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Exklusiv-Interview Mit welchen Aktien die Börsen-Oma ihr Millionen-Depot verteidigt und weiter ausbaut

05.11.2019, 10:54  |  10762   |   |   

Beate Sander (81), besser bekannt als „Börsen-Oma“, verrät exklusiv für wallstreet:online die aus Ihrer Sicht zurzeit attraktivsten Aktien. Außerdem gibt die Millionärin detaillierte Einblicke in ihre Hocht/Tief-Mutstrategie.

wallstreet:online: Sie haben an der Börse in nur 20 Jahren aus 30.000 Euro mehr als eine Million Euro gemacht. Dies haben Sie mit Ihrer selbst erfundenen Hoch/Tief-Mutstrategie geschafft. Was hat es damit auf sich?

Sander: Ich habe die Strategie im Crash 2000 bis 2003 entwickelt, in der Weltwirtschafts-und Finanzkrise 2008/2009 ausgebaut, erprobt und verfeinert. Ohne sie wäre ich nie Millionärin geworden. Mir ging es immer um den Erfolg als solches, das bestmögliche Ergebnis, nicht um die Million. Dazu kurz die Grundzüge:

1.) Ich kaufe viele Aktien breit gestreut nach Ländern, Branchen, Indizes und vom Zeitpunkt her, große, mittlere und kleine, Value und Growth.

2.) Ich tätige keinen Kauf unter 1.000 Euro, damit die Gebühren nicht die Gewinne wegfressen. Durchschnittlich investiere ich jetzt 1.500 € in jeden Kauf.

3.) Chancenreiche Aktien erwerbe ich zu günstigen Kursen wie in der ersten Augusthälfte 2019, als die Kurse zeitweilig in den Keller rauschten.

4.) Teilverkäufe der besten Aktien ab dreistelligem Kursgewinn gibt es nur in Augenhöhe zum Jahreshoch. Meine besten Rennpferde bleiben im Stall.

5.) Alle Dividenden lege ich in bisherige oder neue Aktien wieder an.

6.) Etwa ein Drittel fließt in dividendenstarke, defensive und fair bewertete Value-Aktien. Ähnliche Beträge gehen in internationale Titel mit Blick auf die Kursentwicklung, Dividende, Branche und künftige Chancen.

7.) Fehlt noch das letzte Drittel: Das Geld investiere ich in wachstumsstarke, offensive Growth-Aktien. Dazu zählen Zukunftsmärkte wie Hochtechnologie, Künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Medizintechnik. Diese Branchen sind für mich Kurstreiber in den Zeiten des Demografie- und Klima-Wandels.

wallstreet:online: Halten Sie eisern an Ihrer Strategie fest? Oder mussten Sie auch schon mal davon abweichen?

Sander: Gewöhnlich bleibe ich sehr diszipliniert und bei der Langfristanalyse meiner Strategie absolut treu, bin aber bemüht, sie noch zu verfeinern, zu verbessern, auf neue Marktentwicklungen, den Nachhaltigkeitstrend und den demografischen Wandel anzupassen. Im Crash nutze ich niedrige Einstiegskurse aus. Bei unerwarteten hohen Ausgaben gibt es auch einige Komplett- oder Teilverkäufe mit zweistelligem statt dreistelligem Kursgewinn. Im Mai/Juni finanziere ich preiswerte Zukäufe auch mit Dividenden.

wallstreet:online: Wie genau wählen Sie Aktien aus?

Sander: Wichtig sind für mich Aktien, die ich immer behalten will, mit überzeugendem Geschäftsmodell und attraktiven Alleinstellungsmerkmalen, die auch in den Zukunftsmärkten mit Nachhaltigkeit und Substanzstärke gute Chancen haben. Ich erwarte mittelfristig eine gute Kursentwicklung und bei Value-Aktien eine verlässlich ansteigende Dividende. Bei Growth-Aktien dominiert Wachstumsstärke. Bezüglich der Finanzkennzahlen achte ich auf ein faires KGV im Branchenvergleich, auf eine niedrige Verschuldung, auf eine positive Ergebnisentwicklung pro Aktie und bei defensiven Aktien auf eine überdurchschnittliche Dividende. Ich orientiere mich am 52-Wochen-Hoch/Tief, sehe mir auch die Fünf- und Zehn-Jahresentwicklung an, orientiere mich am Langzeitchart und schaue auf den Buchwert. Ich lese das Firmenprofil und die wichtigsten Positionen in der Bilanz sowie der Verlust- und Gewinnrechnung (G+V). Ich wähle international aus, will in den wichtigsten Branchen und Märkten vertreten sein, wähle kleinere, mittlere und große Titel aus.

wallstreet:online: Was waren Ihre größten Erfolge?

Sander: Ich freue mich, wenn ich mit meinen Büchern in den Amazon-Bestsellerlisten vorn platziert bin, wenn ich häufig zu Vorträgen und TV-Auftritten eingeladen werde. Ich verbuche es als den Erfolg meiner Hoch/Tief-Mutstrategie, dass ich zum Jahresende 2018 nur einen Kursverlust insgesamt nach Abzug von Steuer und Gebühren von rund fünf Prozent aufwies und letzte und vorletzte Woche von einem zum nächsten Allzeithoch eilte. Auch in jeder Krise habe ich meine Million locker verteidigt. Es ist viel wahrscheinlicher, die zweite Million zu erreichen als durch einen Crash unter eine Million abzusacken. Mir geht es hier um das Erfolgserlebnis, die Bestätigung meiner so gut funktionierenden Hoch/Tief-Mutstrategie-Erfindung, nicht vorrangig um das Geld.

wallstreet:online: Welcher Starinvestor hat Sie am meisten beeinflusst?

Sander: Aus mehreren Vorbildern entwickle ich ein eigenes Leitbild als Richtschnur für meine Aktivitäten. Warren Buffett ist für mich in einigen, längst aber nicht in allen Bereichen seines Handelns für mich wegweisend. Wo stimmen wir überein? Nur Aktien kaufen, die man immer behalten will. Im Value-Bereich auf faire Bewertung achten. Kaufen, was man mag und kennt, also defensive Value-Titel. Wo unterscheiden wir uns? Verstehen kann man lernen. Ich will unbedingt auch in den Zukunftsmärkten vertreten sein, also lerne ich ständig in den Bereichen Biotech, Medtech, Künstliche Intelligenz mit Robotik, Software, Cloud, moderne Technologie. So fühle ich mich auch in der Industrie 4.0, dem Internet der Dinge, der modernen Medienwelt mit Digitalisierung und Vernetzung zuhause. Ein Drittel meiner Aktien kann hoch bewertet sein, wenn die Zukunftschancen groß sind und der Einfluss des demografischen und klimatischen Wandels berücksichtigt wird. Nachhaltige Geschäftsmodelle im Kampf gegen die Erderwärmung sind wichtig. Bei offensiven Growthaktien verzichte ich auch auf eine Dividende.

wallstreet:online: Was sind für Sie aktuell attraktive Aktienunternehmen?

Sander: Da orientiere ich mich vor allem im TecDAX, Nasdaq, aber auch MDAX, TecDAX, innerhalb und außerhalb Europas. Zu meinen internationalen Favoriten mit Übergewichtung USA zählen: ASML, AMD, Amgen, Amazon, Alibaba, Adobe, Apple, Celgene, Biogen, Booking.com, Microsoft, Paypal, Visa, Vinci, aber auch Samsung, Sony, Novo Nordisk, Norilsk Nickel, Sberbank, Tatneft, Lukoil. Hinzu kommen die Nachhaltigkeitsfirmen UPM Kymmene, PowerCell, Orsted, Tomra; die deutschen Unternehmen Adidas, Allianz, Hannover Rück, SAP, Bechtle, Nemetschek, Sartorius, Rational, Hypoport, SIXT, Symrise, um nur einige zu nennen. Mit Blick auf den demografischen Wandel entdeckte ich schon ganz früh Carl Zeiss Meditec, Eckert & Ziegler, Dermapharm und Varta.

wallstreet:online: Eines Ihrer Mottos ist: „Meide die gefährlichen Vier: Euphorie, Panik, Angst und Gier!

Sander: Da für mich Herdentrieb, Untergangsszenarien und Stammtischgeschwätz keinerlei Bedeutung haben, diktieren Emotionen nie meine Anlageentscheidungen. Ich nutze übertrieben abgestürzte Kurse zum Einstieg und Zukauf, extrem gestiegene Kursgewinne für Teilverkäufe. Die Börse selbst zeigt große Emotionen. Binnen Stunden vom hohen Plus ins starke Minus und umgekehrt! Meine besten Rennpferde bleiben auch beim Crash im Stall!

wallstreet:online: Gibt es Investments, die Sie aus ethischen Gründen ablehnen?

Sander: Die Nachhaltigkeits-Ausschluss-Kriterien wie Suchtmittel, Rüstung, Kinderarbeit usw. gelten für mich auch. Ich suche Siegeraktiven, die im Kampf gegen den Klimawandel, gegen Wasservergeudung und CO2-Ausstoß erfolgreich dabei sind und für Mitarbeiter, Kunden, die Region und die Gesellschaft etwas tun. Es geht mir um einen veränderten verantwortungsbewussten Kapitalismus, in der Wertschätzung, Umwelt- und Naturschutz sowie gesellschaftliche Werte statt Aktionärsinteresse in Reinkultur ihren Platz haben.

wallstreet:online: Sie haben im Sommer dieses Jahres ein Buch zum Thema Aktienstrategien und zum demografischen Wandel veröffentlicht. An welche Anleger richten sich die beiden Werke?

Sander: Im Gegensatz zum Einsteiger-Langzeitbestseller „Der Aktien- und Börsenführerschein“ will ich mit „Die besten Aktienstrategien für Fortgeschrittene“ ein Vertiefungsbuch anbieten, das die Ansprüche und Erwartungen erfahrener, marktkundiger Leser erfüllt. Börse soll herausfordern, Spaß machen, zum eigenständigen Denken und Handeln anregen sowie vor allem zur Vermögensvermehrung beitragen. Bei „Wohlstand sichern im demografischen Wandel“ besteht das Hauptziel darin, das längere Leben von zwei Jahren pro Jahrzehnt, 10 Jahren in 50, 15 Jahren in 75 Jahren für den Handel mit Aktien, ETFs und Aktienfonds konsequent und erfolgreich zu nutzen. Wichtig ist die Aussage: Weg vom Sparbuch! Hin zu Aktien!

Fazit: Ich vergleiche mich mit einem fachkundigen Gärtner, der genau zur richtigen Zeit säen und pflanzen muss, um eine gute Ernte einzufahren.

wallstreet:online: Vielen Dank für das Gespräch Frau Sander!

Das Interview führte Ferdinand Hammer, Redakteur bei wallstreet:online.


Lesetipp: Beate Sander: Die besten Aktienstrategien für Fortgeschrittene, FinanzBuch Verlag, 416 Seiten.

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