philosophie des Geldes"

Paschen von Flotow
Johannes Schmidt


Georg Simmel (1858-1918), neben Max Weber und Emile Durkheim einer der Väter der modernen Soziologie, veröffentlichte im Jahre 1900 nach zwölfjähriger Vorarbeit seine Philosophie des Geldes. Die Auseinandersetzung mit dem Geld als Element und treibender Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung war eines seiner zentralen Forschungsthemen.

Seit knapp zwanzig Jahren erlebt Simmel nun eine Renaissance. Denn es zeigt sich, daß er recht behalten hat: Tatsächlich ist das gesamte 20 Jahrhundert von genau den Trends und Kräften entscheidend geprägt gewesen, die Simmel in seiner vor hundert Jahren erschienenen Philosophie des Geldes darstellt. Geld ist die bewegende Kraft der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung - dies ist die zentrale These seines Werkes.

Vom Gelde ausgehend bietet Simmel aber eine weit darüber hinausweisende umfassende Interpretation der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Das Verständnis des Geldes wird so zum Schlüssel für das Verständnis der Gegenwart.

Simmel führt zwei Begriffe oder Perspektiven des Fortschritts ein, um die historische Dynamik der Geldwirtschaft einzufangen und zugleich zu verdeutlichen: Funktioneller und substantieller Fortschritt.

Funktioneller Fortschritt
Unter funktionellem Fortschritt versteht Simmel die gesamte Entwicklung der Institutionen, die mit der Entfaltung der Geldwirtschaft verbunden ist. Simmel geht es dabei um die innere Logik der Veränderungen der modernen Gesellschaft, die wesentlich von der Entwicklung der Geldwirtschaft bestimmt sind. Das heißt, für Simmel erzeugt die moderne Gesellschaft aus sich selbst heraus die Veränderungen, die ihre Dynamik ausmachen. Zugleich entstehen bei diesen Veränderungen auch die Institutionen, die diese Dynamik vorantreiben und für ihre weitere Beschleunigung verantwortlich sind. Sichtbar wird dies in der Entwicklung der Geldformen.

Diese Entwicklung zeigt für Simmel, daß zunächst Dinge zu Geld werden, die auch um ihrer selbst willen begehrt werden, weil sie ihren Besitzern einen konkreten Nutzen bringen und als Konsumgüter verwendet werden können, also Tabak, Tee oder anderes; all diesen Geldgütern ist jedoch gemeinsam, daß sie von den Menschen nicht grenzenlos begehrt werden. Anders ist es, wenn sich die geprägte Münze als das allgemeine Tausch- und Zahlungsmittel durchgesetzt hat, deren Nominalwert höher liegt als der Wert des Materials, aus dem sie gefertigt ist. Dann fallen Begrenzungen des Begehrens weg: Geld als das allgemeine Tausch- und Zahlungsmittel, als das Mittel überhaupt, wird jenseits jeder Begrenzung begehrt, da es den Zugang zu allen anderen Gütern verschafft. Es kann sich deshalb auch in der weiteren Entwicklung von seinem Stoffwert gänzlich emanzipieren und zum (fast) reinen Zeichengeld weiterentwickeln. Es wird dann allein aufgrund seiner Funktion begehrt, den wirtschaftlichen Verkehr zu erleichtern bzw. möglich zu machen, nicht aufgrund seiner Substanz.

Mit diesem funktionellen Fortschritt verbunden sind verschiedene Faktoren, die Kennzeichen einer modernen Gesellschaft sind: einmal die Individualisierung, also die Herauslösung des einzelnen aus personalen Herrschaftsverhältnissen oder Abhängigkeiten von (Klein-)Gruppen. Das Geld erlaubt es dabei, sich von bestimmten sozialen Gruppen zu emanzipieren, es wird zum Träger dieser Individualisierung und damit auch zum Träger der Freiheit des einzelnen. Den Gegenbegriff dazu bildet die Vergesellschaftung (209) : der einzelne wird zwar unabhängig von bestimmten Gruppen und Personen, aber auf der anderen Seite sehr viel abhängiger von der Gesellschaft und dem Wirtschaftsprozeß als ganzes. Da niemand noch in nennenswertem Umfang für den eigenen Bedarf wirtschaftet und produziert, sondern seine Konsumgüter von anderen bezieht, ist er trotz einer größeren Unabhängigkeit von bestimmten Personen oder Gruppen auf die Leistungen und das Funktionieren der Gesellschaft insgesamt angewiesen. Deshalb ist mit der Entwicklung der Geldwirtschaft auch eine Erweiterung verbunden, eine Erweiterung der sozialen Gruppe oder der Gesellschaft, in der sich der einzelne bewegt. Wiederum ist das möglich durch die Entwicklung des Geldes, das die Idee der unbegrenzten Gültigkeit und Verwertbarkeit in sich trägt. Denn mit Hilfe des Geldes ist es möglich, zu einem sehr viel größeren Kreis von Menschen Beziehungen herzustellen, wenngleich diese Beziehungen in erster Linie geschäftsmäßigen Charakter haben. Dies drückt Simmel mit dem Begriff der Versachlichung aus: Da das Geld es ermöglicht, mit einem immer größeren Kreis von Menschen zusammenzukommen und zu verkehren, werden diese Beziehungen auch umgekehrt immer unpersönlicher; der Verkehr mit dem Fremden ist die allgemeine Form des Verkehrs, Versachlichung bildet somit das Korrelat zur Individualisierung. Vereinigungen und Zusammenschlüsse der Menschen sind immer stärker von einem bloßen Geldinteresse geleitet, ohne zugleich von ihren Mitgliedern noch persönliche Leistungen und Beiträge abzuverlangen. Simmel nennt hier Handels- und Aktiengesellschaften als wichtige Beispiele.

Substantieller Fortschritt
Der zweite Aspekt des Fortschritts bei Simmel ist der Gedanke des substantiellen Fortschritts. Damit ist gemeint, daß im Laufe der Entwicklung immer mehr Substanzen und Kräfte aus der Natur in die Geldwirtschaft bzw. in die wirtschaftliche Entwicklung miteinbezogen werden. Dies hat allerdings eine geistige Haltung der Menschen zur Voraussetzung: sie müssen dies nämlich auch tatsächlich wollen und können - können auch in dem Sinne, daß dem Begehren der Menschen keine Grenze mehr gesetzt ist. Dies setzt Simmel wiederum in Beziehung zur Geldwirtschaft. Wie schon im Zusammenhang mit dem funktionellen Fortschritt erläutert, erhält das Geld im Verlaufe der Entwicklung der Geldwirtschaft einen immer geringeren Substanzwert und wird nur noch aufgrund seines Funktionswertes geschätzt. Das Geld löst sich von jedem Gebrauchsnutzen und allen sachlich bestimmten Zwecken (die ihre eigene Begrenzung in sich tragen) und wird durch seinen gestiegenen Funktionswert zum allumfassenenen Mittel, um sich alle anderen Güter zu verschaffen. Indem sich aber die Aufmerksamkeit der Menschen auf dieses Mittel richtet anstatt auf sachlich bestimmte Zwecke, verlieren sie alle Begrenzungen ihres Begehrens aus den Augen. Das Streben nach Geld als dem absoluten Mittel hat keine Grenzen. Je mehr das Bewußtsein vom Geld als Zweck bestimmt wird anstatt vom Begehren jeweils begrenzter Güter, desto mehr entgrenzt sich das Begehren.

Mit der menschlichen Abstraktionsfähigkeit, die es ermöglicht, vom Substanzwert des Geldes zu abstrahieren und das Geld lediglich aufgrund seines Funktionswertes zu begehren, geht eine Entwicklung des Denkens einher, die das Quantitative betont, das Schwergewicht auf rechnendes, abwägendes Werten legt und von Qualitäten abstrahiert. Für Simmel ist mit der Entwicklung eines solchen Denkens notwendigerweise auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit verbunden. Der Grund dafür liegt darin, daß in der Charakterlosigkeit des Geldes, im Sinne der Indifferenz des Geldes, der "Egoismus reinen Tisch" (609) vorfindet - d. h. die Unpersönlichkeit des Geldes selbst und die Unpersönlichkeit der durch das Geld vermittelten Marktbeziehungen eröffnen dem Egoismus ein unbegrenztes Feld des Handelns. Offenbar ist Simmel der Auffassung, daß sich durch das Geld mit "Notwendigkeit" (608), also quasi automatisch, diese Grundhaltung des Menschen durchsetzt. Das rechnende, abwägende bzw. rationale Bewußtsein ist insofern also ein historisch spätes Phänomen, das erst mit der entwickelten Geldwirtschaft den Weltzugang der Menschen bestimmt.

Die Vermehrung der Umsätze und Güter in der Entwicklung der Geldwirtschaft in Verbindung mit einem rechenhaften, quantitativen Denken - die sich auch in einer "rechnerisch-exakte[n] Naturdeutung" (616) äußert - schlägt sich darin nieder, daß nach Auffassung Simmels immer mehr Stoffe und Kräfte der Natur in den Kreislauf der Wirtschaft einbezogen werden. Die rechnerisch-exakte Naturdeutung hat dabei einen ganz praktischen Sinn, nämlich die Nutzung der Natur, vollzogen als "Kampf gegen die Natur" (384). Im historischen Prozeß ist der Grad der Nutzung zwar immer begrenzt durch die Technik, im Prinzip aber nach Simmels Auffassung grenzenlos möglich, da die Natur als Ganzes über einen unerschöpflichen Vorrat verfügt. Die Reduktion auf das Quantitative bzw. die Abstraktion von der Qualität im Geistigen bringt eine Ausrichtung auf ein Mehr mit sich, ruft sie hervor oder begünstigt sie. Im historischen Prozeß geht es offensichtlich darum, ein Mehr an Natur zu vereinnahmen. Die Möglichkeit einer permanenten Steigerung des Güterangebots beruht - so Simmel - auf einer "fortschreitende[n] Technik" (384), also Produktivitätssteigerungen, vor allem aber der Steigerung des Naturverbrauchs.

Die "Doppelrolle des Geldes"
Die Basis für Simmels Überlegungen zum funktionellen und substanziellen Fortschritt liegt in seinem Gedanken von der "Doppelrolle des Geldes" (126). Damit meint Simmel, daß das Geld in der Wirtschaft in zweifacher Weise auftritt: indem es Relation ist und indem es Relation hat. Soweit Geld Relation ist, dient es lediglich als neutrales Tauschmittel: es drückt die relativen Werte der verschiedenen Güter aus, deren Austausch es erleichtern und ermöglichen soll, ist aber nicht an der Wertbildung beteiligt und beeinflußt sie nicht. Aber gerade und insofern das Geld diese Rolle als bloßes Zeichen der Werte im Bewußtsein der Menschen in befriedigender Weise wahrnimmt, dann hat das Geld auch Relation, es ist selbst ein Wert, es steht "innerhalb der Reihen der konkreten wirtschaftlichen Werte" und wird selbst begehrt.

Denn wenn das Geld eine Sicherheit in den Wertabmessungen gewährleistet, können die Menschen mit absoluten Preisen der Güter rechnen und sich an ihnen in ihrem wirtschaftlichen Handeln orientieren. Sie sind dann auch bereit, Geld als Tausch- und Zahlungsmittel zu akzeptieren bzw. streben danach, möglichst viel Geld zu erhalten. Das Geld kann als stellvertretendes Gut die Zeit zwischen zwei Kaufs-/Verkaufsakten überbrücken. Der Wert- und Preisbildungsprozeß erfolgt dann in der Relation von Geld und Ware. So gesehen reflektiert das Geld nicht das Ergebnis des abgeschlossenen Wertbildungsprozesses, sondern ist selbst Teil dieses Prozesses. Eine solche Analyse der Geldwirtschaft ist insofern eine Abweichung von der relativistischen Analyse, weil jetzt ein Element, das Geld, zum absoluten Maßstab wird. Und sie ist insofern auch eine Abweichung, als jetzt die Wirtschaft in ihrer zeitlichen Struktur, als Prozeß, gedacht wird.

Aus dieser Doppelrolle des Geldes ergeben sich verschiedene seiner Wirkungen, die Simmel als "Dienste des Geldes" (229) bezeichnet und die die reale Bedeutung des Geldes für die Wirtschaft zeigen. Simmel nennt einmal die Verkehrserleichterung (16): Geld ermöglicht einen leichteren, damit aber auch einen größeren und vermehrten Austausch von Gütern und Diensten. Die Mobilisierung (237) geht in die gleiche Richtung: das Geld regt über die Verkehrserleichterung den wirtschaftlichen Verkehr an, mehr Geld führt nicht (oder nicht nur) zu höheren Preisen, sondern auch zu vermehrter wirtschaftlicher Tätigkeit; es werden mehr Güter in die Wirtschaft einbezogen - Werte mobilisiert - und Gegenstand ökonomischen, kommerziellen Handelns. Schließlich ist noch die Kondensierung (229) zu nennen. Damit ist die Sammlung größerer Geldsummen in wenigen Händen gemeint, etwa im Falle eines großen Geldkapitals. Eine solche Akkumulierung von Geld in wenigen Händen ermöglicht neue Unternehmungen und eine "Steigerung der sachlichen Kultur" (370), d.h. eine Steigerung der Produktion, die ohne eine solche Kondensierung und Konzentration nicht möglich gewesen wären; die Sammlung und Konzentration von Geldsummen führt so zu neuen realen Investitionen, die die Gütermenge steigern und das Wirtschaftswachstum ankurbeln.

Simmel bleibt - zumindest in der Philosophie des Geldes - gegenüber den Wirkungen dieses historischen Prozesses ambivalent. Einerseits bewertet er das Wachstum der "objektiven Kultur" (621) als positiv, andererseits sieht er die Verluste im Geistig-Seelischen des Menschen, in der "subjektive[n] Kultur" (621): der Mensch ist "gleichsam aus sich selbst entfernt" (674), es zeigt sich ein "Mangel an Definitivem im Zentrum der Seele" (675). Erst gegen Ende seines Lebens wird aus dieser Ambivalenz eine scharfe Verurteilung des "Mammonismus".

Fazit
Für Simmel erlaubt und fördert die geldwirtschaftliche Entwicklung eine Erhöhung der durch Geld vermittelten Produktions- und Tauschprozesse. Eine Grenze des geldwirtschaftlichen Wachstums, des "substantiellen Fortschritts", sieht Simmel weder auf der Angebots- noch auf der Nachfrageseite. Die unbegrenzte Verfügbarkeit des Naturvorrats erlaubt die Vereinnahmung von "immer mehr Kräften und Substanzen der Natur". Dem Angebotswachstum, der Vermehrung des Verfügbaren, sind also von der Natur her keine Grenzen gesetzt. Auch eine Begrenzung aufgrund einer Sättigung deutet Simmel nicht an. Zwar nimmt er an, daß mit dem Wachstum die "objektive Kultur", "die Sachen", ein Übergewicht über die "subjektive Kultur" bekommen. Die Folge sieht er aber nicht in der Abkehr von den äußeren Begehrungen. Im Gegenteil: die Tendenz zur "Rastlosigkeit" (675) verstärkt sich eher, je mehr sich der Mensch vom "Zentrum der Seele" (675) entfernt.

Simmel zeigt, daß die Geldwirtschaft infolge der "Doppelrolle des Geldes" eine wachsende Wirtschaft ist. Es ist diese Beobachtung Simmels, die die Philosophie des Geldes zu einem wichtigen und aktuellen ökonomischen Werk macht. Nur wenn wir die Dynamik der Geldwirtschaft verstehen, verstehen wir unsere Zeit - und die Dynamik der Globalisierung der Geldwirtschaft.


Die Autoren

Dr. Paschen von Flotow, geb. 1961, Studium der Philosophie und Volkswirtschaftslehre in Freiburg, Köln und St. Gallen. Promotion über "Georg Simmels Philosophie des Geldes als ökonomisches Werk".
1992-1998 Leitung Strategische Planung Umwelt und Verkehr und Produktmanager in einem international tätigen Unternehmen.
Seit 1998 Geschäftsführender Vorsitzender des Instituts für Ökologie und Unternehmensführung, Oestrich-Winkel.

Dr. Johannes Schmidt, geb. 1967, Studium der Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Umweltökonomie und Finanzmarkttheorie. Dissertation über den Ökonomen Erich Preiser.
Von 1992 bis 1998 Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG), Universität St. Gallen,
seit Juli 1998 Projektleiter am Institut für Ökologie und Unternehmensführung, Oestrich-Winkel.

Adresse für Korrespondenz:
Dr. Johannes Schmidt
Institut für Ökologie und Unternehmensführung
an der European Business School e.V.
Schloß Reichartshausen
65375 Oestrich-Winkel
Tel.:06723 / 996318
Fax: 06723 / 996321
e-mail: js@instoec.de


Literaturverzeichnis

Backhaus, J. G., Stadermann,
H.-J. (Hrsg., 2000): Georg
Simmels Philosophie des Geldes:
Einhundert Jahre danach.
Marburg: Metropolis.

Flotow, P. von (1995): Geld,
Wirtschaft und Gesellschaft:
Georg Simmels Philosophie des
Geldes. Frankfurt: Suhrkamp.

Flotow, P. von, Schmidt, J. (2000):
"Die ‚Doppelrolle des Geldes` bei
Simmel und ihre (fehlende)
Entsprechung in der modernen
Wirtschaftstheorie". In:
Backhaus/Stadermann (Hrsg.,
2000), S. 61-94.

Simmel, G. (1989): Philosophie
des Geldes. (Georg Simmel
Gesamtausgabe, Bd. 6).
Frankfurt: Suhrkamp.



http://www.dnwe.de/servlets/www/redax/view/doc?path=%2FBesuc…
Die Macht von Zins und Zinseszins
von Prof. Winfried Radtke
Schon in der Schule lernt man vom wundersamen Wachstum des Geldes, sobald man es ausleiht. Und da wir alle gerne etwas dazubekommen, ohne etwas dafür tun zu müssen, sind wir alle damit einverstanden, daß uns die Bank für unser Spargeld Zinsen zahlt - und das möglichst nicht zu knapp.

Nur vor diesem etwas selbstgefälligen Hintergrund ist es verständlich, daß sich so wenige kritische Stimmen zum Thema "Zins und Zinseszins" erheben. Natürlich liest man als gebildeter Mensch seine Zeitung und sieht seine 8 - Uhr - Nachrichten im Fernsehen und weiß Bescheid über die große Weltwirtschaft, man weiß von den großen Konjunkturkrisen, man weiß von der Zahlungsunfähigkeit verschiedener Schwellenländer, von den Milliardenschulden verschiedener Entwicklungsländer und akzeptiert stillschweigend, daß diese ihre Kredite niemals werden zurückzahlen können. Man fügt sich stillschweigend in diese scheinbar unabwendbare Situation und hofft im Stillen, selbst möglichst ungeschoren davonkommen zu können. Wie wäre es, wenn man die wirkliche Ursache aller unserer schwereren Wirtschaftskrisen erkennen könnte? Oh ja, dann würde man sofort etwas dagegen tun, lautet die spontane Antwort. Oder vielleicht doch nicht? Ein Raucher weiß ja auch, daß das Rauchen ihm nicht gut tut, aber trotzdem hört er nicht auf zu rauchen. Und jedem Leser fallen da vielleicht eigene Gewohnheiten ein, von denen er weiß, daß sie ihm eher schädlich als nützlich sind - und er diese Gewohnheiten dennoch nicht für immer verabschiedet. Aber immerhin dran arbeiten, seine schädlichen Gewohnheiten aufzugeben, das kann und will man ja. Und so soll auch diese folgende Betrachtung über die (schädliche) Wirkung von Zins und Zinseszins dazu beitragen, uns anzuregen, etwas gegen die schädliche Wirkung zu tun. Nur wenn auch derjenige, der scheinbar nur Vorteile von Zins und Zinseszins hat, erkennt, daß auch er, wenn auch mit einiger Zeitverzögerung, letztendlich nur draufzahlt, so wird sich etwas ändern im heutigen Zinssystem. Um den letzten Satz beweisen zu können, sollen hier einige Beispielsrechnungen zum Thema Zinseszins vorgeführt werden: Schon auf der Schule lernt man die Formel für den Zinseszins: Kapital nach n Jahren kn ist gleich Anfangskapital k0 mal 1 plus Zinssatz in % in Klammern, hoch n.

In Formeln: kn = k0 (1 + p/100)n .

1. Beispiel
Ein Kapital von 1000.- DM wächst bei 8% Zins nach 7 Jahren Zinseszins auf 1714.- DM an.

[kn = k0 (1 + p/100)n
k7 = 1000 (1 + 0,08)7 = 1000 * 1,714 = 1714]

Ein Kapital von 1000.- DM wächst bei 8% Zins nach 10 Jahren Zinseszins auf 2159.- DM an.

[kn = k0 (1 + p/100)n
k10 = 1000 (1 + 0,08)10 = 1000 * 2,159 = 2159]

Ein Kapital von 1000.- DM wächst bei 8% Zins nach 20 Jahren Zinseszins auf 4661.- DM an.

[kn = k0 (1 + p/100)n
k20 = 1000 (1 + 0,08)20 = 1000 * 4,661 = 4661]

Ein Kapital von 1000.- DM wächst bei 8% Zins nach 30 Jahren Zinseszins auf 10063.- DM an.

[kn = k0 (1 + p/100)n
k30 = 1000 (1 + 0,08)30 = 1000 * 10,063 = 10063]

Die gute Verdoppelung des Kapitals nach 10 Jahren mag noch tragbar sein für eine kreditnehmende Wirtschaft. Auch ist der Unterschied zum einfachen Zins erträglich (800.- DM Zins nach 10 Jahren, d.h. Kapital plus einfacher Zins nach 10 Jahren ergibt 1800.- DM). Die mehr als Vervierfachung des Kapitals nach 20 Jahren dürfte aber schon größte Anstrengungen der kreditnehmenden Wirtschaft abverlangen, jedoch die Verzehnfachung des ursprünglichen Kredits nach 30 Jahren könnte derart gravierend in die Wirtschaft eingreifen, daß es nicht erst eines Karl Marx bedarf, um regelmäßige Wirtschaftskatastrophen vorauszusagen. Doch gehen wir zu einem utopischen, aber deutlicheren Beispiel über:

2. Beispiel
Nehmen wir an, Jesus hätte zu seiner Zeit eine damalige Geldeinheit im Werte einer heutigen DM zu 3% Zinseszins angelegt. Auf welchen Wert wäre sein Sparguthaben in 2000 Jahren angewachsen? Hier die Antwort: Eine DM wächst in 2000 Jahren bei 3% Zinseszins auf 4,726 * l025 DM an.

[kn = k0 (1 + p/ 100)n
k2000 = 1 * (1 + 0,03)2000 = 1 * 4,726 * l025]

Zur Veranschaulichung dieser unvorstellbar großen Zahl soll der Wert in einen Goldwürfel umgerechnet werden. Dabei setzen wir 1 kg Gold mit 20000.- DM an und berücksichtigen, daß 1 m3 Gold 19300 kg wiegt, woraus man errechnet, daß 1 km3 Gold 3,86 * 1017 DM kosten würde. Daraus errechnet man, daß der Wert des Sparguthabens nach 2000 Jahren 1,224 * 108 km3 Gold gleichkäme, was einem Goldwürfel von 496,6 km Kantenlänge entspräche. Nur zur Illustration seien hier noch andere Zinseszinssätze aufgelistet:

1 DM bei 1/2% Zinseszins nach 2000 Jahren ergeben 21483.- DM

1 DM bei 1 % Zinseszins nach 2000 Jahren ergeben 4,393 * 108 DM

1 DM bei 2% Zinseszins nach 2000 Jahren ergeben 1,586 * 1017 DM

1 DM bei 3% Zinseszins nach 2000 Jahren ergeben 4,726 * 1025 DM

1 DM bei 4% Zinseszins nach 2000 Jahren ergeben 1,l66 * l034 DM

1 DM bei 5% Zinseszins nach 2000 Jahren ergeben 2,391 * 1042 DM

(Eine Frau Kennedy hat in Ihrem Buch zum Thema Zinseszins für ein dem letzten ähnlichen Beispiel, glaube ich, 131 Weltkugeln aus Gold herausbekommen.) Wie kann man sich bei solchen Hochrechnungen vorstellen, daß es auf Dauer so etwas wie Zinseszins geben kann? Wer den Zins "erfunden" hat, hat automatisch auch den Zinseszins miterfunden, da der Zins nach Jahresende zum Kapital dazugeschlagen wird. Da es aber den Zinseszins auf Dauer nicht gibt, hat der Erfinder des Zinses auch gleich sein Heilmittel miterfunden, nämlich Krieg (d.h. den Gläubiger beseitigen) und Inflation (die humanere Form der Korrektur).

Eine änderung der Einstellung zum Zins und damit eine änderung unserer so tragischen Abhängigkeit vom Joch des Zinses kann es nur geben, wenn sich jeder klar darüber wird (und nicht nur die Verantwortlichen "da oben"), daß "Heilen" einer Wirtschaft z.B. durch Erhöhung des Zinssatzes so etwas ist wie Heilen mit Arsen. In kleinsten Dosen mag es vielleicht ein Heilmittel sein, in größeren Dosen ist es aber ein tödliches Gift. Und wenn die wirklich Reichen und Mächtigen dieser Welt, die allem Anschein nach wirklich vom Zinseszins profitieren, wenn auch die anfangen zu erkennen, daß auch sie die Giftwirkung des Zinseszinses letztendlich nicht ungeschoren überstehen, daß auch sie das sich verselbständigende Zinseszinssystem auf Dauer nicht im Griff behalten können und selbst wie Goethes Zauberlehrling dastehen, ja dann haben wir die Hoffnung, auf Zinsen über 1% oder 2% verzichten zu können.



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http://www.holis.de
Ganzheitliche Thesen von Bernard Lietaer, einem etablierten Banker, zum Thema Geld

Siehe auch Interview mit Bernard Lietaer:" Wie Geld nachhaltig wird"


Hintergrund von Bernard Lietaer
Bernard Lietaer war Präsident des elektronischen Zahlungssystems von Belgien. Eine seiner ersten Aufgaben bei der belgischen Zentralbank bestand in der Entwicklung und Einführung des ECU (European Currency Unit) Ende der Siebziger Jahre. Bernard Lietaer war zudem Direktor und Devisenhändler eines der größten und erfolgreichsten Offshore-Devisenfonds. Auf dem Gebiet der Währungspolitik bzw. -bewirtschaftung stand er einigen Entwicklungsländern beratend zur Seite. In seiner Geburtsstadt Leuven in Belgien lehrte Lietaer an der dortigen Universität "Internationale Finanzwirtschaft". Zur Zeit lebt Bernard Lietaer in Kalifornien und hält an der University of California in Berkeley eine Gastprofessur. Als einer von ganz Wenigen in der Finanzwelt kann Lietaer aus dem vollen Repertoire seiner praktischen Erfahrungen auf nahezu allen entscheidenen Gebieten des Themenkomplexes "Geld und Währungen" schöpfen. Gerade diese Eigenschaft macht Bernard Lietaer zu einem Wissenschaftler und Prakmatiker, bei dem es sich lohnt, zuzuhören.
Gier und die Angst vor Knappheit
Während in Wirtschaftsfachbüchern behauptet wird, daß Menschen und Firmen für mehr Weltmarktanteile und Rohstoffe im Wettbewerb stehen, behauptet Bernard Lietaer, daß sie in Wirklichkeit für höhere Profite kämpfen und Weltmarktanteile und Rohstoffe nur dafür benutzen. Gier und die Angst vor Knappheit werden für Bernard Lietaer durch das jetzt praktizierte Geldsystem ständig erzeugt und vergrößert. Er führt als Beispiele an, daß man mehr als genug Nahrungsmittel für alle Menschen produzieren kann und es außerdem ganz ohne Zweifel genug Arbeit für jeden einzelnen gibt. Was wirklich knapp ist, ist das Geld, um dies alles zu bezahlen. Somit liegt die Knappheit nach Ansicht von Bernard Lietaer in den nationalen Währungen selbst. Tatsächlich ist es die Aufgabe der Zentralbanken, diese Geldknappheit zu produzieren und aufrechtzuerhalten. Die Folge ist, daß alle gegeneinander kämpfen müssen, um zu überleben. Geld wird geschaffen, wenn Banken es beschließen. Lietaer führt dazu folgendes Beispiel an: Wenn die Bank an einen Kunden einen Kredit von 100.000 Dollar gibt, ist dies nur der Teil, den der Kunde ausgibt und der dann in der Wirtschaft zirkuliert. Die Bank erwartet aber vom Kunden, daß er im Laufe der nächsten 20 Jahre für diesen Kredit 200.000 Dollar zurückzahlt, kreiert jedoch diese zweiten hunderttausen Dollar - die Zinsen - nicht selbst. Statt dessen schickt die Bank den Kunden in die feindliche Welt, um gegen jeden zu kämpfen, damit der Kunde die zweiten hunderttausend Dollar erarbeitet.
"Es müssen die einen verlieren, damit andere gewinnen. Einige müssen Schulden machen, damit andere Zinsen erhalten".1

Wenn also Banken die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden überprüfen, prüfen sie in Wirklichkeit, ob die Kunden in der Lage sind, gegen andere Menschen zu kämpfen und den Wettbewerb zu gewinnen, ob sie es schaffen, die zweiten hunderttausend Dollar aufzutreiben, die nicht von der Bank geschaffen wurden. Und wenn die Kunden es nicht schaffen, verlieren sie ihr Haus oder was immer sie sonst an Sicherheit angegeben haben.

Lietaer stellt folgende Frage: "Wollen Sie 100 Dollar jetzt oder in einem Jahr?" Die meisten Menschen würden sagen: "Jetzt", weil man dieses Geld risikolos auf die Bank bringen kann und dann etwas 110 Dollar ein Jahr später kassiert. Anders ausgedrückt: Wenn man jemandem 100 Dollar in einem Jahr anbieten würde, entspräche dies einem Barwert von etwa 90 Dollar heute. Das bedeutet, daß es bei dem jetzigen Geldsystem Sinn macht, Bäume zu fällen und das Geld auf die Bank zu bringen. Das Geld in der Bank "wächst" schneller als die Bäume. Es macht Sinn, schlecht isolierte Häuser zu bauen, weil die Kosten des zusätzlichen Energieverbrauchs niedriger sind als die bessere Isolierung. Man "spart" also Geld.

Geld ist wie Dünger. Es ist nur gut, wenn es verteilt wird
Lietaer stellt ein Geldsystem mit gegenteiliger Wirkung vor. Es würde ein langfristigeres Denken und Handeln bewirken durch etwas, was Lietaer als "Vorhaltekosten" oder "Nutzungsgebühr" bezeichnet. Die Vorhaltegebühr ist ein Konzept, das Silvio Gesell vor etwa 100 Jahren entwickelt hat. Seine Idee war, daß Geld ein öffentliches Gut ist - wie das Telefon oder der Busverkehr - und daß für die Benutzung ein kleine Gebühr bezahlt werden muß. Mit anderen Worten, es wird eine negative statt positive Zinsrate geschaffen.
Lietaer stellt zur Erläuterung dieses Konzepts folgende Frage: "Wenn ich Ihnen 100 Dollar geben würde und Ihnen sagte, daß Sie am Ende eines Monats 1 Dollar bezahlen müßten, damit Ihr Geld gültig bleibt, was würden Sie tun?" Die Antwort wäre klar: Man würde versuchen, es irgendwo zu investieren. Für Lietaer ist Geld wie Dünger, es ist nur gut, wenn es verteilt wird. In dem System von Silvio Gesell würden Menschen Geld nur als Tauschmittel verwenden, aber nicht zur Anhäufung von Reichtümern. Dadurch würde Arbeit entstehen, weil es den Geldumlauf beschleunigen würde, und es würde den Anreiz für kurzfristige Investitionen umkehren. Anstatt Bäume zu fällen und das Geld in die Bank zu bringen, würde man das Geld lieber in Baumpflanzungen stecken und eine gute Isolierung in sein Haus einbauen lassen.
Das Geld-System von Silvio Gesell in der Vergangenheit
Für die Vergangenheit führt Lietaer drei Epochen an, in denen ein System ähnlich dem von Silvio Gesell bereits vorherrschte: Das klassische Ägypten, etwa dreihundert Jahre im europäischen Mittelalter und einige wenige Jahre um 1930.
Im alten Ägypten bekam jemand, der Getreide lagerte, einen Gutschein, der eingetauscht werden konnte und damit eine Art Währung bildete. Wenn man nach einem Jahr mit zehn Gutscheinen zurückkehrte, bekam man nur Getreide im Wert von neun Gutscheinen, weil Ratten und Plünderung den Vorrat verringerten und weil die Wächter des Getreides bezahlt werden mußten. Dies wirkte wie eine Art Liegegeld. Ägypten war damals der Brotkorb der antiken Welt, denn anstelle der Aufbewahrung des Reichtums in Form von Geld, investierte jedermann in produktive Anlagen, die ihren Wert nicht verloren, - so wurden z. B. Leistungen wie Landverbesserung im großen Stil durchgeführt oder Bewässerungssysteme gebaut.
Der Beweis, daß dieses Geldsystem etwas mit dem Wohlstand zu tun hatte, liegt für Lietaer darin, daß alles sofort beendet war, als die Römer diese Getreidewährung mit ihrer eigenen römischen Geldwährung, bei der es positive Zinssätze gab, ersetzten. Ägypten hörte bald auf, die Kornkammer der Welt zu sein und wurde zu einem Entwicklungsland, wie so etwas heute genannt wird.
In Europa im Mittelalter vom 10. bis 13. Jahrhundert wurden lokale Währungen von den Fürsten ausgegeben und dann immer wieder eingezogen und, versehen mit einer Steuer, neu herausgegeben. Auch dies war eine Art von Liegegeld (Vorhaltegeld), so daß es unattrakiv war, Geldreichtum anzuhäufen. Das Ergebnis war ein Aufblühen der Kultur, ein allgemeiner Wohlstand, der genau in der Zeit herrschte, als lokale Währungen verwendet wurden. Praktisch alle Kathedralen wurden in dieser Zeit gebaut. Erzählungen aus dem 12. Jahrhundert berichten, daß z. B. die Wartung von Mühlen und anderen Produktionsstätten auf einem solch hohen Niveau stand, daß mit der Erneuerung von Teilen begonnen wurde, bevor sie kaputt gingen. Neueste Forschungen haben ergeben, daß die Lebensqualität für Handwerker in Europa im 12. und 13. Jahrhundert am höchsten war, wahrscheinlich sogar höher als heute. Wenn man keine Ersparnisse in Form von Geld bilden kann, investiert man es in etwas, das Werte in der Zukunft bildet. Lietaer führt diese Geldform als die Quelle des im Mittelalter vorherrschenden unglaublichen Wohlstands an.
Der Archetypus der Großen Mutter

Lietaer erklärt das Wirtschaftsystem der lokalen Währungen im Mittelalter mit dem Archetypus der großzügigen Mutter. Interessanterweise erlangte gerade in dieser Zeit ein religiöses Symbol eine große Bedeutung: Die berühmte schwarze Madonna. Es gab hunderte von diesen Madonnen im 10. bis 13. Jahrhundert, die ursprünglich Statuen der Göttin Isis mit ihrem Sohn Horus im Schoß waren. Diese Figuren wurden von den ersten Kreuzrittern direkt aus Ägypten importiert. Ihr spezieller waagrechter Stuhl wurde cathedra genannt (daher kommt auch der Name Kathedrale) und interessanterweise war es gerade dieser Stuhl, der im alten Ägypten das Symbol für Isis war. Die Statuen der schwarzen Madonna wurden im Mittelalter auch identifiziert mit der Alma Mater, der "Großzügigen bzw. Großen Mutter"", ein Ausdruck, der auch heute noch in vielen Ländern für die Universität gebraucht wird. Die schwarzen Madonnen waren direkte Nachfolgerinnen der Großen Mutter in einer ihrer ältesten Formen. Sie symbolisierte Geburt und Fruchtbarkeit. Sie vertritt das Grundgefühl des Reichtums und des Überflusses, der Geborgenheit und Gewißheit, versorgt zu sein. Sie unterscheidet sich damit grundlegend von der durch Knappheit, Verlorenheit und Angst geprägten Stimmung des patriachalen Kapitalismus. Sie symbolisiert den Geist, der in der Materie inkarniert war, bevor die patriarchalen Gesellschaften die Materie und den Geist voneinander trennten.
Für Lietaer gibt es hier eine direkte archetypische Verbindung zwischen zwei Kulturen, die beide ein Geldsystem mit Nutzungsgebühren verwendeten und damit einen ungewöhnlichen Wohlstand für alle Menschen erzeugten: das alte Ägypten und das Europa des 10. bis 13. Jahrhunderts. Die Verwendung dieses Geldystems korrespondiert nach Lietaers Ansicht genau mit der Verehrung des gleichen Archetyps.
Seiner Ansicht nach versetzte die Erfindung des Schießpulvers im frühen 14. Jahrhundert die Fürsten in die Lage, ihre Macht zu zentralisieren.Das erste, was sie taten, war das Monopol des Geldsystems durchzusetzen. Es wurden keine Kathedralen mehr gebaut, der Anreiz für langfristige Investitionen war verlorengegangen.
Es ist paradox, daß genau in der Zeit des angeblichen Machthöhepunktes des Christentums in Europa, in der ja der Archetyp der Großen Mutter unterdrückt wurde, die Lebensqualität am höchsten war und die schwarze Madonna verehrt wurde. Neuere Geschichtsforschungen haben aber ergeben, daß das Mittelalter nicht dunkel und grausam war. Wie oben beschrieben war es eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Interessanterweise ist es auch - entgegen der Meinung, die sich im Bewußtsein des Menschen heute festgesetzt hat - falsch, daß im Mittelalter die Kirche die Macht und somit das Sagen hatte. Die wahrhafte "Machtergreifung" der Kirche fand erst Anfang / Mitte des 14. Jahrhunderts statt - die gleiche Zeit, die Lietaer als Machtergreifung der Fürsten und somit den sozialen und kulturellen Niedergang angibt.
Wenn man sich die Mühe macht, bei mittelalterlichen Städten herauszufinden, welche Bauwerke den kulturellen Mittelpunkt darstellten, wird man feststellen, daß dies nicht unbedingt die Kirche war (oft erst ab Mitte des 14. Jahrhunderts), sondern meist eine (Ritter- oder Tempelritter) Burg, deren Platz später eine Kirche einnahm. Die Kathedralen, die in der Blütezeit des Mittelalters gebaut wurden, waren wahrscheinlich Werke von den aus Jerusalem heimkehrenden Tempelrittern. Sie wurden erst später von der Kirche "übernommen" (vgl. hierzu Dr. Sonja Klug: Die Kathedrale von Chartres und ihre Geheimnisse, Tattva Viveka Nr. 9). Die Städtegründungen wurden meist von Bürgern initiiert, Handwerker haben mehr verdient und weniger gearbeitet als es heute der Fall ist.
Das sogenannte "dunkle" Mittelalter existierte nicht im historischen Mittelalter, sondern fand ihren Anfang kurz vor Beginn der Renaissance, in welcher die Inquisition ihren Höhepunkt hatte.

Die Bedeutung des kollektiven Unterbewußten und die Unterdrückung der Archetypen
Lietaers Theorie der Knappheit als unerläßliche Bedingung für das weltweit existierende Wirtschaftssystem basiert auf C.G. Jungs Theorie der kollektiven Psychologie.
Jung hatte bei seiner praktischen Arbeit festgestellt, daß bei seinen Patienten in den Sitzungen immer gleiche Inhalte und Verhaltensweisen im Unterbewußtsein verankert waren. Daraus schloß er, daß eine die individuelle Psyche überschreitende Dimension des Unterbewußten existierte - das "kollektive" Unterbewußte. Dabei tauchten wiederholt mythologische Motive auf, die unabhängig von Bildung und Erziehung des Einzelnen die gleichen waren - die sogenannten Archetypen.
Nach Jung können die Archetypen als Grundstrukturen menschlicher Erfahrung definiert werden, deren Wirkung sich analog zu den ihnen entsprechenden Situationen des menschlichen Lebens entfaltet. Wenn ein bestimmter Archetyp allerdings unterdrückt wird, tauchen zwei Schattenwesen auf, die Antipoden zueinander sind. Man kann es auch so formulieren: Ein Archetyp vereinigt alle Aspekte - die negativen wie die positiven - des Motives, welches er repräsentiert.
Im Falle des Archetyps der Großen Mutter sind die typischen Eigenschaften "(...) das Mütterliche schlechthin, die magische Autorität des Weiblichen; die Weisheit und die geistige Höhe jenseits des Verstandes; das Gütige, Hegende, Tragende, Wachstum, Fruchtbarkeit und Nahrung Spendende; die Sätte der magischen Verwandlung, der Wiedergeburt (...); das Geheime, Verborgene, das Finstere, der Abgrund, die Totenwelt, das Verschlingende, Verführende und Vergiftende, das Angsterregende und Unentrinnbare."2
Wenn also die Schatten des Unterbewußtseins nicht integriert werden, wenn nicht der Archetyp in seiner Ganzheit angenommen wird, manifestiert sich dieser Schatten - allerdings verzerrt, weil er gewaltsam unterdrückt und dadurch auch gewaltsam wieder erscheint - in der materiellen Welt.

Nach Lietaers Auffassung ist genau dies auch der Fall. Der Archetyp der Großen Mutter wurde seit Beginn der bekannten Menschheitsgeschichte, seit 6000 Jahren, gewaltsam unterdrückt. Dies begann im Westen mit der indo-germanischen Völkerwanderung, verstärkt durch die Anti-Göttin-Haltung im Juden-und Christentum mit Höhepunkten in drei Jahrhunderten Hexenverfolgung bis hin zur Viktorianischen Epoche.
Der manifestierte Schatten in der Gesellschaft ist aufgrund des langen Zeitraums der Unterdrückung gewaltig. Die Schatten der Großen Mutter manifestieren sich nach Lietaers Theorie als Gier und Angst vor Knappheit (und nach meiner Auffassung auch noch als verzerrtes Extrem am anderen Ende der Achse der Eigenschaften des Archetyps der Großen Mutter: als materieller Überfluß, von dem man nahezu erstickt wird).
Jemand, der den Archetyp der Großen Mutter darstellt, d.h. ihn in seiner Persönlichkeit erkannt und integriert hat, der vertraut auf die Fülle des Universums; nur derjenige, der kein Vertrauen hat, braucht ein dickes Bankkonto.

"Der erste Mensch, der damit begonnen hat, als Schutz gegen die Unwägbarkeiten der Zukunft eine Menge Güter anzuhäufen, mußte damit automatisch seinen Besitz gegen den Neid und die Bedürfnisse anderer Menschen verteidigen. Wenn eine Gesellschaft Angst vor Knappheit hat, wird sie eine Atmosphäre schaffen, in der die Ängste wohlbegründet sind. Es handelt sich hier um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung."3

Der Vorwand für Kommunikation
Die Angst vor Mangel, die Folge unseres Geldsystems, erzeugt Gier und das Horten von Geld. Dadurch wird dem Geldkreislauf Geld entzogen, was wiederum Knappheit und somit Mangel nach sich zieht (siehe auch Fließendes Geld und Heilung des sozialen Organismus). Dieser fatale Teufelskreis, der unermäßlichen Reichtum auf der einen und Armut auf der anderen (90% der Menschen betreffenden, siehe auch Die Kassen sind leer, wo ist das Geld?) Seite erzeugt, hat noch eine andere, zwischenmenschliche Folge. Es setzt neben dem Mangel an Geld auch der Mangel an Kommunikation ein.
In einem Geldsystem, welches im Gegensatz dazu auf Fülle und Freigiebigkeit basiert, kann es somit kein Horten und keinen Mangel geben. Diese Idee des Gebens statt des Nehmens werden nach Lietaer in einer Gemeinschaft gelebt. Das Wort Gemeinschaft (communitiy) kommt aus dem Lateinischen. "munus" bedeutet "Geschenk" und "cum" bedeutet "zusammen, miteinander". Somit heißt Gemeinschaft im ureigensten Sinne "untereinander schenken".
Dies ist auch die Philosophie, die hinter dem Gedanken der lokalen Währungen steht: Sie erleichtern den Austausch von Geschenken.
Lokale Währungen wurden, wie oben beschrieben, initiiert, um Beschäftigung zu erzeugen, wohingegen nach Lietaers Beobachtungen heute auch lokale Währungen vor allem deswegen gegründet werden, um Gemeinschaft zu bilden.
"Zum Beispiel würde ich mir sehr sonderbar vorkommen, wenn ich einen Nachbarn am Ort anrufen und zu ihm sagen würde: Ich habe bemerkt, daß Sie viele Birnen an Ihren Bäumen haben. Kann ich sie holen? Ich hätte das Gefühl, daß ich eine Gegenleistung anbieten müßte. Doch wenn ich ihm meine knappen Dollars anbieten würde, könnte ich ebensogut gleich in den Supermarkt gehen; im Endeffekt würden seine Birnen nicht verwendet. Wenn ich aber eine lokale Währung habe, gibt es keine Knappheit im Tauschmittel; so gesehen sind die Birnen ein Vorwand, miteinander zu kommunizieren."4

Natürlich muß bei einer lokalen Währung gewährleistet sein, daß die menschlichen Grundbedürfnisse wie z.B. Nahrung und Unterkunft befriedigt werden können. Lietaer sieht in dieser Hinsicht keine Probleme. Denn es findet sich immer jemand, der gerne gärtnert und im normalen Wirtschaftssytem arbeitslos wäre. Seine Gartenprodukte würden mit lokaler Währung bezahlt werden, die der Käufer, durch Anbieten anderer Dienste, auch erwerben könnte. Hier zeigt sich schon bald, was lokal ist und was nicht. Ein großer Supermarkt wird nur "Dollars" akzeptieren, der "Tante Emma-Laden" nimmt aber genausogerne lokale Währung an. Diese Währung kann genausogut in Stunden verrechnet werden, wie dies Tauschringe praktizieren.
In Frankreich gibt es beispielsweise etwa 300 Tauschringe, die "grain de sel" (Salzkorn) genannt werden. Sie wurden gegründet, als die Arbeitslosenquote bei 12% lag und erleichtern den Austausch von allen möglichen Dingen, von der Miete bis zu organischen Produkten (siehe auch Tauschringe). Alle zwei Wochen gibt es in Ariège, in Südwestfrankreich, ein großes Fest. Die Menschen kommen nicht nur deshalb zusammen, um mit Käse, Früchten oder Kuchen zu handeln, sondern auch um Stunden auszuhandeln für Klempnerarbeiten, Haarschnitte, Segel- oder Englischunterricht, die ausschließlich mit lokaler Währung zu bezahlen sind. Es gibt somit keinen Mangel an Geld und Arbeit, was nicht heißt, daß die Währung unbegrenzt ist. Niemand hat 500.000 Stunden zu vergeben. So gibt es eine natürliche Begrenzung, aber keine künstliche Knappheit. Anstatt im Wettbewerb gegeneinander zu kämpfen hilft dieses System zu kommunizieren und zu kooperieren.
Somit gewinnen kleine, lokale Einheiten wieder mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit und so auch ihr kulturelles Leben zurück.
Lietaer sieht lokale Währungen als ergänzende Währung im Geldsystem, die den Weg zur lokalen Nachhaltigkeit ebenen.

Lokale Währung als Pufferzonen gegen Instabilität das globale Währungssytem
Lietaer führt aus, daß die heutige Geldordnung kaum noch etwas mit der realen Wirtschaft zu tun hat. 1995 betrug der Tagesumsatz der ausgetauschten Währungen weltweit die Summe von 1,3 Billionen (1300 Mrd) US-Dollar, was 30 mal mehr als das tägliche Bruttosozialprodukt aller entwickelten Länder der Welt zusammen ist.
"Das jährliche Bruttosozialprodukt der USA wird auf den Finanzmärkten in drei Tagen erreicht. Von diesem Volumen werden nur zwei bis drei Prozent für die reale Wirtschaft (Handel, Investitionen usw.) benötigt. Der Rest wird verschwendet im Spekulationsgeschäft des globalen Cyber-Casinos. Die reale Wirtschaft wurde degradiert zu einer reinen Dekoration auf dem Spekulationskuchen."5

Desweiteren zeigt Lietaer auf, daß die Regierungen keine Macht mehr haben und das wirtschaftliche wie politische Geschehen von den Finanzmärkten regiert wird. Wenn eine Regierung etwas beschließt, was den Finanzmäkten nicht gefällt, setzt einfach eine Finanzkrise in der betreffenden Währung ein wie 1991 bei den Briten, 1994 bei den Franzosen und 1995 bei den Mexikanern.

"Ein paar hundert Menschen, die weder gewählt wurden noch irgendeine kollektive Verantwortung tragen, entscheiden u.a., wie viel Ihr Pensionsfond wert ist."6

Eine 50/50 Chance sieht Lietaer, daß dieses labile Spekulationsgebäude in den nächsten fünf bis zehn Jahren einstürzen wird. Selbst wenn in dieser Krisensituation alle Zentralbanken beschlössen, zusammen zu arbeiten (was allerdings nie geschehen würde), und alle ihre Reserven einsetzten, um die Krise zu meistern, hätten sie doch nur Mittel in der Größenordnung der Hälfte des Tagesumsatzes der Finanzmärkte um die Währungen zu stabilisieren. Im Gegensatz dazu könnte sich der Tagesumsatz an einem Krisentag an den Finanzmärkten verdoppeln oder verdreifachen, so daß die Reserven sämtlicher OECD-Zentralbanken nur für zwei bis drei Stunden reichten.
Dabei würde es sich bei diesem Zusammenbruch nicht nur um eine Wirtschaftkrise, wie die z.B. von 1929, handeln. Die Tragweite wäre viel weitreichender. Lietaer führt als historisches Beispiel den Zusammenbruch des Römischen Reiches an, das auch die Römische Währung beendete. Allerdings dauerte es damals noch 150 Jahre, bis das ganze Römische Reich untergegangen war - heute würde es nur einige Stunden dauern.
Das Gute an lokalen Währungen ist, daß Menschen ihr eigenes Geldsystem schaffen ohne eingebauten Knappheitsfaktor. Sie brauchen kein Geld von irgendwoher, um Tauschhandeln mit dem Nachbarn zu treiben.
Gerade deshalb sind lokale Währungen so wichtig, denn sie stellen ein Bollwerk gegen eine Krise der globalen Wirtschaft dar und würden, wie oben erwähnt, Umweltschutz und Kultur fördern.


Ausblick
Lietaer sieht in den lokalen Währungen die Möglichkeit, die größten Probleme, die heute die Menschheit hat, zu lösen. Diese sind auf der einen Seite die Ungleichheit und auf der anderen Seite der Zusammenbruch sozialer Gemeinschaften. Denn diese Faktoren schaffen Spannungen, die sich in Gewalt und Kriegen entladen. Wenn bewußt Währungen geschaffen werden, die Gemeinschaft und Nachhaltigkeit fördern, kann man diese Problme in den Griff bekommen.
Die Zeit ist dafür reif; in den vergangenen Jahrzehnten haben wir ein Wiedererwachen des weiblichen Archetyps erlebt, sowohl in der Frauenbewegung, als auch im Bereich der Ökologie, in den Bewegungen zur Integration von Geist und Materie. Der Paradigmenwechsel spiegelt sich auch in den neuen Technologien wieder, die erlauben, Hierachien durch Netzwerke wie z.B.das Internet, zu ersetzen.
Heute haben wir das erste Mal in der Menschheitsgeschichte die Möglichkeit, aufgrund von Produktionstechnologien, Überfluß schaffen zu können. Dies in Verbindung mit dem Wechsel des Archetyps - also einer eher matriachal ausgerichtete Gesellschaft - erlaubt uns, bewußt ein Geldsystem zu schaffen, welches für uns arbeitet, das Nachhaltigkeit zum Ziel hat und Gemeinschaft auf lokaler und globaler Ebene fördert. Nach Lietaer sind diese Ziele in weniger als einer Generation zu erreichen, "ob wir sie tatsächlich erleben, wird davon abhängen, inwieweit wir fähig sind, miteinander zu kooperieren, um unser Geldsystem neu zu erfinden."7
Literatur:

1 Interview mit Bernard Lietaer in der Zeitschrift Zeitpunkt, Nummer 39, S.
2 C.G. Jung, Grundwerke, Bd.2., S.149
3 Interview mit Bernard Lietaer in der Zeitschrift Zeitpunkt, Nummer 39
4 ebd.
5ebd.
6ebd.
7ebd.
Museion 2000 - Kulturmagazin. Glaube, Wissen, Kunst in Geschichte und Gegenwart, Ausgabe 2/92

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung eines mit Bernard Lietaer geführten Interviews in der Zeitschrift Yes! Journal of Positive Futures. Sie erscheint vierteljährlich als werbefreies Themenheft und kostet im Abo US$ 31,- (Übersee). Yes, PO Box 10818, Brainbridge Island, WA 98110, USA.
Eine deutsche Übersetzung (von Erika Riemer-Noltenius) des Gesprächs mit Sarah van Geldern und Bernard Lietaer fand erstmals in der Nummer 39 der Zeitschrift Zeitpunkt statt.


wieder holis.de
Wachstum, bis die Umwelt stirbt - welche Rolle rolle spielt das Geld?
von Helmut Creutz


Kreislauf- oder Wachstumswirtschaft

Wasser- und Bodenvergiftung Ressourcenverbrauch - Müll-Lawinen - Ozonschichtzerstörung Wald- und Artensterben Gefahr einer Klimakatastrophe
Diese und ähnliche Hiobsbotschaften gehören inzwischen zum täglichen Vokabular der Medien und Politiker. Jeder weiß von den Gefahren, die mit diesen Informationen verbunden sind - trotzdem läuft alles in der gleichen Richtung weiter. Wir verhalten uns wie Reisende in einem Bus, die sehenden Auges auf den Abgrund zurollen ohne zum Bremsen aufzurufen. Manche fordern sogar lautstark ein Beibehalten der Richtung und bejubeln die zunahmende Geschwindigkeit, mit der das Fahrzeug weiter in die Katastrophe fährt.
Ist ein solches Verhalten eigentlich erklärbar? Können wir nicht anders reagieren als Lemminge, die sich selbstvernichtend in die Tiefe stürzen? Zwingen auch uns bestimmt Mechanismen zu einem solchen Fehlverhalten?


Was sind die Ursachen?
Daß alle eingangs angesprochenen Problementwicklungen mit unserem materiellen Verbrauch zusammenhängen, liegt auf der Hand. Verständlich, daß dafür bestimmte Versorgungsgrößen notwendig sind und bei Mangel auch Leistungssteigerungen. So mußten wir beispielsweise nach dem Krieg in die Hände spuken, um das sinnlos Zerstörte wieder aufzubauen. Aber bereits in den sechziger Jahren war unsere Versorgung mit allen Gütern wieder ausreichend gesichert. Die meisten Menschen waren mit dem erreichten Wohlstand zufrieden, der damals schon denjenigen der Vorkriegszeit übertraf. Warum mußten wir trotzdem die Mengen an produzierten und verbrauchten Gütern noch einmal mehr als das Doppelte steigern? Ja, warum mußte sich 1967, als die Bürger aufgrund der Sättigungen konsummüder wurden, der Staat in einem Gesetz verpfichten, seinerseits für weiteres Wirtschaftswachstum zu sorgen? Waren diese staatlichen Wachstumsförderungen, die nur mit unseren Steuergroschen finanziert werden konnten, eigentlich in unserem Sinn? Die in den Sand gesetzen Milliarden für den Schnellen Brüter, den Hochtemperaturreaktor, die WAA in Wackersdorf und anderswo? Oder die Milliardenausgaben für den im Weltall kreisenden Raumfahrtmüll, für die immer teurer werdenden Rüstungsgüter oder den umweltzerstörenden Rhein-Main-Donau-Kanal, den selbst ein Bundesminister einmal als "das dümmste Bauwerk seit dem Turm von Babel" bezeichnet hat? Und nehmen wir die negativen Folgen und Folgekosten jedes weiteren Wirtschaftswachstums nicht schon längst rascher zu als dessen fragwürdigen Vorteile? Warum setzen alle Regierungen in den Industrienationen, ob rot oder schwarz, ob gewählt oder nicht gewählt, trotzdem immer auf Wachstum? Und warum zittern unseren Politikern bereits die Knie, wenn jemand für eine stabilisierte Wirtschaftsleistung plädiert, die man bewußt mit dem Begriff "Nullwachstum" diffamiert?

Es muß für dieses irreale Verhalten irgendwelche Gründe geben! Denn jeder Mensch weiß schließlich, daß es ihm bei gleichbleibender Leistung und gleichbleibendem Einkommen nie schlecht oder schlechter gehen kann.

"Der Traum von einer ökologischen Kreislaufwirtschaft mit sanften Technologien wird also so lang unerfüllbar bleiben, wie die Geldvermögen weiter wachsen und über Kreditwährungen zurückgeführt werden müssen. Die Geldvermögen werden so lange wuchern, wie die Zinsen nicht wie andere Knappheitspreise den Sättigungsgesetzen der Märkte unterliegen."

Er kann bei gleichbleibendem Einkommen sogar seinen materiellen Wohlstand weiterhin vergrößern, jeders Jahr seinen Kleider-, Bücher- oder Geschirrschrank noch mehr füllen, sofern etwas hineinpaßt. Oder er kann, wenn ihm das Erreichte genügt, seine Arbeitszeit verkürzen, weniger produzieren und damit die Umwelt entlasten. Doch warum geht das heute nicht? Warum malen unsere Politiker Armut, Arbeitslosigkeit und Zerstörung der Gesellschaft an die Wand, wenn wir unsere Leistung nicht laufend steigern? Und wie kommt es trotzdem zu einer Zunahme von Armut und Arbeitslosigkeit, wie die Wirklichkeit in aller Welt beweist?


Das Wachstum in der Natur
In der Natur gibt es kein grenzenloses Wachstum. Alle gesunden Wachstumsvorgänge, so rasch sie auch beginnen mögen, tendieren vielmehr zur Verlangsamung und kommen bei einer bestimmten optimalen Grenze schließlich zum Stillstand.
"Kein Baum wächst in den Himmel", sagt bereits ein Sprichwort. Auch das Wachstum des Menschen, so explosiv seine Entwicklung im Mutterleib und in den ersten Lebensjahren auch verläuft, hört mit 18 oder 20 Jahren auf.
Und das aus gutem Grund! Denn würde der Mensch über seine optimale Grenze hinaus ständig weiterwachsen, würde er an seiner eigenen Übergröße zugrunde gehen. Irgendwann käme er nicht mehr vom Boden hoch, und seine Organe würden sich gegenseitig zerquetschen.



Darstellung 1: Unterschiedliche Wachstumsabläufe

Wir können daraus die Regel ableiten, daß es für jedes natürliche und gesunde Wachstum immer eine optimale Grenze gibt. Nur krankhafte Wachstumsprozesse, wie z.B. bei Tumoren, mißachten diese Regeln und zerstören damit sich selbst und den Organismus, in dem sie angesiedelt sind.
In Darstellung 1 ist der Ablauf eines natürlichen Wachstumsprozesses jenem krankhaften, sich beschleunigenden gegenübergestellt. Auch die dritte dargestellt Möglichkeit, eine gleichbleibende lineare Entwicklung, ist in einer begrenzten Welt bereits unmöglich. All dies gilt auch für die Entwicklung der Menschheit, wenn sie sich auf die bisherige Weise weiter vermehrt. Das gilt jedoch genauso, wenn sie – ohne eigene Vermehrung - ihre materiellen Ansprüche ständig auszuweiten versucht. Bedenkt man, daß sich in den letzten 150 Jahren die Weltbevölkerung verfünffacht hat, die Industrieproduktion jedoch verfünfzigfacht, wird die Bedeutung unserer ständigen Mehransprüche für die Selbstgefährdung unseres Lebens erkennbar.



Darstellung 2: Beim Überwachstum eines Teiles stirbt der gesamte Organismus

Es gibt jedoch noch eine zweite Regel, die wir in der Natur entnehmen können: Organismen bleiben nur stabil, wenn sich alle ihre Teile mit ihrer Entwicklung am Ganzen orientieren. Das heißt, bei einem Baum müssen die Wurzeln, der Stamm und die Krone im Gleichschritt miteinander wachsen, wie Darstellung 2 schematisch wiedergibt. Wächst dagegen eines der drei genannten Teile alleine weiter, wie die Krone in der Darstellung, muß der Baum zugrunde gehen. Bei Menschen trifft das für die Körperteile wie die inneren Organe genauso zu. Würde die Leber beispielsweise rascher wachsen als der gesamte Organismus oder nach dem zwanzigsten Lebensjahr alleine weiterwachsen, wären Komplikationen, Krisen und der schließliche Kollaps unvermeidlich.


Die Regeln des Wachstums
Die in der Natur geltenden Wachstumsregeln kann man wie folgt zusammenfassen:


In einem begrenzten Raum kann es kein grenzenloses Wachstum geben.
Für jedes gesunde und natürliche Wachstum gibt es eine optimale Obergrenze.
Alle Teile eines Organismus müssen sich in ihrer Entfaltung am Ganzen orientieren
Alle Entwicklungen, die diese naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten mißachten, sind zum Zusammenbruch verurteilt.
Diese vorgenannten Wachstumsregeln gelten nicht nur für die biologischen Organismen. Sie gelten auch für wirtschaftliche Organismen und Entwicklungen. Eingebunden in die Umwelt, können sie sich den natürlichen Gesetzen und Rückkopplungsprozessen nicht entziehen. Untersucht man daraufhin die wirtschaftlichen Entwicklungen, dann zeigt sich, daß im Geschehen der Wirtschaft diese Regeln allesamt mißachtet werden: Man handelt trotz aller Erkenntnisse so, als ob die Erde endlos ist. Auch die Entwicklung unserer Produktionsmengen läßt keine nachlassende Tendenz erkennen, keine optimale Grenze, an der sie haltgemacht hat oder haltmachen würde. Verletzt wird ebenfalls die Regel, nach der sich alle Teile eines Ganzen im Gleichmaß entwickeln sollen. Bezogen auf die Ansprüche aller Wirtschaftsteilnehmer, heißt das zum Beispiel, daß diese nur im Gleichschritt mit der Wirtschaftsleistung wachsen dürfen. Nimmt das Sozialprodukt beispielsweise um drei Prozent zu, dann dürfen auch die Kapital-, Arbeits- und Staatseinnahmen nur um drei Prozent zunehmen. Stagniert die Zunahme, muß jeder mit einem gleichbleibenden Anteil zufrieden sein. Vergleicht man jedoch die Ansprüche des Geldkapitals mit der Wirtschaftsleistung, dann wird eine gravierende Auseinanderentwicklung sichtbar.


Das Wachstum in der Wirtschaft


Darstellung 3

Wie aus Darstellung 3 ersichtlich, ist das reale (also inflationsbereinigte) Bruttosozialprodukt in der Bundesrepublik von 1959 bis 1995 auf das sechsfache angestiegen, die Geldvermögen jedoch auf das 23fache.
Diese Auseinanderentwicklung zwischen dem realen und dem monetären Bereich stellt eine Verletzung der eingangs genannten zweiten Wachstumsregel dar, nach der sich alle Teile eines Ganzen im Gleichschritt miteinander entwickeln müssen, wenn der ganze Organismus stabil bleiben soll. Die Verletzung dieser Regel führt nicht nur zu zunehmenden Spannungen innerhalb eines wirtschaftlichen Gefüges, sondern hat auch gravierende Folgen für den sozialen wie den ökologischen Sektor.


Die sozialen Fragen der Überansprüche des Geldkapitals
Einen Kuchen kann man nur einmal essen. Wird der zur Verteilung anstehende Kuchen größer, können alle Anteilberechtigten auch ein größeres Stück bekommen. Verlangt jedoch einer ein noch größeres Stück, bleibt den anderen weniger übrig. Das gilt auch für den Leistungskuchen, den wir jedes Jahr unter uns verteilen können. Beansprucht davon einer der Beteiligten jedes Jahr ein größeres Stück, ohne Rücksicht darauf, ob der Kuchen ausreichend oder überhaupt gewachsen ist, wird der Kuchenrest, den die anderen unter sich verteilen können, entsprechend kleiner.
Da der Staat weitgehend nur im nachhinein an der Verteilung beteiligt ist, wird der Wirtschaftskuchen weitgehend zwischen Kapital und Arbeit aufgeteilt. Dabei hat das Kapital immer den Erstanspruch, da es ohne dessen Zurverfügungstellung in unserer Wirtschaftsform zu keinen Investitionen und Produktionen kommt. Außerdem liegt der Prozentsatz dieses Erstanspruchs, also der Satz, mit dem es zu Verzinsen ist, schon vorher fest. Und dieser festgelegte Prozentsatz muß beim Geldkapital unausweichlich eingehalten werden, da es sonst zu seinem Rückzug aus dem Wirtschaftsgeschehen kommt. Da aber seit Jahrzehnten die Geldvermögen bei uns rascher zunehmen als die Wirtschaftsleistung, beansprucht das Geldkapital von Jahr zu Jahr einen höheren Anteil von dem Leistungskuchen. So mußten 1995 mit jeder Mark Sozialprodukt fast fünfmal so viele Zinsen erwirtschaftet werden wie Anfang der 50er Jahre. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Sozialprodukt ausreichend, ungenügend oder gar nicht gewachsen ist.
Die Verzinsung des Geldvermögens bewirkt also eine laufende Verschiebung der Einkommen von den Arbeitenden zu den Besitzenden. Wollen die Arbeitsleistenden nicht ärmer werden, müssen sie also versuchen, den Leistungskuchen jedes Jahr größer zu backen, mindestens um den Anteil, den das Geldkapital für seine Verzinsung mehr davon verlangt. Die dazu erforderlichen Leistungssteigerungen sind aber immer weniger möglich. Nicht nur weil die Arbeitsleistung des Menschen wie auch seinen Ansprüchen Grenzen gesetzt sind, sondern vor allem wegen der Umweltfolgen.


Welche Größenordnungen haben die Umverteilungen?
Darstellung 4

In welchem Umfang die Zinsbelastungen und damit die Einkommensumverteilung zugenommen haben, geht aus Darstellung 4 hervor. In ihr sind die durchschnittlichen verfügbaren Einkommen je Erwerbstätigen bzw. je bundesdeutschen Haushalt den jeweils zu bedienenden Schuldensäulen gegenübergestellt, die im Gleichschritt mit dem Geldvermögen wachsen bzw. wachsen müssen. Denn wenn die Einkommensüberschüsse, die sich vor allem durch die Zinserträge bei der Minderheit sammeln, nicht wieder über Kredite in den Geld- und Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden, kommt es durch Geldmangel zu einer deflationären Rezession.
Wie aus der Darstellung ersichtlich, mußte 1950 jeder Arbeitsleistende rund 200 DM für die Zinsbedienung des Geldkapitals bzw. der Verschuldung erwirtschaften, 1970 waren es bereits 2100 DM und 1990 11800 DM: Inzwischen (1995) sind diese geldbezogenen Zinslasten je Erwerbstätigen auf 17000 DM angestiegen. Davon entfällt rund ein Drittel auf die Verschuldung der öffentlichen Haushalte, das Gros jedoch auf die Bedienung der Schulden in der Wirtschaft. Im Verhältnis zu den ebenfalls gewachsenen verfügbaren Einkommen muß heute jeder Erwerbstätige viermal so lange für diese zu erwirtschafteten Zinsen arbeiten wie Anfang der 50er Jahre. Während damals dafür noch drei Wochen reichten, waren es 1970 sieben und 1990 bereits elf Wochen. Inzwischen sind rund 13 Wochen erforderlich, also ein Vierteljahr.
Alle diese Zinsleistungen sind überwiegend in den Preisen, Steuern und Gebühren versteckt. Lediglich sechs Prozent werden von den Endverbrauchern für sie selbst aufgenommenen Konsumentenschulden direkt aufgebracht. Und da mit den gezahlten Schuldenzinsen die Zinseinkünfte bei jenen steigen, die bereits zuviel Geld hatten und es verleihen konnten, kommt es zu einer weiteren beschleunigten Zunahme und Konzentration des Geldvermögens bei den bereits wohlhabenden Minderheit.
Aufgrund dieser überproportionalen Entwicklung der Geldvermögen und Schulden fallen die Arbeitseinkommen gegenüber den Zinseinkommen zwangsläufig immer mehr zurück. Schon vor Jahren hat der damalige Gewerkschaftsvorsitzende, Ernst Breit, die Zunahme der "verschämten Armut" wie des "unverschämten Reichtums" beklagt, wenn auch ohne Benennung der Ursachen. Auch der Sozialsenator der Stadt Hamburg, Ortwind Runde, stellte im Jahr 1994 die Überzunahme der Sozialhilfeempfänger wie der Millionäre in seiner Stadt fest. Wenn diese Diskrepanzzunahme zwischen Arm und Reich nicht abzubremsen sei, so meinte er weiter, würden uns bald "lateinamerikanische Verhältnisse" drohen.


Die Folgen für die Umwelt?
Da mit dieser Scherenöffnung zwischen Vermögen und Leistung, Arm und Reich die Spannungen zunehmen, ergibt sich für die Politik ein mehrfaches Dilemma: Führt man die Geldvermögenszuwächse aus Zinsen in Höhe von fast einer Milliarde DM täglich nicht über Kreditausweitungen wieder in die Wirtschaft zurück, kommt es zu einer bereits deflationären Rezession. Weitet man jedoch die Verschuldung in Wirtschaft und Gesellschaft jeden Tag in diesem Rahmen aus, führt das zu einer immer größeren Überschuldung mit weiter steigenden Einkommensumschichtungen und damit zum sozialen Kollaps. Versucht man dieser Zwickmühle durch ein größeres Wirtschaftswachstum zu entkommen, droht uns der ökologische Zusammenbruch. Da man jedoch den sozialen Kollaps mehr fürchtet als jenen der Natur (sterbende Bäume haben bei den Wahlen keine Stimme), macht man vor den Folgen der Umwelt die Augen zu und setzt auf weiteres Wachstum.
Aus unserer Geldordnung resultiert also nicht nur ein Zwang zur Überschuldung, sondern ebenso ein Zwang zu dauerndem Wirtschaftswachstum. Dieser Wachstumstrend wird von den Politikern jedoch nicht nur unterstützt, um die sozialen Spannungen noch eine Weile erträglich zu halten, sondern auch um die laufend größer werdenden Zinsbelastungen des Staates tragbarer zu machen. Der größte Zwang zum Wachstum ergibt sich jedoch bei den Verschuldeten. Gleichgültig, ob Privatmann, Unternehmer oder Staat: Sie alle haben immer nur die Wahl, entweder die Leistung zu steigern oder den Gürtel enger zu schnallen bis hin zum Offenbarungseid. Doch da alle die zweite Alternative fürchten, versuchen sie den Wachstumsweg zu gehen.
Die Ursache unserer vielschichtigen Probleme und Problemzunahmen ist also nicht nachlassendes Wirtschaftswachstum (wie Politiker und Wirtschaftswissenschaftler immer wieder behaupten!), sondern der Tatbestand, daß die Zinssätze - und damit die Wachstumsraten der Geldvermögen und Schulden - nicht mit der Wirtschaftsleistung absinken!
Wenn wir eine weitere Zunahme der Probleme verhindern wollen und eine ökologische Kreislaufwirtschaft anstreben, kommen wir um eine Befassung mit unserer Geldordnung nicht herum. Denn ohne eine Korrektur der darin enthaltenen Fehlstrukturen können die zunehmenden sozialen Spannungen nicht überwunden werden. Und ohne Überwindung der sozialen Spannungen besteht keine Hoffnung, den Wachstumswahn zu überwinden, der uns heute täglich mehr in den ökologischen Kollaps treibt. Das heißt: Nur bei einem Zins um Null ist eine wachstumsfreie Wirtschaft ohne ökonomische und soziale Krisen möglich. Nur dann erhalten Umwelt uns wir selber eine Überlebenschance.

Der schweizerische Ökonom Hans-Christoph Binswanger, ein Wirtschaftswissenschaftler, der sich intensiv mit Umweltfragen befaßt, hat die vorgenannten Notwendigkeiten bereits vor einigen Jahren auf den Punkt gebracht:

"99 Prozent der Menschen sehen das Geldproblem nicht. Die Wissenschaft sieht es nicht, die Ökonomie sieht es nicht, sie erklärt es sogar als "nicht existent". Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine wirkliche ökologische Wende möglich."

Jeder kann mithelfen, daß diese Erkenntnis Raum gewinnt!



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Was treibt Dich um @SittingBull? Ich habe über diese Themen schon ziemlich viel gelesen. Was fasziniert Dich an diesem Thema so?!

Willst Du Wirtschaftsminister werden?
Keine Ahnung!

Am ehesten kann ich es so beschreiben...

Es ist ein Gefühl, hier ist etwas nicht in Ordnung.
Die meisten wissen es nicht, sie spüren es zwar, wollen es aber nicht wahrhaben, sondern Verdrängen die Problematik lieber. Die. die es wissen, sehen sich machtlos, sie wissen zwar, dass ihr Weg der bessere Wäre, ohne dem gleich eine Heilslehre gleichzusetzen, doch es hat keiner der Mächtigen Interesse dran.

Wenn wir alle den Kopf in den Sand stecken, wird sich nichts ändern.

Wenn wir etwas tun, haben wir zumindest die moralische Rechtfertigung, nicht einfach nur zugeschaut zu haben,
als sich millionenfaches Leid und vielleicht sogar der Untergang der Verwirklichung des Prinzips Leben anbahnten...

Es liegt sicher an meiner Herkunft, dass ich außerdem so bin wie ich bin.
Ein Eigeninteresse habe ich außer dem Wissen über alle Zusammenhänge nicht!
sittinBull zuviel Geld ist geparkt. Das ist alles.
Es gibt hier eine ganz einfache Formel.

Je schneller Geld sich dreht, je schneller wachsen die Zinsen. Ja langsamer Geld sich dreht, umso stärker gehen die Zinsen zurück. Und wenn das Kapital geparkt ist, und der Konsum(langlebige und kurzlebige Wirtschaftsgüter) auf breiter Ebene zurückgeht, dann beginnt ein Teufelskreislauf.

Die Wirtschaft fängt an zu lahmen. Das Kapital befindet sich in zu wenigen hochvermögenden Händen. Je öfter solche Zyklen wiederkehren, umso weniger aber dafür Vermögendere besitzen dieses Kapital.

Jetzt, wenn es wieder aufwärts gehen sollte, muß frisches Geld ins Spiel gebracht werden...weißt Du wie´s funktioniert?
Ja, wir drucken welches, geben es für die Rüstung aus und vernichten gleichzeitig bereits bestehende Sachgüter durch Krieg.

So war es bisher jedenfalls immer :rolleyes:


Daher ist die Entwicklung mit den USA auch kein Zufall!
Und jetzt schau mal, @SittingBull ich habe was für Dich! Nimm einfach mal die Formel aus Deinem Posting#2 und berechne ganz einfach 4,5% Zins auf 20 Jahre.

Gottseidank aber investiert ALBRECHT noch und parkt diese Gewinne nicht gänzlich in Grundschuldverschreibungen. Dadurch erzielt er eine noch viel höhere Rendite!!!!
FAST 10%!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Das ist doch super! Und das Geld dreht sich sehr,sehr schnell!

`Lebensmittel Zeitung`: Aldi schließt 2001 mit Milliardengewinn ab
FRANKFURT/ESSEN (dpa-AFX) - Deutschlands größter Discounter Aldi hat nach Berechnungen der "Lebensmittel Zeitung" (LZ) das Jahr 2001 mit einem milliardenschweren Vorsteuergewinn abgeschlossen. Beide Aldi-Gesellschaften Nord und Süd hätten ihren Umsatz zusammen um elf Prozent gesteigert, berichtete die Zeitung am Freitag in Frankfurt am Main. Die Unternehmen waren bis zum Nachmittag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Aldi Nord (Essen) erwirtschaftete bei 10 Milliarden Euro Umsatz einen Vorsteuergewinn von 428 Millionen Euro, wie das Blatt meldet. Aldi Süd (Mülheim/Ruhr) erzielte bei 10,3 Milliarden Euro Umsatz 667 Millionen Euro Vorsteuergewinn.

Die Zahlen ergäben sich aus den mittlerweile vorliegenden Bilanzen der 61 Vertriebsregionen des Discounters. Hinzu kämen noch erhebliche, nicht veröffentlichte Erträge aus Finanz- und Immobiliengeschäften.

Die beiden medienscheuen Unternehmen veröffentlichen traditionell keine Konzernzahlen. Beide Unternehmen agieren national wie international in unterschiedlichen Regionen. In Deutschland betreibt Aldi Süd 1.380 und Aldi Nord 2.300 Filialen./tob/DP/bi



info@dpa-AFX.de
Das würde ich als Krisenzeichen deuten, es ist einfach kaum mehr Geld frei verfügbar, so dass jeder Euro genau bei der Ausgabe bedacht wird- "geiz ist geil"

Von daher ist der Erfolg der Discounter nicht verwunderlich...

Wenn es erstmal so weit ist, graben wir uns damit selber unsere Wirtschaft ab...
Hast Du eine Ahnung! Ich wenn der Albrecht wäre, ginge JETZT an die Boerse! Und nun beginnt eine ganz paradoxe Situation!

Das Geld verzehnfacht sich!!!!!
Das heißt: Waren, gewebliche Immobilien, Kredite werden verrechnet, und fließen in die AG ein. Das heißt: Ein gewiefter Unternehmer holt sich Kredite im Vorfeld und läßt diesen Kredit in Inhaber-Aktien wandeln. Er versilbert alles, was nicht zum Kerngeschäft PARKT dieses Kapital(am sichersten in Grundschuldverschreibungen).

Er bezahlt hierfür vergleichsweise wenig Steuern.

Für die Inhaber-Aktie bezahlt er den Nennwert- der Anleger den freien Kurs, der mindestens 10 mal so hoch ist.........

schreib mal weiter...
Den Kredit bringt er wenn er clever ist mit einem höheren Zinssatz unter, den er gewöhnlich bei der Bank bezahlt, da er eine erstklassige Bonität besitzt. Er läßt ihn sich natürlich von den Anlegern zurückbezahlen.

Jetzt läuft die AG...nur leider hat dieses Geschäft bereits eine kritische Masse erreicht. Das hohe zur Verfügung stehende Kapital dient zur Ausweitung (Globalisierung eines Marktes?)

Der Anleger ist Privatmann...dann kommt die Baisse...wer hat das Kapital?
Schau mal, der Anleger sieht dann zumeist so aus:mad: :mad: :mad:

Der AG-Gründer so:;) ;) ;)

Natürlich können Anleger auch Geld an der Börse verdienen...aber meistens verlieren sie....
und weißt Du warum?! Weil sie in Baissezeiten aussteigen!!!
Anstatt billigst in Aktien zu investieren, die eine Perspektive und Dividendenrendite versprechen, sagen sie ich hab mir die Finger verbrannt.

Jene, die das Kapital besitzen, fangen an, sich von einem Teil ihrer Panzerinvestments(Grundschuldverschreibungen) zu verabschieden und Aktien zu kaufen. Das Geld vermehrt sich immer weiter. Der Privatmann hat Geld verloren.

Cu, es hat mich gefreut. Ich wünsche Dir Glück!
Das war wohl so, ist aber auch nur eine Form der Umverteilung!

Und zudem eine, an der man selber Schuld hat, wenn man diesen Weg mitmacht! :rolleyes:
Diese Art der Ansammlung(nicht Umverteilung) läuft seit Jahrhunderten. Oder besser Anhäufung..
Gehe mal davon aus, daß 500 Familien ca. 50% des Weltkapitals besitzen.....
Sehr schön, gleich werden wir bestimmt gesperrt, jetzt, wo du das ausgesprochen hast! :rolleyes:

Und das ist keine Verschwörungstheorie, auch wenn man uns dies erklären wird!
dazu paßt ja ganz gut, das die weltweite Ächtung der Zinsen erst dann von der Kirche aufgehört hat, als man sie selbst in den Besitzstand von Kapital brachte! :rolleyes:
dazu mal etwas selbstgeschriebenes, als ich 17 war! ;)


Der Einkaufswagen

Ich schiebe meinen Einkaufswagen

durch leere Gänge
vorbei an vollen Regalen

nur
um alles zu sehen.

Vielleicht ist
der Einkaufswagen
die genialste Erfindung des letzten Jahrhunderts...

Dieser rote, glatte Griff
mit Namensemblem,
dieses kleine Schild mit Werbung

die kalte Logik des Stahlgitters

und die gut geölten Rollen.

Dieser viele Platz...

Es ist immer
trostlos
wenn nur ein paar Dinge
spärlich den Boden bedecken...

Ich liebe meinen Einkaufswagen!

Schulfach Wirtschaft

Ein paar Prozent Streit

Er wurde gehasst und geliebt, erlaubt und verboten: Eine kleine Geschichte des Zinses

Von Peter Müller

Im Jahr 1932 sah es düster aus in Wörgl am Inn. Hohe Arbeitslosigkeit und dramatische Verschuldung plagten das österreichische 4200-Einwohner-Dorf, als Michael Unterguggenberger, „der Bürgermeister mit dem langen Namen“, wie ihn der US-Ökonom Irving Fisher später nennen sollte, sein Amt antrat. In dieser Situation schlug Unterguggenberger dem Gemeinderat vor, ein Geldexperiment auszuprobieren, das der in Belgien geborene Ökonom Silvio Gesell 1916 in seiner Natürlichen Wirtschaftsordnung beschrieben hatte.

In einem Nothilfeprogramm wurde beschlossen, das „Wörgler Freigeld“ einzuführen, so genannte Arbeitswertscheine, die durch Wechsel und Schillinge gedeckt waren. Dieses neue Geld hatte eine Besonderheit: Derjenige, der Freigeld über längere Zeit auf der Bank ansammelte, bezog keine Zinsen. Vielmehr musste er am Ende jedes Monats eine Benutzungsgebühr entrichten. Ein Negativzins, wenn man so will, der den bestrafte, der Geld hortete.

Das Ergebnis des dörflichen Experiments konnte sich sehen lassen: Der Anreiz, das Freigeld möglichst schnell wieder auszugeben, führte zu raschem Geldumlauf. Hohe Investitionen bewirkten, dass die Arbeitslosigkeit um ein Viertel sank, während sie andernorts weiter anstieg. Durch die Benutzungsgebühr verbuchte die Stadt Einnahmen in Höhe von zwölf Prozent des ausgegebenen Freigeldes. Sogar eine Skischanze konnte sie sich leisten. Als jedoch die Nachbargemeinde Kirchbichl dem Beispiel folgen wollte, wurde die Notenbank unruhig und beendete vor dem österreichischen Verwaltungsgerichtshof den Versuch, auf den Zins zu verzichten.

Das Experiment von Wörgl wird auch heute noch gern von denen angeführt, die von einer zinslosen Gesellschaft träumen. Denn der Zins polarisiert. Christen und Juden hatten seine Erhebung verboten. Klassiker und Keynesianer versuchten, ihm auf den Grund zu gehen. Marxisten und Sozialisten forderten seine Abschaffung. Notenbanker und Politiker stritten um seine Höhe, Adenauer benutzte gar das Bild des Fallbeils, mit dem die Bundesbank die Konjunktur erschlage. Dabei sind die Fragen, die den Zins umranken, so alt wie das Phänomen selbst: Woher kommt er, und warum gibt es ihn überhaupt? Und: Wie ist, um mit dem österreichischen Kapitaltheoretiker Eugen von Böhm-Bawek zu sprechen, der „moralische Schatten“ zu erklären, der dem Zins bis heute anhaftet?

„Gelderwerb gegen die Natur“

Rolle rückwärts, in die Stadt Athen, in die Zeit des Aristoteles. Der Philosoph, der der Ökonomie ihren Namen gab, hat auch die Geschichte des Zinses entscheidend bestimmt. „Das Geborene ist gleicher Art wie das Gebärende, und durch den Zins entsteht Geld aus Geld. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur.“ Aristoteles’ Argument von der Unfruchtbarkeit des Geldes ist der Hauptgrund, warum die Geschichte des Zinses zu einer Geschichte seines Verbotes wird.

Thomas von Aquin sorgte dafür, dass aus dem aristotelischen das kanonische Zinsverbot wurde und berief sich dabei nicht nur auf die Bibel: „Wenn du (einem aus) meinem Volke Geld leihst, einem Armen neben dir, so handle an ihm nicht wie ein Wucherer; ihr sollt ihm keinen Zins auferlegen“, heißt es im 2. Buch Mose. Thomas fasste den Zins, durchaus modern, als Preis für Zeit auf, genauer, als Preis für die Zeit, die der Verleiher auf sein Geld verzichte. Zeit jedoch sei ein Geschenk Gottes, so der Kirchenrechtler, und dürfe nicht verkauft werden. Zudem könne Gewinn durch die Hingabe von Geld nur zulasten des Vermögens anderer erzielt werden. Der gute Christ aber verdiene sein Geld mit Arbeit.

Praktische Erwägungen stärkten das kanonische Zinsverbot. Das Hochmittelalter war keine Zeit des Fortschritts, die Bevölkerungszahlen stagnierten, bahnbrechende Erfindungen blieben aus. In diesem Umfeld dienten Kredite nicht der wirtschaftlichen Expansion, sondern der Überbrückung von Notzeiten. Dafür sollte Kapital kostenlos zu haben sein.

Nichts als Diebe, Räuber und Mörder seien Zinsnehmer für ihn, wetterte Martin Luther, als er die Reformation ihrem Höhepunkt entgegentrieb. Ein gutes Jahrhundert später setzte William Shakespeare dem Wucherer mit dem rachsüchtigen Shylock in Der Kaufmann von Venedig ein umstrittenes literarisches Denkmal.

Doch im 17. Jahrhundert begann mit wirtschaftlichem Aufschwung der Pragmatismus zu obsiegen. Flanderns aufstrebende Handelsstädte ließen sich in ihrer wirtschaftlichen Entfaltungsfreiheit nicht durch Verbote aus antiken Zeiten einengen. Weltliches Wachstum erforderte finanzielle Ressourcen. Dafür war man bereit zu zahlen. Überregional organisierte Kreditmärkte entstanden. Die Amsterdamer Börse wurde gegründet.

Der Zins überdauerte nicht nur das kanonische Verbot, welches Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich aufgehoben wurde. Er überstand auch die Planwirtschaft sowjetischen Zuschnitts und die verquasten Ideen der Nationalsozialisten von einer völkisch motivierten Solidargemeinschaft.

Im Islam sind Aufschläge tabu

Marx sah im Privateigentum an Produktionsmitteln die Quelle der Ausbeutung des Arbeiters. Im Zins, der Bestandteil des Mehrwerts sei, werde dem Arbeiter ein Teil seines Arbeitsertrages vorenthalten. Im real existierenden Sozialismus war der Zins denn auch folgerichtig abgeschafft, offiziell wenigstens. In der Praxis merkte man schon bald, dass man auf seine Steuerungsfunktion bei der Allokation von Geldern nicht verzichten konnte. In der DDR führte Walter Ulbricht den Zins Anfang der sechziger Jahre wieder ein. Im Rahmen des „Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung“, kurz NÖSPL, hieß er nun Produktionsfondsabgabe. Unternehmen hatten dem Staat zwangsweise Kredite abzunehmen und mussten diesen nicht nur mit Teilen ihrer Gewinne, sondern auch durch die Zahlung von Zinsen alimentieren.

Bei den Nationalsozialisten war die Forderung, die „Zinsknechtschaft des Geldes“ zu brechen, fester Bestandteil des Parteiprogramms. Um die Industriebosse an Rhein und Ruhr zu beruhigen, wusste man ideologisch freilich zwischen „schaffendem“ Industriekapital und „raffendem“ Finanzkapital zu unterscheiden. Letzteres bezeichnete als Synonym jüdische Bankiers, die als Sündenbock für Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit dienten.

In der islamischen Gesellschaft gilt der Zins auch heute noch als Fremdkörper. „Und was immer ihr an Riba verleiht, damit es sich mit dem Gut der Menschen mehre, es vermehrt sich nicht vor Allah“; offenbarte der Prophet in Mekka, 622 nach Christus (Sure 30:39). Riba heißt so viel wie ungerechtfertigte Bereicherung und schließt den Zins – bezeichnenderweise – mit ein. Darlehen würden aus Solidarität vergeben, so die Lehre des Islam, nicht aus Profitgier. Geld sei zudem nur als Bote (Tauschmittel) und Richter (Wertmesser) tauglich und dürfe nicht durch Zurückhalten und Verleihen zweckentfremdet werden.

Die moralische Verdammung des Zinses durch die Jahrhunderte beantwortet freilich nicht die Frage, warum es den Zins überhaupt gibt, sondern fordert sie gerade heraus. Warum muss man mehr Geld zurückzahlen, als man bekommen hat, obwohl Geld nicht abgenutzt wird?

Die Frage geht an Hans-Christoph Binswanger, einem emeritierten Professor für Volkswirtschaft an der Universität St. Gallen. Der Mann hat ein Buch über Zins und Gewinn verfasst (Geld und Wachstum) und kann die einzelnen Theorien, die sich um das Phänomen Zins ranken, schnell runterbeten, allerdings nicht, ohne auch gleichzeitig in ihre Kritik einzusteigen.

Für die Klassiker, wie Adam Smith, ist der Zins ein Teil des Profits, den der Schuldner mithilfe von Produktionsmitteln erworben hatte, die durch Kredite finanziert worden waren. Dieser stand nun dem Gläubiger zu. Klingt plausibel und auch Binswanger sagt diese Theorie noch am ehesten zu. Ihr Schönheitsfehler jedoch: Auch derjenige Schuldner hat Zinsen zu entrichten, der keinen Gewinn macht.

Die Neoklassiker wollen den Entleiher belohnen, der auf seinen gegenwärtigen Konsum zugunsten des Schuldners verzichtet. „Man kann aber auch aus anderen Gründen auf Konsum verzichten als nur wegen Zinsen“, sagt Binswanger, „zum Beispiel, um fürs Alter zu sparen.“

Also, zur Seite damit, und das Blickfeld frei für John Maynard Keynes. Der US-Ökonom spricht von Zins als Liquiditätsprämie, die Menschen für die Annehmlichkeit und Sicherheit, die Geld bietet, zu zahlen bereit seien. Geben sie diese Annehmlichkeit auf, verlangen sie nach einer Belohnung – dem Zins. Binswanger freilich überzeugt der Grundgedanke, wonach es eine Prämie für gehaltenes Geld gäbe, nicht: „Wegen der Tatsache allein, dass ich Geld nur halte, kriege ich noch gar nichts.“

Ernüchterndes Ergebnis der Nachfrage: Ökonomen können die Höhe von Zinsen zwar recht einfach berechnen, indem sie einem vom Schuldner abhängigen Risikozuschlag zur Inflation addieren, die sie für die Dauer des Darlehens erwarten. Aber, so Binswanger: „Die Frage, warum es Zinsen gibt, hat die Ökonomie bis heute nicht gelöst. Dies ist eine moralische Frage, die der Ökonom nicht los wird.“ Womit wir beim Anfang wären.


(c) DIE ZEIT 06/2003






http://www.zeit.de/2003/06/Zinsgeschichte
13. Durch Gerechtigkeit zum Frieden [Übersicht]

Angesichts der bislang ungelösten Strukturprobleme des globalen Kapitalismus ist zu befürchten, dass die fortschreitende Polarisierung von Reichtum und Armut und damit die zunehmende Verschuldung in aller Welt weiterhin Zündstoff für soziale Konflikte bleiben wird. Schulden und Inflationen dürften vor allem die Volkswirtschaften des Südens weiterhin ruinieren und Flüchtlingsströme auslösen, die wir erst dann registrieren, wenn sie unsere eigenen Grenzen erreichen. Außerdem treibt der geld- und zinsbedingte Zwang zum Wirtschaftswachstum die Industrienationen weiter in den Teufelskreis der "schöpferischen Zerstörung" (Schumpeter), zu dem Rüstung und Waffenexporte und – was noch schlimmer weil wirkungsvoller – auch der Einsatz derselben gehören.

Zu den sozialen Konflikten unseres kapitalistisch verfälschten marktwirtschaftlichen Systems, bedingt durch die weiter wachsenden Polarisierungen zwischen Reich und Arm, dürften in zunehmendem Maße ökologische Konflikte kommen, vor allem um die knapper werdenden Vorräte an Trinkwasser, Erdöl und anderen Ressourcen. Dabei ist zu befürchten, dass dieses explosive Gemisch aus sozialen und ökologischen Konflikten auch weiterhin an wechselnden Orten der Welt militärisch explodiert, wie bereits in der Vergangenheit am Golf oder in Ländern wie Armenien, Tschetschenien und anderswo. Umso dringender wird der weitere Aufbau von zivilen Friedensdiensten zur Vorbeugung weiterer `humanitärer Katastrophen` und darüber hinaus ein Nachdenken über grundlegende Auswege aus dem Teufelskreis der Gewalt in eine gerechtere und friedlichere Welt, die eine Welt ohne Rüstung und Krieg sein könnte. Ziel eines solchen Nachdenkens sollte es sein zu klären,

1. wie allen Menschen ein gleichberechtigter und naturverträglicher Zutritt zum Boden und seinen Schätzen verschafft werden kann, und

2. wie das Geld so umgestaltet werden kann, dass es für alle Menschen ein produktions-, wachstums- und verteilungsneutrales, also ein gerechtes Tauschmittel wird.

Kein geringerer als der britische Ökonom John Maynard Keynes hat in seinem Hauptwerk "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" nicht nur die drei entscheidenden Problemfelder unserer Tage im Buchtitel zusammengefasst. Er hat darüber hinaus gleich mehrfach dargelegt, dass eine Korrektur der Geldordnung soziale Gegensätze entschärfen und damit den Frieden in der Welt fördern würde. So schrieb er zum Beispiel, dass es möglich sein müsste, "innerhalb einer Generation die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals im Gleichgewicht auf ungefähr Null herunterzubringen." Und das damit einhergehende Sinken des Zinsniveaus gegen Null würde – so meint Keynes weiter – "der vernünftigste Weg sein, um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden." (S.185) Keynes sprach in diesem Zusammenhang von einem großen "Gezeitenwechsel": die bisherige kapitalistische Marktwirtschaft mit all ihrer Ungerechtigeit und Friedlosigkeit würde dann in eine "Marktwirtschaft ohne Kapitalismus" übergehen, in der sowohl auf nationalstaatlicher als auch auf internationaler Ebene der Umgang des Menschen mit dem Boden und mit dem Geld neu geregelt wird.

Der Boden, die Ressourcen und die Atmosphäre werden als Gemeingüter behandelt, deren private Nutzung gegen Gebühren möglich ist, die wiederum an alle Menschen gleichermaßen zurückfließen.
Das Geld wandelt sich von einem zerstörerischen Beherrscher der Märkte zu ihrem Diener. Es wird nicht mehr durch den Antrieb von Zinsen und Zinseszinsen in Bewegung gehalten, auch nicht durch Währungen zerstörende Inflationen, sondern durch "künstliche Durchhaltekosten" (Keynes), die seine besondere Machtposition auf den Märkten neutralisieren.
Die Entscheidungen über Investition und Produktion würden sich dann nicht mehr nach irrationalen Rentabilitätskriterien richten, sondern allein nach rationalen eines wirtschaftlichen Einsatzes von menschlichen und natürlichen Ressourcen. Bei einem Absinken des Zinssatzes auf einen Gleichgewichtssatz in der Nähe von Null gehen die zinsbedingten Einkommensumschichtungen von der Arbeit zum Besitz, also von Arm zu Reich, zurück. Damit verringert sich die Ungerechtigkeit unseres heutigen monetären Systems, die immer mehr zur Hauptursache der sozialen und politischen Spannungen wird.

Mit den sinkenden Zinsen geht aber auch die übermäßige Zunahme der Geldvermögen und damit der Investitions-, Verschuldungs- und Wachstumszwang zurück. Damit wiederum die Notwendigkeit jener "Überproduktions- und Reinigungskrisen", mit denen heute – ob in Rezessionen, Crashs oder Kriegen – die zinsdrückenden Sachkapitalanhäufungen periodisch reduziert werden müssen, vor allem um dem weiter wuchernden Geldvermögen renditesichernd Platz zu machen. Als Folge davon bauen sich auch die Ursachen ab, die die Staaten heute dazu zwingen, das Spiel der Überrüstung mitzumachen oder gar bewusst zu betreiben, inzwischen sogar schon, um sich gegen die zunehmenden Flüchtlingsströme abzusichern. Kurz: Der Systemzwang zur zivilen und militärischen Kapitalvernichtung käme zum Erliegen.

Alles, wofür sich heute die Menschen in der Friedensbewegung engagieren (Friedenspädagogik, Abrüstung, Konversion und zivile Friedensdienste), ist notwendig und sinnvoll. Darüber hinaus ist es aber unverzichtbar, sich auch mit den wirtschaftlichen Triebkräften von Rüstung und Krieg zu befassen, die in einem entscheidenden Maße in der bislang geltenden Geld- und Bodenordnung angelegt sind. Denn nur wenn es uns gelingt, diese Triebkräfte zu überwinden, öffnet sich der Weg zu einer gewaltlosen und friedlicheren Welt.



http://www.sozialoekonomie.info/Zeitschrift_fur_Sozialokonom…
Vorwort

Die Probleme, die sich aus unserer fehlerhaften Geld- und Bodenordnung ergeben, durchdringen viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Tatsache ist, dass viele bedeutende Ansätze, die wirtschaftlichen, die sozialen und die ökologischen Menschheitsprobleme in den Griff zu bekommen, letztlich fehlgeschlagen sind. Politiker, Wissenschaftler und Fachleute wissen keinen Rat mehr. Ein deutsches Nachrichtenmagazin diagnostizierte: "Eines immerhin eint die Parteien und die Experten beim Thema Arbeitslosigkeit: Alle wissen nicht weiter. Die Große Koalition gibt es schon - die Koalition der Ratlosen." Bei den anderen entscheidenden Fragen sieht es nicht besser aus. Auf der politischen Bühne werden lediglich Symptome in den Mittelpunkt gerückt. Die traditionelle Volkswirtschaftslehre hat es bis heute versäumt, unser herkömmliches Geldsystem auf seine Tauglichkeit hin zu überprüfen. Die exponentielle Zunahme von Geldvermögen und Schuldenbergen ist Ursache einer absurden Umverteilung von den Arbeitenden zu den Besitzenden. Sie trägt dazu bei, dass die öffentlichen Haushalte zunehmend handlungsunfähig werden und zwingt der Weltwirtschaft einen zerstörerischen Wachstumszwang auf. Unser Geldsystem zeichnet sich durch eine fehlende Neutralität gegenüber politischen, wirtschaftlichen und vor allem sozialen Entwicklungen aus.
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Was wir wollen

Unser Ziel ist eine marktwirtschaftliche Gesellschaftsordnung ohne die kapitalistischen Fehlstrukturen. Viele Probleme, die sich aus der überproportionalen Zunahme von Geldvermögen und Schulden ergeben, sind Folgen der fehlerhaften Geldordnung. Die INWO tritt dafür ein, dass die Überlegenheit des Geldes über die Arbeit und die Ware durch eine konstruktive Umlaufsicherung überwunden wird. Erst wenn das Geldkapital gezwungen wird sich anzubieten, werden Zinssätze um Null Prozent und eine inflationsfreie Währung möglich. Die INWO setzt sich weiter für die Erprobung regionaler Tauschmittel ein und dafür, dass durch eine Bodenreform die Bodenspekulation überwunden wird.
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Ein "Nullzins-Niveau" nützt allen
Es führt zur Schaffung neuer Arbeitsplätze

Es macht ökologisch sinnvolle Projekte rentabel

Es verringert die Schuldenlast der öffentlichen Haushalte und ermöglicht so Steuersenkungen

Es führt zu höherer Kaufkraft und entlastet somit alle Verbraucher

Es senkt die Kapitalbelastung beim Bau und entlastet dadurch die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum gleichermaßen

Das heutige Geldsystem führt zu einem exponentiellen Wachstum von Geldvermögen und Schulden. Dieser Effekt erzwingt ein ständiges Wirtschaftswachstum. Das "Null-Zins-Geld" dagegen schafft die Voraussetzungen für dauerhaften Frieden und den notwendigen ökologischen Wandel.
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Umwelt und Wachstum

In einem begrenzten Raum ist kein unbegrenztes Wachstum möglich! Trotz dieser elementaren Einsicht, trotz der Aktivitäten zahlreicher Umweltschützer in aller Welt, sowie der immer bedrohlicher werdenden globalen Vernichtung der Natur, setzt die herrschende Politik allerorten weiter unbeirrt auf umweltzerstörendes Wachstum. Vor dem Hintergrund der kapitalistischen Ordnung sind alle Entscheidungsträger gezwungen, permanentes Wachstum zu gewährleisten. Der Motor dieses Wachstumszwangs liegt im Wesen des kapitalistischen Geldes. Weil Geld und Geldvermögen wichtigen marktwirtschaftlichen Regeln entzogen werden können, bleiben die Zinssätze immer relativ hoch. Die daraus resultierende Zunahme der Geldvermögen erzwingt eine permanente Ausweitung der Sachvermögen und der Investitionen. Kommt es durch Überproduktion und ungleich verteilte Kaufkraft zu massiven Nachfrageausfällen, können sich auf den Kaufmärkten fallende Preise und auf den Kreditmärkten sinkende Zinsen ergeben. Das Fehlen einer Umlaufsicherung führt zu Stockungen im Geldkreislauf und damit - wie in Japan - zu einer deflationären Situation. Die damit verbundene Schwächung des staatlichen wie des produzierenden Sektors behindert dann einen ökologischen Umbau der Gesellschaft ebenso, wie der sonst übliche Zwang zum Wachstum auf Grund der Überentwicklungen von Geldvermögen und Schulden.
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Arbeitslosigkeit
Zunehmend mehr soziale und ökologische Aufgaben bleiben unerledigt, immer mehr Menschen arbeiten sich krank und dennoch bleibt die Zahl der Arbeitslosen unsinnig hoch. Trotz ständig wachsender Produktivität stagniert die Kaufkraft der Arbeitenden und verhindert so eine deutliche Reduzierung der individuellen Arbeitsleistung.

Finanzierbarkeit der Vollbeschäftigung 1992 waren die Zinslasten in Deutschland um 103 Mrd. EUR höher als noch 1988. Wäre es mit Hilfe von niedrigen Zinssätzen gelungen, die Aufwendungen für Zinsen 1992 auf dem Niveau von 1988 zu halten, hätte man, rein rechnerisch, mit dem eingesparten Betrag die Bruttolöhne von über vier Millionen Menschen bezahlen können. Die Schwankungen der Zinssätze belasten die Volkswirtschaft weit mehr, als der Anstieg der Löhne. Die fortwährend positiven Zinssätze bewirken, dass Kapital immer dort fehlt, wo sinnvolle Arbeit bezahlt werden muss.


Schuldenkrise der "3. Welt"

Täglich zahlt die sogenannte Dritte Welt über 300 Millionen Dollar Schuldenzinsen an den reichen Norden! Vor dem Hintergrund dieser Zahlen wirkt das, was der Westen im Gegenzug an sogenannter Entwicklungshilfe leistet, geradezu zynisch. Immer mehr bestätigt sich, was Julius Nyerere bereits 1964 sagte: Die Staaten der "3.Welt" sind die "Opfer und die Ohnmächtigen der Weltwirtschaft"! Dass eine Änderung der Zahlungsmodalitäten im Bereich der internationalen Verrechnungen grundlegende Verbesserungen schaffen würde, erkannte schon 1943 der berühmte britische Ökonom John Maynard Keynes. Sein "Bancor-Plan" kam aber 1944 in Bretton Woods nicht zum Zuge. Erst mit einer Reform des falsch konstruierten Zinssystems können sich die weniger entwickelten Länder aus dem Würgegriff der Überschuldung befreien.
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Staatsverschuldung und Sozialabbau

Im Bereich des staatlichen Sektors ist die Zinsproblematik mittlerweile deutlich zu sehen. Je höher die Zinssätze sind, um so höher ist die Belastung der öffentlichen Haushalte und um so schneller steigen deren Schuldenberge. Die fälligen Zinszahlungen machen den zweitgrößten Posten im Bundeshaushalt aus. Für das Jahr 1999 bezahlte jeder Erwerbstätige in Deutschland (Schweiz) alleine für die Bedienung der Staatsverschuldung im Durchschnitt 1.900 Euro (2.050 sFr.) und für die Verzinsung der volkswirtschaftlichen Gesamtverschuldung über 8500 Euro (10.000 sFr.) "Die Verschuldung der öffentlichen Hände beginnt zu einer wirklichen Bedrohung unseres Gemeinwesens zu werden. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Fähigkeit, die immer weiter ausufernde Staatsverschuldung zu bändigen, ist praktisch geschwunden" (Prof. Kurt Biedenkopf). Beinahe alle Politiker der parlamentarisch vertretenen Parteien behaupten, dass höhere Einnahmen und sinkende Ausgaben die einzigen Wege aus der Überschuldungssituation seien. Nach anderen Lösungsansätzen wird kaum geforscht. Die entscheidende Entlastung kann jedoch nur durch sinkende Zinssätze eintreten. Diese wiederum können sich nur dann dauerhaft und in ausreichendem Maße einstellen, wenn durch eine konstruktive Verbesserung der Geldordnung eine aktive Geldmengen- und Geldumlaufsteuerung ermöglicht wird. Dies wird vereinzelt wahrgenommen, aber nicht systematisch verfolgt.
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Gleichberechtigung und Emanzipation

Frauen leisten 65% der Arbeit, ihnen gehören aber nur 10% der Einkommen und 1% des Besitzes. Wie ist es zu verstehen, dass ihre Leistungen in den letzten hundert Jahren kaum aufgewertet wurden? Das Prestige einer Mutter und Hausfrau oder eines sogenannten Hausmannes ist gering. Während mit Spekulationen Milliardengewinne erzielt werden, ist die Bezahlung der Elternarbeit nach wie vor miserabel. Und das, obwohl die Kindererziehung die wichtigste Aufgabe für die Zukunft einer Gesellschaft ist, während Spekulationen immer eine Belastung für die Allgemeinheit darstellen. "Frauen und Kinder tragen überall in der Weit den überwältigenden Teil der Last, die durch das gegenwärtige Geld- und Bodenrecht in Gestalt von wirtschaftlichem Chaos und sozialem Elend verursacht wird. Mit neutralem Geld, das im Grunde ein technisch verbessertes Austauschmittel ist, und dem Kindergeld aus der Bodenrente würde sich ihr Los drastisch verbessern" (Prof. Margrit Kennedy).




http://inwo.fairconomy.org/einsteiger.htm


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