Die Angst der Balten vor den Russen - 500 Beiträge pro Seite

eröffnet am 23.11.08 11:16:27 von
neuester Beitrag 23.11.08 11:29:31 von


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23.11.08 11:16:27
Dmitri Medwedew hat angekündigt, die russische Armee bis zum Jahr 2020 aufzurüsten. Neue Atom-U-Boote, Satteliten und Raketen sollen die russischen Streitkräfte aufwerten. Russland fühlt sich von Feinden umzingelt. Droht nun im Baltikum der Befreiungsschlag?


Die reizenden Nachbarn von gegenüber: Die russische Armee

Der LKW-Fahrer Ante Pawlauskas wird bei der Ausreise an der Grenzstation Narva von einem russischen Soldaten angehalten, der früher in Estland stationiert war. Das Auto sei nicht betriebssicher, sagt der Russe auf estnisch. Es müsse stillgelegt werden. Ante hat ein schlechtes Gewissen. Er will die Situation entspannen. Der Herr Soldat könne ruhig russisch mit ihm sprechen, bitteschön. Der Grenzer schüttelt grimmig den Kopf. „Nein, Gospodin, fünfzig Jahre lang haben wir euer schlechtes Russisch ertragen, jetzt hört ihr euch mal unser schlechtes Estnisch an.“

Die Repressalien gegen die Balten sind in der Wirklichkeit schmerzhafter als in der Anekdote. In Narva müssen Personenwagen stundenlang und Lastzüge oft tagelang auf Einlass warten. Auch Bahnreisende werden an der Grenze schikaniert – zielstrebig und offenbar auf Anweisung aus Moskau. Von den ehemaligen Sowjetrepubliken, die Anfang der neunziger Jahre unabhängig wurden, hat nur Georgien schlechtere Beziehungen zum ehemaligen Mutterland als Estland, Lettland und Litauen.

„Der Russe ist ein Wolf“, sagt der alte Litauer mit der Schottenmütze, der im Toompark in der estnischen Hauptstadt Tallinn mit seinem Freund vor einem Schachbrett kauert. Sie treffen sich hier zweimal die Woche zum Schachspielen und zum Politisieren. Zwischen ihnen stehen zwei Literkrüge schwarzes Bier und ein Blechteller kalte Palmeni, Teigtaschen, die mit Rindfleisch und Wildpilzen gefüllt sind. „Die Russen wollen uns schaden, sie sind böse“, sagt der alte Herr. Neulich habe ein Flugzeug aus Kaliningrad Zecken über der Stadt abgeworfen, die mit Meningitis-Viren infiziert waren. Woher weiß er das? Es stand doch nichts davon in der Zeitung. „Weil die Medien von Russen unterwandert sind“, brummt der alte Herr. Er spricht ganz gut deutsch. 1944 hat er Seite an Seite mit SS-Männern den Kurland-Kessel gegen die Sowjets verteidigt. „Wir haben bis Kriegsende durchgehalten, und wir gingen ungeschlagen in die Gefangenschaft.“ Danach kamen für ihn zwölf Jahre Gulag. Er hatte Glück. Die meisten seiner Kameraden wurden erschossen.

Im August 1989, während der „singenden Revolution“, als die Balten um die staatliche Unabhängigkeit kämpften, war der alte Herr ein Glied in der 600 Kilometer langen Menschenkette, die die drei baltischen Hauptstädte Tallinn, Riga und Vilnius miteinander verband. 1994 zogen die Russen ab. Er glaubt, dass sie jetzt nur einen Anlass suchen, um wiederzukommen. Wohl ähnlich wie in Ossetien unter dem Vorwand, sie müssten die bedrohten Rechte der russischen Diaspora im Baltikum schützen. Die Kreml-Herren fragen nicht danach, ob die Euro-Russen, wie sie sich selbst nennen, überhaupt beschützt werden wollen.

Ein Viertel der anderthalb Millionen Einwohner von Estland, ein knappes Drittel der zweieinhalb Millionen in Lettland und sieben Prozent der dreieinhalb Millionen in Litauen stammen aus Russland. Die meisten sind Nachkommen der Zwangseinwanderer, die sich nach Kriegsende hier ansiedeln mussten, weil Diktator Josef Stalin den einheimischen Bevölkerungsanteil zurückdrängen wollte.

Rund eine halbe Million Russen im Baltikum sind staatenlos. Regierungsamtlich heißen sie „Nichtbürger“. Moskau hat ihnen russische Pässe angeboten, um sie daran zu hindern, sich um die baltische Staatsangehörigkeit zu bemühen. Doch nur wenige haben davon Gebrauch gemacht. Im Baltikum geht es ihnen besser als in Russland. Und auch mit ihren „grauen Pässen“ dürfen sie neuerdings sogar für begrenzte Zeit zum Arbeiten und zum Einkaufen nach Westeuropa reisen. Mit einem russischen Pass könnten sie das nicht.

Russische Diplomaten gestehen, wenn der Wodka ihnen die Zungen gelöst hat, dass ihre Regierung kein Interesse an guten Beziehungen zu den baltischen Staaten hat. Sie sind emsig bemüht, bei ihren Landsleuten im Exil Protestpotential mobil zu machen. Aber aus einem nassen Handtuch kann man keine Funken schlagen. Die Baltik-Russen sind hoffnungslos unpatriotisch.

Nur einmal, Ende April vergangenen Jahres, hat es in Tallinn tüchtig gefunkt. Als die estnische Regierung die Demontage des von den Sowjets errichteten bronzenen Kriegerdenkmals am Freiheitsplatz verfügte. Russische Demonstranten lieferten sich nächtelang Straßenschlachten mit der Polizei. Sie plünderten Läden und warfen Schaufensterscheiben ein. Mehrere hundert von ihnen wurden verhaftet, ein junger Mann starb. Hassprediger Wladimir Schirinowski, Vizepräsident der russischen Staatsduma, schlug vor, flankierend ein paar Infanteriebataillone über die Grenze nach Estland zu schicken. Sie sollten drüben „versehentlich ein paar historische und kulturelle Bauten und Gegenstände kaputt hauen“. Damit die Balten Gelegenheit hätten, mal einen Blick in den Abgrund zu werfen. Hinterher könne man sich ja entschuldigen.
Dazu kam es zwar nicht. Die russische Botschaft in Tallinn konnte allerdings den Verdacht nicht entkräften, dass sie die Krawalle orchestriert hatte. In den Wochen danach deckte die Cyber-Abteilung des russischen Geheimdienstes FSB das estnische Internet mit aggressiven Hackersalven ein.

Der Bronzesoldat steht jetzt auf dem Soldatenfriedhof vor der Stadt. Jeder kann ihn dort besuchen. Aber er ist fast immer allein. Außer am 9. Mai, wenn hier die Russen – und auch nur die Russen – den Sieg über Nazi-Deutschland feiern.

Nach den Ausschreitungen war es ein Jahr lang ruhig. Als Moskau im Sommer seine Armee nach Georgien einmarschieren ließ, sprang im Baltikum die alte Angst vor den Russen wieder an. Seitdem hängt Brandgeruch in der Luft.
Einstweilen gibt es keine sichtbaren Anzeichen für Invasionsvorbereitungen. Das muss nichts bedeuten, denn auf einen Feldzug gegen drei Feindländer mit zusammen nur 20000 Soldaten bräuchte sich Russland nicht groß vorzubereiten. Das würden die Truppen des St. Petersburger Militärbezirks gegebenenfalls in drei Tagen ganz allein erledigen.

Vielleicht lässt die gedemütigte Ex-Supermacht auch nur die Muskeln spielen, um sich Respekt zu verschaffen. Sie leidet unter Einkreisungsneurosen. Westliche Anti-Raketenstellungen in Tschechien und Polen, Nato-Manöver fünfzehn Flugminuten von St. Petersburg, was muss denn noch passieren, damit sie im Westen mit Verständnis rechnen darf, wenn sie mal Dampf ablässt.
Einige russische Zeitungen sind verbal schon mitten im Kalten Krieg: Russen-KZ, Neonazi-Hochburg, faschistischer Hinterhof der EU. Vielleicht wäre die Pöbelei nicht so brachial, wenn die Balten mehr Rücksicht auf russische Empfindlichkeiten nähmen. Jährlich am 16. Mai beispielsweise, wenn sich die „Dünaburg-Falken“ und die alten Kämpfer von der lettischen SS-Kameradschaft vor dem Dom von Riga zum Marsch durch die Altstadt formieren.

Man muss – bei aller Sympathie für die drei tapferen kleinen Randvölker – auch fragen dürfen, warum im „Völkermord-Museum“ in Vilnius nur Dokumente sowjetischer Grausamkeiten gezeigt werden, aber kein einziges über die baltischen Judenpogrome? Was hier gern verschwiegen wird: Die Balten waren willige Vollstrecker der Nazi-Besatzer. Bevor 1941 die deutsche Holocaust-Maschinerie in Aktion trat, waren bereits 30.000 Juden von Einheimischen umgebracht worden.
Die wüsten Propagandakeilereien hindern Balten und Russen nicht an regem zivilen Begegnungsverkehr. Viele St. Petersburger Großbürger haben sich an der estnischen Ostsee-Riviera schöne alte Holzvillen gekauft. Reiche Russen machen hier gern Urlaub. Die Straßen sind nachts sicherer, Wasser und Luft sind sauberer als daheim.

Die russischen Sommerfrischler sind beliebter als die schwedischen und finnischen Sauftouristen, für die Tallinn nur eine billige Sprittankstelle ist. Silvester werden sogar zwei Feuerwerke abgebrannt, das erste - wegen der Zeitverschiebung - um 23 Uhr Ortszeit für die russischen Gäste und das zweite eine Stunde später für die Einheimischen.

Der Status quo ist für beide Bevölkerungsteile nicht unerträglich. Die russische Minderheit ist keine fünfte Kolonne des Kremls. Ihre Wohnviertel in Tallinn sind ärmlich, aber sie sind keine Problemzonen. Kein Müll in den Gossen, keine kiffenden Punker. Die bunt angestrichenen Plattenbauten sind nicht pompös, aber sie sind adretter als die sowjetgrauen Kommunalka-Kasernen in Moskau. In den nördlichen Vororten von Tallinn sind die Russen isoliert. Die drei Regierungen haben auch niemals ernsthafte Anstrengungen unternommen, sie zu integrieren. Sie lehnen es auch ab, Russisch als zweite Amtssprache zuzulassen.

Trotzdem sind die Russen im Baltikum keine rechtlosen Parias wie die in einigen zentralasiatischen Republiken, die aus dem Untergang des Sowjetreiches hervorgingen. Nur, dass der Kreml die Russophobie in Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan nicht thematisiert, weil er politische und wirtschaftliche Gründe hat, es mit den dortigen Regimes nicht zu verderben.
Im Baltikum braucht Moskau solche Rücksichten nicht zu nehmen. „Sie versuchen, uns ihr Geschichtsverständnis aufzuzwingen“, sagt Geschäftsmann Ero Mikenberg aus Tallinn. „Sie wollen uns und der Welt einreden, dass die baltischen Staaten 1944 nicht besetzt, sondern befreit wurden und dass sie der Sowjetunion freiwillig beigetreten sind.“ Aus ihrer Sicht wäre eine Besetzung des Baltikums völkerrechtlich nicht mal illegitim.

Die drei baltischen Staten sind zwar seit 2004 Mitglieder der Nato und der EU. Doch Estlands Staatspräsident Toomas Ilves Ilves glaubt, dass der Kreml vor einem Angriff nicht zurückschrecken würde, wenn er für sie ohne Risiko wäre. Deshalb müsse die Nato Artikel 5 des nordatlantischen Vertrags mit Leben füllen und endlich ein verbindliches Konzept für die Verteidigung Estlands, Lettlands und Litauens vorlegen.

Ilves habe Artikel 5 nicht sorgfältig gelesen, meint Wilfried Gerhard, vormals Direktor der Bundeswehr-Führungsakademie in Hamburg, der über die „neue Nato-Sicherheitsarchitektur“ für Europa und speziell fürs Baltikum gearbeitet hat. Richtig ist: Die Russen würden bei einer Militäroperation im Baltikum außer einem Protestgewitter vermutlich nichts riskieren. Artikel 5 sagt nur, dass jeder Nato-Partner „die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft, die er für erforderlich erachtet“, um dem Verbündeten Beistand zu leisten. Wer den Einsatz von Waffen nicht für erforderlich hält, kann seine Beistandspflicht auf friedliche Mittel beschränken. Gerhard: „Notfalls tut es auch ein Kondolenztelegramm.“

Die baltischen Regierungen fanden schon die westliche Reaktion auf die russische Operation in Georgien entschieden zu schlapp. Sie fürchten, dass die Europäer im Konfliktfall die baltischen Sicherheitsinteressen den Wirtschaftsbeziehungen zu Russland opfern würden. Sie halten vor allem die Deutschen und Franzosen für unsichere Kantonisten.

Das deutsch-russische Abkommen zum Bau der Gaspipeline durch die Ostsee am Baltikum vorbei, sagt Geschäftsmann Mikenberg, sei für die Balten „die Fortsetzung des Hitler-Stalin-Paktes mit wirtschaftlichen Mitteln“. Immer, wenn Deutsche und Russen sich gut verstünden, müssten sich die Balten Sorgen machen. Wenn die neue Pipeline fertig ist, könnten die Russen ihnen das Gas abdrehen, ohne die Westeuropäer zu molestieren.

Ero Mikenberg ist Mitglied im „Estnischen Schutzbund“, einer zivilen Miliztruppe, die den Streitkräften an die Seite treten soll, wenn die Russen kommen. Für diesen Fall, hat er daheim seinen Karabiner im Kleiderschrank. Aber er weiß natürlich, dass der Widerstand eher symbolische Bedeutung hätte.

Nur, die Russen brauchen gar nicht schießen zu lassen, um Druck zu erzeugen. Im Juli 2006 machten sie ohne Vorankündigung die „Freundschafts-Pipeline“ dicht, die das Baltikum mit russischem Erdöl versorgt. Der Grund: Die Litauer wollten Mazeikiu Nafta, die größte Raffinerie des Landes, an einen polnischen Investor verkaufen statt an einen russischen, der sich auch darum beworben hatte. Seitdem muss die litauische Ölindustrie mit Tankern versorgt werden. Polen und Litauer widerstanden dem Druck und blieben bei dem vereinbarten Deal. Doch wenige Stunden nach der Vertragsunterzeichnung ging ein Teil der Raffinerie in Flammen auf.

Gemäß Absprache mit der EU muss Litauen Ende 2009 das Kernkraftwerk bei Ignalina vom Netz nehmen, weil es nicht mehr betriebssicher ist. Danach ist Litauen von Stromlieferungen aus dem Ausland abhängig. „Wenn Russland uns dann die Energiezufuhr abklemmt“, sagt Präsident Adamkus, „dann gehen wir kaputt.“ Dann gehen auch in den Nachbarländern, die zum Teil aus Litauen mit Strom versorgt werden, viele Lichter aus.

Der lettische Schachspieler im Tallinner Toompark sieht die Lage nicht so düster wie Präsident Adamkus. „Dievs deva zobus, Dievs dos maizes donu.“ Gott gab Zähne, er wird auch Brot geben.

http://www.cicero.de/97.php?ress_id=1&item=3029
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23.11.08 11:29:31
Antwort auf Beitrag Nr.: 36.046.563 von CaptainFutures am 23.11.08 11:16:27:confused:

das bild mit diesem männerballet erinnert mich an eine erzählung eines geschäftsfreundes von mir. der hat mal als gast so einem männerballet in moskau zugesehen. auf der ehrentribüne saßen neben der üblichen staffage auch hohe ehrengäste aus afrika in ihren tradionellen häuptlingsgewändern.

Jeden falls konnten sich diese afrikaner vor lachen nicht mehr halten, als das ehrenballet russischer soldaten mit dem sogenannten stechschritt vorbeizog. Die sollen so außer rand und band gewesen sein, dass selbst die sonst zur ehrfurcht dressierten zuschauenden russen anfingen zu mitzulachen.

jedesmal, wenn ich so ein männerballet in narrenkleidung sehe ( egal wo)fällt mir dies wieder ein. Ich habe meinem damals etwa 12 jährigen sohn dann häufiger zur hiesigen kaserne mitgenommen, um ihn spaßeshalber den ähnlichen feierlichen gemeinten dressurakt des wachwechsels oder fahnenwechsels vorzuführen. man, haben wir beide tränen gelacht...


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